surge
surge
Bildquelle: surge, thx!

Surge – Filesharing zu 100% dezentral und frei von Abmahnungen?

Vorgestellt: Surge ist eine neue P2P-Filesharing-App, die Blockchain-Technologien nutzt, um zu 100% anonyme Dateiübertragungen zu ermöglichen.

Bei Surge sind alle Transfers Ende-zu-Ende verschlüsselt, dezentral und kostenlos. Die Software dahinter ist Open Source. Das klingt einfach zu schön um wahr zu sein, oder? Das ist gut möglich. Doch wir erklären euch jetzt, wie das Ganze funktioniert.

Vom Konzept her sollte das Internet ursprünglich eine unabhängige Plattform darstellen. Das Internet sollte ermöglichen, dass sich Menschen uneingeschränkt austauschen, informieren und vernetzen können.

Zwar gibt es die Grundidee noch immer. Allerdings haben sich immer mehr zentral gesteuerte Dienste durchgesetzt, die die volle Kontrolle über die Daten der Nutzerinnen und Nutzer haben. Sie können somit bis ins kleinste Detail beeinflussen, wem welche Inhalte und Dienstleistungen über das Internet angezeigt bzw. angeboten werden. Siehe Elon Musks Twitter, Zuckerbergs Facebook, der Quasi-Suchmaschinen-Monopolist Google nebst Adobe, Amazon, Apple und wie sie alle heißen mögen.

Surge will uns ein Stück Freiheit zurückgeben

Dies stellt nicht nur einen großen Einschnitt in das generelle Freiheitsverständnis dar, sondern macht vor allem die Teilnehmer des World Wide Webs zunehmend gläsern und überwachbar. Denn: Zusätzlich zu einer zentralen Datenhaltung kommt ebenso dazu, dass die gesamte Datenübertragung bereits auf Protokollebene auf klar zuordbaren Informationen beruht, nämlich unserer IP-Adresse. Von der IP-Adresse zur Anschrift des Anschlussinhabers ist nur ein kurzer Weg, wie wir schon häufiger erfahren haben.

Surge hat es sich zum Ziel gemacht, trotz all dieser Restriktionen ein 100% dezentrales, sicheres und anonymes Filesharing zu ermöglichen. Dennoch müssen die in Deutschland gültigen Gesetze zum Thema Urheberrecht ohne Einschränkung befolgt werden. Im Folgenden erläutern wir das grundlegende Konzept dieser Lösung.

surge

Was ist das NKN Netzwerk?

Im Jahre 2018 haben die Gründer Yanbo Li, Bruce Li und Yilun Zhang erstmals das Konzept eines dezentralen Netzwerks beschrieben. Das NKN Netzwerk löst im Gegensatz zu Freenet, I2P oder TOR nicht nur das Problem der Übertragungsgeschwindigkeit. Es garantiert durch einen auf Cellular Automata basierenden Konsensus-Mechanismus, dass die Validität (messbare Gültigkeit) aller Teilnehmer des Netzwerkes gegeben ist.

Erklärung: Ein Konsensus-Mechanismus ist ein Algorithmus, der eine Einigung über den Status eines Netzwerkes zwischen seinen Teilnehmern erzielt. Man setzt den Algorithmus beispielsweise in verteilten Systemen, wie z.B. Distributed Ledgers, ein, um sicherzustellen, dass alle Teilnehmer eine identische Kopie der verteilten Datenbank besitzen.

Was ist ein Cellular Automata Algorithmus?

Das ist eigentlich ganz einfach. Man stelle sich ein Schachbrett vor. Dabei sind aber nicht alle Felder schwarz und weiß abwechselnd, sondern wild verteilt. Cellular Automata hat die Aufgabe Ordnung in das Schachbrett zu bringen, indem basierend auf den Nachbarzellen jede Einzelzelle geupdated wird. Das heißt, der Cellular Automata Algorithmus wird dafür genutzt, um im NKN Netzwerk ein optimales Routing durch das Netzwerk zu finden.

nkn network

Blockchains benutzen normalerweise solche Konsensus-Mechanismen wie “Proof of Work” (Einheitlichkeit durch Arbeit) oder “Proof of Stake” (Einheitlichkeit durch den Token-Share). Bei NKN dient Cellular Automata dazu. Warum ist das so? Wenn jeder Knoten seinen Status basierend auf seinen Nachbarn ändert, wird letztendlich das gesamte System in einen zuvor definierten Stand versetzt. Als Nutzer des NKN Netzwerks bzw. von Surge sollte man zumindest einmal von der Theorie gehört haben. Man benötigt sie aber nicht zur Anwendung dieses Filesharing-Clients.

Wie auch immer. Zum Aufbau des NKN Netzwerks entstand die Firma NKN Labs, die Berater wie Whitfield Diffie und Stephen Wolfram vorweisen kann. Diffie ist Erfinder der Diffie-Hellman-Verschlüsselung. Wolfram ist Physiker, Informatiker, Mathematiker und Romanautor. Von ihm stammen die Bücher “A new kind of science”, “Wolfram Alpha” etc.

Die Basis für das gesamte NKN P2P-Netzwerk ist eine Blockchain, die dezentral über alle Knoten verteilt ist. Die Blockchain behandelt oft zentralisierte Services wie DNS und eine zeitverzögerte Informationsbereitstellung so sicher wie dezentral. Jeder Teilnehmer des Netzwerkes benötigt zur Teilnahme eine sogenannte „Wallet“ (Brieftasche, vergleichbar zur Wallet beim Bitcoin), welche ein kryptografisches Paar aus privatem und öffentlichem Schlüssel darstellt.

Blockchain

Der öffentliche Schlüssel wird zur Adressierung im NKN-Netzwerk verwendet. Durch die Kombination mit dem zugehörigen privaten Schlüssel kann eine Interaktion im Netzwerk und mit der Blockchain erfolgen. Das NKN Netzwerk besteht aktuell aus 63.000 Netzwerkknoten. Wer sich die Details anschauen möchte, hier kann man sich das technische Whitepaper in Englisch herunterladen.

Was ist überhaupt Surge?

Surge ist eine Applikation für macOS, Windows und demnächst Linux, die für die Transfers die Features des NKN-Netzwerks nutzt. Das Protokoll besteht aus sogenannten Channeln, die man abonnieren kann. Diese Channel werden über die Blockchain verwaltet und dezentral synchronisiert. Technisch gesehen ist dies eine dezentrale Pub/Sub Instanz. Ein Channel kann beispielsweise eine Sammlung an Archiven sein, die man für den Download anbieten will. Werden weitere Details benötigt? Hier geht es zur Website von Surge.

surge
Screnshot: Der Channel #Tarnkappe bei Surge.

Die Channels sind aber für das Filesharing wichtig. Denn nur in den Channels kann man seine Dateien teilen. Beim Hinzufügen von Dateien wird eine “Ankündigung” an das NKN-Netzwerk geschickt. Also so etwas wie: „Hey, mein öffentlicher Schlüssel bietet die Datei XY an“. Andere Teilnehmer des Netzwerkes sehen diese Information, wenn sie ebenfalls den Channel abonniert haben. Danach kann man entscheiden, ob man darauf reagieren und somit die Daten herunterladen möchte.

Wie findet bei Surge konkret die Datenübertragung statt?

Die Datenübertragung geschieht ebenfalls über das NKN-Netzwerk und niemals direkt. Die minimale hop size (Anzahl der Transfer-Teilnehmer) vom Sender bis zum Empfänger beträgt bei Surge mindestens fünf. Das heißt, der Traffic wird über fünf Teilnehmer (oder Hops) des Netzwerkes geschickt, bis er zugestellt wird. Jedes Datenpaket ist nicht nur Ende-zu-Ende verschlüsselt (vom Sender zum Empfänger), sondern auch „Hop-to-Hop“ – also von einem Teilnehmer zum nächsten Teilnehmer.

surge
Screenshot: Der Transfer ist jetzt abgeschlossen (oben).

Die IPs der Teilnehmer werden im aktiven Datenverkehr NIE weitergegeben. Natürlich verwendet das NKN-Netzwerk letztendliche das IP-Protokoll, um Daten zuzustellen. Jedoch bleiben die IP-Adressen von Sender und Empfänger für beide unbekannt. Die einzigen Punkte, die die IPs kennen, sind die Eingangsknoten und Endknoten. JEDOCH wissen beide Knoten nur entweder die Sender-IP oder aber die Empfänger IP. Sie wissen niemals beide, das soll die Anonymität gewährleisten.

Wie sieht es mit der Geschwindigkeit aus?

NKN wählt durch seinen speziellen Routing-Algorithmus den schnellsten Weg im Netzwerk. Dies basiert auf Basis der Verbindung der Teilnehmer untereinander. Ein Datenpaket kann beispielsweise um die ganze Welt reisen, wenn dies der schnellste (optimale) Weg sein sollte …

Der beschränkende Faktor bei einer Datenübertragung ist immer der langsamste Knoten in der Übertragungskette. Schneller als der langsamste Teilnehmer kann der Transfer insgesamt nicht sein, das liegt in der Natur der Sache.

Surge verwendet parallele Übertragungen kombiniert mit zusätzlichen Datenpaketen (Multiclients) für eine hohe Übertragungsrate. Bei unseren Tests lag die durchschnittliche Übertragungsgeschwindigkeit bei über n=5 Hops bei 25 bis 30 Mbit, was ebenso eine Verwendung von Streaming in Surge ermöglichen kann.

Wie starte ich?

Download des Clients bei Github. Weitere Infos sind erhältlich bei der Surge Webseite: Das Programm für Linux muss noch manuell gebaut werden. Die .exe ganz oben bei Github ist für Windows-Nutzer gedacht. Die mac User moderner Geräte müssen für ihre Hardware die beta-universal.dmg auswählen.

surge
Surge = Filesharing so heiß, wie auf Drogen?

Das Programm Surge erzeugt nach der Installation automatisch eine individuelle Wallet. Momentan ist es nicht nötig, die Wallet mit den Token NKN zu füllen. Dies würde sowieso nur dem Zweck dienen, um Spam und Missbrauch zu erschweren.

Die Token NKN MAINNET kann man bei einer Krypto-Börse wie gate.io erwerben. Wichtig: Binance unterstützt nur Wrapped-Tokens, die trotz des gleichen Namens für das Filesharing nicht verwendet werden können.

Surge läuft, wie geht es weiter?

Einfach einem Channel beitreten oder einen eigenen eröffnen. Über den „Add file“ button können lokale Dateien hinzugefügt werden, die Du für Transfers anbieten möchtest. Der Download-Ordner kann über die Einstellungen ausgewählt werden. Und schon geht’s los!

Zusätzliche Informationen zum Hintergrund

Surge soll zunächst einmal die Möglichkeiten zeigen, die mit dem NKN-Netzwerk gegeben sind. Das Team besteht aus zurzeit drei Mitgliedern, die die Apps in ihrer Freizeit erstellen. Einer der Betreiber schrieb uns: “Aktuell sind wir nur drei Dudes, die eine coole Lösung für ein weit verbreitetes Problem haben”.

Surge beinhaltet kein Abo-Modell, es gibt keine versteckten Kosten und keine Werbung, die man über sich ergehen lassen soll. Zudem ist die Software Open-Source. Es geht also im Gegensatz zu anderen Filesharing-Projekten nicht ums Geld verdienen !!! Ansätze für anonymes Filesharing gab es in der Vergangenheit schon mehrere. So etwa Anomos (RIP!), RetroShare, Tribler, I2P Snark etc. Filesharing-Lösungen, die auf einer Blockchain basieren, sind uns bisher nicht bekannt.

Ein P2P Netzwerk lebt von seinen Nutzern – die hat Surge (noch) nicht

Poste Dein unzensiertes Feedback in unseren Foren-Thread, nachdem Du Surge auf Herz und Nieren getestet hast. Die Entwickler verstehen Deutsch und sind hier angemeldet. Dahinter steckt kein Unternehmen, das Ganze ist wie bereits erwähnt, ein reines Hobby-Projekt.

Bitte ein bisschen Geduld mitbringen, wenn es etwas länger mit den Antworten auf eure Anregungen dauern sollte. Schreibt den anonymen Erstellern von Surge ganz ehrlich, was euch nicht gefällt. Teilt ihnen mit, welche Hürden ihr bei der Nutzung seht. Aber auch, was gut ist und was man noch verbessern sollte, damit Surge ein Hit werden kann. Vielleicht ist es eines schönen Tages möglich, das Thema Filesharing wieder mehrheitlich von jeglichen kommerziellen Hintergründen zu befreien.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern von Tarnkappe.info viel Spaß beim Testen. Und bitte nicht vergessen, eure Meinung zu Surge in Wort und Bild zu hinterlassen, danke!

Den Dienst besser nie ohne VPN nutzen!

Wichtig: Beachtet das jeweils gültige Urheberrecht in eurem Land. Ein solches Netzwerk ist kein Freifahrtschein für illegale Handlungen. Zudem ist es stets sinnvoll, ein VPN zu nutzen, um sich vor allen Eventualitäten abzusichern.

Problematisch könnte es beispielsweise werden, wenn eine Anti-Piracy-Organisation auf “dumme” Ideen kommen würde. Soll heißen, ACE & Co. mieten einige Server an, um diese als Knoten (Nodes) innerhalb des NKN Netzwerkes laufen zu lassen. Um mehr als die Hälfte der Knoten durch eigene zu besetzen, müsste man mehr als ca. 60.000 eigene Nodes anmieten. Die Nodes müssten dann eine modifizierte Version des Surge-Clients betreiben, die vom NKN Netzwerk trotzdem als legitim anerkannt wird. Gegen solche Fake-Nodes ergreift die Blockchain automatisch technische Maßnahmen. Außerdem müssten die Abmahner sowohl die Entry- als auch die Exit-Node kontrollieren, um an die IP-Adresse der Filesharer zu gelangen.

Doch ohne VPN sollte man lieber nirgendwo unterwegs sein. Erst recht nicht, wenn es um etwas geht, was man nicht selbst kontrollieren oder überprüfen kann.

Tarnkappe.info

Mehr zu dem Thema Filesharing
Lars Sobiraj

Über

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem brachte Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.