YouTube strebt blütenweißes Saubermann-Image an (Kommentar)

YouTube will zur weltweit harmlosesten Vorzeige-Community werden. Unser unverfängliches Tutorial dürfen sich nur noch Erwachsene anschauen.

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YouTube will offenbar wirklich zur weltweit harmlosesten Vorzeige-Community werden. Anders ist nicht zu verstehen, wieso Videos von SemperVideo gesperrt und eines von uns auf über 18 gesetzt wurde. Ein Kommentar von Lars Sobiraj.

YouTube setzt unsere Videoanleitung für Jdownloader auf 18+

Bei unserem Telefonat sprach der Kölner Video-Macher von SemperVideo letzte Woche von einem regelrechten „Whitewashing„, was YouTube vor einiger Zeit im englischsprachigen Bereich betrieben hat. Das gleiche passiert mit einigen Monaten Zeitverzögerung jetzt hier im deutschsprachigen Bereich. Offenkundig durchforstet man systematisch alle hochgeladenen Videos daraufhin, ob sie dem blütenweißen Disney-Image, welches YouTube anstrebt, förderlich sind oder eben nicht. Möglicherweise ist man bei wirklich großen Video-Kanälen etwas vorsichtiger. Doch die wenigen Video-Views von Tarnkappe.info spielen so oder so keine Rolle.

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Sollten wir wegen der schwachsinnigen Aktion die Video-Plattform wechseln, wird man uns nicht vermissen. Auch wenn SemperVideo schon alt und sehr bekannt ist. Im Anbetracht der wenigen Zugriffe im Vergleich zu großen Kanälen behandelt man SemperVideo kein Stück besser als uns, ganz im Gegenteil. Doch von den beanstandeten Videos sind noch viele andere deutschsprachige Kanal-Anbieter betroffen. Das fällt sofort auf, wenn man Twitter einmal danach durchsucht.

Woher kommt eigentlich die Einschränkung auf 18+ ?

Worum geht es überhaupt? Ganz einfach. Unser Video-Tutorial zeigt, wie man RAR-Dateien unter Linux mit dem JDownloader auspacken kann. Wie viele Kinder benutzen Linux auf ihrem Computer? Und wie viele davon ein Download-Tool? Wahrscheinlich weltweit so gut wie kein einziger Minderjähriger.

Wir fragen uns ernsthaft, an welcher Stelle das Video Gewalt oder verstörende Bilder beinhalten soll? Die würden nämlich gegen die Community-Richtlinien von YouTube verstoßen. Auch zeigen wir im Video keine nackten Körperteile und auch keine sexuellen Handlungen. Was am Extrahieren von gepackten Dateien gefährlich oder illegal sein soll, erschließt sich uns leider auch nicht. Von daher ist die Festlegung von YouTube auf 18+ kein bisschen nachvollziehbar.


Das illegale und brandgefährliche Video, was nun Erwachsenen vorbehalten ist.

Unseren Einspruch wird Google/YouTube zweifellos abschmettern

Wir werden Einspruch erheben im Wissen, dass das am Ende nichts nützen wird. Wenn sich YouTube zum Kinderprogramm machen will, dann werden sie das tun. Es ist ihre Video-Plattform und ihre Entscheidung, was sie dort erlauben und was nicht. Wahrscheinlich können wir trotz der sinnlosen Altersbeschränkung noch froh darüber sein, dass man unser Video nicht gleich komplett gesperrt hat. Wir erinnern uns. Beim dritten Strike (gesperrten Video) legt man den Kanal komplett still. Schon nach dem ersten Strike darf man für eine Woche kein neues Video mehr hochladen.

Glücklicherweise steht für uns nicht die Existenz auf dem Spiel, das ist bei SemperVideo aber ganz anders. Denn eigentlich kommt für sie außer YouTube kein anderer Anbieter infrage. Vimeo mag keine Kanal-Betreiber, die mit ihrem Content Geld verdienen wollen. Und alle anderen sind schlichtweg zu klein oder bieten keine Monetarisierung der Videos an. Und auch wenn die Kölner Produzenten nicht hauptberuflich davon leben, ein paar Euro nebenher möchten sie mit den aufwändigen Videos natürlich schon generieren.

Politik verschläft ihre Einflussmöglichkeiten

Schon wieder beeinflusst ein IT-Konzern die Konsum- und Sehgewohnheiten der heutigen Jugend. Denn die beziehen ihre Informationen bekanntlich nicht aus Webseiten, sondern von Videos und zum Teil aus sozialen Netzwerken. Die Politiker in Berlin verschlafen die Situation und somit jede Einflussmöglichkeit, sagte uns SemperVideo am Telefon. Leider hat er recht damit, denn das Thema hat in Berlin oder Brüssel kein Mensch auf dem Schirm. Dazu kommt die extreme Monopolstellung von YouTube. Doch daran wird die EU-Kommission langfristig gesehen nichts ändern können. Was sollen sie schon tun? Man kann ein einzelnes Unternehmen schlecht zerschlagen, so wie es bei der nachträglichen Trennung zwischen Instagram und Facebook geplant ist.

Und schon in wenigen Wochen hat YouTube sein Ziel erreicht und alle auch nur ansatzweise kritischen Beiträge oder Videos mit einem unerwünschten Inhalt sind entweder ganz verschwunden, oder aber aufgrund der Altersklassifizierung nur noch für einen Bruchteil der YT-Zuschauer zugänglich. Gut für YouTube, aber sehr schlecht für die Kanalbetreiber. Und auch schlecht für die Vielfalt an Medien und Meinungen im Internet. Die schränkt man damit nämlich sehr stark ein.

Tarnkappe.info

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.