SemperVideo: den Kanal hat YouTube gestern gelöscht

Ohne Angabe von Gründen löschte YouTube gestern nach über 13 Jahren den Account von SemperVideo. Dem waren diverse Sperren vorausgegangen.

youtube kickt Sempervideo

Ohne Angabe von Gründen löschte YouTube nun nach über 13 Jahren den Account von SemperVideo. Dem waren in den letzten Wochen mit höchst ominösen Begründungen zahlreiche Sperren diverser Videos vorausgegangen.

Ohne Angabe von Gründen löscht YouTube das Konto von SemperVideo

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Es ist passiert, das Nutzer-Konto ist weg. Es erfolgte keine finale Vorwarnung. Und die Kollegen erreichte auch keine erklärende E-Mail. SemperVideo aus Köln ist seit dem gestrigen Donnerstag bei YouTube Geschichte. Welches Video denn nun gegen die Community-Richtlinien verstoßen haben soll, weiß man nicht. YouTube hat sie diesbezüglich nicht informiert.

Auch auf unsere Presseanfrage von vor über fünf Wochen bekamen wir bis heute keine Antwort. Man erfuhr eher zufällig von der Sperre. Nämlich exakt in dem Moment, als man ein ganz neues Video hochladen wollte. SemperVideo schreibt auf dem eigenen Blog:

„Damit löscht YouTube einen der ältesten deutschen Kanäle und einen der ersten deutschen Partner. Eingetragen – als YouTube noch keine 3 Jahre alt war – am 19.01.2008, haben wir seinerzeit mit dem Upload von Hilfevideos im Umgang mit dem Computer und dem Internet begonnen.“

Wir haben in der ersten Dezemberwoche über anfängliche Sperren einzelner Videos berichtet, die YouTube offenkundig zwecks Whitewashing des eigenen Mediums durchführt. Auch wir selbst waren kürzlich von den Zensurvorhaben des Unternehmens gleich mehrfach betroffen. Unsere Anleitung für die Benutzung des Jdownloaders darf nur noch von Erwachsenen angesehen werden. Inwiefern die technischen Anleitungen für Minderjährige gefährlich oder anstößig sein sollen, führte YouTube in den beiden E-Mails nicht aus, die den Sperren folgten.

Wie soll es jetzt weitergehen?

Doch zurück nach Köln. Die Frage ist jetzt, wie es bei SemperVideo weitergehen soll. Mit Ausnahme von YouTube fand man noch keine passende Video-Plattform. Anbieter wie Vimeo verbieten die systematische Monetarisierung der eigenen Video-Beiträge, um kommerzielle Anbieter auszusperren. Alle anderen verfügbaren Portale sind für eine Monetarisierung einfach zu klein. Ob die Spenden via Patreon und PayPal ausreichend sind, darf bezweifelt werden. Wahrscheinlich war die Video-Werbung mit Abstand die größte Einnahmequelle, die jetzt auf einen Schlag weggefallen ist. Dazu kommt, dass man ebenfalls alle älteren Videos eingebüßt hat. Diese sind jetzt unwiederbringlich verloren.

Der Macher von SemperVideo wirkte beim Telefonat am 7. Dezember recht verzweifelt. Da er nicht alle 500 Videos auf mögliche Verstöße prüfen konnte, wusste er nicht, wie er weiteren Ärger vermeiden konnte. Er glaubt, mit den Betreibern richtig großer Kanäle wie Gronkh, LeFloid oder Luca würde YouTube so sicher nicht umspringen. Zwar hatte er seine informativen Beiträge inhaltlich recht breit gestreut. Dennoch fristete sein Kanal trotz aller Aufklärungsarbeit bei YT im Vergleich zu den deutschsprachigen Top 20 ein regelrechtes Nischendasein. Die finanziellen Einbußen für die Google-Tochter sind problemlos verkraftbar, die Verluste von SemperVideo aber eben nicht.

sempervideo bei YT leider nicht mehr verfügbar

Aus die Maus. YouTube findet den Kanal von SemperVideo nicht mehr.

Eine Sperre mit Folgen

Die Google-Tochter ist mit der Sperre ihrem Ziel zweifelsohne einen Schritt näher gekommen. Niemand wird sich mehr erlauben, auch nur ansatzweise kritische Beiträge bei YouTube zu veröffentlichen. Jeder, der die Video-Plattform zur eigenen Vermarktung oder als Broterwerb benutzt, ist vom Goodwill von YT abhängig. Negative Schlagzeilen, wie die von SemperVideo, verbreiten sich schnell. Die anderen Kanalbetreiber sind schon bald alle gewarnt.

no trespassing, kein Durchgang

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In wenigen Monaten ist YouTube so clean wie Disney oder eine Barbie Puppe. Was niemandem mehr wehtut, schränkt auf der anderen Seite aber extrem die Vielfalt an Medien und auch die Meinungsfreiheit ein. Doch man hat keine Wahl. Entweder man macht mit, oder gefährdet bei wiederholten Zuwiderhandlungen die Existenz der eigenen Videos und später des kompletten YT-Kanals.

Und die Politik? Die schläft in Berlin wie Brüssel, wie bei digitalen Themen üblich, weiter fröhlich vor sich hin.

Update: Der YT-Kanal ist vorübergehend wieder freigeschaltet. Die Betreiber sollten jetzt ganz schnell zusehen, dass sie ihr ganzes Material sichern bevor die nächste Sperre durchgeführt wird.

Tarnkappe.info

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.