Random House / Bertelsmann kündigt Adobe-DRM-Exit an

Branchenkonsens, der digitale Tresor öffnet sich. Foto: ActuaLitté, thx! (CC BY-SA 2.0) Random House

Branchenkonsens, der digitale Tresor öffnet sich. Foto: ActuaLitté, thx! (CC BY-SA 2.0)

Nachdem sich Ende Juni der Bonnier-Konzern vom harten Adobe-DRM verabschiedet hat, zog einen Monat später Holtzbrinck nach. Auch die E-Books von Random House werden ab dem 1. Oktober mit Wasserzeichen ausgeliefert. Auf Adobe-DRM setzen von den Großen nur noch Suhrkamp und Diogenes, die ihre Strategie bestimmt überdenken werden. Auch der Druck auf Amazon dürfte wachsen.

Zugehörig zu Random House sind beispielsweise die Verlage Blanvalet, C. Bertelsmann, Goldmann, Heyne, Luchterhand, Page & Turner, um nur einige zu nennen. Die Bertelsmann-Tochter wechselt ab Oktober 2015 auf Soft-DRM, wie der Konzern heute in einer Pressemitteilung angekündigt hat:DRM hat sich als Marktstandard bei der Auslieferung von E-Book-Dateien etabliert. Bislang wurde der Zugriff mit Hilfe von „hartem“ Digital Rights Management (DRM) kontrolliert. Auch wenn diese Art des Kopierschutzes innerhalb der Plattformen einiger Anbieter gut funktioniert, gibt es auch Systeme und Situationen, die den Leser stark einschränken. Mit der Umstellung auf Soft-DRM können Leser E-Books noch einfacher auf allen Plattformen und Endgeräten lesen und ihre persönliche E-Book-Bibliothek verwalten.

Ausgeschlossen von der neuen Freiheit sind unabhängig vom Verlag alle Kindle-Nutzer. Wir haben erst kürzlich über die neuen technischen Handschellen des US-Konzerns berichtet und erläutert, wie man die Kunden mithilfe des neuen E-Book-Formats KFX dauerhaft an das eigene Unternehmen binden will.

 

Random House will Weg der E-Books zurückverfolgen lassen

schloss offen geschlossenDr. Frank Sambeth, CEO der Verlagsgruppe Random House, bezeichnet die Umstellung als einen „Branchenkonsens“. In der Pressemitteilung von Random House heißt es weiter: „Gleichzeitig wird auch durch Soft-DRM ein sinnvoller Schutz vor Missbrauch gewährleistet, da sich der Weg von E-Books mittels Markierungen wie z. B. digitalen Wasserzeichen zurückverfolgen lässt. Mit Hilfe solcher und weiterer Maßnahmen wird die Verlagsgruppe auch künftig die Werke ihrer Autorinnen und Autoren vor Missbrauch schützen und aktiv gegen Urheberrechtsverstöße vorgehen.“ Johannes Haupt von Lesen.net schenkt der Ankündigung Glauben, dass der Konzern tatsächlich die Wasserzeichen zur Verfolgung von Schwarzkopierern einsetzen wird. Random House sei ehedem sehr aktiv beim Kampf gegen E-Book-Piraten. Unterstützt werden sie dabei von der „berüchtigten Kanzlei Waldorf Frommer“, wie Haupt treffend anmerkt.

Auch vor Gericht dürfte es in absehbarer Zeit sehr spannend werden. Werden die Richter die Wasserzeichen als eindeutige Identifikation der ursprünglichen Quelle anerkennen? Kann der Käufer der E-Books zivil- oder sogar strafrechtlich haftbar gemacht werden, sollte eines der gekauften Werke plötzlich im Internet auftauchen? Wie lange wird man nach dem Verbreiter suchen, wenn die Quelle so einfach ausfindig gemacht werden kann? Stichwort Privatkopie: Welche Risiken werden mit der Weitergabe von E-Books an enge Freunde und Familienmitglieder verbunden sein? Doch derartige Risiken sind nicht neu. Die geht man schon seit Jahren bei der Weitergabe von Musikstücken ein, die man z.B. bei iTunes erworben hat.

Wasserzeichen: Wollen wir das personalisierte Produkt?

Der auf Piraterie spezialisierte Unternehmensberater Manuel Bonik von Lisheennageeha Consulting sieht die Entwicklung eher kritisch. Die Musikindustrie habe doch schon vor vielen Jahren bemerkt, dass der Einsatz von DRM-Maßnahmen wenig bis gar nichts bringt. Das betreffe auch das weiche DRM. Problematisch wird auch der Verleih von E-Books. Wenn sich jemand ein E-Book bei einer Bibliothek oder Onleihe ausleiht, um es in Umlauf zu bringen. Wer wird dann verklagt? Der Betreiber der Onleihe, oder im anderen Fall die Bibliothek?

callibre drm-warning Random HouseWenn, wie beinahe alle Branchenvertreter behaupten, DRM so sehr von Nachteil sein soll: Warum funktioniert das harte DRM dann ausgerechnet so gut bei Amazon? Bonik glaubt: „Weil Amazon die Geräte und den Service bieten und Skaleneffekte erzielen.“ Der Wahlberliner hinterfragt ferner: Wollen wir das eigentlich, das personalisierte Produkt, wo überall verschlüsselt unser Name drin steht? Ihn erinnert das beinahe an einen Waffenschein. Doch von Büchern geht keinerlei Gefahr aus, oder etwa doch?

Von den zusätzlichen Aufträgen der Kanzlei Waldorf Frommer einmal ganz abgesehen: Was werden die Wasserzeichen letztlich bringen? Können sie wirklich verhindern, dass die Online-Piraten den Verlagen und Autoren ihre Umsätze streitig machen? Man wird sehen. Noch ist kein Kraut gegen die Online-Piraterie gewachsen. Boniks Fazit lautet: „Statt für sowas Geld zu verschwenden, sollte man es lieber den Autoren geben.“ Tja, das zumindest steht schon mal fest. Das wird sicher nicht passieren, auch bei Random House nicht.

"Random House / Bertelsmann kündigt Adobe-DRM-Exit an", 5 out of 5 based on 5 ratings.

Mehr zu diesem Thema:

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.

Vielleicht gefällt dir auch

9 Kommentare

  1. Dr. Andreas Schaale sagt:

    DRM war sehr lästig beim Systemwechsel. Das stimmt. Was passiert denn, wenn ich meine Reader in der Bahn verliere, meine USB Platte mit meiner legal erworbenen Bibliothek verschwindet? Ich meine, das ist ja nicht unrealistisch. Muss ich den Reader-Verlust bei der Polizei melden?

    Noch eine Sache, viele Bittorrentnutzer haben VPN. Klar warum.

    Für den Ermittler sind diese Adressen (i.d.R.) nicht nachwollziehbar. Jetzt ist der File markiert. An wen wird wohl dann die Abmahnung gehe? Mal raten.

    Was passiert, wenn ich durch whatever Dummheit die Kontrolle verliere:

    – Reader geklaut

    – Reader vergessen

    – Reader kaputt, weggeworfen, aber die SD nicht richtig gelöscht.

    – Meine USB Platte geht kaputt. Muss ich die kaputte Platte wie Nuklear-Abfälle behandeln?

    – Ich lasse meine Daten mal am Platz in der Bibliothek unbeaufsichtigt, jemand nutzt/kopiert derweil Daten.

    – Jemand (Hacker) ist auf „Beschaffung“ und kopiert meinen Computer.

    – Das Schlimmste: ein Pirat kapert den File und bringt ihn über eine Seite irgendwo in den Download. Muss ich dann ewig zahlen? Was passier, wenn das eine Abuse-Resistente Seite ist?

    Unter den legalen juristischen Risiken KANN ich als Nutzer keine Watermark Files besitzen.

    • Esther sagt:

      Bücher mit Wasserzeichen darf man doch legal und ohne sich in einer Grauzone zu bewegen verschenken.

      Was passiert denn, wenn die Oma dem Enkel ein Buch mit ihrem Wasserzeichen schenkt, der es – legal – dem Kumpel leiht, dessen Bruder es in eine Tauschbörse stellt?

      Was passiert, wenn mein nicht strafmündiger Sohn auf den Einfall kommt seine Calibre-Bibliothek zu kopieren und zu verleihen oder eine Kopie zu verschenken? Ist dafür dann der Inhalber des Wasserzeichens verantwortlich? Wenn man mit Gutschein bezahlt, kann man Ebooks aber theoretisch auch mit einer Fake-Adresse kaufen und den Kauf missliebigen Zeitgenossen in die Schuhe schieben.

      Das alte DRM war nicht hart, weil jeder wusste wie es zu beseitigen ist. Das war auch schon in Computerzeitungen vom Supermarkt nachzulesen.

      Das Wasserzeichen ist vor Gericht im Ernstfall aller Wahrscheinlichkeit nach wertlos. Es hat aber – wie das alte DRM auch – immerhin einen psychologischen Effekt.

  2. Esther sagt:

    Das ist hoffentlich das Ende von DRM. Damit kann man Bücher für jeden Reader in jedem Shop kaufen, ohne Calibre mit dem berühmten Plugin optimieren zu müssen.

    Damit kann man zum ersten Mal legal Ebooks verschenken oder im persönlichen Umfeld verleihen. Die passenden Geschenkboxen werden nicht lange auf sich warten lassen.

    Amazon wird gar nichts anderes übrig bleiben als nachzuziehen, weil die Leute sonst einfach bei der Konkurrenz einkaufen.

    Das ist eine wunderbare Entwicklung.

    • Manuel Bonik sagt:

      Meinst du das ironisch? Was findest du so wunderbar an der Entwicklung, dass Du dich künftig mit dem Erwerb eines Ebooks der totalen Willkür von Abmahnanwälten unterwirfst? – Geb doch mal ein individual gekennzeichnetes Buch im Bekanntenkreis weiter, und plötzlich taucht es irgendwo im Netz auf …

  3. Manuel Bonik sagt:

    Dass diese Idee der individuellen Käuferüberwachung von Verlagen ausgeht, würde mich, wäre ich George Orwell, doch auch mal schmunzeln machen? Soft ist das neue Hard?

  4. Tom sagt:

    Druck auf Amazon durfte wachsen? Die haben im letzten Jahr teils gut Marktanteile verloren bei den Büchern in digitaler Form. Und die Antwort ist ein neues Format, das vernagelter nicht sein könnte…

    • Manuel Bonik sagt:

      Wo hast Du das her mit den Marktanteilen? – Ich saß vor ein paar Wochen mit dem Chef von Amazon Europe zusammen, und der war bezüglich E-Books durchaus heiter. Angeblich wachsen die bei ihnen immer noch zweistellig – im Gegensatz zum Rest der Branche (in D sind die Wachstumraten ja inzwischen ziemlich schluff geworden für solch eine junge Technologie). – Aber was hast du für Quellen?

  1. 4. Juli 2018

    […] letztes Jahr setzen neben einigen großen Unternehmen auch diverse kleine und mittlere Verlage auf digitale Wasserzeichen statt auf den Einsatz von […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.