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Bildquelle: bizmac, thx! (CC BY 2.0)

US-Domains in Spanisch von brasilianischen Firmen beschlagnahmt

6 Domains von Musik-Piraterie-Websites hat man beschlagnahmt, weil die Domainverwalter in den USA sitzen. Die Besucher leben wieder woanders.

Letzte Woche kündigten die brasilianischen Strafverfolgungsbehörden eine weitere Phase ihrer Operation 404 an, nachdem man zuvor unzählige illegale Streaming-Apps vom Markt genommen hatte. Das US-Justizministerium und die Homeland Security Investigations (HSI) haben nun die Beschlagnahmung von sechs Domains bekannt gegeben.

Die Beschlagnahmungen erfolgten, weil es sich bei den Registrierungsstellen bzw. Domain-Verwaltern Verisign und GoDaddy um US-Firmen handelt. Stellt sich nur die Frage, was Behörden aus den USA mit den Belangen der Musikwirtschaft in Brasilien zu tun haben. Zudem stellte sich heraus, dass die Websites in Spanisch waren und man diese in Brasilien nur sehr eingeschränkt verstehen kann.

Brasilien kann jetzt nachweisen, etwas gegen Piraten unternommen zu haben

Die sechs Domains lauten wie folgt: Corourbanos.com, Corourbano.com, Pautamp3.com, SIMP3.com, Flowactivo.co und Mp3Teca.ws. Das Ganze wird noch interessanter, wenn man genauer untersucht, mit welchen Mitteln und auf welcher Grundlage man die TLDs beschlagnahmt hat. Wie es in der Pressemitteilung so schön heißt, soll die Aktion die Besucher der Seiten daran hindern, urheberrechtlich geschützte Inhalte von diesen Websites zu streamen oder herunterzuladen. So weit, so gut.

Antragsteller ist aber kein US-Unternehmen, sondern die in Brasilien ansässige Anti-Piraterie-Firma Ltahub. Diese agiert in Lateinamerika und der Karibik im Namen der Warner Music Group, Universal Music Group, Sony Music Group und Interscope Records. Die US-Behörden bekamen ebenfalls Informationen vom Musikverband IFPI, der bestätigte, dass die Anschuldigungen gegen die Seiten korrekt seien. Die Seiten hatten bisher im Monat bis zu 1,8 Millionen einzelne Besucher, die entsprechend höhere Zugriffszahlen generiert haben.

Die HSI hielt eine strafrechtliche Beschlagnahmeanordnung für gerechtfertigt, da die Domains im Falle einer Verurteilung der Domaininhaber beschlagnahmt werden müssten. Von weiteren Maßnahmen gegen die Betreiber ist aber gar keine Rede. Das wird wohl auch nicht nötig sein. Es wird kompliziert sie ausfindig zu machen. Ihr Geschäftsmodell ist schon kaputt, denn ihre Portale sind ja bereits außer Betrieb.

Domain

Domain-Übernahme bei US-Firmen simpel

Die Übernahme der Domains war denkbar einfach, denn Corourbanos.com, Corourbano.com, Pautamp3.com und SIMP3.com nutzen alle die Top-Level-Domain “.com”. Die Registrierungsstelle für “.com” ist VeriSign mit Sitz in Reston, Virginia. Das bedeutet, dass diese Domains problemlos auf höchster Ebene beschlagnahmt werden konnten.

US-amerikanischer Domain-Registrar als Ziel

Die Beschlagnahmungen von Flowactivo.co und Mp3Teca.ws musste man anders handhaben. Bei den beiden Vertretern befindet sich die Registrierungsstelle der TLDs außerhalb der USA. Die Registrierungsstelle für “.co” liegt in Bogotá, Kolumbien. Die Registrierungsstelle für “.ws” ist in Samoa. Man ging einfach eine Ebene tiefer und wendete sich an den Domain-Registrar GoDaddy LLC mit Sitz in Scottsdale, Arizona. Dierser erhielt schlichtweg die gleichen Anweisungen zur Verhinderung von Namensänderungen wie Verisign. Das führte auch am Ende dazu, dass man die Seiten nicht mehr besuchen kann.

Die meisten Menschen in Brasilien können gar kein Spanisch!

Doch die Vorgehensweise erscheint merkwürdig, weil über diese Domains nur in Ausnahmefällen Publikum aus den USA zum Zuge kam. Die meisten Nutzer waren Menschen aus Süd- bzw. Mittelamerika, die Spanisch können müssen. Für die meisten US-Bürger waren die Seiten gar nicht nutzbar, weil man sie aufgrund der Sprachbarriere nicht bedienen konnte. Stellt sich also die Frage, wieso unter diesen Voraussetzungen ausgerechnet US-Behörden im Auftrag brasilianischer Musikfirmen tätig wurden. Die Gäste aus Brasilien verstehen die spanischsprachigen Inhalte auch nicht, weil man dort Portugiesisch spricht. Die betroffenen Seiten sind somit eigentlich nicht einmal für ortsansässige Musik-Firmen von Interesse. Wenn überhaupt hätte die Beschlagnahmung von Spanien, Mexiko, Venezuela etc. aus stattfinden müssen. Also in Ländern, wo man die gleiche Sprache wie die Online-Piraten spricht.

Ein Land unter Beobachtung der US-Behörden

Die Kollegen von Torrentfreak nehmen an, man habe dies getan, um argumentieren zu können, man habe genug gegen die Online-Piraterie unternommen. Das Land Brasilien steht seit Jahren unter ständiger Beobachtung der USA. Immer wieder kam der Vorwurf, man unternehme zu wenig gegen die Copyright-Verletzungen der Labels und Filmfirmen aus den USA. Braslien wird aufgelistet im 2022 Special 301 Report. Dies ist eine Art Watchlist des US-Handelsministeriums- Der Vorwurf lautet, man habe dort die IPTV-Piraterie nicht ausreichend bekämpft. Interessanterweise hat man im Rahmen der jüngsten Phase der Operation 404 vor allem illegale Streaming-Geräte beschlagnahmt. Noch ein Zufall? Wohl kaum!

Die Beschlagnahmung der sechs Domains, egal ob sinnvoll oder nicht, wurde offenkundig deswegen durchgeführt, weil man es konnte. Es war vergleichsweise einfach, US-Firmen deswegen unter Druck zu setzen.

Das wirft natürlich die Frage nach Hunderten von Piratenseiten auf, die mehr US-Besucher haben als selbst die populärsten dieser sechs beschlagnahmten Domains und dennoch irgendwie von ähnlichen US-Beschlagnahmungen völlig unberührt bleiben. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wer sich für weitere Details interessiert: Die Unterlagen der Domain-Beschlagnahmungen hat Torrentfreak hier und hier öffentlich zur Verfügung gestellt.

Tarnkappe.info

Kategorie: Rechtssachen, Warez
Lars Sobiraj

Über

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.