Youtube zensiert Interview mit EU-Kommissionspräsident Juncker

Laetitia Nadji erhebt schwere Vorwürfe gegen Youtube wegen Beeinflussung ihrer Fragen zu einem Interview mit EU-Kommissionspräsident Juncker.

Youtube zensiert Interview mit EU-Kommissionspräsident Juncker
Grafik habergibitv, thx! (CC0 1.0)

In einem Liveinterview beantwortete der Präsident der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker am vergangenen Donnerstag (15.09.2016) drei jungen YouTubern Fragen rund um die Europäische Union. Das Event wurde gemeinsam von dem Netzwerk Debating Europe, YouTube sowie Euronews organisiert. Nun erhebt eine von den Interviewern, Laetitia Nadji, schwere Vorwürfe gegen Youtube. Sie behauptet in einem Video, YouTube habe versucht, ihre Fragen für dieses Interview mit Politiker Juncker zu beeinflussen, so berichten New Europe und Politico.

Vergangene Woche wollte sich der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zu Fragen der jungen Generation äußern und damit gezielt ein junges Publikum erreichen. YouTube hatte sie und zwei weitere Internet-Nutzer für das Interview mit Juncker ausgesucht. Nadji gibt auf ihrem YouTube-Kanal Umwelttipps und hat rund 60.000 Anhänger. Die drei waren dafür von YouTube und der Kommission nach Brüssel eingeladen worden.

YouTube wollte keine kritischen Fragen

Nadji wollte Juncker zur Steuerpraxis seines Heimatlandes Luxemburg und zum Umgang des EU-Landes mit den Gewinnen multinationaler Konzerne befragen. Dabei ging es auch darum, ob Juncker als ehemaliger Finanzminister von „Europas größtem Steuerparadies“ der Richtige sei, um Steuervermeidung zu bekämpfen. Wegen dieser kritischen Fragen fühlt sich die französische Youtuberin vom Internetkonzern Youtube unter Druck gesetzt. Sie behauptet nun, ein YouTube-Mmitarbeiter habe sie in einem Vorgespräch gedrängt, sie solle im Interview nur ganz bestimmte Fragen stellen. So habe man es ihr anfangs empfohlen, Juncker über seine Auffassung von Glück oder über sein Haustier zu fragen. Sie könne sonst „auf der falschen Seite“ von YouTube und der EU-Kommission stehen.

„Du willst doch nicht die Europäische Kommission und YouTube und all die Menschen, die an Dich glauben, ärgern. Zumindest, wenn Du eine lange Karriere auf YouTube haben möchtest.“, so drohte der Mitarbeiter ihr weiter. Ihre Behauptung stützt Nadji mit einem heimlich gefilmten Video, in dem ein YouTube-Mitarbeiter zu sehen und zu hören ist.

Ferner sagt ihr der Mitarbeiter auf dem Videomitschnitt, dass er sich noch mit Junckers Sprecherin Natasha Bertaud absprechen müsse. Es könne sein, dass einige Fragen mit einer roten Flagge versehen würden. Als Nadji irritiert nachfragt, was rote Flaggen bedeuten, antwortet er lediglich: „[Das sind Fragen, die] können wir nicht machen.“

Fazit

Konsequenterweise stellte die YouTuberin Nadji im Interview trotzdem alle Fragen, die sie sich vorgenommen hatte. Im Interview äußerte sie sich dann sogar wie folgt. „Wäre es nicht so, wie einem Bankräuber den Posten des Polizeichefs zu geben?“ Angespielt wurde dabei wahrscheinlich auf die Vergangenheit Junckers, der im Zuge der Luxleaks milliardenschwere Steuergeschenke an internationale Firmen vergeben habe. Die Aktivisten-Gruppe „Osons Causer„, die auch auf YouTube aktiv ist, legt nahe, dass es sich bei dem Vorfall um eine geplante Aktion handelt. Auf ihrem Facebook-Profil schreibt die Gruppe, sie hätten Nadji die letzten zwei Wochen geholfen sich vorzubereiten und sie nach Belgien begleitet.


Nach dem Interview bot YouTube Nadji einen Vertrag als Markenbotschafterin an. Obwohl dies eigentlich ihr „Traum“ gewesen sei, habe sie das Angebot ausgeschlagen. Sie will nicht „manipuliert“ werden, sagte die junge Frau. YouTube dementierte, Druck auf Nadji ausgeübt zu haben. Ein Unternehmenssprecher bedauerte es, dass ein „unglücklicher Satz“ des Mitarbeiters als Drohung verstanden worden sei. Es sei keine Absicht gewesen, Nadji zu harmlosen Fragen zu drängen. „Unser Kollege ermutigte sie, eher respektvoll als konfrontativ vorzugehen – das war alles“, sagte der Sprecher.

Auch Kommissionssprecherin Bertaud wies die Manipulationsvorwürfe zurück, Juncker sei nicht im Vorfeld über die Fragen informiert worden – und habe dies auch nicht verlangt. Juncker habe es auch nicht nötig, dass jemand seine Fragen an ihn abschwäche. Die Kommission sei zudem „sehr zufrieden“ mit dem Interview gewesen.

Tarnkappe.info

Über den Autor

Antonia ist bereits seit Januar 2016 Autorin bei der Tarnkappe. Eingestiegen ist sie zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibt sie bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, sie greift aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Ihre Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.