Schutzranzen: Pilotprojekt für Sicherheit durch Überwachung

Pilotprojekt Schutzranzen ist eine App, mit der Eltern und Autofahrer den Aufenthaltsort von Kindern sehen können. Es hagelt Kritik deswegen.

Schutzranzen, Kinder, Schule

Ein Modellprojekt „Schutzranzen“ ist an zwei Grundschulen in Wolfsburg geplant. Man will Grundschüler mit einem GPS-Tracker ausgestatten. Anhand der Signale sollten Eltern ihre Kinder jederzeit orten können. Zudem warnt man Autofahrer per Navigations-App, wenn Kind und Auto sich zu nahe kommen. Das Projekt stößt auf heftige Kritik bei Datenschützern.

App Schutzranzen will Kinder sichern, indem es deren totale Kontrolle ermöglicht

Laut Webseite des Schutzranzenherstellers richtet sich das Ziel des Projektes auf die Sicherheit der Grundschüler. So sollen die Schüler für Autofahrer rechtzeitig sichtbar sein, um bereits im Vorfeld Unfälle zu vermeiden. Die Idee zielt darauf ab, dass es ein Peilsender im Schulranzen durch das Senden eines Signals zum einen ermöglicht, dass die Eltern der Kinder mittels App auf ihrem Smartphone stets den Aufenthaltsort ihrer Kinder kennen. Zum anderen informiert man die Autofahrer auf diese Weise, wenn sich Kinder in der Nähe befinden. Der Fahrer erhält dann einen optischen und aktistischen Warnhinweis.

Zudem will man erreichen, dass Schulkinder mithilfe der App selbstständiger werden. Sie sollen auch mal wieder allein zur Schule gehen und nicht mehr auf „Elterntaxis“ angewiesen sein. Die Teilnahme an dem Projekt ist freiwillig. Zu Testzwecken will man bereits ab Februar in Wolfsburg die Tracker kostenlos an die Grundschulkinder verteilen.

Am Projekt Schutzranzen haben sich neben der Stadt Wolfsburg, dem Hersteller von Schulranzen Scout, der Volkswagen AG, sowie ein Münchener Volvo-Händler, der Sportausrüster Uvex, ein Automobilclub von Deutschland und die Firma Coodriver, die für den Vertrieb zuständig ist, beteiligt.

App überträgt Daten in die Amazon Cloud in den USA

Für Digitalcourage ist digitale Überwachung durch GPS-Tracking nicht der richtige Weg. Zwar wirbt die Website von Schutzranzen damit, dass ohne Zustimmung keine Daten an Dritte weitergegeben werden, dennoch beweisen Analysen von Digitalcourage das Gegenteil. Deren Untersuchungen ergaben, dass die Kinder-App sensible Daten auf US-Amazon-Cloud-Server hochlädt. Die Autofahrer-App würde Facebook kontaktieren. Weitere Daten gehen unter anderem an Server bei 1&1, Microsoft, Google, Akamai & Co. Niemand könne überblicken, wozu diese Daten in der Zukunft verwendet werden, so die Kritik von Digitalcourage in einem Offenen Brief, in dem sie die sofortige Einstellung des Projektes fordern.

Allein die Konfiguration des Dienstes habe man „unprofessionell gesichert“. Dadurch seien die aktuellen Aufenthaltsorte der Kinder auch ein leichtes Ziel für Hacker. Ferner habe man die Eltern an keiner Stelle darüber aufgeklärt, dass die größten Datensammel-Konzerne der Welt diese Daten bekommen. Aber auch die Eltern, Schulen und Lehrer.innen habe man nicht umfassend über die Datenweitergabe von Schutzranzen informiert.

Friedemann Ebelt von Digitalcourage beanstandet. „Akute Probleme, wie Gefahren im Straßenverkehr, werden nicht grundsätzlich gelöst, sondern nur ausgenutzt, um Daten zu sammeln, auszuwerten und zu Geld zu machen.“ Zusätzlich sei eines des Hauptrisiken im Straßenverkehr, dass Autofahrer durch Push-up Meldungen abgelenkt seien, so Ebelt weiter. Auch für Kerstin Demuth von Digitalcourage ist es: „schamlos, Grundschulkinder zu überwachen und es als Sicherheitmaßnahme zu verkaufen“.

Keine anonyme Nutzung möglich, Daten zirkulieren in diversen Diensten

Die Landesbeauftragte für den Datenschutz in Niedersachsen, Barbara Thiel, teilt in einer Stellungnahme mit. „Durch solche Dienste werden bereits Kinder frühzeitig damit konfrontiert, jederzeit überwacht und getrackt zu werden. Auch Kinder müssen das Recht haben, sich abhängig von ihrem Alter unbeobachtet fortbewegen zu können“. Thiel stört sich vor allem daran, dass die App bei der Nutzung die Daten nicht komplett anonym überträgt. Die Aussage von Coodriver, dass die Positionsdaten der Kinder nur anonym übermittelt werden, sei zumindest zweifelhaft. Bei Benutzung der App überträgt diese stets auch die IP-Adresse. Deswegen müsse man von einer Personenbeziehbarkeit ausgehen.

Zudem würde die App Funktionen bieten, die nicht ausschließlich der Erhöhung der Verkehrssicherheit dienen. Ihre Aufsichtbehörde werde sich intensiv mit dem Projekt „Schutzranzen“ und den dazugehörigen Systemen auseinandersetzen, kündigte Thiel an.

Auch die Deutsche Kinderhilfe lehnt das Projekt ab. „Nicht alles was geht, ist auch sinnvoll“, sagte der Vorstandsvorsitzende Rainer Becker. „Hinweise des Navis auf ‚Kinder in der Nähe‘ dürften vor allem zu den Stoßzeiten vor größeren Schulen eher zu einer Reizüberflutung der Autofahrer und somit einer Erhöhung des Unfallrisikos führen.„, meint er weiter.


Pilotprojekt für Schutzranzen in Wolfsburg vorerst verschoben

Nach dieser heftigen Kritik der Datenschützer hat die Stadt Wolfsburg empfohlen, das geplante Pilotprojekt Schutzranzen an den zwei Wolfsburger Grundschulen vorerst nicht starten zu lassen. Vor zwei Tagen stand die Stadtverwaltung noch voll hinter dem Projekt. Nun teilte man mit, dass es noch „Klärungs- und Kommunikationsbedarf“ gebe. Deshalb sollten alle Beteiligten das Projekt erst mal aussetzen, so ein Sprecher.

Bildquelle: TJENA, thx! (CC0 Public Domain)

Tarnkappe.info

Ich bin bereits seit Januar 2016 Tarnkappen-Autor. Eingestiegen bin ich zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibe ich bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, greife aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Meine Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.