Phantom Listening manipuliert zunehmend die Streaming-Charts

Phantom Listening: Das vorgetäuschte Abspielen von Songs bei Spotify, Deezer & Co. wird für die Branche zu einem immer größeren Problem.

Phantom Listening

Das vorgetäuschte Abspielen von Songs bei Spotify, Deezer oder anderen Streaming-Portalen wird zu einem immer größeren Problem. Während die Musikindustrie immer mehr auf das Streaming als Umsatz-Faktor setzt, haben sich einige Kriminelle Methoden ausgedacht, um mit dem Phantom Listening kräftig Kasse zu machen.

Phantom Listening lässt die Kassen klingeln

Phantom Listening

Brancheninsider schätzen, durch den Verkauf von Fake Streams setzen Kriminelle pro Jahr bis zu 300 Millionen Euro um. Kein Wunder, dass der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) in Deutschland strikt gegen solche Anbieter vorgeht, die dabei helfen wollen, bestimmte Künstler in die Top Positionen der Charts zu pushen.

In Bulgarien operierten Kriminelle 1.200 gefälschte Spotify-Konten gleichzeitig, um die Songs ihrer Auftraggeber etwa 30 Sekunden lang abzuspielen. Das ist nämlich die Grenze ab der ein Lied als abgespielt gilt. Das Ganze ist natürlich deutlich günstiger als die dadurch anfallenden Tantiemen, obwohl diese noch immer im Vergleich zu verkauften CDs oder digitalen Downloads sehr niedrig sind. Doch den Verkauf von Schallplatten kann man nicht vortäuschen, das Phantom Listening schon.

Illegales E-Commerce auch ohne Programmierkenntnisse möglich

BVMI neues Logo

Nach Expertenmeinung haben Streaming-Dienste eine enorme Reichweite. Gleichzeitig verfügen sie über vergleichsweise wenig Ressourcen, um jeglichen Betrug zu bekämpfen. Von daher dürfte die Problematik auch weiterhin bestehen. Für den Aufbau eines illegalen Online Shops, der solche abgespielten Songs anbietet, brauche man überhaupt keine Programmierkenntnisse mehr. Alles wird als Paket vorgefertigt geliefert, der Kriminelle muss nur die Produkte und entsprechenden Preise für das Phantom Listening eintragen. Los geht’s. Bei LikeService24.de kann man trotz des Urteils vom LG Frankfurt für Spotify neben den Plays auch Follower, monatliche Hörer, Playlist Plays und Saves kaufen.

Ähnliche „Angebote“ kann man dort für Facebook, Instagram, Twitter, YouTube, Deezer, Soundcloud, LinkedIn, Twitch, Mixcloud und viele andere soziale Netzwerke und Streaming Portale käuflich erwerben. Wer als Käufer anonym bleiben will, kauft via Ethereum oder Bitcoin. Wer per Kreditkarte oder Kryptowährung zahlt, spart sogar 15% des Preises. Wie man sieht: alles ist möglich! Seit dem Urteil vom BVMI steht niemand mehr im Impressum, ansonsten hat sich offenkundig rein gar nichts am Geschäftsmodell der Seite geändert.

Musik-Downloader spielen beim Phantom Listening keine Rolle

Ripping Programme wie deemix, der Deezloader oder SMLoadr sind damit allerdings nicht gemeint. Zwar werden beim Rippen auch die Statistiken ein Stück weit verfälscht. Doch jeder Musiktitel wird nur ein einziges Mal abgespielt, um ihn dann komplett abspeichern zu können. Der Einfluss auf die Statistiken ist somit minimal, die Streaming-Plattformen verdienen mit. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum man dagegen in den letzten Jahren vergleichsweise wenig unternommen hat. Das ist wegen dem geringen Einfluss auf die Charts mit dem Begriff Phantom Listening trotzdem nicht gemeint.

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Branche muss hilflos zusehen

Schon im Juni 2019 haben sich 21 einflussreiche Plattenlabels, Streaming-Portale und Musik-Verleger gemeinsam auf den „Code of best practices“ geeinigt. Geändert hat dies an der Problematik bis dato wenig bis gar nichts.

Dem Phantom Listening wird man nur beikommen können, sollte Deezer, Spotify & Co. deutlich mehr Geld in die Kontrolle ihrer Kunden investieren. Nur so könnte man jeglichen Betrug erschweren und zeitnah erkennen, dass jemand gezielt einen Künstler oder Band versucht zu pushen.

Phantom Listening

Die Aktivitäten des BVMI in allen Ehren. Doch Fake-Anbieter gibt es halt nicht nur hierzulande, sondern überall. Und nicht wenige davon verbergen ihre wahre Identität. Wie man sieht, hat das Eilverfahren vor dem LG Frankfurt letztlich rein gar nichts bewegen können.

Tarnkappe.info

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.