E-Book-Razzia: Internes Schreiben aufgetaucht, Verlage beteiligt

Zur E-Book-Razzia wurde ein Schreiben versandt, wir erhielten Kenntnis aus der Hacker-Szene. Die Empfänger lesen sich wie ein Who is Who der Verlage.

spiegelbest, lesen.to, E-Book-Razzia
spiegelbest, lesen.to, E-Book-Razzia Foto Alex Holzknecht – (CC BY 2.0).

Kurz vor der E-Book-Razzia 09.12.2014 wurde ein Schreiben zum Verfahren gegen die E-Book-Piraten versandt. Darüber erhielten wir Kenntnis vermutlich aus der Hacker-Szene. Nach unserer Überprüfung sind wir von der Authentizität überzeugt (thx an die Informanten). Die Empfänger dieses Schreibens lesen sich wie ein Who is Who der deutschen Verlage.

Angeschrieben wurden die Repräsentanten von Bastei, Carlsen, dtv, Droemer Knaur, DVA, Eichborn, Falken, Fischer, Goldmann, Gütersloher Verlagshaus, Heyne, Holtzbrinck, Kiepenheuer & Witsch, Kösel, Luchterhand, Lübbe, Manesse, Metzler, Piper, Rowohlt, Siedler, Spektrum der Wissenschaft, Südwest, Ullstein, Zeit… Damit sind dem Umsatz nach mehr als 2/3 der deutschen Verlags-Szene versammelt. Interessant ist neben dem Einbezug der E-Book- auch die Hörbuch-Sparte. Aus dem Schreiben wird ersichtlich, dass das Verfahren gegen die E-Book-Piraten in den Verlagen als Chefsache betrachtet wird, so finden sich unter den Empfängern neben Projekt- und Abteilungsleitern auch CEOs (Geschäftsführer).

E-Book-Razzia von langer Hand vorbereitet

ebookspender, E-Book-RazziaDas interne Schreiben nennt den Termin (der damals noch bevorstehenden) E-Book-Razzia am 9. Dezember. Schon seit längerem (unseren Recherchen nach mindestens seit September 2014) wurde an einem entsprechenden Strafverfahren im Auftrag der Verlage gearbeitet. Allerdings scheint sich die Beschaffung von Informationen schwierig gestaltet zu haben.

Dies änderte sich offensichtlich erst, als ein oder mehrere Insider Wissen und Vollzugriff auf die E-Book-Datenbank ebookspender.me den Fahndern gaben. Ob dafür Geld geflossen ist oder im Gegenzug Strafmilderung in Aussicht gestellt wurde, ist nicht bekannt. Dies bedeutet die Möglichkeit des Zugriffs auf Nutzerdaten von IP- sowie E-Mail-Adressen. Es würde erklären, warum bei der E-Book-Razzia am 09.12.2014 nicht nur Hintermänner sondern auch User heimgesucht wurden (eben nicht nur Power-User sondern auch „Gelegenheitsnutzer“). Fragt sich, was nun noch folgt – denkbar wäre eine Abmahnwelle bis zu Strafanzeigen gegen Nutzer.



GVU diesmal nicht der Auslöser

boox.to offline spiegelbestIm Schreiben ist weiter die Rede von Kontakten verdächtiger Personen zu Spiegelbest. Hier wird wohl auf eine frühere Durchsuchung angespielt, wir vermuteten schon vor einiger Zeit, dass damit die Hausdurchsuchungen im November 2014 wegen Boerse.bz gemeint sind (Spiegelbest war früher auch beim Forum Boerse.bz aktiv). Zwar hat das die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen GVU dies auf Anfrage von „Spiegel online“ am 11.12.2014 verneint: „Nach unseren Erkenntnissen hat es keine Auswertung bei boerse.bz gegeben, die diese Ermittlungen angestoßen hätte.

Von anstoßen war bei uns auch nie die Rede, wohl aber von dem denkbar entscheidenden Impuls durch die Auswertung: „E-Book-Razzia dank boerse.bz-Daten?“ (unser Artikel am 10.12.14) Aber die GVU scheint diesmal als Auskunftsgeber auch nicht die 1.Wahl zu sein. Denn das ausgerechnet sie in dem internen Schreiben nicht unter den Empfängern verzeichnet war, lässt tief blicken… Das sollte sie aber nicht verdrießen – zumindest scheidet sie nun bei der wohl fieberhaften Suche nach der undichten Stelle aus, die uns mit diesem Schreiben beglückte.

Zwei E-Book-Razzien statt einer?

Das Schreiben weist in die Richtung, dass schon vor dem 09.12.14 eine erste Hausdurchsuchung stattgefunden haben könnte. Diese wurde (nicht wie von uns ursprünglich vermutet kurzfristig verschoben auf den 09.12.14, sondern) offenbar vor dem 05.12.2014 wie geplant auf einen kleinen Personenkreis durchgeführt. Möglicherweise ging den Fahndern dabei eine oder mehrere Personen ins Netz, die sich ihnen als der/die oben genannte Insider präsentierten. Das würde die These von Spiegelbest in seinem Interview vom 17.12.2014 halbwegs stützen: „Ich denke, im ersten Angang war … so erfolgreich, dass die große Aktion am 9. Dezember nachgeschoben wurde. Meines Wissens wurden die 45 Hausdurchsuchungen am Dienstag (09.12.14 – ja das stimmt, d.Red.), Punkt 19 Uhr durchgeführt. Das war die Zeit vom Teamtreff (ebookspender.me d.Red.) im Chat. Die Behörden wollten wohl die maßgeblichen PCs unverschlüsselt antreffen.“

Im internen Schreiben wird weiter ausgeführt, dass gerade erst am 04.12.2014 Sumselbär (einer der bekannten Personen der E-Book-Szene) identifiziert werden konnte. Demzufolge könnten die Ermittler auf baldige Hausdurchsuchung gedrängt haben – wohl auch in dem Wissen, dass in zeitgleich stattfindenden ähnlichen Verfahren (in Zusammenhang mit lesen.to & hoerbuch.in) Razzien anderer Gerichte schon für Dienstag 09.12.2014 geplant waren. So kam es wohl zu den bundesweiten Aktionen am 09.12.14, an denen dann das Amtsgericht München nicht allein beteiligt war. Denn spätestens nach den anderen Hausdurchsuchungen wären die Münchener Ermittlungserfolge akut gefährdet gewesen. Das interne Schreiben datiert übrigens genau gleich wie der Durchsuchungsbeschluss für die Razzia 09.12.2014. Der Razzia-Termin wiederum ist aber im Durchsuchngsbeschluss gar nicht genannt… Woher weiß also der Absender des internen Schreibens von dem definitiven Durchsuchungs-Termin 09.12.2014?

Sumselbär wohl identifiziert – aber Spiegelbest?

ebooks torboox illegal download, E-Book-RazziaIm Schreiben an die beteiligten Verlage wird weiter ausgeführt, dass sich die Enttarnung von Spiegelbest als schwierig darstellt. Offenbar hat er sich besser als die Nutzer und Moderatoren von Ebookspender.me getarnt und regelmäßig Anonymisierungs-Dienstleister (z.B. VPN) in Anspruch genommen. Von einem Fahndungserfolg ist bisher (noch) nichts bekannt: Weder weiß man ob Sumselbär verhaftet wurde, noch ob Spiegelbest nun enttarnt ist (am 17.12.14 gab er noch ein Interview s.o.). Unsere Informanten scheinen aus dem Umfeld der Real Warez Alliance zu kommen (Thx für die Infos!) und behaupten, Spiegelbest habe Wind bekommen vom Bust seiner Portale. Deshalb habe er sich kurz vorher absetzen können und seine Mitstreiter dabei gänzlich im Stich gelassen. Spiegelbest glaubt nicht an einen Hack durch die Real Warez Alliance (RWA). Er vermutet, jemand nutze die Hacker-Gruppierung als Trittbrettfahrer. Auf die Anschuldigungen bezüglich seines Verhaltens gegenüber seiner Mitstreiter geht er inhaltlich nicht ein.

Internationale Koordination gegen E-Book-Piraterie?

RWA-real-warez-allianceSchaut man sich die am Strafverfahren beteiligten Verlage an, fallen folgende Teilnehmer auf:
Bonnier Media Group Die Dachgesellschaft führt unter anderem arsEdition, Carlson, Econ, List, Pendo, Piper, Thienemann, Ullstein… Präsenz in Australien, Kanada, UK, USA, Nord- & Osteuropa. Unter 35% ihres Umsatzes in Deutschland.
Holtzbrinck Zur Dachgesellschaft gehört u.a. Rowohlt, Fischer, Droemer-Knaur, Kiepenheuer & Witsch, Metzler, Spektrum der Wissenschaft, Zeit, Spotlight, buecher.de, gutefrage.net, Parship. Nur 20 % ihres Umsatzes in Deutschland und 40 % in Nordamerika.
– Random House/Bertelsmann: weltgrößte Verlagsgruppe. Zur Dachgesellschaft gehören unter anderem DVA, Goldmann, Gütersloher Verlagshaus, Heine, Knaus, Kösel, Luchterhand, Manesse, Siedler, Südwest etc. Weniger als 35% ihres Umsatzes generiert man in Deutschland.

Damit sind nicht nur die drei größten deutschen Buchverlagsgruppen vereint (1.Random, 2.Holtzbrinck, 3.Bonnier). Zudem sind alle extrem breit aufgestellt (TV, Zeitungen, Magazine, Film, Buch, Radio, digitale Medien) und weltweit tätig (Random House/Bertelsmann weltweit Platz 1). Dies lässt auf eine stärkere internationale Koordination der Verlage schließen. Das scheint nötig, da die nationalen Verlage alleine wohl nicht die nötige Durchsetzungskraft besitzen, um in diesem für sie existenziellen Bereich erfolgreich zu agieren.

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