anonyme Studentin liest
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Bildquelle: Leah Kelley, thx!, Lizenz

Elsevier’s ScienceDirect überwacht seine Nutzer

Laut einem Bericht der NGO SPARC überwacht man die Nutzer von Elsevier's wissenschaftlicher Online-Plattform ScienceDirect systematisch.

Der niederländische Verlag Elsevier betreibt eine wissenschaftliche Online-Datenbank namens ScienceDirect. Dort kann man gegen Bezahlung in 4.400 wissenschaftliche Zeitschriften und über 31.000 E-Books einsehen. Im Jahr 2021 haben Studenten und Wissenschaftler dort über eine Milliarde wissenschaftliche Werke gekauft.

Dazu kommen natürlich noch die illegalen Downloads der wissenschaftlichen Schattenbibliotheken wie sci-hub.ru, Anna’s Archive etc. Doch die Zahlen kann man nicht verlässlich statistisch auswerten.

ScienceDirect gehört einem der führenden Datenbroker

Eine aktuelle Analyse von Elsevier’s ScienceDirect, die in Zusammenarbeit zwischen der Nichtregierungsorganisation SPARC und Becky Yoose von LDH Consulting Services erstellte wurde, spricht von einer Vielzahl von Datenschutzpraktiken. Diese stehen in direktem Widerspruch zu den Datenschutzstandards von Bibliotheken. Sie wirft einige Fragen hinsichtlich der Möglichkeit auf, dass die Online-Datenbank personenbezogene Daten ihrer Nutzer erfasst, um sie systematisch auf Schritt und Tritt zu überwachen.

sciencedirect

Die Nutzungsdaten von ScienceDirect & Co. gehen unter anderem an die RELX-Tochter LexisNexis. Das Unternehmen ist laut dem Bericht an diversen Überwachungs- und Datenermittlungsaktivitäten beteiligt. RELX selbst ist der Mutterkonzern von Elsevier. RELX ist einer der führenden Datenmakler. Das Unternehmen ist Anbieter von „Risikoprodukten„, die Firmen, Regierungen und Strafverfolgungsbehörden umfangreiche Datenbanken mit persönlichen Informationen zur Verfügung stellt.

Durch die Analyse der Datenschutzpraktiken des weltweit größten Wissenschaftsverlags beschreibt der Bericht, wie die Verfolgung von Nutzern, die in einer physischen Bibliothek undenkbar wäre, nun routinemäßig durch deren Verlagsplattform ScienceDirect erfolgt.

SPARC

Problematisch ist das Vorgehen auch deswegen, weil sich der Bezug von wissenschaftlichen Informationen immer mehr auf die Online-Plattformen weniger Anbieter verlagert. Das gilt umso mehr, wenn der Mutterkonzern einer der führenden Datenbroker darstellt.

Die Abkürzung SPARC steht für Scholarly Publishing and Academic Resources Coalition. Doch ScienceDirect war nur der Anfang. Mittlerweile hat man mit der Datenschutzanalyse eines weiteren führenden Verlags begonnen, in der ähnliche Bedenken hinsichtlich der Benutzerverfolgung aufgezeigt werden. Dieser zweite Bericht wird Anfang nächsten Jahres fertig sein.

E-Books: Problematik ist im privaten Sektor exakt die gleiche

Doch die Problematik geht weit über den wissenschaftlichen Bereich im Allgemeinen oder ScienceDirect im Besonderen hinaus. Hierzulande stellen E-Books zwar weiterhin eher einen Nischenmarkt dar. Doch in den USA lesen momentan etwa drei von zehn Personen digitale Bücher. Im Jahr 2022 hatte Amazons Kindle einen Anteil von 72 % am E-Reader-Markt. Und wenn wir eines über Big-Tech-Unternehmen wie Amazon wissen, dann dass ihr eigentliches Produkt nicht das Buch ist. Es sind die Nutzerdaten.

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Foto: Lars Sobiraj.

US-Kongress soll Licht ins Dunkel bringen

Mehr als 25 Menschenrechtsorganisationen fordern derweil den US-Kongress auf, den Würgegriff von Big Tech und Verlagen zum Thema digitale Bücher zu untersuchen. Durch die lückenlose Überwachung der Leser ergeben sich „kaskadenartige Schäden, die dadurch entstehen, dass eine kleine Anzahl von Unternehmen die Fähigkeit der Amerikaner kontrolliert, Bücher zu lesen und zu erstellen – Rechte, die für eine funktionierende Demokratie unerlässlich sind.

Tarnkappe.info

Lars Sobiraj

Über

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem brachte Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.