Wenn der Postmann 2x klingelt – meine persönliche Hausdurchsuchung

Dezember 2014. Hausdurchsuchung wegen des Verdachts auf gewerbsmäßige Copyright-Verstöße. Larissa berichtet hautnah, wie sie ihre eigene Razzia erlebt hat.

Hausdurchsuchung

Dezember 2014. Hausdurchsuchung wegen des Verdachts auf gewerbsmäßige Copyright-Verstöße. Die frühere E-Book Piratin Larissa berichtet bei uns hautnah, wie es zur Durchsuchung kam, und wie sie ihre eigene Razzia erlebt hat.

Die Vorgeschichte zur Hausdurchsuchung

Wenige Wochen vor dem 09.12.2014 schrieb ich mich mit Rivalon in Pidgin. Nachdem er zu unserem geplanten Serverumzug (weg von Frankreich in gesichertere, nicht europäische Regionen) nicht die kleinste Reaktion zeigte, teilte ich ihm mit, dass ich jemanden hätte, der ihn dabei unterstützt, vermutete ich doch, er hätte kaum Zeit für dieses Hobby und ich wollte ihn so entlasten. Darauf antwortete er mir: „Dann weiß ich ja, was zu tun ist„. Seltsam, dachte ich noch, fragte aber nicht näher nach…

Am 08.12.2014 erkundigte er sich bei mir ebenfalls in Pidgin, ob ich am Dienstag, dem 09.12. im Forenchat anwesend sein kann, die Woche vorher war ich nämlich noch mit einer Freundin im Kino und versäumte den Termin. Ich antwortete ihm, dass es mir da möglich ist, teilzunehmen. Er wollte wohl wegen der Hausdurchsuchung ganz sicher sein, dass ich auch zu Hause bin…

Unser Chattermin war jede Woche der gleiche, wir trafen uns dort stets dienstags 19 Uhr. Es wurde besprochen, was so anlag, wir tauschten uns aus und legten die nächsten Ziele fest. Besonders viel gab es zu bereden, seit Sumselbär unser neuer Administrator war. Er hatte zahlreiche eigene Pläne und Ideen, die er uns mitteilte und er war regelrecht entsetzt über unsere mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen. Auch in diesen Dingen sollte sich unbedingt etwas ändern, riet er uns dringend.


Der 09.12.2014

Es war kurz vor 19 Uhr, im Chat warteten bereits Rivalon, Sumsel und auch kimo kam dazu. Rivalon eröffnete das Gespräch mit den Worten, er hätte eine Lösung gefunden für ein Problem, dass ich ihm vorher mitgeteilt hatte. Seit einem von ihm erst kürzlich durchgeführten Forenupdate funktionierte ein gemeinsames Anschreiben der Mitglieder per PN nicht mehr. Das war nur noch einzeln möglich, verursachte aber viel mehr Aufwand und kostete zusätzliche Zeit. Ich meinte am 8.12. in Pidgin noch zu ihm, es wäre schön, wenn er sich das mal anschauen würde und wir probierten da schon eine Weile alle möglichen Varianten aus, ohne jedoch zu einem befriedigendem Ergebnis zu gelangen.

Pünktlich 19 Uhr klingelte es an meiner Wohnungstür. Ich dachte, wer kann das denn sein um diese merkwürdige Zeit. Ich erwartete niemanden und im Telefonzeitalter melden sich die Leute eigentlich vorher an und klingeln nicht wie früher so auf Verdacht, dass schon jemand da sein könnte. Niemand sonst war hier, da mache ich gewöhnlich nie auf. Außerdem empfand ich es als unhöflich, einfach so aus dem Chat zu verschwinden. Nur der Klingler war aufdringlich, er ließ sich nicht abwimmeln, auch nicht dadurch, dass ich gar nicht reagierte. Im Gegenteil, das Klingeln wurde nun durch ungeduldigeres Klopfen abgelöst, das nervte vielleicht.

Hausdurchsuchung: Es klingelte deutschlandweit pünktlich um 19 Uhr

Nun gut, dann beende ich mal die Sache, sagte ich mir, ging in den Vorsaal und meinte nach draußen, ich bin allein zu Hause und mache nicht auf, sie müssten schon zu einem anderen Zeitpunkt wiederkommen, aber dann angemeldet. Daraufhin antwortete mir jemand, es sei die Post, er habe ein Paket abzugeben für einen Nachbarn. Das war natürlich etwas anderes. In unserem Haus befindet sich eine Arztpraxis. Wir nehmen immer die Post für den anderen an. Also dachte ich, das ist ja schnell erledigt, ich öffnete und sah mich nun zwei baumlangen, kräftigen Kerlen gegenüber. Sie wirkten bedrohlich, also richtig angsteinflößend und auch gewaltbereit und nun glaubte ich, ich werde überfallen. Ganz ehrlich, in diesem kurzen Moment hatte ich sogar schon mit meinem Leben abgeschlossen.

Ehrlich gesagt erwartete ich, dass sie gleich eine Pistole ziehen würden, um mich damit zu bedrohen. Oder daraufhin in die Wohnung eindringen würden. Ich bin so erschrocken, wie noch niemals vorher. Da meinte ich noch: „Da stimmt doch etwas nicht„. Aber genauso muss ich auch auf sie gewirkt haben – eingeschüchtert und verängstigt, richtiggehend geschockt.

Es trat nun ein älterer Polizeibeamter vor, er zeigte mir seinen Polizeiausweis und sagte, ich solle mich erst einmal beruhigen und fragte, ob ich tatsächlich allein zu Hause bin. Er hätte eine Hausdurchsuchung bei mir durchzuführen und ob ich Larissa sei im Forum ebookspender.me. Ich bejahte beides und in Anbetracht meines Schreckens durchdrang mich nun beinahe grenzenlose Erleichterung, da sich die Sache als „harmloser“ aufklärte, als ich angenommen hatte. Das klingt vielleicht nun völlig verrückt, war aber so. Er händigte mir daraufhin einen Durchsuchungsbefehl aus, den nahm ich an mich und schaute ihn mir an.

Wir alle waren im Chat

Drei Mann gingen durch alle Zimmer und prüften, ob sie weiteres belastendes Material entdeckten. Einer der Leute stürmte gleich los zum Laptop und verkündete, bei mir hätte er Erfolg, ich bin im Chat. Er rief sofort jemanden an, um genau das zu melden. Dann begann er, alles zu sichern und ich saß mit dem Polizeibeamten am Küchentisch bei einer Vernehmung, zu der ich mich einverstanden erklärte. Er äußerte, andernfalls müsse er mich auf sein Revier bestellen. Das wollte ich dann doch nicht. Er teilte mir daraufhin mit, dass sie festgestellt haben, dass ich mich im Forum als Larissa 101 x eingewählt hätte, ob das so stimmt und so nahm das Verhör seinen Lauf…Eine Dame von der Stadtverwaltung war ebenso anwesend. Sie schaute darauf, dass alles ordnungsgemäß ablief bei der Durchsuchung.

Dann haben die Beamten natürlich alles mitgenommen, was sie so gefunden haben. Den Laptop werde ich wohl nie mehr wiedersehen, ein neuer Computer ist auch weg, darauf war aber absolut nichts von Belang, das Tablet von Amazon ist nun bei denen und jede Menge selbstgebrannter Filme (die sind schon uralt, aber mitgenommen haben sie die trotzdem), alle Festplatten, alle Sticks und auch mein Handy. Nichts von diesen Sachen habe ich zurückbekommen bisher. Ich lege auch keinen besonderen Wert darauf, sie zurückzuerhalten. Zumindest habe ich keinen Antrag auf Rückerstattung extra gestellt.

hausdurchsuchung crime scene razzia

Der Partner kommt nach Hause

Um 20.00 Uhr kam mein Lebensgefährte nach Hause. Er wusste wirklich von nichts. Er hat die vielen Leute gesehen und gefragt, was eigentlich los ist. Der Polizeibeamte, der mich vernommen hat, zeigte ihm den Durchsuchungsbefehl. Er las ihn durch und hat gefragt, wie lange die Aktion denn noch dauert. Sie sind in ca. einer Stunde fertig, war die Antwort und da hat er gemeint, die Stunde geht er zu einem Bekannten. Als er zurückkam, war er natürlich „begeistert“ und musste das Ganze erst einmal verdauen.

Allerdings hat er mir – ganz entgegen meiner eigenen Erwartungen – keinerlei Vorwürfe gemacht. Ich habe ihm dann mitgeteilt, dass wir ein Buchforum betrieben und einen Monatsbeitrag verlangt haben in Höhe von 5 Euro, die uns als Gutscheine zum Kauf von Büchern zugingen und dass keiner von uns sich daran bereichert habe. Auch Wunscheinkäufe haben wir gemacht, sagte ich ihm. Da fragte er mich, warum das nicht jeder selbst kann und ich erklärte ihm, dass Kopierschutz auf den Büchern ist, den wir entfernt haben. Natürlich musste ich ihm versprechen, in Zukunft von so etwas die Finger zu lassen und ich halte mich da auch absolut daran, nie wieder werde ich mich an etwas gleichem oder ähnlichem beteiligen!

Silberlocke und die anderen sind ebenfalls betroffen

Später fiel mir spontan ein, inzwischen war es schon 22.30 Uhr, dass ich die Telefonnummer von Silberlocke irgendwo habe. Also suchte ich die heraus und rief sie an. Eigentlich läute ich um diese Zeit bei keinem mehr an, aber das war ja ein Notfall. Ich erfuhr durch sie, dass sie ebenfalls „Besuch“ hatte und es bei ihr ganz ähnlich abgelaufen ist. Silberlocke teilte mir noch mit, dass sie von unserem Chattermin 19 Uhr, dienstags gewusst haben müssen. Sie selbst war ja nicht mit im Chat und ihr Rechner war auch nicht an als sie zu ihr kamen. Und so haben sich die Beamten gewundert und sie speziell gefragt, warum sie nicht im Chat sei…

Einen Tag später habe ich die Telefonnummer von Lars aus dem Impressum der Tarnkappe herausgesucht und meldete mich bei ihm auf dem Handy. Ich dachte, dass er so eine Nachricht unbedingt bringen sollte auf seinem Blog. Zu dem Zeitpunkt konnte ich keinesfalls wissen, dass er die gleiche Hausdurchsuchung hatte, wie die meisten von uns auch. Damit hätte ich zumindest nie gerechnet.

Lars war zu keinem Zeitpunkt in irgendeiner Form bei uns beteiligt. Er war höchstens 2x auf unserer Seite eingeloggt, um das Interview von mir zu bekommen. Allerdings – leichtsinnigerweise ohne VPN – und so lieferte er für die Ermittler einen Grund zu dieser Durchsuchung. Natürlich war dann statt Lars nur die Mailbox dran, sein Handy hatte man ebenfalls eingezogen…und ich wunderte mich, warum er nicht zurückrief…

Tarnkappe.info war ebenfalls betroffen

Erst einige Zeit später, konkret als ich mir ein neues Laptop besorgt hatte, war es mir möglich, zu Spiegelbest noch einmal Kontakt aufzunehmen. Ich berichtete ihm grob von den Ereignissen und fragte ihn, ob er mich vermitteln könne an die Kanzlei Solmecke. Ich hoffte, dass sie mich rechtlich vertreten könnten in diesem Fall. Tatsächlich gab er mir die E-Mail-Adresse von Frau Ratz, einer Mitarbeiterin dieser Kanzlei. Eine Vertretung kam allerdings nicht zustande. Sie hatten bereits einen anderen Klienten mit genau dem gleichen Aktenzeichen wie meines und beide Mandanten geichzeitig zu vertreten ist rechtlich nicht möglich.

Außerdem bekam ich von Spiegelbest noch die E-Mail-Adresse von Marcel Rosenbach vom Spiegel. Er war an einem Interview interessiert. Frau Ratz meinte aber zu mir, ich solle mich keinesfalls öffentlich zu diesem Fall äußern. So teilte ich das Herrn Rosenbach mit. Nun kam die Zeit, als sich Spiegelbest komplett zurückzog. Er schrieb mir, dass er vorhatte, unterzutauchen wie Otto seinerzeit und alle Brücken hinter sich abzubrechen. Seine letzten Worte an mich waren: „Es gibt nun kein Team Spiegelbest mehr„. Ich wünschte ihm alles Gute für seine weitere Zukunft und hörte seitdem nie mehr auch nur das Geringste von ihm.

Fazit:

Wir, das Team von Spiegelbest, waren also für Rivalon im Gegensatz zu Spiegelbest selbst kaum „trickreiche Gegner„. Wir ahnten zu keinem Zeitpunkt etwas davon, dass er uns ausspionierte und zumindest ich vertraute Spiegelbest, der mir immer wieder versicherte, dass unser Forum sicher sei, da keinerlei IPs geloggt werden. Man soll niemandem im Netz ein solches bedingungsloses Vertrauen entgegenbringen, das habe ich daraus gelernt, nur kommt diese Einsicht zu spät. Erst Sumselbär bestand darauf, dass wir uns ein VPN zulegen müssen, allerdings kam auch das viel zu spät…

In dem Artikel des Spiegel vom 19.12.2015 unter dem Titel „Jagd auf einen Unbekannten“ wirft der Journalist Marcel Rosenbach einen Blick hinter die Kulissen dieser Hausdurchsuchung. Er deckt auch die Methoden von Andreas Kaspar aka Rivalon auf. Dort schreibt Rosenbach:

Die Rückzugspläne lösten bei den Ermittlern Betriebsamkeit aus, zumal Kaspar fürchtete, technisch versierte Nachfolger könnten seine Manipulationen bemerken„. Also hat Rivalon schon befürchtet, dass, wie ich eingangs ja hier in meiner Vorgeschichte erwähnte, seine Spuren von dem Programmierer, dem ich ihm zur Seite stellen wollte, nicht unbemerkt bleiben würden. So sorgte ich unbewusst dafür, dass er sich zurückziehen musste, aber auch, dass nun eine bundesweite Hausdurchsuchung die unausweichliche Folge war für alle, die so leichtsinnig waren, sich ohne VPN bei uns einzuwählen. Es betraf dabei Moderatoren genauso wie besonders aktive Nutzer. Nun erst ergaben Rivalons Worte an mich: „Dann weiß ich ja, was zu tun ist“ einen Sinn. So war die Hausdurchsuchung zwar ein „Ende mit Schrecken“. Aber auch ein durchaus lehrreiches Ende für uns alle.

Wir sind keine Hausfrauen!

Und zum Schluss möchte ich noch etwas zu dem Mythos der Hausfrauen schreiben. Wie kam es hier eigentlich zu diesem Gerücht? Jeder von uns hat einen ordentlichen Beruf und geht einer geregelten Arbeit nach. Wie Spiegelbest schon schrieb, betrieben wir das Forum ausschließlich in unserer Freizeit und als Hobby und niemals als Fulltime-Job. Keiner von uns ist eine Hausfrau!


Welche Rechte habe ich bei einer Hausdurchsuchung? Was muss ich beachten?