Fachgespräch mit Stefan Michalk vom BVMI

Im Jahr 2009 kam es endlich nach langem Hin und Her zu einem Fachgespräch mit Stefan Michalk, dem früheren Geschäftsführer vom Bundesverband Musikindustrie (BVMI), sein Nachfolger ist Dr. Florian Drücke.

Im Vorfeld hatte ich unzählige Male dort angerufen und wurde von den Sekretärinnen stets abgewiesen. Herr Michalk war entweder nicht anwesend oder ganz zufällig immer genau in dem Moment in einem wichtigen Meeting, sobald ich am Hörer war. Später erfuhr ich, für Telefonate müsse er mich bei den Mitarbeiterinnen auf eine Whitelist setzen, ansonsten sei er halt IMMER busy und für lästige Journalisten nicht erreichbar. Ex-Pressesprecher Daniel Knöll meinte zu mir am Telefon, er habe keine Zeit für ein ausführliches Gespräch oder ein Interview. Generell sei er aber gesprächsbereit. Nun ja, diese Aussage war für mich nicht sonderlich hilfreich.

Wenige Monate zuvor traf ich Dieter Gorny auf der c/o pop und fragte ihn wutentbrannt, ob sein Geschäftsführer keinen Mut zu einem Austausch mit einem Vertreter der Netzkultur besäße. Gorny wusste von nichts und versprach sich höchst persönlich darum zu kümmern. Später traf ich Herrn Michalk beim Berliner Event Music meets Media. Nach Ende der Veranstaltung unterhielt mich mit ihm und Frank Otto draußen. Nach ein paar gemeinsamen Zigaretten war ihm offenbar klar, dass ich kein verrückter Spinner bin. Somit erfolgte die Eintragung auf der Whitelist und letztlich doch noch eine Einladung nach Berlin. Das Fachgespräch wurde damals mit einem MP3-Gerät mitgeschnitten und später in Handarbeit abgetippt. Es wurde am Ende kein Interview, es ist vielmehr eine Mitschrift unserer teils hitzigen Diskussion. Gelohnt hat sich der Aufwand allemal.

„Musik ist der Soundtrack unseres Lebens.“


Lars Sobiraj: Stellen Sie sich doch bitte vor und erklären Sie unseren Lesern, was Sie privat am Thema Musik reizt.

Stefan Michalk: Musik ist der Soundtrack unseres Lebens. Mich reizt daran, was eigentlich alle reizt. Nämlich, dass wir in ganz vielen verschiedenen Lebenssituationen mit Musik ganz viele Dinge verbinden. Sie begleitet uns von der Geburt bis zum Tod. Der Grund, warum ich persönlich in die Musikwirtschaft ging, ist der, weil diese Branche mit einem Thema zu tun hat, mit dem sich viele Branchen beschäftigen: dem Umgang mit geistigem Eigentum. Das betrifft alle Entertainment- und Content-Branchen. Da die Musikwirtschaft als Erstes betroffen war, ist sie meiner Meinung nach im positiven wie im negativen Sinne an der Spitze der Entwicklung. Und ich finde, das ist einfach eine spannende Diskussion, die wir da im Moment führen.

Lars Sobiraj: Es ist sicherlich auch eine bedrohliche Situation. In Tim Renners Buch wird beschrieben, wie 1994 bei der damaligen PolyGram Herr Negroponte vom MIT (wissenschaftlicher Thinktank) einen Vortrag hielt. Er prognostizierte, dass in zehn Jahren fünfzig Prozent des Absatzes über das Internet abgewickelt werden würde. Die PolyGram-Manager nahmen dies mit Skepsis und Langeweile zur Kenntnis. Im Buch wird beschrieben, einer der Zuhörer wäre sogar eingeschlafen. Sie haben sich alle getäuscht, denn es dauerte nur sieben Jahre, bis die meiste Musik über das Internet vertrieben wurde – aber illegal! Warum hat man das Phänomen Filesharing und das Internet so sehr unterschätzt?

 

„Es war eine Mischung aus nicht wissen und anfangs auch teilweise nicht akzeptieren wollen…“

Stefan Michalk: Das ist eine Frage, die alle Wirtschaftsunternehmen betrifft. Es ist immer sehr schwierig, sich etwas vorzustellen, solange es noch nicht Realität geworden ist. Das gilt insbesondere für Wirtschaftsunternehmen, die sich kontinuierlich in einem Spagat befinden. Vor allem wenn sich die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern. Der Spagat besteht darin, das laufende Geschäft zu betreiben und andererseits künftige Entwicklungen zu erkennen, diese zu antizipieren und darin zu investieren.

Da greifen ganz viele Dinge ineinander. 1994 war der erste Webbrowser gerade mal ein oder zwei Jahre auf dem Markt. Wenn man sich anschaut, was damals tatsächlich im Netz passierte, so war dies noch vergleichsweise wenig. Damals gab es die heutigen Bandbreiten ja noch gar nicht, um in einer für die Kunden akzeptablen Geschwindigkeit Musik herunterzuladen. Das bedeutet, das war (bei PolyGram) ein Blick in eine damals noch sehr weit entfernt wirkende Zukunft. Es dürfte auch viel damit zu tun haben, dass die damals handelnden Personen mit dieser Technologie vergleichsweise wenig zu tun hatten. Das hat sich erst im Laufe der Zeit geändert. 10 Jahre später sind an den entscheidenden Positionen Personen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, die die Technologie verstehen und sich dementsprechend Gedanken machen können, welche Angebote man den Konsumenten machen kann. Nichts desto trotz ist es so, dass heutzutage sehr viel Musik über das Internet vertrieben wird. Im klassischen Sinne wäre dies ein Weg, wo etwas verkauft wird. Das bedeutet, derjenige, der etwas anbietet bekommt im Gegenzug auch Geld dafür, dass er es anbietet. In der Contentbranche war der Grund, warum die Entwicklung so verzögert wurde, dass man sich an bereits abgeschlossene Verträge halten musste. Das heißt, die Verträge, die es bis dahin gab, waren gar nicht auf die Möglichkeit ausgerichtet, dass man die Files auch online vertreiben konnte. Ich glaube es ist nur schwer nachvollziehbar, wie schwierig es ist, solche Verträge nachzuverhandeln.

Es war eine Mischung aus nicht wissen und anfangs auch teilweise nicht akzeptieren wollen und wenn man sich Prognosen anschaut, wie sich der digitale Musikmarkt entwickelt hat, muss man sagen, dass die Vorhersagen von vielen seriösen Marktforschungsinstituten bis heute nicht eingetreten sind. In der Regel ist es so, dass sich der Musikmarkt auch auf der Konsumentenseite viel langsamer entwickelt hat, als dies vielerorts vorhergesagt wurde.

Stefan MichalkLars Sobiraj: Aber dennoch wurden Sie alle von der Entwicklung total überrollt. Deswegen geht de facto viel an Kultur, Künstlern und vor allem kleineren Labels den Bach runter. Neben den in Konkurs gegangenen kleinen Plattenlabels sind da die großen vier, die heutzutage vermehrt auf Mainstream wie Lady Gaga oder Dieter Bohlen setzen, weil dort das Risiko am kleinsten ist, Verluste einzufahren. Haben wir nicht einen immensen Schaden an unserer Kultur zu verzeichnen?

Stefan Michalk: Ja und nein. Aber dafür muss man erst mal verstehen, wie diese „Creative Industries“ beziehungsweise die Contentindustrie funktioniert. Ein Grundprinzip dieser Branche ist es, dass die Investitionen die dort getätigt werden, hochgradig risikoreich sind. Weil im Gegensatz zum Verkauf eines Gebrauchsmittels wie Waschmittel der Verkaufserfolg viel weniger kalkulierbar ist. Der hängt von ganz vielen Faktoren ab, die man einfach nicht voraussehen kann. Bei Buchverlagen oder Plattenlabels ist es grundsätzlich so, dass kommerzielle Produkte solche, die nicht so erfolgreich sind, weil sie weniger die Massen ansprechen, mitfinanzieren. In der Musikbranche ist es so, dass einer von zehn Künstlern oder auch Alben über eine gewisse Zeit hinweg in der Lage ist, die Investition, die man in den Künstler tätigt, zu refinanzieren. Sie brauchen die erfolgreichen Künstler, um die Nischenprodukte mitfinanzieren zu können. Das funktioniert so bei ganz vielen Branchen, beim Film, Buch, der Musik, auch bei der Kunst, wenn man eine Galerie hat. Dieses System hat halt über die Jahre hinweg extrem gut funktioniert, weil man mit den bekannten Künstlern sehr viel Geld verdient hat, was man dann wieder in unbekannte junge Talente umfinanzieren konnte. Das funktioniert heute nicht mehr so, weil man mit den bekannten Künstlern längst nicht mehr so viel Geld verdienen kann wie früher. Und auch viele bekannte wie unbekannte Interpreten unter dem gleichen Problem leiden. Nämlich, dass viele ihrer Inhalte unrechtmäßig genutzt werden. Das sind aktuell die Fakten.

Lars Sobiraj: Soweit sind wir uns ja einig …

Stefan Michalk: Auf der anderen Seite hat der Konsument da draußen eine ganz andere Wahrnehmung. Der Konsument kann jetzt auf Inhalte zugreifen, von denen er vor 10 Jahren noch nicht wusste, dass diese überhaupt existieren. In der Konsumentenwahrnehmung ist es so, dass die kulturelle Vielfalt in den letzten Jahren drastisch zugenommen hat, weil er viel stärker darauf zugreifen kann. Wenn man sich den Medienbereich anschaut. Früher hat man seine Tageszeitung und den Spiegel gelesen. Und heute kann ich kostenlos über das Internet auf 200 bis 300 Tageszeitungen zugreifen.

Lars Sobiraj: Alleine deswegen ist die Qualität ja nicht besser als das, was vor 20 Jahren im Spiegel stand.

Stefan Michalk: Qualitätsdiskussionen finde ich in dem Bereich problematisch. Letztendlich muss das da draußen der Verbraucher entscheiden, was für ihn Qualität ist und was nicht. Da treffen meiner Meinung nach auch zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite wirtschaftliche Realitäten, die es immer schwieriger machen Content zu produzieren. Und auf der anderen Seite das Gefühl der Konsumenten, dass die Angebotsvielfalt im kulturellen Bereich wahnsinnig zugenommen hat. Nimmt man an, man will auch weiterhin nichts für Kultur bezahlen, so ist diese Diskussion um den Schaden der Kultur vergleichbar mit der Diskussion um das Waldsterben. Wir wissen seit 20 bis 25 Jahren, dass der Wald stirbt. Dieser ist stark geschädigt, diesbezüglich gibt es auch Untersuchungen die über Jahre hinweg die gleichen Indizien liefern. Nichtsdestotrotz gehen die Menschen raus in den Wald und sagen: „Ich weiß gar nicht, was ihr wollt. Denn die Bäume stehen doch noch hier alle.“ Das sind langfristige Prozesse, wo sich die Meinung der Leute erst ändert, wenn es für den Konsumenten fühlbar wird. Ich glaube erst dann, wenn er merkt, dass die Medienvielfalt abnimmt, oder dass im musikalischen Bereich bestimmte Nischenprodukte in der Qualität nicht mehr existieren, das Fernsehprogramm schlechter wird etc. – erst dann wird aus sich selbst heraus auch die Konsumentenmeinung ändern.

„Diese Branche hat es über Jahre versäumt die ökonomischen Zusammenhänge klar zu machen.“


BVMI-LautsprecherLars Sobiraj:
Wahrnehmung ist ein gutes Stichwort. Gerade bei uns im gulli:board fallen im Zusammenhang mit der Musikindustrie gerne Begriffe wie: Koks, Nutten, Halligalli und Highlife. 96% aller neuen Veröffentlichungen kommen aber von Indie-Labels. Warum hat man die Musikfans nicht längst darüber aufgeklärt, dass es viel mehr als nur die vier Big Player gibt? Wieso hört man erst jetzt davon, das Filesharing auch einen Schaden verursacht? Warum ging man nicht längst auf die kritischen Medien zu? Bestes Beispiel war die falsche Statistik der Bundeszentrale für politische Bildung – warum wurden solche Fehldarstellungen nicht längst richtig gestellt?

Stefan Michalk: Ich glaube nicht, dass es gar keine Korrekturen gab. Wo ich Ihnen recht geben würde, ist: diese Branche hat es über Jahre versäumt die ökonomischen Zusammenhänge klar zu machen. Das gilt auch für Buchverlage oder die Filmwirtschaft. Jetzt ,wo der Karren schon ein wenig im Dreck steckt, ist es schwer, das zu tun. Es hat meiner Meinung auch damit zu tun, dass diese Branchen von ihrer Größe und wirtschaftlichen Bedeutung her sehr stark überschätzt werden.

Wenn man sich anschaut, dass die Musikindustrie in Deutschland einen Umsatz von 1,6 Milliarden Euro macht. Also nicht das Konzertgeschäft, das hat sich in den letzten Jahren verdoppelt. Aufgrund dessen hat diese Branche auch nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung. Wir als Verband der Musikindustrie die zirka 300 Labels vertreten haben eine Verbandsgeschäftsstelle, die mit 14 Personen besetzt wurde. Wir haben nur einen Pressesprecher und Sie wissen sehr viel besser als ich, wie viele tausend Quellen es dort draußen gibt, die richtige oder falsche Informationen verbreiten können. Wir haben schlicht ergreifend nicht die Manpower und nicht die Ressourcen das zu kontrollieren. Nichts desto trotz gibt es Beispiele,wie die falsche Darstellung der Umsatzanteile an einer CD bei der Bundeszentrale für politische Bildung, wo man Fehler am wenigsten vermuten würde. Solche Sachen hätten uns auffallen müssen, sind sie aber nicht. Wir haben viele Gelder, die im Bereich es illegalen Filesharings generiert wurden, immer wieder investiert, um Aufklärungskampagnen realisieren zu können. So auch das Projekt Schultor, wo man eine Woche lang in die Schulen geht, wo man mit 60 bis 80 Schülern das Modell Musikindustrie ganz intensiv spielerisch erfahrbar macht. Wir machen jetzt ein Projekt mit der Hochschule für Musik und Theater mit dem Namen „Play fair, respect music“, wo es genau darum geht, zu überlegen, wie man Schülern beibringen kann, welche kreative Leistungen als auch Arbeitsleistung und auch finanzielle Ressourcen sich hinter der Schaffung von Musik verbergen.

Lars Sobiraj: Das klingt nach Sisyphusarbeit …

Wir sind der Piratenpartei dankbar…

Stefan Michalk: Ja, das ist vor allem eine Arbeit, die wir nicht alleine leisten können und deswegen ist eine unserer gebetsmühlenartig wiederholten Forderungen, dass man dieses Thema zu einem Gesellschaftsthema machen muss. Von daher sind wir zwar auf der einen Seite nicht gerade begeistert über die Piratenpartei, weil sie eine Position vertritt, die relativ plakativ ist und auch keine alternativen Lösungen anbietet, wie Kulturwirtschaft anders funktionieren könnte. Wir sind aber auf der anderen Seite auch ein bisschen dankbar, weil dadurch die etablierten Parteien aufgewacht sind. Sie befürchten, sie könnten ähnlich, wie damals bei den Grünen ein Thema verschlafen. Die ganze Debatte hat deswegen, egal wie sie ausgehen mag, eine ganz andere Flughöhe erreicht.

Lars Sobiraj: Für Sie ist dennoch der Zug schon abgefahren. Die heutigen Jugendlichen haben diesbezüglich kein Unrechtsbewusstsein, für sie ist es völlig normal geworden, sich in den Tauschbörsen zu bewegen. Für uns Ältere war es damals normal, die Musik von Schallplatten auf Kassette aufzunehmen. Es gab aber keine verlustfreie Reproduktion, weder von den Schallplatten und erst recht nicht von den Aufnahmen auf Musikkassette. Wir haben damals also trotzdem viel gekauft und konsumiert. Das ist heute anders. Als der Bund deutscher Kriminalbeamter in den Schulen Aufklärung betreiben wollte, wurden sie verwundert angesehen. Aussagen wie „das macht doch jeder“ schallten den erstaunten Beamten entgegen. Wir haben jetzt also eine Generation von Kindern und Jugendlichen, die nicht mehr gewohnt sind für Musik Geld auszugeben. Ich glaube, Sie werden da an den Schulen nicht mehr viel bewegen können.

bvmi-logoStefan Michalk: Das glaube ich nicht. Dann könnten wir quasi den Laden dichtmachen. Ich würde da gerne nochmal den Bogen zum Umweltschutz schlagen. Ich sehe zwischen beiden Themen viele Parallelen. Als ich noch ein Kind war, hat mein Vater als Lieblingsbeschäftigung am Sonntag mit dem Wasser aus der Badewanne umweltgerecht das Auto gewaschen. Damals hat sich aber auch noch niemand darum geschert, wenn ein bisschen Öl ins Abwasser gelaufen ist. Da wurde dann auch mal der Motor mit irgendwelchem chemischen Zeug zur Reinigung eingesprüht. Und auch das lief dann ungeklärt ins Abwasser. Dennoch ist es in den letzten 20 bis 25 Jahren gelungen, in einer gesamten Generation in der Bevölkerung ein anders Bewusstsein für Umweltschutz herbeizuführen. Ich glaube, dass solche Bewusstseinsänderungen durchaus möglich sind und dass da nicht Hopfen und Malz verloren ist, sofern man sich intensiv darum kümmert. Im Bereich des Rauchens war es über Jahrzehnte total cool zu rauchen. Wenn Sie heute mit Kindern oder Jugendlichen sprechen dann finden die rauchen oftmals blöd weil unsexy. Von daher glaube ich nicht, nur weil eine Generation eine „Lost Generation“ ist, dass man deswegen schon komplett davor kapitulieren muss. Sondern ich glaube diese Diskussion ist noch viel zu jung, um heute schon sagen zu können, wohin sie am Ende führen wird. Was Sie auch nicht sagen können ist, wie diese Digital Natives reagieren, wenn sie ein wenig älter geworden sind. Es könnte durchaus sein, wenn die 25 oder 35 Jahre alt sind, dass sich deren Einstellung durchaus ändert. Das wissen wir noch nicht weil die Generation die mit dem Internet groß geworden ist dieses Alter noch nicht erreicht hat. Ich glaube, dass gesellschaftliche Veränderungsprozesse machbar sind, wenn man mit den Leuten redet, gute Argumente hat. Und wenn eine solche Generation merkt, dass es z. B. die Jobs, die sie spannend finden, überhaupt nicht mehr gibt, weil niemand etwas für Inhalte bezahlen möchte. Für viele Schüler stehen Jobs aus den Branchen Medien, Film, Musik, Games etc. ganz oben auf der Wunschliste. Nur wegen einer „Lost Generation“ ist dennoch eine Bewusstseinsänderung der Konsumenten möglich.

Lars Sobiraj: Vielleicht ist es ganz gut so, dass keiner von uns wirklich in die Zukunft schauen kann. Der BVMI versucht derzeit mit Abmahnungen gegen diese Problematik vorzugehen. Insgesamt gehen monatlich über 10.000 Abmahnungen mit einem Durchschnittswert von ca. 450 Euro an deutsche Filesharer raus. Kann man aber wirklich Abgemahnte zu Kunden machen? Ist es nicht eher so, dass man viel Ärger auf sich zieht? Musik ist eine sehr emotionale Angelegenheit. Kaputt machen möchte keiner etwas, was man mag. Aber die Musikwirtschaft stellt sich momentan als die Bösen dar. Wir haben also eine Generation von Netzindianern à la Robin Hood, die glauben die Labels machen eh alles falsch. Kann man aus den Abgemahnten aber wieder Kunden machen?

Stefan Michalk: Jemand, den man in der U-Bahn beim Schwarzfahren erwischt hat, der wird sich letztlich auch überlegen ob er das nochmal macht – schon alleine, weil das Risiko vergleichsweise groß ist. Bei den hohen Strafen wird er letztlich die Bereitschaft haben, wieder für sein Ticket zu bezahlen. Ich glaube, dass es einfach zu menschlich ist, dass wenn es die Möglichkeit gibt, sich etwas umsonst mit einem vergleichsweise geringen Risiko zu besorgen. Noch schwieriger wird es zu widerstehen, wenn man dazu auch noch Jugendlicher ist und es ganz viele verlockende Angebote gibt, die man sich auch gerne leisten würde. Musik tritt heute ja in Konkurrenz mit vielen anderen Angeboten. Seien es Handys, Games, eine Vielzahl von Internetangeboten, die teilweise kostenpflichtig sind etc. Das heißt, die Konkurrenz ist da schärfer geworden und wenn man sich dann etwas für umsonst besorgen kann, macht man das vielleicht auch gerne mal. Nichts desto trotz ist und bleibt es natürlich falsch, das zu tun. Ich glaube, auch das ist wieder eine Kommunikationsfrage, weil auch dahinter verbergen sich falsche Wahrnehmungen. Die letzten großen Major Plattenlabels erwirtschaften heute Umsatzrenditen, die bei 10% liegen, wenn sie gut sind. Das ist nicht viel, war mal viel mehr. Wenn sich dann ein bis zwei Künstler nicht mehr so entwickeln, wie man sich das erwartet hat, dann ist man schnell wieder an einem Punkt angelangt, wo man froh ist, wenn man überhaupt schwarze Zahlen schreibt. Vielleicht sollten sich diejenigen die beim illegalen Filesharing erwischt wurden und deswegen genervt sind, mal überlegen, was es emotional für denjenigen heißt, der mal bei einer kleinen oder großen Plattenfirma gearbeitet hat und der seinen Job verliert, weil viele Leute nicht mehr bereit sind, für Musik zu bezahlen. Bei Missmanagement wäre dies sicher etwas anderes.

Trotzdem bleibt der Versand der Abmahnungen in erster Linie eine Notwehrreaktion. Man hat lange Jahre ganz intensiv in dieser Branche darüber diskutiert, ob man das machen sollte oder nicht. Ich persönlich kenne das anfangs nur aus der Außenwahrnehmung. Man wusste natürlich genau, dass das Kollateralschäden beim Image herbeiführen würde. Am Ende hat man sich in Deutschland dafür entschieden. Ich habe dafür plädiert, wenn wir es schon machen, dann lass es uns richtig machen. Vorher war es eben so, dass nur vereinzelt Abmahnungen verschickt wurden. Somit hatte man den Imageschaden, aber den Effekt nicht. Was wir hier konkret sehen, ist, dass Deutschland einer der stabilsten Märkte weltweit ist und dass die Rate an illegalen Filesharern eine der niedrigsten weltweit ist. Dennoch würden wir heute gerne wieder Abstand von den Abmahnungen nehmen. Man muss es ja auch mal ganz ehrlich sagen: Das macht ja auf Dauer auch überhaupt keinen Spaß, weil es für alle Beteiligten ein eher destruktives Thema ist.

bvmiLars Sobiraj: Nun ja, das kommt ganz drauf an. Es gibt eine Firma, die hatte früher den Slogan „Turn piracy into profit“. Im Gegensatz zur promedia sitzen bei vielen IP-Ermittlern keine Menschen dahinter und protokollieren die IP-Adressen, da läuft das automatisch ab. Und es gibt leider nicht nur Anwälte wie Herrn Rasch, der bei einer sozialen Indikationen auf einen Teil der Abmahnsumme verzichtet. Es gibt leider eine ganze Menge Anwälte, die auf der Zahlung von horrenden Summen bestehen. Und selbst wenn sie wissen, dass Anschlussinhaber eine alleinerziehende Hartz-IV-Mutter war, deren Kind dafür verantwortlich ist, bestehen sie auf der Zahlung der Abmahnung. Die Mutter wusste nicht, was ihr Kind tat, und das Kind wusste oftmals auch nicht, welche Konsequenzen das nach sich ziehen kann. Ich finde, an dem Punkt wird es echt schwierig.

 

BVMI: Wir würden lieber Warnhinweise verschicken statt abzumahnen!

Stefan Michalk: Dass es letztendlich auch immer Auswüchse gibt, die auch wir nicht gutheißen – das können wir nur in dahingehend vermeiden, indem wir uns stets sehr genau angesehen haben, mit wem wir zusammenarbeiten. Die Firmen, die wir beauftragen, haben stets gewisse Vorgaben gehabt, wie sie mit demjenigen, den sie erwischt haben, umgehen sollen. Uns geht es nicht darum, jemand wirtschaftlich zu ruinieren oder ihn in die Ecke zu drängen. Sondern uns geht es darum, den Leuten klar zu machen, dass das was sie da tun illegal ist. Die Kosten wollten wir allerdings nicht übernehmen, weil sowohl die Suche als auch diese Verfahren kosten natürlich Geld. Ich glaube, dass illegales Filesharing für uns und unsere Geschäftspartner nie ein Geschäftsmodell war, sondern es ging immer darum, die illegale Nutzung zurückzudrängen mit dem Bewusstsein, das man gesagt hat, dass wir erst dann wieder Geld verdienen können, wenn die legale Nutzung nach oben geht. Und dann können wir das mit den Abmahnungen irgendwann auch wieder bleiben lassen. Unser Interesse geht in keinster Weise dahin, das auf Dauer fortzuführen. Wir wollen andere Wege gehen, weswegen wir uns das französische Modell angeschaut haben, das oftmals mit einem falschen Fokus diskutiert wird. Wir glauben damit einen effizienten Weg gefunden zu haben, der meiner Meinung nach allen Beteiligten gerecht wird. Wenn es gelingen würde bei Urheberrechtsverletzungen beim ersten, zweiten oder dritten Mal erst mal nur einen Warnhinweis zu versenden, ohne gleich juristische Schritte einleiten zu müssen, dann würde uns das besser gefallen, weil wir kein Interesse daran haben, Leute abzumahnen. Sie nicht mehr juristisch zu verfolgen würde vielleicht dem einen oder anderen Anwalt nicht so gut gefallen, weil er sich dann auf andere Dinge konzentrieren müsste. Wobei ich auch einige Abmahnanwälte kenne, die mir sagen, das sei kein Thema was ihnen auf Dauer Spaß machen würde.

Lars Sobiraj: Das mag sein. Aber es gibt leider auch genug arbeitslose Rechtsanwälte oder solche, die anders kein Geld verdienen.

Stefan Michalk: Gut. Aber dann tut es mir auch nicht leid, wenn die dadurch kein Geld mehr verdienen. Wenn man so etwas betreibt, muss dies mit Augenmaß geschehen.

Der Versand von Abmahnungen ist in erster Linie eine Notwehrreaktion.

Lars Sobiraj: Das würde mir auch nicht leidtun, nein!

Stefan Michalk: Ich glaube über den Versand von Warnhinweisen können viele derjenige verwarnt werden, die sonst glauben, sie sind im Internet anonym. Wenn die dann eine E-Mail oder sogar einen Brief bekommen, werden sie es lieber bleiben lassen. Oder dass Eltern die nicht wissen was ihre Kinder tun darauf aufmerksam gemacht werden und auch damit vermieden werden würde, dass die direkt eine Abmahnung über mehrere hundert Euro ins Haus geflattert bekommen. Welche Konsequenz bei den Wiederholungstätern ansteht, da hält sich mein Mitleid offen gesagt auch in Grenzen. Wer willentlich und konsequent bestehende Rechte verletzt um sich letztlich persönlich zu bereichern …

Lars Sobiraj: Solche Leute machen das dann aber meist so geschickt, dass man sie nicht dabei erwischt. Irgendwie ist das so ein Hase und Igel-Spiel. Solche Sachen wie verschlüsselte Filesharing-Börsen mit Freenet, I2P oder demnächst Anomos. Wo sich viel tut aber wenig darüber berichtet wird sind Usenet-Provider. Was immer mehr zum Paradies der Filesharer geworden sind das sind Filehoster wie Rapidshare und wie sie alle heißen. Und selbst wenn das nicht mehr ginge, gibt es noch immer Wege. Manche stellen Standbilder mit Songs in hoher Qualität bei YouTube ein. Ich kann dann das Musikstück als MP3 aus dem Video rippen und habe dann, ohne dass jemand außer YouTube meine IP bekommen hat, das Stück. Google wird die IP aber nicht rausrücken. Wer raubkopieren will, der wird es auch tun. Meinen Sie. diese Benachrichtigungen sind der Masterplan? Soll hier nicht wieder der Staat und die Internet-Provider etwas regulieren, wo die Firmen selber ihren Anteil am Dilemma haben? Hätte man da nicht aktiv werden müssen?

 

Jemand, den man in der U-Bahn beim Schwarzfahren erwischt hat, der wird sich letztlich auch überlegen ob er das nochmal macht.

Stefan Michalk: Aktiv werden – in welchem Bezug sollten die Unternehmen aktiv werden?

Lars Sobiraj: Aktiv werden in Bezug auf die Selbstdarstellung, in Bezug auf das Angebot von legalen DRM-freien Shops im Internet. Napster ist 1999 auf den Markt gekommen und hat das Internet in Windeseile durchzogen. Amazon war im April 2009 der erste Shop, der die großen Labels abgedeckt hat und wo DRM-frei zu guten Preisen Musik angeboten wird. Ich bin gerne bereit, 99 Cent für eine MP3 zu bezahlen. Ich bin aber nicht bereit, mir vorschreiben zu lassen, auf welchem Player ich diese abspiele, mit welcher Hardware diese funktionieren. DRM bedeutet ja, ich muss eine Internet-Verbindung haben und man muss sich mit dem DRM-Server verbinden lassen etc. Ich gebe gerne Geld für Musik aber nicht für DRM aus.

Stefan Michalk: Die Diskussion ist schwierig, wenn man mit den Versäumnissen anderer das eigene unrechtmäßige Handeln zu rechtfertigen versuct. Das ist nur menschlich, wenn die Leute denken: Ich mach’s ja nur deswegen, weil du dich so blöd verhalten hast. Aber ich glaube, da muss sich mal jeder an die eigene Nase fassen und muss sich überlegen, ob er es wirklich deswegen macht oder weil er sich damit einen persönlichen Vorteil verschaffen will. Auch zum Schaden all derjenigen, die sich nach wie vor legal verhalten. Und das muss man eben auch mal sagen. Ich glaube, dass es so ist, dass dieser Vorwurf, dass die Musikindustrie dort etwas verschlafen hat, zumindest heute überhaupt keine Berechtigung mehr hat. Wir haben letztens wieder eine Liste erstellt und es gibt in Deutschland alleine 49 legale Musikangebote im Netz. Die funktionieren mit den aller unterschiedlichsten Geschäftsmodellen. Das heißt, ich kann vergleichsweise günstig Songs kaufen, das geht los bei 49 Cent. Teilweise gibt es Alben für 4,99, 5,99 oder 6,99 Euro. Der Vorwurf, dass Musik zu teuer ist, hat auch keine Gültigkeit mehr. Man kann Musik eben nur bis zu einem bestimmten Preis nach unten billiger machen, weil irgendwann kommt man in einen Grenzkostenbereich rein, wo Musik nicht mehr produzierbar ist. Es ist dann zu den Konditionen wirtschaftlich nicht mehr möglich, genauso wie man einen VW-Golf eben auch nicht für 5000 Euro produzieren kann. Diese ganzen Rechtfertigungsstrategien wie die Plattenfirmen verdienen zu viel Geld, Musik ist zu teuer, haben sich zu spät angepasst, es gäbe keine legalen Angebote etc. Das alles sind Rechtfertigungen dafür, das eigene illegale Tun zu verschleiern. Was auch immer wieder gerne genommen wird, ist das Argument, die Musikindustrie produziert viel zu viel schlechte Musik ist vollkommen absurd, weil dann muss man sich die (schlechte Musik) ja auch nicht herunterladen. Auf der einen Seite wollen sie das Zeug haben, auf der anderen Seite werfen sie der Branche vor, dass sie zu viel Mist produzieren. Das sind meiner Meinung nach alles Scheinargumente.

Viele Scheinargumente um die eigene illegale Handlung zu rechtfertigen.

Um auf das zurück zu kommen was Sie gesagt haben. Ja, es ist richtig, was Sie da sagen. Es wird immer Leute geben die mit einem relativ hohen Aufwand an Energie und Know-how in der Lage sein werden, irgendwelche Systeme zu umgehen und sich im Internet anonym zu verhalten. Man wird auch nicht kontrollieren können, wenn Leute Festplatten untereinander austauschen und Ähnliches. Das sind gar nicht Dinge, die wir wollen. Wir wollen kein überwachtes Internet, wir sind auch nicht gegen Datenschutz, obwohl uns das immer wieder gerne nachgesagt wird. Wir wollen nichts weiter, als dass man die zurzeit gültigen Eigentumsrechte so lange respektiert, wie sie gesetzlich so festgeschrieben sind. Parallel dazu muss man mit Sicherheit diskutieren, wie man mit diesem Thema in Zukunft umgehen wird. Was wir vermeiden wollen, dafür halte ich den Versand von Warnhinweisen für ein effizientes Mittel: dass der illegale Download die Regel die Ausnahme ist und nicht die Regel. Die Masse der Konsumenten verhält sich nach wie vor legal.

Lars Sobiraj: Das glaube ich nicht!

Stefan Michalk: Das kann ich Ihnen anhand der Brennerstudie nachweisen. Es gibt demnach mehr Leute, die legal Musik herunterladen als illegal. Dass es immer ein paar Piraten geben wird, ist klar. Was sich über den Versand der Warnhinweise vermeiden lässt ist, dass die Ausnahme quasi zur Regel wird und die illegale Versorgung bzw. Selbstbedienung mit Filmen, Musik, Büchern, Software etc. kein überhandnimmt, weil es gesellschaftlich so sehr akzeptiert ist, dass es alle machen. Das letzte Rechtfertigungsargument ist dann noch: „Naja, es schmeißen halt alle Leute ihren Müll auf die Straße – dann kann ich das auch tun.“

Lars Sobiraj: Wie sieht die Musikbranche in zehn Jahren aus und wo wird Stefan Michalk in zehn Jahren sein? Das ist sicher kein leichter Job, Sie müssen die Interessen von vielen Parteien gleichzeitig vertreten. Ich nehme an, das ist sehr kräfteraubend. Sind sie dann noch in der Musikwirtschaft? Machen Sie das dann noch, was Sie heute tun? Ihre Position ist ja auch ein ziemlicher Feuerstuhl …

Stefan Michalk: Ich muss ganz ehrlich sagen, ich bin jemand der eine sehr bunte Vita hat. Ich bin ja eigentlich Journalist von Hause aus. Ich glaube, dass es mir letztendlich dabei geholfen hat, bei allen Jobs die ich gemacht habe immer eine kritische Distanz zu dem zu bewahren, was man tut. Und auch von außen auf die Branche zu schauen. Eigentlich war meine Verweildauer in Jobs immer drei bis vier Jahre. Ich bin jetzt drei Jahre hier und kann mir gut vorstellen das noch weitere drei Jahre zu machen. Und zwar deswegen, weil ich das Thema für alle Kultur- und Kreativbranchen extrem spannend finde. Ich finde das ganze Thema Kreativwirtschaft sehr spannend.

Es wird in Zukunft ganz viele verschiedene Geschäftsmodelle geben.

Ich weiß nicht, wo die Musikindustrie in zehn Jahren sein wird. Ich weiß aber, dass es dann noch so etwas wie eine Musikindustrie geben wird. Auch wird es dann noch Majors geben und auch kleine und große Labels. Das ist es was die Branche bzw. den Contentbereich generell so spannend macht, weil es ein kontinuierliches Wechselspiel zwischen großen und kleinen Faktoren gibt, die sich gegenseitig bedingen und die sich auch gegenseitig brauchen. Es ist meiner Meinung nach wichtig, dass es große internationale Player auf diesem Markt gibt. Man kann den großen Labels vorwerfen, was ich nicht problematisch finde. Nämlich, dass sie Geld verdienen wollen. Ich finde das nicht verwerflich und bei diesen Firmen arbeiten Leute mit einem extrem hohen Engagement für das Produkt und die Künstler an die Sache gehen. Da sind schon Leute mit Begeisterung dabei. Wenn man sich dann überlegt wer die neuen Player im Markt sind. Da wären nämlich z. B. die Telekom, die iTunes, die Googles, die MySpaces dieser Welt dann muss ich sagen, dass ich bis heute vergleichsweise wenig Leute kennengelernt habe, die auch nur ansatzweise die Begeisterung für das Produkt Musik mitbringen, wie man dies bei kleinen wie großen Labels findet. Weil die sind letztlich erst mal an ganz anderen Dingen interessiert. Die sind technikgetrieben und werden nicht die sein, die sich mit viel Engagement für Künstler einsetzen. Ich glaube, dass die Musikindustrie in dahingehend komplett anders aussehen wird, dass es nicht wie die letzten 30, 40, 50 Jahre das eine Geschäftsmodell für Musik geben wird. Es wird ganz viele verschiedene Modelle für Musik geben, also der klassische Musikverkauf. Aber ich glaube wir sind sehr weit davon entfernt, einen rein digitalen Markt für Musik zu haben. Es wird ganz neue Darstellungsformen von Musik geben so auch ganz neue physische Produkte, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. So also kleine Player, die ein holografisches Bild in den Raum projizieren, wenn man dann einen Chip einlegt oder eine Datei herunterlädt. Wir werden uns so bald nicht vom à la Card Modell mit dem Verkauf von CDs verabschieden können. Aber es wird Downloads, werbefinanzierte Modelle, Streaming-Modelle und viele andere Varianten geben. Es gibt ein gigantisches Angebot, was auf die unterschiedlichen Nutzungsbedürfnisse der Konsumenten abgestellt ist. Das heißt, es gibt denjenigen, der das Lied vielleicht gar nicht besitzen, sondern nur ab und zu hören will. Oder denjenigen, der es nur ab und zu zu Hause nutzt und denjenigen der es beim Joggen, im Auto oder im Urlaub nutzen will. Für diese ganzen unterschiedlichen Zielgruppen wird es unterschiedliche Angebote geben. Ich bin grundsätzlich optimistisch, dass diese Industrie, wenn auch vielleicht auf einem geringeren Niveau als vor zehn Jahren weiter existieren wird. Ich glaube, dass wir relativ nahe dabei sind, die Talsohle erreicht zu haben und dann auch wieder Wachstum generieren werden. Und zwar deswegen, weil die Nachfrage nach dem Produkt Musik ungebrochen groß ist. Die Musiknutzung hat sich in den letzten Jahren deutlich intensiviert und wenn man den Zahlen der großen Studien glauben darf ungefähr verdreifacht. D. h. wir haben heute in der Musikwirtschaft kein Produktproblem, weil dann würde ich mir ernsthaft Gedanken machen, sondern wir haben Abrechnungsprobleme. Wir brauchen diese gesellschaftliche Debatte „Wie gehen wir mit geistigem Eigentum in der digitalen Welt um“. Wenn man diese Debatte geführt hat, dann wird man dort draußen bei den Konsumenten ein anderes Bewusstsein geschaffen haben oder man wird dann neue Modelle finden. Modelle wie eine Kulturflatrate, auch wenn es meiner Meinung nach ganz viele Argumente gibt, die dagegen sprechen …

Lars Sobiraj: … deswegen habe ich Sie darauf gar nicht erst angesprochen, weil ich mir das schon gedacht habe.

Stefan Michalk: Auch wenn wir dieses Modell ablehnen, glaube ich trotzdem, dass man über solche Modelle reden und auch nachdenken muss. Heute weiß noch keiner, wie wirklich das Konsumentenverhalten in zehn Jahren aussehen wird. Die Branche hat wahnsinnig viele Schritte nach vorne gemacht, um Angebote zu machen, die dem Konsumenten entgegen kommen. Vielleicht hat man früher zu stark darauf gewartet, dass sich der Konsument verhält, wie man es gerne hätte. Man geht heute mehr darauf ein und sieht sich an, was die Kunden wollen.

Stefan MichalkLars Sobiraj: Das wird die einzige Möglichkeit sein, die Branche am Leben zu erhalten. Wie das Wall Street Journal berichtet hat, kippelt mit der EMI ja schon das erste Major Label. Ich bin allerdings nicht sicher, dass die Talsohle erreicht ist. Aber ich gehe völlig konform mit Ihnen, dass das Bedürfnis nach Musik ungebrochen groß ist. Ich weiß nur halt nicht, ob es gelingen wird die Menschen davon zu überzeugen, wieder Geld dafür auszugeben.

Meine letzte Frage: Ich habe den Deutschen Bundestag hier ganz in der Nähe gesehen, aber ich habe bei meiner Anfahrt kein Fabriktor und keine Schlote entdecken können. Warum nennt sich die Musikindustrie eigentlich Musikindustrie?

Stefan Michalk: Das ist eine gute Frage. Jetzt müsste man bei Wikipedia den Industriebegriff nachlesen und dort nach Definitionen suchen. Wir haben uns vor zwei bis drei Jahren umbenannt, wir hießen vorher Bundesverband der phonographischen Wirtschaft. Ich war damals ein Verfechter der Namensgebung, dass wir uns Musikindustrie nennen. Und zwar deswegen, weil wir in Teilen durchaus auch industrielle Produktionsstrukturen haben. Das bedeutet aber nicht Fließbandarbeit, Schwerindustrie, Chemie, Qualm und Fabrikhallen. Ich glaube eben auch, dass sich in unserem Bewusstsein dieser Industriebegriff wandeln muss. Im angloamerikanischen Raum geht man damit etwas einfacher um. Dort ist der Begriff creative industries ein gängiger und es hat auch niemand ein Problem damit sich selber so zu bezeichnen. Ich glaube wir hier in Deutschland haben teilweise noch immer ein etwas überholtes Verständnis davon, dass Kultur und Wirtschaft Gegensätze sind. Und das quasi ein hoher kultureller Anspruch und der Wunsch Geld zu verdienen sich schlecht vereinen lassen. Ich glaube, dass das eine etwas überholte Kulturromantik ist. Das sind keine Gegensätze, sie ergänzen sich im Gegensatz dazu sehr gut. Das sieht man auch daran, dass diese teilweise industriell geprägte Kulturproduktion auch eine gigantische kulturelle Vielfalt hervorgebracht hat, wie wir sie nie hatten. Das Modell war trotz aller Kritikpunkte, die man daran haben kann, sehr erfolgreich. Andere Modelle haben zumindest in den letzten zehn Jahren nicht bewiesen, dass sie ähnlich erfolgreich sein können. Denn wenn diese Industrie wirklich so viele Fehler gemacht hätte, wie man ihr das vermeintlich vorwirft, hätte es ein Leichtes sein müssen sie rechts zu überholen. Und es müsste demnach ja eigentlich längst neue Majors geben. Man sieht eben, dass diese ganzen neuen Ansätze wie Sell A Band, Motor FM, wie Netlabels natürlich mit ganz ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Es ist nicht nur ein Problem all derer, die versuchen das Modell so anzupassen, dass es auch in Zukunft tragfähig ist. Und obwohl der Zugang und die Produktion viel simpler geworden ist, so haben die da draußen ganz ähnliche Probleme. Die scheinen auch nicht das Modell zu finden, mit dem man mal schnell erfolgreich Musikproduktionen ins Leben ruft und es so macht, dass man wirtschaftlich nachhaltig etwas auf die Beine stellen kann.

 

Filehoster oder BitTorrent-Portale produzieren keine Musik.

Lars Sobiraj: Nein, den Masterplan hat noch keiner. Es gibt halt viele Ansätze und Versuche. Auch beim hoch gelobten Spotify muss man erst mal abwarten, ob sich das tragen wird. Der Streaming-Anbieter putpat geht demnächst online, tape.tv hatte einen Relaunch. Es gibt eine Menge Möglichkeiten und es ist für alle Beteiligten eine spannende Zeit.

Meine Retourkutsche zu Ihrer Aussage, es hätte keiner die Majors überholt, wäre, natürlich haben die Filesharer die Big Four überholt.

Stefan Michalk: … die produzieren aber keine Musik. Die Realität hat die Majors überholt, aber sie sind noch immer da. Es ist auch ein natürlicher Prozess, wenn sich Industrien in zyklischen Wellenbewegungen entwickeln, das sieht man auch in vielen anderen Branchen. Jetzt ging es einige Zeit nach unten und ich glaube auch, dass es dementsprechend eine lange Zeit nach oben gehen wird.

Lars Sobiraj: Ich denke das ist ein gutes Schlusswort.

Stefan Michalk: Wir reden bald wieder darüber …

Lars Sobiraj: Ja, das glaube ich auch. Ihnen auf jeden Fall vielen Dank für das ausführliche Gespräch!

Fotos: Lars Sobiraj. Grafiken: https://musikindustrie.de

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Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.

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Ein Kommentar

  1. 26. August 2018

    […] mir lapidar mit, ihm fehle schlichtweg die Zeit für einen Austausch. Im Jahr 2009 traf ich Herrn Michalk und den sympathischen Labelbetreiber Frank Otto zufällig in Berlin auf der Music meets Media. Ich […]

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