Unter dem Radar: Der satirische Monatsrückblick (Dezember 2015)

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Beim Dezember denkt man zunächst einmal an die, je nach Geschmack und Situation, besinnliche oder höchst ermüdende Weihnachtszeit. Das ist natürlich auch ganz richtig – aber auch über Tannenbäume, unsägliche Hits von Wham!, Geschenkeschlachten und kulinarische Exzesse hinaus ist im letzten Monat des Jahres 2015 so einiges passiert. Manche Dinge ließen uns den Kopf schütteln, einige sogar genau so schnell die Flucht ergreifen wie die 200. Wiederholung von „Winter Wonderland“. Der Monatsrückblick deckt auf.


Festung Großbritannien

Hier soll es nicht um die – für alle verantwortlichen Nationen gleichermaßen beschämenden – Verhältnisse in den Flüchtlingslagern von Calais und Dünkirchen gehen. Vielmehr beschäftigte uns hier bei der Tarnkappe ein Fall, in dem eine stärkere Kontrolle der Einwanderung durchaus eine Menge für sich hat. Ich meine, ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber manches ist einfach zu viel. Beispielsweise die unerträgliche Dummheit und Ignoranz des Milliardärs Donald Trump, der sich seit einer Weile als Anwärter auf die US-Präsidentschaftskandidatur der Republikaner versucht und dabei das fast unmögliche geschafft hat, indem er uns davon überzeugt hat, dass Sarah Palin weder in Sachen Inkompetenz noch Intoleranz so beeindruckend war, wie wir bislang angenommen hatten.

Donald Trump Mike Licht

Trump in action. Foto: Mike Licht (CC BY 2.0)

Eine von Trumps rhetorischen Perlen: er forderte ein komplettes Einreiseverbot für Muslime in die USA. Meines Erachtens wäre das Land besser damit bedient, fundamentalistische Christen und andere Sektenanhänger herauszuwerfen (wobei das den Haken hätte, dass diese Leute wahrscheinlich sonst niemand haben will), aber nun gut. Ebenso geschenkt, dass der angebliche Patriot mal recherchieren (beziehungsweise seine Berater, die hoffentlich wenigstens lesen können, recherchieren lassen) sollte, was unten auf der Freiheitsstatue steht. An Politiker der Kategorie „und sowas würden die Amis ernsthaft wählen?“ haben wir uns ja spätestens seit George W. „Mission Accomplished“ Bush gewöhnt. Trump seinerseits hat die Muslime seit Langem zu seinem Lieblings-Feindbild gemacht und nun möchte er ihnen also ganz die Einreise verweigern.

Darüber wiederum war eine größere Anzahl von Briten not amused. Großbritannien hat schon seit langem eine große muslimische Minderheit (und zeichnet sich vor diesem Hintergrund nebenbei bemerkt eher durch exzellente indische Restaurants als durch ständige Selbstmordattentate und Massenvergewaltigungen aus, wie Herr Trump vielleicht wüsste, wenn er seinen Reichtum nicht vor allem dazu einsetzen würde, möglichst wenig von der Welt zu sehen). Über eine halbe Million Briten beschlossen, ganz im Sinne von Sportsgeist und Fair Play, dass gleiches Recht für alle gelten sollte. Sie unterzeichneten folgerichtig eine Petition, die für Trump, wie für andere Hassprediger auch, ein Einreiseverbot für Großbritannien fordert. Mit diesem Antrag müssen sich jetzt die britische Regierung und das Parlament befassen. Wir dürfen gespannt sein, wie es für den intelligenzmäßig ebenso wie ethisch herausgeforderten Möchtegern-Spitzenpolitiker weitergeht.

Die unendliche Geschichte oder die neuen Leiden des jungen J.

Foto: Carmen Valino, thx! (CC BY 2.0)

Foto: Carmen Valino, thx! (CC BY 2.0)

Neuigkeiten gab es auch über den für seine mutigen Enthüllungen, seine kontroversen Ansichten und auch seine ständige Medienpräsenz bekannten WikiLeaks-Chefredakteur Julian Assange. So wie es aussieht, haben sich Schweden und Ecuador mittlerweile auf ein Abkommen geeinigt, das eine Befragung Assanges in der ecuadorianischen Botschaft in London ermöglicht. Bis es allerdings tatsächlich soweit ist, dürfte es noch eine Weile dauern. Immerhin haben wir es mit Bürokratien zu tun (kennt ihr den von den Beamten, die ein Aquarium ins Büro gestellt haben?). Darüber hinaus gab es in diesem Fall schon so viele weder mit Logik noch mit gesundem Menschenverstand nachvollziehbare Wendungen, dass so schnell wohl niemand mehr eine Prognose wagt, wie und auch wann es weitergeht. Eines aber wird es bestimmt geben, wenn Julian Assange dabei ist: Drama.

Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast (nämlich keinen Terroranschlag geplant)

Quelle: https://www.wernerboote.com

Golfen mit den Geheimdiensten? Foto: https://www.wernerboote.com

Die Liste von Dingen, die die Welt nicht braucht, denen man aber schwer ausweichen konnte, war im Dezember natürlich wieder lang. „Last Christmas“, beleuchtete Plastik-Weihnachtsmänner, ZDF-Schnulzen, Äußerungen von Donald Trump und, nicht zu vergessen, die Vorratsdatenspeicherung. Letztere trat am 18. Dezember nämlich, zum zweiten Mal in Deutschland, in Kraft. Und, fühlt ihr euch schon sicherer? Merkt ihr, wie die Bedrohung durch Terroristen, Kinderschänder und extremistische Cybers nachlässt, weil die Telcos speichern, wen ihr wann anruft und welche Kneipe ihr Freitag Abend um elf besucht? Natürlich nicht (hoffe ich zumindest, ansonsten leidet ihr entweder unter Halluzinationen oder unter CDU und beides wäre betrüblich). Immerhin seid ihr, so nehme ich an, weder Terroristen noch Kinderschänder noch extremistische Cybers (falls letzteres der Fall ist, seid ihr die einzigen Lebewesen auf dieser Welt, von denen ich liebend gerne ein Selfie sehen möchte, da ich schon immer wissen wollte, wie sowas aussieht). Dementsprechend bringt es gar nichts, euch beim Telefonieren zu überwachen (ebenso wenig wie mich, Oma Frieda und Herrn Öztürk von der Dönerbude). Das ist eben eins der Probleme bei anlassloser Überwachung: es wird eine Unmenge Geld und Energie dafür verschwendet, völlig unschuldige Menschen zu überwachen. Die richtigen trifft’s leider fast nie, weil die nämlich wissen, wie man solche plumpen Maßnahmen umgehen kann. Und falls die Hand voll Leute, die tatsächlich dumm genug sind, im Jahr 2015 oder 2016 noch einen  geplanten Anschlag ganz offen am Telefon zu besprechen, tatsächlich eine ernsthafte Herausforderung für unsere Ermittlungsbehörden darstellen, liegt das Problem sonstwo, aber nicht bei zu wenig Überwachung (kleiner Tipp: „Police Academy“ ist kein Ausbildungs-Video).

Fast ebenso traurig wie der zum zweiten mal durchgeführte Massenversuch in Sachen Geldverschwendung und Grundrechtseinschränkung ist aber die Tatsache, wie leise und ohne große Proteste die erneute Einführung dieses Versuchsaufbaus diesmal von statten ging. Auf die Gefahr hin, jetzt selbst wie die oben genannte Oma Frieda zu klingen, in deren Jugend natürlich die Sommer wärmer, die Winter kälter, das Essen viel leckerer und die Menschen netter waren: das hätte es 2007 nicht gegeben, beziehungsweise hat es nicht. Während die Regierung gut daran täte, aus den Fehlern der Vergangenheit endlich mal etwas zu lernen, sollten sich die Datenschützer wieder auf die Ideale und die Energie eben jener Vergangenheit besinnen. Denn auch, wenn der Kampf um die Vorratsdatenspeicherung erst einmal verloren ist und nur noch von der Kavallerie in Form des Bundesverfassungsgerichts gewonnen werden kann: ich bin sicher, unserer Regierung fallen neue interessante Sachen ein, mit denen sie dem Überwachungsstaat schrittweise näher kommen kann.

Auf ein Neues!

Mit dieser Prophezeihung für das gerade begonnene Jahr verabschiede ich mich von meinen geneigten Lesern, den mitlesenden Geheimdienst-Beamten und den extremistischen Cybers. Ich hoffe, 2016 wird für euch trotz allen politischen Irrsinns ein glückliches und erfolgreiches Jahr („erfolgreich“ gilt allerdings ausdrücklich nicht für die Schlapphüte, sorry, Jungs, aber so weit geht mein Sportsgeist bei aller Anglophilie dann doch nicht). Wir lesen uns im nächsten Monat an gleicher Stelle wieder.

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2 Kommentare

  1. Manuel Bonik sagt:

    Was ist denn mit dem Aquarium im Büro?

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