Online-Piraterie: eine rationale Wahl? Interview mit Martin Waschipky

Article by · 6. Oktober 2016 ·

Martin Waschipky hat als Masterarbeit für Kommunikations- und Medienwissenschaft mit rund 5.000 ausgefüllten Fragebögen exakt die Faktoren erhoben, die zur Nutzung von legalen beziehungsweise illegalen Streaming- und Downloadangeboten beitragen. Wir haben ihn kürzlich zu den Ergebnissen seiner Studie befragt.

Tarnkappe.info: Hier im Blog wurden die Leserinnen und Leser aufgefordert, an deiner Befragung zu legalen und illegalen Downloads teilzunehmen. Worum genau ging es dabei?

Martin Waschipky: Für meine Abschlussarbeit wollte ich eine quantitative Befragung zum Thema Online-Piraterie mit der Fragestellung Stellt Online-Piraterie eine rationale Wahl dar? durchführen. Ich hatte mich bereits in meiner Bachelorarbeit mit digitaler Piraterie beschäftigt und dabei auf die nicht-ökonomischen Anreize (alles außer Zeit- und Geldsparen) konzentriert. Hierfür wurden einige Intensivnutzer qualitativ (ausführlich und ohne Antwortvorgaben) befragt. Dabei kam heraus, dass neben der ökonomischen Perspektive, welche ja stets in den Medien und auch in wissenschaftlichen Untersuchungen betont wird, auch andere Gründe für die Zuwendung zu Piraterie existieren. Hierbei bildeten insbesondere Ehrgeiz, Unabhängigkeit sowie Austausch/Beziehung zentrale Anreize für die Zuwendung zu digitaler Piraterie.

 


Tarnkappe.info: Zunächst: Welcher Unterschied besteht zwischen der Bachelor- und Masterarbeit?

Martin Waschipky: Zum einen wurden in der Masterarbeit standardisierte Instrumente eingesetzt. Das Ziel bestand im Gegensatz zur Bachelorarbeit in einer Verallgemeinerung und Überprüfung der bisher gewonnen Erkenntnisse. Somit stehen nicht mehr die Einzelfälle, sondern das Phänomen als Ganzes im Fokus. Zum anderen prüft die Masterarbeit eine existierende Theorie zur Erklärung kriminellen Verhaltens.

Tarnkappe.info: Um welche Theorie handelt es sich? Kannst du diese kurz umreißen?

Martin Waschipky: Es handelt sich um das erweiterte ökonomische Modell kriminellen Handelns, welches auf Becker (1968) zurückgeht und von Mühlenfeld (1999) und Mehlkop (2011) erweitert wurde. Das Ausgangsmodell erklärt eine kriminelle Handlungsintention durch: Nutzen – Kosten x Entdeckungswahrscheinlichkeit. Die erweiterte Version berücksichtigt zusätzlich die Erfolgswahrscheinlichkeit (ist der Befragte fähig die kriminelle Handlung zu vollziehen) und die internalisierte Normkonformität. Aus den Variablen Nutzen x Erfolgswahrscheinlichkeit – Kosten x Entdeckungswahrscheinlichkeit wird eine neue Variable erzeugt: Der subjektive Erwartungswert (SEU), welcher gleichberechtigt neben der Normkonformität als Variable einfließt. Zusätzlich werden beide Variablen miteinander „kombiniert“, da eine Moderation theoretisch postuliert wird. Kapitel 4 widmet sich der Theoriedarstellung, interessierte Leser können dort genauere Ausführungen beziehen.

Tarnkappe.info: Widerspricht die Wahl einer ökonomischen Theorie nicht den Ergebnissen deiner Bachelorarbeit?

Martin Waschipky: Nein, denn in der Bachelorarbeit wurden Geld- und Zeitsparen sowie Sammeln als stärkste Anreize benannt, gleichwohl ist diese Perspektive verkürzt, weshalb auch andere Anreize/Begründungen berücksichtigt werden sollten. Daher habe ich auch in der Masterarbeit „weiche“ Anreize angeboten und die Befragten konnten diese ebenfalls bewerten. Weiterhin habe ich die Theorie modifiziert, da diese lediglich zwischen der Entscheidung für oder gegen eine kriminelle Alternative unterscheidet. Insbesondere bei einem weit verbreiten Verhalten wie Online-Piraterie erschien mir dies nicht sinnvoll. Daher wurde einerseits Piraterie in ihrer quantitativen Ausprägung (Häufigkeit in den letzten drei Monaten) gemessen und andererseits wurde die Ausgangstheorie um weitere Einflussfaktoren (Pirateriekompetenz, Neutralisierungsstrategien, Risikoneigung, Bezugsgruppe) erweitert.

“Online-Piraterie ist als rationale Wahl zu interpretieren”

Tarnkappe.info: Wie sehen die Ergebnisse aus? Kann mithilfe dieser Theorie Online-Piraterie erklärt werden?

Martin Waschipky: Die kurze Antwort lautet: Ja.

Es müssen jedoch einige Einschränkungen gemacht werden. Erstens sind die Ergebnisse der ursprünglichen Theorie nicht wirklich überzeugend: Die Testung in einem logistischen Regressionsmodell (Entscheidung für oder gegen Online-Piraterie) erfüllt alle Voraussetzungen und das Modell funktioniert (die Variablen werden signifikant). Gleichwohl die ist „Varianzerklärung“ (gibt es im log.-Reg.-Modell eigentlich nicht) mit einem Pseudo-R² (McFadden) von 0,13 nicht sonderlich hoch. Weiterhin muss die Implikation der Interaktion zwischen dem SEU und der Normkonformität kritisch gesehen werden (für genauere Ausführungen s. S. 91ff.). Um das Ganze mal etwas greifbarer zu machen:

abbildung 45b online-piraterie Martin Waschipky
Abbildung 45 stellt die fallspezifischen Interaktionen dar. In Abb. 45b wird dabei deutlich, dass drei Gruppen von Befragten (bezogen auf die Interaktion!) existieren:

– Gruppe 1: Befragte, welche eine geringe Wahrscheinlichkeit der Nutzung von Online-Piraterie aufweisen (< .4), zeigen eine negative und signifikante Interaktion.

– Gruppe 2: Befragte mit einer mittleren Wahrscheinlichkeit (> .4 und < .6), Online-Piraterie zu nutzen, weisen nicht signifikante Interaktionseffekte auf (z-Werte zwischen –2 und +2). In dieser Gruppe liegt keine Moderation vor.

– Gruppe 3: Befragte, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Online-Piraterie nutzen (> .6), zeigen signifikante Interaktionen mit positivem Vorzeichen.

Für Befragte der Gruppe 1 und 3 bildet die Normkonformität einen „Frame“, welche zur quasi-automatischen Wahl der legalen (Gruppe 1) bzw. illegalen (Gruppe 3) Alternative führt. Für den überwiegenden Teil der Befragten (Gruppe 2) wirken beide Größen hingegen unabhängig – sprich: Hoher Nutzen steigert die Wahrscheinlichkeit der Entscheidung für illegale Alternative und hohe Normtreue senkt die Wahrscheinlichkeit. Dies deckt sich mit den theoretischen Annahmen und bestätigt die bisherigen Forschungsergebnisse. ABER: Der Einfluss der Interaktion ist extrem gering (Abb. 45a) und kann auch nur mittels spezieller statistischer Analysen nachgewiesen werden. Zudem sind die Modellparameter schlechter und im linearen Modell zeigt sich der Interaktionseffekt nicht.

Zweitens greift die ursprüngliche Theorie zu kurz. Wird sie um andere Einflussfaktoren erweitert, so steigert sich die Leistungsfähigkeit des Modells von 26 auf 33 Prozent (vgl. Abb. 46). Wobei insbesondere die Variable Pirateriekompetenz einen erheblichen Einfluss besitzt.

seu Martin Waschipky

Drittens habe ich zusätzlich die Rolle habitualisierter (routinemäßiger) Nutzung untersucht. Hintergrund ist dabei die Überlegung, dass Nutzer, welche bereits seit längerer Zeit Online-Piraterie nutzen, wohl kaum immer wieder eine Kosten-Nutzen-Kalkulation vornehmen werden. Die Ergebnisse bestätigen die Annahme, da der SEU-Wert infolge der Berücksichtigung habitualisierter Nutzung extrem an Einfluss verliert und Normkonformität, Neutralisierungsstrategien, die Bezugsgruppe und andere Variablen keinen signifikanten Beitrag zur Varianzerklärung leisten können.

Im Ergebnis ist die Theorie zur Erklärung von Online-Piraterie geeignet, sie ist zahlreichen bisherigen Ansätzen sogar überlegen. Gleichwohl sind die Ergebnisse nicht verallgemeinerbar und dürfen auch nicht kausal interpretiert werden.

Tarnkappe.info: Welche Einschränkungen sind das?

Martin Waschipky: Zum einen handelt es sich bei der Stichprobe (fast 5.000 beendete Fragebögen, wovon 4772 auswertbar waren) nicht um eine echte Zufallsauswahl – die Ergebnisse sind somit nicht „repräsentativ“. Zum anderen liegt ein Querschnittsdesign (Messung zu einem bestimmten Zeitraum) vor, sodass sich eine kausale Interpretation (Ursache → Wirkung) ohnehin verbietet.

Tarnkappe.info: Das klingt eher nach Ernüchterung. Bist du unzufrieden mit den Ergebnissen?

Martin Waschipky: Überhaupt nicht! Die genannten Einschränkungen gelten für den überwiegenden Teil sozialwissenschaftlicher Forschungen und insbesondere aufgrund des speziellen Feldes stellt sich überhaupt die Frage, wie sinnvoll eine „repräsentative“ Stichprobe ist. Zur Absicherung wurde aus der Gesamtstichprobe eine Substichprobe gezogen, welche sich in ihrer Ausprägung an der Grundgesamtheit der deutschen Internetnutzer orientiert. Dabei wurden die Ergebnisse bestätigt und die Leistung des Modells ist teilweise sogar höher.

Aus wissenschaftlicher Perspektive von großer Relevanz ist zudem, dass aufgrund der Ergebnisse deutliche Kritik an den bisherigen Forschungsergebnissen zu Online-Piraterie geübt werden sollte. Zum einen dominiert rein quantitativ die Theorie mangelnder Selbstkontrolle die bisherige Forschungslage. Dabei wird unterstellt, dass Piraten eine geringere Selbstkontrolle als Nicht-Nutzer hätten. Sowohl aufgrund der Theoriekritik (vgl. S. 24f.) als auch aufgrund der Ergebnisse zur Risikoneigung (vgl. S. 100ff.) wird deutlich, dass dieser Ansatz nicht zur Erklärung von Online-Piraterie geeignet ist. Zum anderen verfehlten sämtliche Kontrollvariablen ein signifikantes Niveau, sodass auch diese häufig genutzt Erklärung falsifiziert werden konnte.
Weiterhin konnte die eigentliche Fragestellung durch die zahlreichen Kommentare und ein paar offene Fragen im Fragebogen erweitert werden. Insbesondere durch die qualitativen Angaben und die Verknüpfung der quantitativen Ergebnisse mit diesen offenen Angaben, ergibt sich ein extrem interessantes Bild auf Online-Piraterie, welches so bisher in keiner Arbeit vorliegt.

Online-Piraten und sonstige Phrasen-Drescher

Tarnkappe.info: Über wie viele Kommentare sprechen wir hier?

Martin Waschipky: Insgesamt wurden über 2400 offene Angaben, darunter 836 Kommentare, getätigt. Aufgrund der hohen Anzahl wurde sich für eine Kombination aus automatischer und manueller Inhaltsanalyse entschieden. Unten den zahlreichen konstruktiven Kommentaren fanden sich jedoch auch einige, in denen Frustabbau betrieben wurde. Meinen Lieblingskommentar möchte ich an dieser Stelle vorstellen:

Erstaunlich ist, dass Sie sämtliche Rechtfertigungsphrasen der Piraterieszene positiv ausdrücken und die vermeintliche Entkräftigung der Rechteinhaberargumente auch lediglich aus dieser Perspektive einbinden. Haben Sie dem Design Ihrer Studie eigentlich auch eigene Erkenntnisse zu den wirtschaftlichen und kulturellen Folgen der Piraterie zugrundegelegt? Die Urheber von Musik, Film, Literatur und Fotografie sind in erheblichem Umfang von Nutzungsvergütungen abhängig. Komponisten etwa erhalten sehr oft überhaupt keine Vergütung für die Kompositionsarbeit, dafür stehen ihnen GEMA-Tantiemen zu. Warum ist von solchen Erkenntnissen nichts in Ihrer Studie zu finden? Weshalb gibt es keine irritierenden Fragestellungen (und die, die Sie als Phrasen dreschen, irritieren keineswegs, sondern triggern lediglich den Phrasendresch-Reflex: Dann muss man nämlich selbst nicht mehr denken und sein Handeln nicht rechtfertigen). Ich finde das empörend“ (lfdn 914).

Hierzu nur ganz knapp:

Wirtschaftliche Folgen etc. wurden bereits in mehreren groß angelegten Studien, z.B. der EU, gewürdigt. Die Befunde finden sich entsprechend im Forschungsstand. Dies war nicht Gegenstand der Fragestellung.
Die genutzten Instrumente entstammen anderen Studien zu digitaler Piraterie, unterlagen Peer-Review-Verfahren und gelten als valide und reliabel.
Anhand der Item- und Skalenanalysen zeigt sich, dass insbesondere die angesprochenen „Phrasendresch“-Items nur geringe Zustimmung erfuhren und dass im Ergebnis die Bedeutung von Neutralisierungs- und Rechtfertigungsstrategien zu den unbedeutenden Einflussfaktoren zählen.

Tarnkappe.info: Und was ging aus den verwertbaren Kommentaren hervor?

Martin Waschipky: Für die Fragen nach den Gründen für eine Abkehr von illegalen Downloads lässt sich festhalten, dass insbesondere das Aufkommen von Streaming-Anbietern von Bedeutung ist. Legale Angebot werden als ausreichend oder besser als illegale Downloads empfunden. Weiterhin werden moralische Bedenken genannt. Neben diesen internalen Überzeugungen wurden insbesondere die Angst vor Verfolgung sowie ein verbessertes Einkommen genannt – diese wurden als externale Begründung interpretiert. Viele Befragte gaben auch an, schlicht kein Interesse zu besitzen.

abkehr_illegale_downloads Gründe Martin Waschipky

Sehr interessant war schließlich die Analyse der in Kombination aufgetretenen Nennungen: Dabei zeigte sich bspw. für die Angabe „Moral/Rechtlage bekannt“, dass die Gefahr von Viren und Strafe im gleichen Atemzug genannt wurden. Entsprechend muss das Argument moralischen Bedenkens zumindest für einen Teil der Befragten als vorgeschoben aufgefasst werden (vgl. Abb. 49).

moral rechtslage online-piraterie Martin Waschipky

Auch für die Frage nach der Abwendung von illegalen Streaming-Angeboten zeigt sich ein ähnliches Bild, wobei ein Teil der Befragten auf illegale Downloads auswich. Die drei Argumente schlechte Qualität illegaler Angebote, ausreichende Qualität und Angebot legaler Angebote und illegale Downloads statt Streaming treten als häufigste gemeinsame Nennungen auf. Insbesondere die Bedeutung einer erwarteten Strafe ist bei Streaming-Angeboten deutlich geringer als bei Downloads ausgeprägt.

Aus den Kommentaren gingen unterschiedliche Ausführungen hervor. Insbesondere Rechtfertigungen für die Nutzung illegaler Downloads wurden dabei geäußert. Interessant ist dabei, dass für die 4772 Befragten die Aussage, nach der illegale Downloads nicht schaden würden, nur geringe Zustimmung erfährt, in den Kommentaren hingegen explizit diese Begründung genannt wurde. Weiterhin erreicht die Variable Einkommen in der multivariaten Analyse kein signifikantes Niveau, in den Kommentaren findet sich dieses Argument jedoch relativ häufig. Als häufigste Nennungen gingen jedoch fehlende bzw. veraltete Angebote, ein schlechtes Preis-Leistungsverhältnis sowie die Ablehnung von DRM hervor.

Piraten des Clusters

Tarnkappe.info: Du meintest, dass die quantitativen Ergebnisse mit den offenen Angaben verknüpft wurden, was kann man sich darunter vorstellen und was kam dabei heraus?

Martin Waschipky: Mittels einer Clusteranalyse wurden anhand der quantitativen Angaben fünf Idealtypen identifiziert. Dabei weisen die jeweils zugeordneten Befragten hohe Ähnlichkeiten innerhalb des Clusters auf und die Cluster unterscheiden sich möglichst hinsichtlich der quantitativen Angaben. Dann wurden die qualitativen Angaben typischer Vertreter des Clusters analysiert. Tabelle 19 erlaubt einen Einblick in die Daten:

Im Ergebnis kann dadurch das Feld besser differenziert und beschrieben werden. Durch die Clusteranalyse wird auch deutlich, weshalb die Theorie nur teilweise (Menschen sind schließlich keine Roboter, die ausschließlich bestimmten Determinanten unterliegen) funktioniert. [entweder Verweis auf S. 114ff. oder diese Ausführungen, aber recht lang] .

1. Determinierte, rationale Verweigerer zeichnen sich z.B. dadurch aus, dass sie hinsichtlich der Erfolgswahrscheinlichkeit unterdurchschnittliche Ausprägungen zeigen, weshalb Online-Piraterie für sie per se nicht in Frage kommt. Die weiteren Größen stützen die theoretischen Annahmen. Determinierte, rationale Verweigerer vertreten den „Standpunkt, das jede Art von Content auch als Datei einen Wert hat und dafür bezahlt werden sollte. Sonst werden die Künstler/Schriftsteller/Kreativen nicht überleben können. Jeder der das weiterhin nutzt trägt daran Mitschuld“ (lfdn 850) und sind sich „im Klaren, dass diese Downloads illegal sind“ (lfdn 2456).

2. Komfortorientierte Pragmatiker nutzen hauptsächlich legale Angebote bzw. solche, welche sich in einer rechtlichen Grauzone bewegen: 50 Prozent des Clusters geben an, keine Online-Piraterie in den letzten drei Monaten genutzt zu haben, 40 Prozent weisen eine geringe (Skalenpunkte 1 und 2) und lediglich 10 Prozent eine häufige (Skalenpunkte 4 und 5) Nutzung auf. Für die Nicht-Nutzer von Online-Piraterie stehen dabei vor allem Komfort und Sicherheit im Vordergrund. Illegale Downloads werden als

– „zu mühselig“ (ldfn 1434),

– zeitaufwendig: „meine Downloads haben lange gedauert – teilweise über 10 Stunden bis ich ein Spiel heruntergeladen und zum Laufen gebracht habe“ (lfdn 5792) und

– „mit Trojanern, Viren etc. verseucht“ (lfdn 7767) beschrieben.

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Komfortorientierte Pragmatiker führen vor allem die für sie zentralen Vorteile legaler Angebote an: Demnach liefe „mit Programmen wie Steam, Spotify[…] alles viel entspannter“, da die Suche auf zahlreichen Websites entfiele (lfdn 3824). Vor allem das Preis-Leistungsverhältnis wird als Hauptgrund für die Zuwendung zu legalen Angebote angeführt: „Die legalen Angebote werden besser und die mehr Leistung und die höhere Qualität für vergleichsweise geringe Kosten sind Unschlagbar (Es gibt kein Recht alles kostenfrei sehen zu dürfen)“ (lfdn 3851). „Preis-Leistungs-Verhältnis kostenpflichtiger, legaler Download- und Streamingdienste deutlich besser als früher. Qualität heutzutage deutlich höher bei kostenpflichtigen, legalen Download- und Streamingdiensten im Gegensatz zu illegalen im Vergleich zu früher“ (lfdn 5565).

Piraten des Clusters: „Gerade im Bereich Film/Serien ist die Industrie noch in der Steinzeit, was das Angebot betrifft. Download ist kaum möglich, die Qualität grundsätzlich schlecht (selbst 1080p wird in lächerlichen Bitraten verteilt) und von O-Ton in DTS/Dolby darf nur geträumt werden. Die Dezentralen Quellen und regionale Beschränkungen bilden dann das i-Tüpfelchen der Misere..“ (4323).

3.  Normkonforme, moralische Nicht-Nutzer geben an, verstanden zu haben, dass an illegalen Downloads „IMMER jemand verdient (ohne dass die Schöpfer der Inhalte daran beteiligt werden), massiv Daten abgegriffen werden und der Umfang der Virenverseuchung erheblich ist. Wer sich dieser Portale bedient, ist nicht nur sehr wahrscheinlich ein zynisches Arschloch, sondern zudem auch hochgradig gefährdet“ (lfdn 914). „Früher bezog ich meine Hörbücher für einige Monate nur über diese Angebote. Nach längerer und ausschließlich dieser Nutzung fing ich an ein schlechtes Gewissen zu haben, weil ich die Produzenten nicht von meiner Nutzung hatten. Denn hätte jeder seine Hörbücher nur über solche Angebote bezogen würde es bald keine Hörbücher mehr geben[…] Heute habe ich eine Flatrate beim kostenpflichtigen Anbieter Audible“ (lfdn 6189).

Entsprechend suchen sie nach legalen Alternativen: „Musikdownloads lassen sich durch Youtube ersetzen. Statt gecrackter Software gibt es mittlerweile anständige Open Source Programme“ (lfdn 1562). Streamingangebote werden zwar genutzt, als moralisch einwandfrei wird dies von den Normkonformen, moralische Nicht-Nutzern jedoch nicht empfunden. Für die Befragten dieses Clusters stellt die Nutzung illegaler Dienste „das gleiche wie Ladendiebstahl, nur online“ (lfdn 3465) dar.

4.: Individuelle und sozial geprägte Intensivnutzer

– Beide Cluster ähneln sich stark, einziger Unterschied: Piraterie innerhalb des sozialen Umfeldes

the pirate bay isohunt flagge– Da Befragte des Clusters 4 angeben, Piraterie herrsche im sozialen Umfeld kaum vor, wird deren Piraterieneigung als primär individuelle Entscheidung interpretiert, wohingegen Befragte des Clusters 5 durch die hohe Nutzung innerhalb des sozialen Umfeldes als sozial geprägt beschrieben werden. Entsprechend finden sich in beiden Gruppen typische Rechtfertigungsmuster und Neutralisierungsstrategien, welche von der Abneigung gegenüber DRM und Kopierschutzmechanismen, der Differenzierung der Unrechtmäßigkeit in Abhängigkeit der Größe des Unternehmens bis hin zur generellen Unzufriedenheit mit sowie dem Fehlen umfassender legaler Medienangebote reichen. Einige Kommentare zur Illustration:

– „wenn man mal so überlegt, was ich schon Geld ausgeben hätte müssen für die Sachen, das wären mindestens. 30.000 Euro. Ich meine, woher soll ich die bitte holen? Allein meine Musik würde wenn jeder Titel 1 Euro ( nicht so abwegig ) über 10.000 € dann noch bisschen spezielle Software, die ich ab und zu nur nutze und die Demoversionen viel zu Willkür sind… Das wären auch mal mindestens 20.000 €, da viele Programme für größere Firmen etc. mehrere tausend Euro kosten“ (lfdn 4647).

– Die in der quantitativen Analyse nachgewiesene Bedeutung habitualisierter Mediennutzung, findet sich auch in Kommentaren der Intensivnutzer wieder, welche angeben, dass eine „Gewöhnung ans illegale Downloaden [stattfand] , weil mit Aufkommen von Interesse an Filmen/Musik zeitgleich auch intensive Internetnutzung anfing“ und hierdurch „fast noch nie legal Medien erworben :D“ wurden (lfdn 5011). Gewissermaßen zynisch wird dabei argumentiert, dass das Geld, welches durch illegale Downloads gespart wurde, für „wichtigere Anschaffungen[…] ausgegeben“ wurde, wodurch „das Geld seinen Weg in die Wirtschaft“ (lfdn 4603) fand.

– sozial geprägte Intensivnutzer verweisen in den Kommentaren häufig auf ihre Freunde und Bekannte, welche es ebenso machen. Illegale Kopien werden von Nicht-Nutzern nicht selbst, sondern durch Freunde und Bekannte beschafft.

Tarnkappe.info: Hast du abschließend noch etwas anzumerken?

Martin Waschipky: Ich danke allen Befragten für die Teilnahme an der Befragung, insbesondere dir, Lars, sowie Katrin, Caschy und SemperVideo danke ich für das Teilen des Aufrufs.

Die Arbeit macht zudem deutlich, dass zum einen erheblicher Forschungsbedarf hinsichtlich der Wertwahrnehmung digitaler Güter und der veränderten Mediennutzung durch legale und illegale Streaming-Angebote besteht. Zum anderen lassen sich auch für die Contentanbieter zentrale Implikationen hinsichtlich der Nachbesserung bestehender Angebote ableiten.

Und da bei allen Ausführungen noch immer nicht die Forschungsfrage beantwortet wurde:

Ja, Online-Piraterie ist als rationale Wahl zu interpretieren.

Hier geht’s zum Download der Arbeit.

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1 Comment

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    Diener

    Recht hat der Junge! Habe den letzten Absätzen kaum etwas hinzuzufügen. Schön, dass sich jemand die Arbeit macht, in diese in vielerlei Hinsicht “Grauzone” Licht zu bringen. Natürlich sind die angeführten Begründungen für jeden Alltagspiraten™ nichts neues, dennoch ist es gut zu wissen, dass das Thema auch jemand wissenschaftlich angeht.
    Die kleine Hoffnung besteht ja, dass solcherlei Arbeiten in der Zukunft dann in der Industrie zum Umdenken führen und statt auf Piraterieverfolgung (der wohl sowieso die allerwenigsten “echten Piraten” auf den Leim gehen) hin zu Piraterieprävention (durch angenehme Dienstleistungen) schwenken. Am Ende tuen die Piraten den zahlenden Kunden noch einen Gefallen, indem deren Dienste gezwungen werden, qualitativ nachzuziehen ;-)


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