National Emergency Library: Notstands-Bibliothek bietet 1,4 Mio. Gratis-Bücher an

National Emergency Library

Am 24. März 2020 richtete das Internet Archive eine Nationale Notfallbibliothek ein. Mit der National Emergency Library möchte man Schüler, Lehrer und Leser bei ihren Fernlernbemühungen unterstützen. Sie sollen in Zeiten der Corona-Pandemie kostenlos auf über 1,4 Millionen Bücher zugreifen können, wie Motherboard – VICE berichtet.

Internet Archive: der Ideengeber für die National Emergency Library

Das Internet Archive hat Brewster Kahle im Jahre 1996 gegründet. Als gemeinnütziges Projekt hat es seit 2007 den offiziellen Status einer Bibliothek. Zu Beginn war es noch ein reines Webarchiv, bei dem man mit der sogenannten Wayback Machine archivierte Websites anschauen konnte. Bereits 1999 hat man es um zahlreiche Archive erweitert. Die aktuelle digitale Bibliothek umfasst große Sammlungen von Texten, Büchern, darunter Lehrbücher, Romane, Sachbücher und mehr, Audiodateien, Videos, Bildern und Software. Ein besonderes Anliegen dieses Projekts ist die Langzeitarchivierung digitaler Daten in frei zugänglicher Form. Das Internet Archive versteht sich als Aktivist für ein offenes und freies Internet. Zudem geht es darum, gemeinfreie Werke dauerhaft zu erhalten und zu verbreiten.


Wegen Corona-Krise: Entfernte Wartelisten geben freien Zugriff auf 1,4 Mio. kostenlos ausleihbare Buchtitel

Bisher unterlagen digitale Kopien von Büchern strengen Regeln hinsichtlich dem Verleih. Dementsprechend waren die E-Books auf die gleiche Weise mittels einer Warteliste begrenzt, wie es die Anzahl der verfügbaren physischen Kopien in einer normalen Bibliothek auch gewesen wären.

Aus gegebenem Anlass, wegen der Corona-Krise, entfernte das Internet Archive vorübergehend seine Wartelisten für Tonnen von E-Books. Damit wurde eine Nationale Notfallbibliothek erstellt, die für alle Personen mit Internetverbindung geöffnet ist. Dadurch will man sicherstellen, dass Schüler und Studenten Zugriff auf zugewiesene Lesungen und Bibliotheksmaterialien erhalten. Zudem will man dadurch gewährleisten, dass Menschen, die aufgrund von Quarantänemaßnahmen keinen physischen Zugang zu ihren lokalen Bibliotheken haben, in dieser Zeit der Ausgangssperre weiterhin lesen können. Im Gegensatz zu einer typischen Leihbibliothek ist es hier für mehrere Benutzer gleichzeitig möglich, auf eine einzelne digitale Kopie eines Buches zuzugreifen.

In der FAQ zum Projekt heißt es:

„Die Mission von Internet Archive ist es, universellen Zugang zu allem Wissen bereitzustellen. Wir glauben, dass dies ein außergewöhnlicher Zeitpunkt ist, der Unterstützung in einem Umfang erfordert, die wir gewährleisten können. Durch das Aussetzen von Wartelisten werden Bücher in die Hände von Menschen gelegt, die sie benötigen, und es werden Fernunterricht, Forschungsaktivitäten, unabhängige Stipendien und intellektuelle Anregungen unterstützt, während Universitäten, Schulen, Ausbildungszentren und Bibliotheken geschlossen sind.“

Das Projekt erzeugt Sympathie als auch Kritik

Thomas Rid, Professor für strategische Studien an der Johns Hopkins University, teilt begeistert mit:

„Das Internetarchiv ist ein unschätzbares und unverzichtbares Gut für Forscher. Es beinhaltet alle drei Hauptmerkmale: Archivierte Websites, archivierte Dateien und Bücher. Ich habe mir in der Vergangenheit schwer zu beschaffende Bücher ausgeliehen und musste immer wochenlang warten. Jetzt gibt es mehr Bücher und kein Warten mehr. Dies ist eine fantastische Initiative, die hoffentlich dazu beitragen wird, dass die Menschen mehr Zeit mit Büchern und weniger Zeit mit sozialen Medien verbringen.“

Jedoch waren sich schon in der Vergangenheit nicht alle darüber einig, ob die Bibliothek legal oder ethisch vertretbar ist. Bereits im Jahr 2018 behauptete The Authors Guild, die größte Berufsorganisation für Schriftsteller, dass das Modell der Open Library, Bücher ohne Lizenzen zu digitalisieren und zu verteilen, „einen offensichtlichen Verstoß gegen das Urheberrecht darstellt“.

Verstößt National Emergency Library gegen das Copyright?

Kim Kavin, freiberufliche Schriftstellerin und Publizistin, ist Autorin einer Reihe von Büchern, darunter Tools of Native Americans: Ein Leitfaden für Kinder zur Geschichte und Kultur der ersten Amerikaner, der ursprünglich als Titel in der National Emergency Library aufgeführt wurde. Kavin erhält weiterhin Lizenzgebühren für das Buch und verglich in einem Interview die vom Internetarchiv ergriffenen Maßnahmen mit denen von Google, die The Authors Guild erfolglos wegen Urheberrechtsverletzung verklagt hatte. Kavin ist der Meinung:

„Jeder auf der Welt macht eine schwierige Zeit durch und jeder möchte sich gegenseitig helfen. Das heißt aber nicht, dass man auf Diebstahl zurückgreifen dürfe.“

Sie fügte hinzu, dass sie die Erlaubnis gewährt hätte, wenn sie gefragt worden wäre, ihr Buch zu benutzen. Tools of Native Americans hat man aufgrund ihrer Beschwerde inzwischen aus der National Emergency Library entfernt.

Internetarchiv-Direktor ruft Autoren zu Buch-Projektspenden auf

Die Nationale Notfallbibliothek läuft bis zum 30. Juni oder bis zum Ende des nationalen Notstands, je nachdem, was zuletzt eintritt. Zu diesem Zeitpunkt wird die Warteliste gemäß der Fair Use-Rechtsdoktrin wieder eingeführt. Mit dem Gebrauch einer Warteliste nimmt man Bezug auf diese US-Doktrin, die die Verwendung von urheberrechtlich geschütztem Material ohne Erlaubnis des Copyright-Inhabers unter dieser Bedingung gestattet. In einem Blogbeitrag, in dem die Einrichtung der National Emergency Library angekündigt wurde, schrieb Chris Freeland, Direktor des Internetarchivs, dass die Sammlung sowohl Studenten als auch Lesern helfen soll, die aufgrund von Schließungen oder Isolation nicht auf ihre lokalen Bibliotheken zugreifen können. Freeland appeliert an die Autoren:

„Wir hoffen, dass die Autoren unsere Bemühungen unterstützen, in dieser Krisenzeit einen vorübergehenden Zugang zu ihrer Arbeit zu gewährleisten. Demgemäß ermächtigen wir Autoren, sich ausdrücklich anzumelden und Bücher an die Nationale Notfallbibliothek zu spenden, wenn wir keine Kopie haben. Wir machen es Autoren umgekehrt auch einfach, Kontakt mit uns aufzunehmen, um ein Buch aus der Bibliothek zu nehmen.“

Chris Freeland räumt dabei ein, dass die Bibliothek eine neue Interpretation des fairen Gebrauchs mit der Nationalen Notfallbibliothek ausprobiert und berücksichtigt zugleich, dass sie der Aufforderung eines Autors nachkommen werden, ihre Werke aus der Bibliothek zu entfernen.

Copyright-Berater der Harvard-Universität gibt dem Projekt grünes Licht

Harvard-Urheberrechtsberater Kyle K. Courtney billigt die getroffene Maßnahme. Die Fair Use-Doktrin gelte genau für solche Situationen wie diese, in der man die Urheberrechts-Ausnahme von der Regel anwenden müsse. Zusammen mit anderen Experten für das Urheberrecht (Copyright) schrieb Courtney ein Statement, die das Internetarchiv als Rechtfertigung für seine Bibliothek in einer öffentlichen Erklärung zitiert. Damit gehen über 100 Personen, Bibliotheken und Institutionen konform. Courtney meint, es sei unwahrscheinlich, dass Gerichte Klagen wegen Urheberrechtsverletzungen während des nationalen Notstands besonders ernst nehmen würden. Laut Courtney würde die Idee dahinter die Menschen geradezu vereinen.

„Wir nutzen ein bestehendes Recht. Aber dieses hat die Gespräche über den Zugang zu Technologie in den letzten drei Wochen sicherlich weiter vorangetrieben, als in den letzten drei Jahren.“

Tarnkappe.info

Bildquelle: Free-Photos, thx! (Pixabay Lizenz)

Ich bin bereits seit Januar 2016 Tarnkappen-Autor. Eingestiegen bin ich zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibe ich bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, greife aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Meine Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.


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