Ist die Online-Piraterie organisiert von der Mafia? Ein neuer Bericht der Digital Citizens Alliance und der Firma IP House glaubt daran.
Ein neuer Bericht der Digital Citizens Alliance und IP House kommt zu dem Schluss, dass die Online-Piraterie im Laufe der Jahre organisierter und raffinierter geworden ist. Sogar die Mafia soll nun daran beteiligt sein. Allerdings muss man bedenken, wer den Report vorgestellt hat.
Bericht erstellt von zwei Lobby-Organisationen
Die Digital Citizens Alliance (DCA) ist eine US-amerikanische Lobby-Organisation für Internetsicherheit, die gute Kontakte zur Politik unterhält. Der Verein beschäftigt sich mit den Online-Risiken für Verbraucher durch Malware, Betrug, illegale Märkte, Piraterie etc. IP House ist hingegen ein privatwirtschaftliches Unternehmen zum Schutz und der Durchsetzung von geistigem Eigentum (IP) in den USA. Sie überwachen Websites, Fraud-Foren und Darknet-Marktplätze, identifizieren Tatverdächtige und liefern die Ergebnisse ihrer Untersuchungen an die Behörden. Genau dafür bezahlen die Rechteinhaber sie.
Der kürzlich veröffentlichte Bericht fordert Gesetze zur Sperrung von Websites und drängt den US-Kongress zum Handeln. Wie sich aber die Sperrung von noch mehr Websites auf andere kriminelle Aktivitäten auswirken würde, bleibt abzuwarten.
Die Verbindungen zwischen Piraterie und organisierter Kriminalität bestehen schon länger
Dieser Zusammenhang wurde erstmals Ende der 1990er Jahre deutlich, als die IFPI Bedenken hinsichtlich des grenzüberschreitenden Schmuggels von schwarzkopierten Audio-CDs durch kriminelle Netzwerke äußerte. Damals fand der Großteil der Piraterie noch offline statt.
Im Jahr 2003 kam neben der Mafia noch der Aspekt des Terrorismus hinzu. Dies sagte vier Monate später der Chef von Interpol gegenüber dem US-Kongress aus. Ronald Noble bezeichnete Verbrechen gegen das geistige Eigentum als die bevorzugte Finanzierungsmethode einer Reihe von Terroristengruppen.
Im Dezember 2003 warnte die britische Antipiraterie-Vereinigung FACT in Kinospots vor Piraterie als Finanzinstrument der Terroristen. Eigentlich ist verwunderlich, dass man nicht auch Kinderschänder und andere Bombenleger gleich mit in den Topf geworfen hat. Der Titel der Werbespots war passenderweise „Die Piraten sind hinter dir her“. Im Original „The Pirates Are Out to Get You“, siehe unten.

Bericht aus 2009 vermischte Fakten miteinander
Basis der Spekulationen ist ein Bericht der von der Filmindustrie finanzierten Organisation RAND aus dem Jahr 2009. Dabei hat man einfach Produktfälschungen und Copyright-Verletzungen in einen Topf geworfen. Im neuen Bericht stellt man diese Form der Kriminalität hingegen als etwas Neues dar. Die Piraterie habe sich zu etwas weitaus Strukturierterem und Raffinierterem entwickelt, schrieb man beim Business-Netzwerk LinkedIn.
Zwar sind die alten Verweise auf Fälschungen nicht vollständig verschwunden, doch bietet der neue Bericht mehrere neue Erkenntnisse und bestätigt, dass sich die Zeiten geändert haben. Im Jahr 2009 wurden die größten Piraterieseiten noch von Menschen betrieben, die das als Hobby mit einer Leidenschaft für Technik und Filesharing angefangen hatten. Das Gleiche lässt sich von vielen großen Piraten-Streaming-Netzwerken, die heute aktiv sind, nicht mehr sagen. Auch wenn die meisten Akteure keine Mafia-Mitglieder sein werden, dort dreht sich beinahe alles ums liebe Geld.
Piraterie-Netzwerke als organisierte Kriminalität
Der neue Bericht führt mehr als ein Dutzend aktuelle Strafverfolgungsmaßnahmen an. Damit will man belegen, dass die heutigen illegalen Streaming-Netzwerke den formalen Definitionen von organisierter Kriminalität entsprechen, wie sie von Interpol, Europol und den Vereinten Nationen festgelegt wurden. Die Fälle stammen unter anderem aus Spanien, Italien, Brasilien, Kanada, Indien und den Vereinigten Staaten.
Als Beispiel führt man beispielsweise die „Kratos“-Razzia aus November 2024 an. Dieser IPTV-Anbieter soll in mehreren Ländern insgesamt 22 Millionen Abonnenten versorgt haben. Bei Razzien in elf Ländern stellte man Kryptowährungen im Wert von 1,9 Millionen Dollar, 46.000 Dollar in bar sowie „Drogen und Waffen“ sicher.
Dies sieht man als Beweis an, dass Betreiber von Piraterie-Plattformen mittlerweile Kontakt haben mit Mitgliedern der Mafia und anderen kriminellen Organisationen. Die spanische „Operation Fake“ richtete sich gegen einen IPTV-Anbieter, der angeblich Content-Diebstahl mit Kryptowährungs-Mining, Immobilienbetrug, Drogenhandel und Geldwäsche verbunden hat. Beispielhaft erwähnt man auch den Bust von Xtream Codes im Jahr 2019. Dies war eine Art Verwaltungsplattform, die weltweit Tausende von IPTV-Marken betrieb. Dem Bericht zufolge verkauften Großhandelsanbieter schlüsselfertige Pakete an Wiederverkäufer auf Einzelhandelsebene, wodurch der Kernbetrieb abgeschirmt blieb, als es der Polizei gelang, kleinere Dienste abzuschalten.
Der aktuelle Bericht bezieht sich auf einen ehemaligen Piratenbetreiber, der zum Informanten wurde und im italienischen Fernsehen erklärte, dass „diejenigen, die für illegales IPTV bezahlen, die Camorra finanzieren“. Diese Verbindungen zwischen IPTV-Anbietern und der Mafia sind nicht neu. Anhand der öffentlich zur Verfügung stehenden Informationen kann man diese Behauptung aber bisher nur schwerlich nachweisen.
Wie sich die Portale im Laufe der Zeit verändert haben
Es stimmt soweit, dass die Betreiber vermehrt profitorientiert tätig sind. Während man früher noch so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl unter Filesharern förderte, nutzen moderne Streaming-Betriebe häufig ein Franchise-Modell, bei dem sie raubkopierte Inhalte und fertige Skripte für Piraterieseiten über ein „Piracy as a Service“-Modell beziehen. Und selbst wenn nicht, sehen viele Portale fast gleich aus, weil sie auf ein paar wenigen Piraten-CMS-Systemen basieren. Das gilt auch für viele deutsche Streaming-Portale. Der Nachteil neuartiger Modelle ist offensichtlich. Wenn im Hintergrund alles aus einer Hand kommt, sind automatisch alle Seiten offline, sollte man an der richtigen Stelle den Stecker ziehen.
Bericht fordert noch mehr Websperren in den USA
Nachdem der Bericht auf seinen 42 Seiten größtenteils darlegt, dass Piraterienetzwerke mittlerweile als organisierte Kriminalität einzustufen sind, schließt er mit einem Abschnitt mit politischen Forderungen, die man an den US-Kongress richtet. Konkret empfiehlt der Bericht Gesetze zur Sperrung von Websites und weist darauf hin, dass man diesen Ansatz bereits von „mehr als 50 Ländern“ verfolgt. Neben der Sperrung von Websites fordert der Bericht auch strengere Strafen, Verpflichtungen für Zahlungsabwickler und erweiterte Befugnisse des Finanzministeriums, ausländische Piraterie-Betriebe als „vorrangige Geldwäschereirisiken“ einzustufen. Gegenüber Torrentfreak sagte Jan van Voorn, CEO von IP House, er wüsste, dass Websperren nicht automatisch alle Probleme lösen können. Der frühere Chef der ACE hofft aber, damit die Einnahmen der illegalen Anbieter zu verringern. Kurz gesagt: Es wäre immerhin besser, als nichts zu unternehmen.
Zeitpunkt gezielt gewählt
Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist wahrlich nicht zufällig. In beiden Kammern arbeiten US-Abgeordnete an einem parteiübergreifenden Gesetzentwurf zur Sperrung von Websites. In der Folge haben Lobbyorganisationen kürzlich ihre Aktivität merklich erhöht. Anfang der Woche nutzte die Motion Picture Association (MPA) in Zusammenarbeit mit der ACE den Welt-IP-Tag, um mehr Websperren zu fordern. Darüber hinaus wird in einer neuen, von der Filmwirtschaft finanzierten Studie über die Zusammenhänge zwischen Piraterie und Cyberbedrohungen in Lateinamerika (PDF) die Sperrung von Websites ebenfalls als mögliche Gegenmaßnahme genannt.
Kann man mit Websperren die organisierte Kriminalität begrenzen?
Ob noch mehr Websperren tatsächlich dazu führen, die organisierte Kriminalität inklusive der Mafia zurückzudrängen, bleibt kritisch abzuwarten. Und auch, ob man damit die Bedrohungen der Cybersicherheit bekämpfen kann, gegen die sich die geforderten Maßnahmen ja eigentlich richten sollen.
Wer sich für mehr Details interessiert: Von hier kann man den Bericht ohne Anmeldung oder Angabe von Daten herunterladen.
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