Von kleinen Unternehmen bis hin zu Behörden & NGOs. Legale Websites geraten ins Kreuzfeuer von LaLiga im Kampf gegen illegale Sport-Streams.
Immer mehr schauen sich Fußball-Übertragungen schwarz an. Legale Websites haben in der Folge das Nachsehen. Jorge Moya betreibt in Albacete, Spaniens Stadt der Messer, einen Online-Shop für besondere Messer für Sammler. An einem Sonntag Mitte Mai war es mal wieder soweit. Als Kunden versuchten seine URL aufzurufen, erhielten sie stattdessen nur die Warnung des höchsten spanischen Fußballverbandes LaLiga. Dort stand, man habe seinen Online-Shop im Rahmen einer Anti-Piraterie-Aktion gesperrt.
Fußball: Während der Übertragung ist der Online-Shop blockiert
Moya war enttäuscht, doch die Warnung hat ihn nicht weiter überrascht. Während im Fernsehen eines der 380 jährlich übertragenen Spiele der LaLiga laufen, passiert das immer wieder. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Bloomberg erzählt Moya, er versuche mit seinem seriösen Geschäft seinen Lebensunterhalt zu verdienen, gerade so wie jeder andere auch. Er habe mit illegalen Sport-Live-Streams nichts am Hut. Er würde sich diese noch nicht einmal anschauen.
Das Problem: Der Geschäftsmann verliert bei jeder Sperre Geld unbekannter Höhe, wenn man seinen Online-Shop mal wieder nicht besuchen kann. Doch wer soll irgendwelche Schadenersatzansprüche von Moya übernehmen? Die Online-Piraten? Wohl kaum! Auch LaLiga oder der CDN-Dienst, der seine Website sperren muss, würde sich gegen eine Entschädigung mit Sicherheit zur Wehr setzen. Moya hat Angst, potentielle Kunden könnten die Meldung missverstehen als Warnung vor einem unseriösen Geschäftsgebaren. In der Folge könne es passieren, dass die Besucher nie wieder kommen. Ob das schon geschehen ist, wird er wohl nie erfahren.
Verband nimmt Kollateralschäden einfach in Kauf
Mittlerweile trennt man jedes Wochenende während der Übertragungen Tausende von Websites in Spanien als eine Art Kollateralschaden vom Internet. Die anhaltende Sportpiraterie kostet die Branche weltweit nach eigenen Schätzungen mehr als 28 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Wie Bloomberg richtig schlussfolgert, sind IP-Blockaden aber ein höchst stumpfes Instrument, was nicht nur die Akteure selbst trifft. Betroffen sind auch die Websites von kleinen Familienbetrieben, Reiseportale bis hin zu den Online-Präsenzen von Behörden und gemeinnützigen Organisationen. Kaum ist das Spiel vorbei, funktionieren die Seiten auf wundersame Weise wieder.
Mehr als 550.000 Domains von den Sperren betroffen
Das Ganze ist wahrlich kein Einzelfall. Das „Open Observatory of Network Interference“ (OONI) verfolgt solche Internet-Sperren. Man schätzt, dass mindestens 5,8 % der weltweit meistbesuchten Websites – mehr als 550.000 Domains – von den LaLiga-Maßnahmen in Spanien betroffen waren. Dies geht aus Daten hervor, die die NGO Bloomberg News exklusiv zur Verfügung gestellt hat. Darunter waren natürlich auch zahlreiche legale Websites.
Maria Xynou, die Mitgründerin der NGO, hat dafür kein Verständnis. Sie kennt ein solches Vorgehen sonst nur von autoritären Regimen, um Andersdenkende online mundtot zu machen. Zu den Opfern der Sperren gehörten Portale wie die Spieleplattform Steam, die Dating-App Grindr, die US-Militärforschungsagentur DARPA, die Messaging-App WeChat sowie Seiten von Greenpeace, Amnesty International und die anderer NGOs.
Laut einer Analyse von OONI, bei der man in der ersten Hälfte des Jahres 2026 die Erreichbarkeit von 9,2 Millionen großen Domains getestet hat, hatte man während eines beliebigen LaLiga-Fußballspiels bis zu 478.000 Domains gesperrt. Die tatsächliche Zahl dürfte noch weitaus höher liegen, da kleinere Websites wie Moyas Messerschmiede „Don Filo“ so klein sind, dass sie nicht in der Statistik auftauchen. Das bedeutet aber nicht, dass sie dabei keinen Schaden erleiden. Doch nicht nur die Kunden von Cloudflare sind betroffen. Andere betroffene Domain-Mieter nutzten die Infrastruktur von CDN-Anbietern wie Amazon, Alibaba Cloud oder Squarespace.
LaLiga weist die Vorwürfe zurück
Der Verband der obersten spanischen Fußball-Liga will für die vielen Ausfälle nicht verantwortlich sein. Die Datenlage beweise lediglich, dass Websites während der Spiele gesperrt waren. Aber nicht, dass sie für die Sperren verantwortlich waren. Kritiker bezeichnen solche Ausflüchte als Verantwortungsdiffusion. Irgendjemand muss dafür zuständig sein, Hauptsache wir nicht!
Das Statement von José Ignacio Carrillo de Albornoz, dem Global Content Protection Manager von LaLiga, geht sogar noch weiter. Er geht davon aus, dass Cloudflare absichtlich legale und illegale Inhalte in einer IP-Adresse vermische. Der Kollateralschaden entstehe nicht zufällig, weswegen der Verband offensichtlich auch nichts dagegen unternehmen will. Der Manager müsse die Inhalte seines Arbeitgebers „verteidigen„, gab er bekannt. Wer sich von einem Anbieter schützen lässt, der Rechte am geistigen Eigentum missachtet und nicht wie gefordert kooperiert, dann liege die Verantwortung halt bei Cloudflare als auch bei ihren Kunden. So könnte man seine Aussage überspitzt interpretieren. Das ist natürlich auch eine Methode, um ja keine Verantwortung tragen zu müssen.
Spanien: Kosten für legalen Sportkonsum verdoppelt
Wer für den Live-Fußball bezahlen will, muss dafür tief in die Tasche greifen. Um legal Veranstaltungen zum Thema Fußball, Boxen und die Formel 1 zu verfolgen, muss man für ein umfassendes Abo in Kombination mit dem Breitbandanschluss 81 Euro monatlich bezahlen! Die Kosten haben sich im Vergleich zum letzten Jahrzehnt dabei nahezu verdoppelt. Kein Wunder also, wenn bei derart hohen Preisen immer mehr Zuschauer auf Anbieter aus dem Graubereich ausweichen. Laut Panda Security stieg der Anteil der Nutzer illegaler Inhalte in vier Jahren bis zum Jahr 2024 um 66 Prozent an, mittlerweile dürfte es noch viel mehr sein!

Blockaden nach dem Gießkannenprinzip
Das Problem ist aber, dass Blockaden nach dem Gießkannenprinzip viele Betreiber legaler Websites Webseiten betreffen und zudem auch das Recht auf den Zugang von Informationen und die Meinungsfreiheit einschränken. Das harte Vorgehen von LaLiga in Spanien dient als warnendes Beispiel für andere große Sportveranstaltungen, darunter auch die laufende Fußball-Weltmeisterschaft der FIFA. Denn nicht nur bei den spanischen Fußballvereinen, auch bei der FIFA stellt der Verkauf der Übertragungsrechte die größte Einnahmequelle dar. Und obwohl man sich viele Spiele kostenlos im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anschauen kann, ist in diesem Bereich trotzdem die Online-Piraterie weit verbreitet.
Die FIFA setzt bei ihrem Kampf ein Team ein, was vor allem in den sozialen Netzwerken nach illegalen IPTV- und Streaming-Diensten sucht, um sie sperren zu lassen. Die Sperren sind dabei ein immer wiederkehrender Wettlauf gegen die Zeit. Denn kaum ist das Spiel vorbei, verlieren die meisten Fans das Interesse daran. Kaum waren die Sperren aktiv, wechseln die Piraten mit wenigen Handgriffen die Domain, das Spiel geht dann wieder von Neuem los.
LaLiga agiert auf verschiedenen Ebenen
Der Präsident von LaLiga verbringt nach eigenem Bekunden ganze Wochenenden der Einsatzzentrale seiner Organisation. Der Raum soll dabei an den Situation Room, das Lagezentrum des Weißen Hauses, erinnern. Dort verfolgt er auf riesigen Bildschirmen, wie von ihm beauftragte Hacker die illegalen Übertragungen ausfindig machen.
Nicht zu vergessen die Fangprämie, sollte man den Betreiber einer Bar oder eines Restaurants anzeigen, der seinen Gästen nicht bezahlte Live-Streams anbietet. Den Denunzianten winken in Spanien dabei jeweils 50 Euro, sollten sich die Vorwürfe bestätigen. Den Betreibern drohen natürlich neben den strafrechtlichen Konsequenzen auch saftige Schadenersatzforderungen der Pay-TV-Anbieter.
Zwischenzeitlich hat LaLiga auch einige Anbieter von VPN-Servern juristisch aufs Korn genommen. Sie wollen verhindern, dass jemand dazu in der Lage ist, ihnen einen anderen Standort vorzugaukeln, um so der Blockade zu entkommen. Die Rechteinhaber werden jedes erdenkliche Mittel nutzen, um die volle Kontrolle über das Internet zu erlangen.
Gezielte Websperren bei Cloudflare unmöglich: legale Websites haben den Schaden
Offenkundig riskiert LaLiga dabei einfach die Kollateralschäden der vielen legalen Websites. Das Problem ist, dass man nicht gezielt sperren kann, weil sich bei Cloudflare unzählige Portale ein und dieselbe IP-Adresse teilen. Weltweit schätzt man, dass der CDN-Dienstleister Cloudflare mehr als ein Sechstel aller Websites vor DDoS-Angriffen schützt. Laut der Webtechnologie-Analysefirma BuiltWith sind es alleine in Spanien etwa eine Viertelmillion Websites. Dabei teilen sich sehr viele Portale die gleiche IP-Adresse bei Cloudflare. Ist auch nur ein schwarzes Schaf dabei, geht bei allen legalen Websites bei jedem Spiel für mehr als zwei Stunden im wahrsten Sinne des Wortes das Licht aus.
Der CDN-Dienstleister als Schutzschild von Online-Piraten?
LaLiga behauptet, Cloudflare trete wie ein „digitales Schutzschild“ zahlreicher Online-Piraten auf. Der unproblematische Anmeldevorgang erleichtert es vielen Interessenten, sich vom Unternehmen schützen zu lassen, das betrifft auch viele Piraten, wie man unseren Listen deutlich entnehmen kann. Bei mindestens einem Drittel der Websites hat man Cloudflare oder in wenigen Fällen einen anderen Anti-DDoS-Dienstleister davor geschaltet. LaLiga ist offenkundig dünnhäutig geworden. Man will sogar Organisationen verklagen, die sich öffentlich über ihre Sperren beschweren.
Der Streit mit dem US-Konzern spitzte sich im März diesen Jahres zu, als man Matthew Prince, den CEO von Cloudflare, vor ein Madrider Gericht vorgeladen hatte. Dies basierte auf einer gemeinsamen Strafanzeige von LaLiga und Movistar Plus+ von Telefónica. Übrigens wollte keine der beteiligten Parteien konkrete Fragen der Nachrichtenagentur Bloomberg beantworten. Die Presseanfragen liefen ins Leere.
Cloudflare reicht die Verantwortung einfach weiter
Letztes Jahr gab Cloudflare lediglich auf dem hauseigenen Blog bekannt, Sperrmaßnahmen auf Infrastrukturebene seien oft „zu weitreichend, intransparent und ineffektiv“. Gegenvorschläge, wie es besser laufen könnte, sucht man aber im Transparenzbericht leider vergebens. Der US-Konzern reicht die Verantwortung einfach an die Regulierungsbehörden und Rechteinhaber weiter. Nicht Cloudflare, sondern Dritte müssten Wege finden, um Urheberrechtsverletzungen im Internet zu verhindern.
Damit macht man es sich natürlich sehr leicht, zumal der CDN-Anbieter von den vielen zahlenden Piraten-Kunden direkt finanziell profitiert. Und das sind viele. Der Schutz vor DDoS-Attacken reicht beim kostenlosen Plan von Cloudflare bekanntlich nur von hier bis zur Wand. Damit kann man die Angriffe der Konkurrenz abhängig von der Intensität wahrlich nicht lange verhindern.




















