CCIA Europe warnt zur FIFA-WM 2026 vor Kollateralschäden durch Netzsperren. Kritiker sehen Grundrechte und unsere Internetfreiheit bedroht.
Die FIFA verdient trotz der illegalen Konkurrenz Milliarden an der Fußball-Weltmeisterschaft. Verschiedene Marktanalysen und Medienberichte gehen von rund 8,9 Milliarden Dollar Turniererlösen aus. Pünktlich zum Start der FIFA-WM 2026 flammt eine alte Debatte erneut auf: Wie weit dürfen Rechteinhaber im Kampf gegen illegale Livestreams gehen? Während Sportverbände und Sender verstärkte Maßnahmen gegen Piraterie fordern, schlägt die Technologiebranche Alarm. Der europäische Branchenverband CCIA Europe sieht in den aktuellen Sperrmaßnahmen eine zunehmende Gefahr für die Offenheit des Internets.
Milliardenmarkt Fußball und der Kampf gegen Piraterie
Mit 48 Mannschaften und insgesamt 104 Spielen ist die FIFA-Weltmeisterschaft 2026 das bislang größte Turnier der Fußballgeschichte. Entsprechend hoch sind die wirtschaftlichen Interessen. Allein die Übertragungsrechte sollen einen Wert von rund vier Milliarden US-Dollar haben.
Für Rechteinhaber steht deshalb viel auf dem Spiel. Illegale Streams gelten als Bedrohung für die lukrativen Exklusivverträge mit Fernsehsendern und Streaming-Plattformen. Seit Jahren setzen viele Länder daher auf Netzsperren, um den Zugriff auf Piratenangebote zu erschweren. Doch je umfangreicher diese Maßnahmen werden, desto lauter wird die Kritik. Über die Pläne Frankreichs, wie man illegale Konkurrenten ausschalten will, haben wir unlängst berichtet. Andere Länder werden nachziehen.
CCIA Europe: Pirateriebekämpfung darf das Internet nicht beschädigen
Zum Auftakt der FIFA-WM 2026 veröffentlichte die Computer & Communications Industry Association (CCIA) Europe ein Positionspapier mit dem Titel „Fighting Piracy Without Breaking the Internet“. Der Verband vertritt unter anderem die Interessen von Amazon, Cloudflare und Google.
Im Mittelpunkt der Kritik stehen Sperren auf IP- und DNS-Ebene. Laut CCIA seien diese Instrumente zu grob, um zuverlässig zwischen legalen und illegalen Angeboten zu unterscheiden. Da sich häufig zahlreiche unabhängige Dienste dieselbe Infrastruktur teilen, könnten Netzsperren schnell weit über das eigentliche Ziel hinausschießen.
Die Folge seien Ausfälle legaler Webseiten, Online-Dienste und digitaler Geschäftsmodelle, die mit den eigentlichen Urheberrechtsverletzungen nichts zu tun haben.
Charlotte Dantin, Leiterin für Urheberrechts- und Medienpolitik bei CCIA Europe, warnt davor, große Sportereignisse als Experimentierfeld für automatisierte Sperrmechanismen zu nutzen. Die Bekämpfung illegaler Streams sei legitim, müsse jedoch verhältnismäßig bleiben und einer unabhängigen gerichtlichen Kontrolle unterliegen.
Wissenschaftler sehen Rechteinhaber als neue Internet-Regulierer
Unterstützung erhält die Branche von Wissenschaftlern. Bereits im April veröffentlichten die Urheberrechtsforscher João Pedro Quintais von der Universität Amsterdam und Miquel Aznar von der Universität Valencia eine Studie über die zunehmende Privatisierung von Netzsperren.
Interessanterweise stellen die Autoren die Wirksamkeit solcher Maßnahmen nicht grundsätzlich infrage. Vielmehr erkennen sie an, dass Sperren tatsächlich zur Reduzierung von Piraterie beitragen können.
Problematisch sei jedoch, dass Gerichte immer häufiger privaten Rechteinhabern die Kontrolle über Sperrlisten überlassen. Dadurch würden Unternehmen faktisch zu Regulierungsbehörden des Internetverkehrs.
Als besonders problematisch nennen die Forscher eine gerichtliche Entscheidung aus Barcelona. Diese erlaubt es LaLiga und ihren Partnern, selbstständig IP-Adressen für Sperrmaßnahmen zu bestimmen. Kritiker bemängeln dabei fehlende Transparenz, unzureichende Kontrollmechanismen und kaum vorhandene Möglichkeiten für Betroffene, sich gegen Fehlentscheidungen zu wehren.
Wenn legale Dienste plötzlich verschwinden
Dass die Sorgen nicht rein theoretischer Natur sind, zeigen mehrere Vorfälle der vergangenen Monate. In Spanien geriet zeitweise die Zahlungsplattform Redsys in den Strudel von Anti-Piraterie-Maßnahmen. In Italien wurde zeitweise sogar Google Drive von Sperrmaßnahmen betroffen. Beide Fälle verdeutlichen, wie schnell legitime Dienste durch fehlerhafte Blocklisten beeinträchtigt werden können.
Mit jeder Erweiterung der Sperrpflichten steigt zudem der Druck auf weitere Infrastrukturbetreiber. Mittlerweile geraten nicht nur Internetprovider ins Visier, sondern auch CDN-Anbieter, DNS-Dienste und VPN-Betreiber.
Für diese Unternehmen entsteht eine schwierige Situation. Reagieren sie nicht schnell genug, drohen rechtliche Konsequenzen. Sperren sie hingegen zu großzügig, riskieren sie erhebliche Kollateralschäden und Beschwerden legitimer Kunden.
Besonders kritisch bewertet CCIA die Forderung, VPN-Dienste stärker in die Urheberrechtsdurchsetzung einzubinden. Dadurch könnten grundlegende Prinzipien von Datenschutz und IT-Sicherheit untergraben werden.
Die FIFA-WM 2026 als Testlauf für noch härtere Maßnahmen?
Während die Fußball-Weltmeisterschaft läuft, dürften die Forderungen nach noch schärferen Instrumenten weiter zunehmen. Bereits kurz vor Turnierbeginn erwirkte der indische Rechteinhaber Zee eine sogenannte dynamische Verfügung, die eine Echtzeit-Sperrung von Piratenstreams ermöglicht.
Gleichzeitig wächst weltweit die Zahl der Länder, die Netzsperren als Standardinstrument gegen Online-Piraterie einsetzen. Die Qualität der gerichtlichen Kontrolle unterscheidet sich jedoch erheblich. Transparenz und unabhängige Überprüfung bleiben vielerorts die Ausnahme.
Für Bürgerrechtler, Wissenschaftler und Technologieunternehmen ist dies ein beunruhigender Trend. Denn je mehr Kontrollbefugnisse private Akteure erhalten, desto größer wird das Risiko von Fehlentscheidungen und Missbrauch.
Die eigentliche Endrunde findet in den USA statt
Während auf den Fußballplätzen der Weltmeister gesucht wird, steht die möglicherweise wichtigste Entscheidung über Netzsperren außerhalb des Stadions bevor. Nach mehr als einem Jahrzehnt zunehmender Blocking-Maßnahmen weltweit könnte die nächste große Auseinandersetzung im US-Kongress stattfinden.
Dort werden in diesem Jahr neue Gesetzesinitiativen erwartet, die den Kampf gegen Online-Piraterie deutlich verschärfen könnten. Die Debatte um Urheberrechtsschutz, Netzfreiheit und private Zensurmechanismen dürfte damit noch lange nicht abgepfiffen sein.
Gerade die aktuellen Erfahrungen aus Spanien und Italien zeigen, dass effektive Pirateriebekämpfung zwar möglich ist, der Preis dafür aber schnell höher ausfallen kann als ursprünglich beabsichtigt. Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob Netzsperren wirken – sondern wer künftig darüber entscheidet, was im Internet erreichbar bleibt und was nicht. Leider ist eher fraglich, ob die FIFA sich dafür interessieren wird.




















