Familie schaut über ein IPTV-Menü auf einem Smart-TV illegale TV-Streams und einen Zeichentrickfilm im Wohnzimmer.
TV-Piraterie wird alltagstauglich: Familien nutzen illegale Streams zunehmend direkt am Fernseher.
Bildquelle: ChatGPT

TV-Piraterie auf Rekordkurs: 7,7 Millionen Deutsche nutzen illegales IPTV

TV-Piraterie boomt: 7,7 Millionen Deutsche nutzen illegales IPTV. VAUNET fordert härtere Netzsperren und schnellere Sperrmaßnahmen.

TV-Piraterie erreicht in Deutschland neue Höchststände. Smart-TVs, Fire-TV-Sticks und IPTV-Apps erleichtern illegales Fernsehen mehr denn je. Laut einer neuen Goldmedia-Studie im Auftrag des VAUNET nutzen 7,7 Millionen Menschen illegales IPTV und illegale TV-Streams. Die Zahl der Nutzer steigt massiv, ebenso der Druck auf Provider und Streaming-Plattformen. Die Medienbranche spricht von Milliardenschäden und fordert schärfere Netzsperren.

TV-Piraterie wird zum digitalen Massenmarkt

Die TV-Piraterie in Deutschland erreicht neue Höchststände. Laut einer aktuellen Studie von Goldmedia im Auftrag von VAUNET, Verband Privater Medien, nutzten im Jahr 2025 rund 7,7 Millionen Menschen illegales IPTV beziehungsweise illegale TV-Streams. Damit greift inzwischen etwa jeder zehnte deutsche Onliner auf illegales IPTV oder illegale TV-Streams zurück. Gegenüber der letzten Erhebung aus dem Jahr 2022 entspricht das einem Anstieg von rund 31 Prozent. Damit hat sich illegales Fernsehen über IPTV-Dienste, Streaming-Boxen und nicht lizenzierte Live-TV-Angebote vom Nischenphänomen zum digitalen Massenmarkt entwickelt.

Der wirtschaftliche Schaden fällt laut der Studie erheblich aus. Insgesamt soll die IPTV-Piraterie in Deutschland einen gesamtwirtschaftlichen Schaden von rund 2,4 Milliarden Euro verursachen. Der direkte Schaden für die Medienbranche liege bei etwa 1,5 Milliarden Euro. Zudem entgingen dem Staat nach Berechnungen der Studie jährlich rund 542 Millionen Euro an Steuern und Sozialabgaben. Gegenüber dem Jahr 2022 entspricht das einem Anstieg von knapp 40 Prozent.

Illegales IPTV landet direkt im Wohnzimmer

Maßgeblich für den Boom illegaler TV-Streams ist der technische Wandel. Illegales Fernsehen findet dabei seltener am klassischen PC statt. Stattdessen verlagert sich die Nutzung zunehmend auf Smart-TVs, Streaming-Sticks und IPTV-Apps im Wohnzimmer. Laut Goldmedia greifen bereits 67 Prozent der Nutzer illegaler TV-Angebote über Smart-TVs oder Streaming-Geräte direkt am Fernseher auf nicht autorisierte Inhalte zu. Smartphones erreichen 54 Prozent, Tablets 38 Prozent. PCs und Laptops verlieren dagegen weiter an Bedeutung.

Familie nutzt illegales IPTV auf einem Smart-TV und schaut über ein IPTV-Menü TV-Streams im Wohnzimmer.
TV-Piraterie wird alltagstauglich: Smart-TVs und IPTV-Apps erleichtern illegales Streaming erheblich.

Die Studie benennt Streaming-Lösungen wie modifizierte Fire-TV-Sticks, IPTV-Boxen, Kodi-Systeme sowie Apps wie Vavoo oder Rokkr. Durch die Entwicklung verschärft sich für Rechteinhaber die Lage, weil illegales IPTV mittlerweile nahezu denselben Komfort bietet wie legale Streaming-Dienste. Durch die Nutzung von Fire-TV-Sticks und Smart-TVs wurde illegales IPTV alltagstauglicher.

Die Treiber hinter dem Boom illegaler TV-Streams

Die Gründe für die Nutzung illegaler IPTV-Angebote fallen laut Studie eindeutig aus. Rund 73 Prozent der Befragten geben an, dass illegales Live-TV für sie die bequemste Möglichkeit sei, lineares Fernsehen zu konsumieren. 68 Prozent halten legale Angebote für zu teuer. Weitere 67 Prozent nutzen nicht lizenzierte Streaming-Dienste laut eigener Aussage aus Gewohnheit.

Die Studie deutet darauf hin, dass die Bereitschaft zur Nutzung legaler Streaming-Abonnements drastisch steigt, sobald illegale IPTV-Angebote und TV-Streams nicht mehr verfügbar sind. Als mögliche Alternativen nannten die Autoren unter anderem Dienste wie WOW, RTL+ oder Joyn. Hier sieht VAUNET zusätzliches Marktpotenzial für legale Anbieter.

Hinzu kommt die hohe Nutzungsfrequenz. Rund die Hälfte der Befragten nutzt nahezu täglich illegale TV-Streams. Insgesamt greifen 76 Prozent mindestens einmal pro Woche auf IPTV-Piraterie und andere illegale Streaming-Angebote zurück.

Stark verbreitet ist die Nutzung besonders bei den 16- bis 33-Jährigen. Zudem beobachten die Autoren aber auch ein Wachstum bei älteren Zielgruppen. Selbst in der Altersgruppe 64+ stieg die Nutzung illegaler Live-TV-Angebote merklich an.

VAUNET fordert härtere Maßnahmen gegen IPTV-Piraterie

Die Medienbranche reagiert alarmiert auf die Entwicklung. VAUNET-Geschäftsführer Frank Giersberg spricht von einem „Massenphänomen“ mit erheblichen Folgen für Medienanbieter, Medienvielfalt und Fiskus. Der Verband fordert deshalb schärfere Maßnahmen gegen illegales IPTV und TV-Piraterie. Konkret verlangt VAUNET:

  • schnellere Löschpflichten für Plattformen und Hosting-Dienste,
  • dynamische Netzsperren gegen illegale Live-Streams,
  • flexiblere Blocking-Maßnahmen während laufender Übertragungen,
  • sowie vereinfachte Verfahren gegen Anbieter illegaler IPTV-Dienste.

Die Forderung nach dynamischen Sperrmaßnahmen resultieren dabei teilweise auch aus einer grundsätzlichen Zahlungsbereitschaft vieler Nutzer. Zwar lehnt ein Teil der Befragten kostenpflichtige Angebote grundsätzlich ab, dennoch zeichnet sich laut VAUNET weiterhin erhebliches Marktpotenzial ab. Laut Studie wären 53 Prozent der illegalen Streamer bereit, für ein vergleichbares legales Angebot zu zahlen. Im Durchschnitt nannten die Befragten dabei rund 29 Euro pro Monat. Nach Ansicht des Verbands ließen sich durch konsequentere Maßnahmen gegen illegales IPTV zusätzliche Umsätze zurück in legale Angebote verlagern.

Im Mittelpunkt stehen dabei Forderungen nach sogenannten dynamischen Sperrmaßnahmen. Provider sollen illegale Live-TV-Streams künftig möglichst in Echtzeit blockieren können, etwa während Bundesliga-Spielen oder exklusiven Pay-TV-Übertragungen. Internetprovider sollen nicht lizenzierte Live-Streams künftig möglichst bereits während laufender Übertragungen blockieren können.

Gegenwärtig ist die Clearingstelle Urheberrecht im Internet (CUII) in der Pflicht, illegale Streaming-Angebote über Netzsperren bei Providern zu blockieren. Kritiker solcher Netzsperren warnen allerdings seit Jahren vor Overblocking und einer schleichenden Normalisierung von Sperrinfrastrukturen im Netz.

Studie basiert auf Messpanel und Nutzerbefragung

Für die Untersuchung kombinierte Goldmedia mehrere Erhebungsmethoden. Grundlage war unter anderem ein passives Online-Messpanel mit 2.500 Nutzenden in Deutschland. Zusätzlich wurden 504 Personen befragt, die illegale lineare TV-Streams konsumieren.

Die Studie konzentriert sich auf lineare TV-Angebote und illegales Live-TV. Nicht berücksichtigt wurden hingegen klassische Streaming-Piraterie bei Filmen oder Serien-on-Demand sowie illegale Downloads.

Methodisch basiert die Untersuchung auf mehreren Bausteinen. Goldmedia kombinierte ein technisches Messpanel mit 2.500 Nutzenden, das laut Studie quotiert für deutsche Onliner aufgebaut wurde, mit einer zusätzlichen Online-Befragung von 504 Personen, die illegale lineare TV-Streams nutzen. Dabei weist die Studie selbst darauf hin, dass es sich bei dieser Befragung um eine selbstselektionsbasierte Stichprobe handelt. Teilnehmer entscheiden also eigenständig, ob sie an einer Befragung zu illegalem Streaming teilnehmen möchten. Dadurch können methodische Verzerrungen entstehen, weil bestimmte Gruppen über- oder unterrepräsentiert sein könnten.

Da es sich um illegales Verhalten handelt, spielt laut Goldmedia auch das Problem der sogenannten sozialen Erwünschtheit eine Rolle. Befragte könnten ihre tatsächliche Nutzung illegaler IPTV-Angebote also bewusst oder unbewusst untertreiben oder ungenau angeben.

Die Hochrechnung auf rund 7,7 Millionen Nutzende stützt sich auf eine Kombination aus technischem Tracking, statistischen Gewichtungen, Nutzerbefragungen, Annahmen zur Nutzung von Smart-TVs und Streaming-Geräten sowie weiteren Hochrechnungen. Auch die angenommenen wirtschaftlichen Schäden beruhen auf Modellrechnungen. Goldmedia verwendet sogenannte Substitutionsfaktoren. Dabei wird modelliert, welche legalen Angebote Nutzer vermutlich konsumieren würden, falls illegales IPTV und andere illegale TV-Streams nicht verfügbar wären. Auf Basis dieser Annahmen werden anschließend mögliche Umsatzverluste berechnet.

Die Studie ist damit methodisch weitaus aufwendiger als einfache Online-Umfragen. Dennoch bleiben sowohl die Nutzerzahlen als auch die Schadenssummen statistische Schätzwerte, die auf modellierten Annahmen beruhen. Wie bei vielen Piraterie-Studien bleiben solche Hochrechnungen allerdings umstritten.

Streaming-Komfort trifft Netzsperren-Debatte

Die aktuelle VAUNET-Studie zeigt, dass sich ilegales IPTV technisch professionalisiert hat. Es ist einfacher zugänglich geworden und funktioniert bequem direkt auf dem Fernseher. Diese Alltagstauglichkeit dürfte ein zentraler Treiber für den Boom illegaler TV-Streams sein. Nutzer benötigen weder Spezialwissen noch komplizierte Setups, um auf illegale Live-TV-Angebote zuzugreifen.

Die Forderungen nach härteren Sperrmaßnahmen dürften deshalb weiter zunehmen. Während jedoch die Medienbranche IPTV-Piraterie als milliardenschwere Bedrohung betrachtet, sehen Kritiker in dynamischen Sperrmaßnahmen vor allem ein Risiko für ein freies und offenes Netz.

Über

Antonia ist bereits seit Januar 2016 Autorin bei der Tarnkappe. Eingestiegen ist sie zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibt sie bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, sie greift aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Ihre Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.