Live-Sport als Beute der Streaming-Piraterie.
Live-Sport als Beute der Streaming-Piraterie.
Bildquelle: ChatGPT

Illegales Streaming boomt: Dodgy Boxen fluten UK und Irland

Illegales Streaming boomt: Nutzer in Großbritannien und Irland setzen massenhaft auf illegales IPTV trotz Razzien und Abschaltungen.

Illegales Streaming boomt wie nie zuvor. Millionen täglicher Zugriffe in Irland, Milliarden illegaler Sport-Streams in Großbritannien und ein florierender Schwarzmarkt rund um IPTV und illegale Wettanbieter zeichnen das Ausmaß der aktuellen Piraterie-Welle. Neue Zahlen belegen, dass Online-Piraterie für viele Nutzer die neue Normalität ist. Trotz verschärfter Rhetorik, Razzien und Abschaltungen wächst das Geschäft. Das zunehmende Plattform-Chaos aus exklusiven Rechten, steigenden Preisen und immer mehr Einzelabos nimmt dem legalen Streaming-Modell für viele Nutzer seinen ursprünglichen Vorteil der Einfachheit.

Illegales Streaming wächst rasant und ist gesellschaftlich akzeptiert. Während Rechteinhaber Alarm schlagen und Anti-Piraterie-Allianzen neue Rekordverluste beklagen, klicken sich Millionen Nutzer in Großbritannien und Irland täglich durch illegale Streams, IPTV-Angebote und Piraterie-Portale. Frust über steigende Preise, zersplitterte Rechte und ein Streaming-System, das für viele Nutzer weder bezahlbar noch praktikabel ist, sind der Nährboden für den Boom illegaler Streaming-Angebote.

Illegales Streaming boomt in Irland: Über eine Million Piraterie-Besuche pro Tag

Wie ausgeprägt der Trend ist, berichtet RTÉ Prime Time unter Berufung auf aktuelle Zahlen der Piraterie-Monitoring-Firma MUSO, deren Daten unter anderem auch von EU-Behörden genutzt werden. Allein aus Irland werden demnach mehr als eine Million Besuche pro Tag auf piraterierelevanten Websites registriert. Seit 2017 summieren sich diese Zugriffe auf knapp vier Milliarden Visits.

Den bisherigen Höchststand erreichte die Piraterie 2023 mit 554 Millionen Besuchen. Umgerechnet entspricht das rund zwei Zugriffen pro Woche für jeden Internetnutzer im Land. Nach einem Rückgang während der Pandemie stiegen die Zahlen mit der Rückkehr neuer Inhalte und zusätzlicher Streaming-Plattformen wieder deutlich an und haben sich seither auf einem dauerhaft hohen Niveau eingependelt.

Serien, Anime und Sport als Treiber des Piraterie-Booms

Der größte Teil des Piraterie-Traffics entfällt auf TV-Inhalte. Rund 2,3 Milliarden Zugriffe entfallen auf Serien und Filme. Innerhalb dieser Kategorie dominieren klassische Film- und Serienangebote (71 %), gefolgt von Anime (über 14 %). Live-Sport macht zwar „nur“ rund 12 % aus, verursacht aber überproportional hohe wirtschaftliche Schäden. Live-Rechte sind teuer, zeitkritisch und fungieren als entscheidender Anreiz für den Abschluss kostenpflichtiger Abonnements.

Die meistpiratisierte Serie des Jahres 2025 war die zweite Staffel des Anime-Hits Solo Leveling. Bei den Filmen führte Sinners mit Michael B. Jordan, Hailee Steinfeld und Jack O’Connell die Charts an. Illegales Streaming boomt damit nicht nur bei Blockbustern, sondern quer durch alle Genres.

Verlagsinhalte erzielten 647 Millionen Zugriffe, während Musik und Software einen geringeren Anteil ausmachten.

Großbritannien: Illegales Streaming boomt besonders beim Sport

Noch drastischer ist die Lage in Großbritannien. Laut einem Bericht der Campaign for Fairer Gambling (CFG), über den unter anderem The Guardian berichtet, wurden im Vereinigten Königreich zuletzt rund 3,6 Milliarden illegale Sport-Streams pro Jahr gezählt. Dies entspricht einer Verdoppelung innerhalb von nur drei Jahren. Die Analyse basiert auf Daten der Tracking-Plattform Yield Sec. Zum Vergleich wurden in den USA, mit deutlich größerer Bevölkerung, 4,2 Milliarden illegale Streams erfasst.

Bezeichnend ist der Zusammenhang mit illegalem Glücksspiel. Rund 89 % der illegalen Streams enthalten Werbung für nicht lizenzierte Wettanbieter. Diese erzielten allein im ersten Halbjahr 2025 Umsätze von 379 Millionen Pfund und kommen inzwischen auf 9 % Marktanteil im britischen Online-Glücksspielmarkt. Illegales Streaming boomt hier nicht isoliert, sondern als Teil eines organisierten Schwarzmarktes.

IPTV, „dodgy boxes“ und der bequeme Weg an der Legalität vorbei

Eine Schlüsselrolle spielen illegale IPTV-Dienste und sogenannte „dodgy boxes“. Diese Geräte und Apps imitieren legale Streaming-Oberflächen, bieten Support, Abos und Benutzerkomfort, liefern aber ausschließlich raubkopierte Inhalte.

Dass illegales Streaming boomt, spüren auch kleinere Anbieter. Der irische Dienst Clubber, der lokale GAA-Sportübertragungen anbietet, schätzt, bis zu 40 % seines potenziellen Umsatzes an illegale IPTV-Anbieter zu verlieren. Als Clubber testweise alte Spiele ausstrahlte, beschwerten sich Nutzer illegaler Streams telefonisch, weil „ihr“ Spiel nicht mehr verfügbar war.

Illegales Streaming boomt: Dodgy Boxen fluten UK und Irland
Illegales Streaming boomt: Dodgy Boxen fluten UK und Irland

Illegales Streaming als gesellschaftliche Normalität

Gemäß RTÉ Prime Time ist illegales Streaming laut der Verhaltensökonomin Dr. Margaret Samahita von der University College Dublin für viele Nutzer eine rationale Entscheidung. Steigende Preise, immer mehr Abos, komplizierte Rechteverteilungen und geringes Entdeckungsrisiko senken die Hemmschwelle massiv.

Hinzu kommen psychologische Effekte wie sofortiger Nutzen, abstrakte Risiken und soziale Normalisierung. Viele empfinden illegales Streaming nicht als Diebstahl, sondern als Ausgleich für ein als unfair empfundenes System, besonders im teuren Sportbereich. Dr. Margaret Samahita führt aus:

„Erstens sind die Vorteile unmittelbar und offensichtlich, also kostenlose Inhalte im Moment, während die Kosten eher abstrakt und weit entfernt sind. Hinzu kommt der soziale Aspekt – wenn man weiß, dass alle anderen es auch tun, verschwimmen die moralischen Grenzen. […]

Der Fairnessaspekt dürfte der wichtigste Faktor sein. Die Leute sehen es vielleicht nicht als Diebstahl im herkömmlichen Sinne, sondern eher als Korrektur eines Ungleichgewichts. Sie könnten das Gefühl haben, für etwas wie Sportübertragungen unfair hohe Preise zahlen zu müssen, und daher erscheint ihnen illegales Streaming gerechtfertigt. […]

Wir befinden uns inmitten einer Krise der Lebenshaltungskosten. Für viele gehört der Bereich der freiwilligen Ausgaben, wie beispielsweise Unterhaltung, zu den Dingen, an denen man am einfachsten sparen kann. Viele Menschen möchten nach wie vor ihre Lieblingsfernsehsendungen sehen und betrachten Live-Sport als ein Recht und nicht als Luxus. Anstatt angesichts steigender Preise weniger zu konsumieren, werden sie nach Alternativen suchen, möglicherweise auch nach illegalen“

Industrie warnt – Nutzer ignorieren es

Auch große Rechteinhaber sehen illegales Streaming als ernstzunehmendes Problem. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Audiovisual Anti-Piracy Alliance (AAPA), die unter anderem Sender und Rechtehalter wie Sky, DAZN und die Premier League vertritt.

AAPA-Geschäftsführerin Miruna Herovanu spricht gegenüber RTÉ Prime Time von systematischem Diebstahl geistigen Eigentums. Nach Angaben der Allianz nutzen in Europa rund 17 Millionen Menschen monatlich illegales IPTV. Allein in Deutschland hätten sich die Verluste für die Branche im Jahr 2022 auf etwa 1,8 Milliarden Euro summiert.

Gleichzeitig, so Herovanu, hielten viele Konsumenten illegales Streaming für ein vermeintlich opferloses Delikt. Sie gingen davon aus, „von den Reichen zu stehlen“, übersähen dabei jedoch, dass Premium-Inhalte nur durch kontinuierliche Investitionen entstehen könnten, Investitionen, die durch Piraterie untergraben würden.

Während Rechteinhaber von Milliardenverlusten sprechen und Maßnahmen wie Razzien und Abschaltungen vorantreiben, zeigen Umfragen, dass ein relevanter Teil der Bevölkerung illegales Streaming nutzt und toleriert. Gemäß The Verge gaben laut einer YouGov-Umfrage etwa 9 % der britischen Erwachsenen an, im vergangenen Jahr illegale Sport-Streams genutzt zu haben. Ein Hinweis darauf, dass diese Praxis gesellschaftlich verankert ist, selbst wenn rechtliche Risiken bestehen.

Laut The Guardian über den CFG-Report entfernte die Premier League im Saisonzeitraum 2024–25 über 230.000 Live-Streams von sozialen Plattformen und mehr als 430.000 urheberrechtsverletzende Links aus Suchmaschinen, während die Piraterie trotzdem weiter wächst.

Illegales Streaming boomt trotz Abschaltungen und Razzien

Die Entwicklungen in Großbritannien und Irland weisen auf ein strukturelles Symptom hin. Solange legale Angebote teurer, komplizierter und fragmentierter werden, bleibt Piraterie für viele Nutzer die bequemere Alternative. Ohne bezahlbare, transparente und nutzerfreundliche Angebote dürfte der Piraterie-Traffic weiter steigen. Wer Piraterie bekämpfen will, muss folglich mehr bieten als Abschaltungen und Drohkulisse.

Über

Antonia ist bereits seit Januar 2016 Autorin bei der Tarnkappe. Eingestiegen ist sie zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibt sie bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, sie greift aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Ihre Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.