Das digitale Buch ist in Deutschland angekommen: Eine Bitkom-Studie zeigt, wie stark sich das Leseverhalten verändert hat.
E-Books haben in Deutschland erstmals die 50-Prozent-Marke geknackt. Laut einer aktuellen Bitkom-Erhebung lesen derzeit 55 Prozent der Deutschen zumindest gelegentlich digitale Bücher. Eien Verdrängung des gedruckten Buches ist damit allerdings nicht gegeben. 51 Prozent der Befragten greifen sowohl zu gedruckten als auch zu digitalen Büchern.
Herbstzeit ist Lesezeit. Gerade, wenn es draußen trüb und grau aussieht und die Tage kürzer werden, ist es zu Hause besonders gemütlich. Die Wohnzimmer-Couch lädt dann zum Lesen ein. Auch die Buchindustrie hat sich auf die dunklere Jahreszeit eingestellt. Traditionell erscheinen im Herbst zahlreiche neue Titel, die um die Aufmerksamkeit der Leser buhlen.
Allerdings muss dafür kein gedrucktes Buch mehr auf dem Wohnzimmertisch liegen. Eine aktuelle Bitkom-Erhebung weist darauf hin, dass sich E-Books in Deutschland inzwischen zu einem festen Bestandteil der Lesekultur entwickelt haben. Erstmals liest mehr als die Hälfte der Deutschen zumindest gelegentlich elektronische Bücher.
Vom Nischenprodukt zum Massenmedium
Das war nicht immer so. Noch vor rund einem Jahrzehnt führten E-Books in Deutschland eher ein Schattendasein. Lars Sobiraj schrieb 2017 angesichts stagnierender Verkaufszahlen noch vom „Nischendasein“. Damals machten digitale Bücher gerade einmal 4,6 Prozent des Umsatzes im Publikumsmarkt aus. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels veröffentlichte die E-Book-Zahlen in Kooperation mit GfK Entertainment. Grundlage für die Hochrechnungen zu Absatz und Umsatz war das GfK Consumer Panel Media*Scope Buch mit 25.000 Personen. Die Ergebnisse waren repräsentativ für die deutsche Wohnbevölkerung ab zehn Jahren und damit für rund 67,7 Millionen Menschen.
Mit der neuen Bitkom-Erhebung sieht das Bild heute wesentlich anders aus. Laut Bitkom lesen mittlerweile 55 Prozent der Menschen ab 16 Jahren zumindest hin und wieder E-Books. Noch 2022 waren es 37 Prozent, 2025 bereits 51 Prozent. Innerhalb weniger Jahre hat sich das digitale Lesen damit von einer Randerscheinung zu einem festen Bestandteil der deutschen Lesekultur entwickelt.
Eine von E-Book-Befürwortern erwartete große Ablösung des gedruckten Buches hat sich allerdings nicht bewahrheitet. Bereits 2018 sprach Bitkom von einer „friedlichen Koexistenz“ beider Medien. Damals lasen bereits 25 Prozent zumindest gelegentlich E-Books. 80 Prozent griffen dabei aber gleichzeitig noch zum gedruckten Buch.
Auch die aktuellen Zahlen lassen sich so einordnen. Sie passen nicht zu einem vollständigen Medienwechsel. 51 Prozent der Befragten lesen sowohl digitale als auch gedruckte Bücher. Nur vier Prozent beschränken sich ausschließlich auf E-Books, während 30 Prozent ausschließlich gedruckte Bücher lesen. Insgesamt greifen damit 85 Prozent zumindest gelegentlich zu einem Buch.
Aus dem einstigen Nischenprodukt ist somit kein Ersatz für das klassische Buch geworden. E-Books haben sich vielmehr einen festen Platz daneben erobert. Dabei war die Ablösung des gedruckten Buches durchaus eine naheliegende Erwartung. E-Reader bringen schließlich einige praktische Vorteile mit. Die Schriftgröße lässt sich anpassen, zahlreiche Bücher passen auf ein einziges Gerät und die digitale Bibliothek wiegt kaum etwas. Gerade auf Reisen entfällt damit das Problem, mehrere Bücher in das ohnehin schon volle Gepäck zu stopfen. Dazu kommt die schnelle Verfügbarkeit neuer Titel, die sich direkt auf das Gerät laden lassen.
Mehr als jeder Zweite liest digitale Bücher
Laut der Bitkom-Umfrage lesen 55 Prozent der Deutschen ab 16 Jahren E-Books. Erstmals hat das digitale Format damit die Marke von 50 Prozent überschritten. Im Vorjahr lag im Vergleich der Anteil noch bei 49 Prozent.
Das klassische Papierbuch bekommt somit Gesellschaft aus dem digitalen Bücherregal. Leser greifen je nach Situation zu unterschiedlichen Formaten. Unterwegs spielt das E-Book seine Stärken aus. Ein einziges leichtes Gerät ersetzt den Bücherstapel im Reisegepäck. Zu Hause darf es dagegen für viele weiterhin das gedruckte Buch sein. So nutzen 51 Prozent der Befragten sowohl gedruckte als auch digitale Bücher. Smartphone, Tablet oder E-Reader ersetzen das Papier also nicht, sondern ergänzen es. Digitale Lektüre und gedruckte Bücher konkurrieren damit nicht zwangsläufig miteinander. Sie erfüllen unterschiedliche Bedürfnisse.
Auch ältere Menschen entdecken das digitale Buch
Gemäß der Bitcom-Studie nimmt die Verbreitung von E-Books gerade bei älteren Menschen zu. Unter den Befragten ab 65 Jahren lesen 42 Prozent bisweilen digitale Bücher. Im vergangenen Jahr waren es noch 33 Prozent. Bei den 16- bis 29-Jährigen liegt der Anteil mit 64 Prozent dennoch deutlich höher.
Dr. Sebastian Klöß, Leiter Märkte und Technologien bei Bitkom, führt die zunehmende Nutzung bei älteren Menschen auf die Benutzerfreundlichkeit digitaler Bücher zurück. Sie seien schnell verfügbar, platzsparend und böten durch anpassbare Schriftgrößen zusätzlichen Lesekomfort. Digitales Lesen sei deshalb keine Frage des Alters mehr, so Klöß.
E-Books werden überwiegend gekauft
Ebenso zeigt die Bitkom-Erhebung einen eindeutigen Trend beim Umgang mit digitalen Büchern: Wer E-Books liest, kauft sie meist auch. 89 Prozent der E-Book-Lesenden erwerben digitale Bücher. Im vergangenen Jahr waren es 81 Prozent. Weniger greifen hingegen auf Leihangebote zurück. 46 Prozent der E-Book-Lesenden leihen digitale Bücher aus. Gegenüber dem Vorjahr ist der Anteil damit von 54 auf 46 Prozent um 8 Prozentpunkte gesunken.
Auch bei den monatlichen Ausgaben zeigt sich eine Steigerung. Käufer von E-Books geben nach Angaben der Befragten im Durchschnitt 12,40 Euro pro Monat für digitale Bücher aus. Im Vorjahr waren es 11,10 Euro. Wer E-Books ausleiht, kommt dagegen auf durchschnittlich 6,80 Euro monatlich. Weitere 15 Prozent der E-Book-Lesenden greifen auf kostenlose digitale Bücher zurück.
Methodik hinter der Bitkom-Erhebung
Die Zahlen stammen aus einer repräsentativen Befragung von Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Anlass der Erhebung war die Frankfurter Buchmesse. Zwischen dem 6. Juli und dem 9. August 2026 wurden dafür insgesamt 1.006 Personen in Deutschland ab 16 Jahren telefonisch befragt.
Die Teilnehmer wurden u.a. dazu befragt, ob sie zumindest gelegentlich gedruckte Bücher oder E-Books lesen. Außerdem erfasste die Untersuchung, wie viel Geld die Befragten monatlich für gekaufte oder ausgeliehene E-Books ausgeben beziehungsweise ob sie kostenlose digitale Bücher lesen.
Digitale Bücherflut trifft auf begrenzte Lebenszeit
Die Digitalisierung des Buchmarkts bietet allerdings auch eine Schattenseite. Bereits früh entstand eine Szene, die E-Books nicht als Ware, sondern als frei verfügbare digitale Güter betrachtete. Einer ihrer frühesten und bekanntesten Vertreter war Spiegelbest. Seine Botschaft war entsprechend: „E-Books for free and for all„. Spiegelbest wollte eine umfangreiche digitale Bibliothek aufbauen. E-Books sollten für jedermann zugänglich sein.
Was daraus folgte, bescherte insbesondere E-Book-Piraten einen regelrechten Bücherregen. Digitale Sammlungen wuchsen in kurzer Zeit auf Größenordnungen, die mit einem klassischen Bücherregal kaum noch vergleichbar waren. Laut einem Bericht des SPIEGEL umfasste seine illegale Bibliothek zuletzt fast 70.000 E-Books von mehr als 16.000 Autoren. In Spitzenzeiten verzeichnete seine illegale E-Book-Plattform TorBoox bis zu 1,5 Millionen Downloads im Monat.
Dem munteren Treiben wurde durch Rivalon aka Andreas Kaspar, einem verdeckten Ermittler, damals ein jähes Ende bereitet. Auf seine Veranlassung hin kam es im Dezember 2014 zu großangelegten Razzien gegen den inneren Kreis und die Unterstützer der Plattform. Wenngleich nicht in diesem großen Umfang, finden sich auch gegenwärtig in einschlägigen Foren noch umfangreiche E-Book-Angebote, vorwiegend über externe Filehoster.
Allerdings steht einer noch so prall gefüllten digitalen Bibliothek eine nur begrenzte Lebenszeit gegenüber. Wer Tausende Bücher auf Festplatten oder in digitalen Archiven sammelt, kann sie unmöglich alle lesen. Während damals der Platz im Bücherregal irgendwann nicht mehr ausreichte, ist es heute eher die Zeit, die zum knappen Gut wird.
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