Jeder ist verdächtig. Überwachung bei Facebook & Co.

Der Verfassungsschutz aus Bremen durchsucht seit einiger Zeit soziale Medien nach auffälligen Meinungen und Aktivitäten. Das erstaunt wohl niemanden, aber immerhin ist es jetzt offiziell, wie Netzpolitik.org berichtet.

Inzwischen wird in Bremen jeder Klick mitgezählt, jedes Wort mitgeschrieben, bewertet, mit den Personendaten von Meldeämtern und Telefonanbietern angereichert und in einer großen Datenbank gesammelt. Wessen Klick-Anzahl und Klick-Häufigkeit über einen bestimmten Wert kommt, gerät automatisch in das Beobachtungsprogramm des Verfassungsschutzes. Danach reicht es schon, wenn man ein paar Mal zu oft auf einen falschen Like-Button drückt, um zu einer Zielperson der Behörden zu werden. Sogar die in Texten verwendeten Wörter werden wie Erbsen gezählt, sortiert, analysiert und mit einer Wortliste abgeglichen. Heraus kommen politisch-soziologische Profile von Gesinnungstätern, die den Wünschen einer Gedankenpolizei schon recht nahe kommen.

Damit ist dann auch klar, dass über jeden aktiven Facebook-Nutzer eine Akte geführt wird, in der sich die in Bremen abgeschnorchelten Daten ansammeln. Ohne eine solche umfassende Personen- und Datensammlung sind keine statistischen Aussagen möglich. Und es braucht viele Daten um zuverlässige Aussagen machen zu können. Jede Meinungsäußerung wird gespeichert und bewertet, denn nur eine umfangreiche und langfristige Datensammlung erlaubt es, gültige statistische Aussagen zu machen. Das ist wie beim Würfeln. Ein einziger Wurf sagt nichts über einen Würfel aus, doch nach sehr vielen Würfen kann man einen gezinkten Würfel erkennen. Und solche gezinkten Würfel will der Verfassungsschutz im Internet finden. Also meinungsauffällige Personen, bei denen von Seiten des Staates in der Schlussfolgerung weitere Charaktereigenschaften vermutet werden, in deren zukünftigem Verhalten es möglicherweise zu Konflikten mit dem Staat kommen könnte.

Laut Verfassungsschutz dient die Überwachung dazu, verwertbares Material anzusammeln, um damit Profile zu erstellen und möglicherweise auch juristisch gegen die Personen verwerten zu können. Die Überwachung findet natürlich nicht nur bei Facebook, sondern in allen sozialen Medien statt. Also überall dort, wo im Internet Menschen zusammenkommen und sich austauschen. Dazu zählen genauso die zahllosen Chats und Gruppen bei Telegram, Whatsapp und viele andere Medien mehr.

Interessant wäre zu wissen, nach welchen Standards hier gemessen und bewertet wird, sofern es dazu Standards gibt. Wie lange sind die Speicherzeiten? Werden Fehleinschätzungen erkannt und revidiert? Durchlaufen die Ergebnisse eine Qualitätskontrolle? Hoffentlich. Und so eine Überwachung ist trotz aller Technisierung sehr personalintensiv und teuer. In Bremen kommt inzwischen auf 12 Lehrer ungefähr 1 Verfassungsschutzmitarbeiter. Das ist ein teures Vergnügen für einen verarmten Stadtstaat mit Lehrermangel.

Jeder Einzelne könnte sich vor solcher Überwachung durch Verwendung anonymer Accounts schützen. Theoretisch. Und praktisch nur mit Kenntnis, wie man sich anonym im Internet bewegt. Mehr zu diesem Thema steht im Privacy-Handbuch. Seitenbetreiber könnten die Server des Staates von ihren Webseiten aussperren. Das wäre mal ein interessanter Schritt. Die Server laufen unter der ASN 680 im Netz des DFN.

Ich bin neugierig, wie meine Äußerungen hier bewertet werden…

Bildquelle: Photo-Mix, thx! (CC0 Public Domain)

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24 Kommentare

  1. P E N N Y W I S E sagt:

    “Dazu zählen genauso die zahllosen Chats und Gruppen bei Telegram, Whatsapp und viele andere Medien mehr.”

    Auch ein Verfassungsschutz ist nicht fähig, jedes beliebige Gerät zu kompromittieren.

    • Internal Test D.P. sagt:

      Test 1,2,3 – Sprachkommentar aktiviert und funktioniert.
      Mann bin ich gut…, meine Meldungen sage ich nur an,
      und sie erscheinen auf euren Display!

  2. tum sagt:

    Leute von Tarnkappe: Ihr seit nicht viel besser, weil Ihr eure Webseite so programmiert habt, jeden der auf eure Webseite kommt, verfolgt und ausspäht. Das sagen mir meine vorgeschalteten Tools.

    • Anonymous sagt:

      uMatrix und Co.
      Die Seite geht ohne Probleme

  3. bubble sagt:

    Leute, habt Ihr euch nicht schon oft gefragt, wenn Ihr im Internet über ein Thema was gelesen habt. Woher wissen die das? Manchmal denke ich, meinen die mich? Weil das Detailwissen so exakt war. Seit einem Jahr steht meine Privatsphäre an vorderster Front. Details wie ich vorgehe dazu, werde ich nicht preisgeben.
    Mittlerweile überwache ich selbst passiv die Überwacher, und was ich mit den Tools sehe, bestätigt das gesagte. Hört sich nach Paranoia an, ich weiß. Ist aber noch im gesunden Bereich, denk ich.

  4. HabkeinFacebook&Co sagt:

    Stasi 2.0

  5. Anonymous sagt:

    Ein Grund mehr, Facebook nicht zu nutzen oder wenn, dann wenigstens unter einer falschen Identität.

    Wobei – ist man eventuell hochverdächtig, wenn man gar kein Facebook nutzt??

    *schwitz*

  6. christian sagt:

    “Seitenbetreiber könnten die Server des Staates von ihren Webseiten aussperren. Das wäre mal ein interessanter Schritt. Die Server laufen unter der ASN 680 im Netz des DFN.”

    Gibt es IP-Listen / IP-Kreise, generell von am Besten möglichen Behörden-Servern?

    Ganzes Land aussperren bzw. Sprache wäre nicht sinnig,
    allerdings bestimmte unseriös arbeitende Behörden definitiv!

    Eine ip-liste im csv- oder txt-Format würde wirklich helfen! ;-)

  7. yawnzzz sagt:

    Und trotzdem darf man Neger sagen!

    • BND sagt:

      Auch wenn Sie sich in arge Grauzonen bewegen und generell eher Schwarz sehen, so sind die von der Stasi oder Neudeutsch BND nicht alle Schwarz! ;-)

  8. Anonymous sagt:

    Aber aber Leute das sind die Guten.
    Sie werden doch nicht müde uns das immer wieder zu sagen.
    Es kommt bestimmt gleich einer um die Ecke der uns mitteilt, das das was gaaaanz anderes ist, als wenn uns die Stasi über die Schulter geschaut hat.

    • Anonymous sagt:

      Grins,
      vier Dislikes, vier Schlapphüte lesen hier schon mal mit.

    • Anonymous sagt:

      Die vier und mehr sind entweder etwas minderbemittelt beim Lesen – Witze zu erkennen, oder wissen die nicht, dass in den schlimmeren stalinistischen Zeiten der DDR prinzipiell immernoch nur aufgrund von mehr oder minder sozialzersetzenden, relevant erscheinenden Auffälligkeiten mitgeschrieben wurde.
      Jetzt muss im Bereich der Erzieher und Sozialarbeiter allein schon so schriftlich Bericht erstattet werden. Wenn dann noch etwas kommt, ist sowohl der Betreuer, als auch der Betreute noch extra dran mit Besonders beurteilt werden.
      Hier kann auch der Betreute angezinkt werden, weil er nicht angepasst genug ist. Der wird dann gefeuert, weil er die glorreichen Eigenschaften der Kapitalwirtschaft nicht als Vermittlungkredo verinnerlicht und entscheidungsmaßgebend nach außen trägt.

      Und dann kommt erst der VS, SS, + dazu.(Der auch mal beim Argeitgeber anruft, wenn wer zu effizientstörend)

      Die intenziösen Datenberge dieser speziellen Gesellschaft übertreffen vielfach das der stalinistischsten Ausprägungen des Realsozialismus. Na wenigstens wird man derzeit nicht von den aktivsten Kapanhängern(Mitterechtsweg) umgebracht, wie ses sonst so weltweit taten vor den dann ruhigen, von ihnen bereinigteren Zeiten.
      Wie mit Pinochet(Händeschmutzigmacher versus CDUSPDGrünverschnitte) und den Chicago Boys waren weltweit die Herstellungsprozesse des jetzigen mit Händeschmutzigmachern für die neue Biedermeyer Herumpeiler Generation nötig.

  9. Mr. Charrington sagt:

    Was ist gefährlicher? Der Staat oder die sozialen Netzwerke?

    Zumindest theoretisch geht alle Staatsgewalt von uns aus. Zumindest theoretisch können wir die staatlichen Organisationen wieder in ihre Grenzen verweisen.

    Aber welche Mittel haben wir, wenn sich die sozialen Netzwerke zu Feudalherren entwickeln?

    Wenn Orwell recht falsch lag? Wenn nicht der mächtige Große Bruder Televisioren in jedes Zimmer stellt? Wenn aus dem Betreiber unserer nützlichen Televisoren ein Großer Bruder wird?

    • Mausi sagt:

      Es gibt kein “wir”

    • Mauzi sagt:

      Tja.. und dann sind manche noch so Clever und bezahlen 100 Euro, um sich den großen Bruder ins Haus zu holen.
      Alexa lässt grüßen

    • Anonymous sagt:

      “Aber welche Mittel haben wir, wenn sich die sozialen Netzwerke zu Feudalherren entwickeln?”

      Wir können sie meiden. Es gibt tatsächlich ein Leben ohne Facebook, ohne daß man sozial verarmt ist.

  10. Mausi sagt:

    Nur öffentliche Inhalte, oder auch Profile und Inhalte, die versteckt bzw. privat sind?


  11. Dieses Verhalten der angeblichen Verfassungschützer war ja leider zu erwarten…

  1. 9. Juli 2018

    […] die völlig diffus sind. Damit sind wir erschreckenderweise einen großen Schritt in Richtung Gedankenpolizei […]

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