Berliner Bahnhof Südkreuz: Polizei sucht Testpersonen für Gesichtserkennung per Video

Article by · 19. Juni 2017 ·

Ein sechsmonatiges Projekt zur Erprobung von intelligenter Videotechnik startet zum 1. August 2017. Dafür werden bis zu 275 Freiwillige gesucht, die bei dem Testlauf mitmachen wollen, vorzugsweise Personen, die den Bahnhof häufiger nutzen, etwa als Pendler und die zudem die markierte Testzone in der Westhalle des Bahnhofes durchqueren. Seit Montag wirbt die Bundespolizei an dem Bahnhof für eine Beteiligung.

Zum geplanten Probelauf am 01.08.2017 zur Gesichtserkennung per Videotechnik am Berliner Bahnhof Südkreuz sucht die Bundespolizei Testpersonen. Beteiligt am Probelauf sind sowohl das Bundesinnenministerium, als auch die Deutsche Bahn und das Bundeskriminalamt. Den Polizeibehörden geht es darum, die technischen Möglichkeiten unter realen Bedingungen auszuloten.

Gemäß den Plänen von Bundespolizei und Deutscher Bahn soll der Berliner Bahnhof Südkreuz zu einem Modell-Projekt für die Verwendung expandierender Überwachungstechnik werden. Hier kommen künftig nicht nur die ohnehin immer häufiger zu findenden Überwachungskameras zum Einsatz, sondern diese werden zusätzlich noch mit einer Software zur Gesichtserkennung gekoppelt. So lässt sich im Grunde jederzeit nachvollziehen, wer den Bahnhof wann und wie oft nutzt.

Von den Testpersonen werden verschiedene Lichtbilder angefertigt, die in einer Testdatenbank abgelegt und für ein Jahr gespeichert werden. Zudem werden die Lichtbilder auch für ein Fake-Verbrecherprofil benötigt, die in der Datenbank “gesuchter Personen” gespeichert werden, damit die Kameras aufgrund des Abgleichs gegenbenenfalls Alarm anzeigen können. Die Probanden bekommen für dieses Projekt einen RFID-Transponder-Chip in Form einer Kreditkarte, den sie an einem Schlüsselbund oder ähnlichem bei sich tragen müssen für eine Gegenkontrolle. So soll festgestellt werden, ob das System die Person tatsächlich immer erkennt, wenn sie einen markierten Bereich im Bahnhof betritt. Dieser Bereich ist mit RFID-Baken “abgezäunt”. Die Freiwilligen mit den RFID-Transpondern sollen so auf jeden Fall erkannt werden, sobald sie die Fläche betreten. Diese Daten bilden die Referenzmenge zu den Erkennungsraten der automatischen Gesichtserkennung, sodass die Quote der “False Positives” und “False Negatives” bestimmt werden kann. Überschreiten beide einen Grenzwert, ist die Gesichtserkennung gescheitert: Entweder gibt es dann zu viele Fehlalarme oder zu viele “Gesuchte” werden nicht erkannt.

Ferner wird, unabhängig von diesem Feldtest, ein weiterer Test durchgeführt, auch mit Videokameras, doch mit anderer Software. Dabei sollen die Systeme potenziell gefährliche Gegenstände erkennen, wie Koffer, die auf den Bahnsteig gestellt und verlassen wurden, stürzende Personen oder die Aktionen von Graffitti-Sprayern. Auch die Mustererkennung von Taschendieben, die in meistens in Gruppen auftreten, wird dazugehören.

Beide Tests sollen letzlich als Vorstufen dazu dienen, den gesamten Berliner Bahn-Nahverkehr umfassend mit dem getesteten Videoüberwachungssystem auszurüsten. Geplant ist es, dass bereits Ende 2017 alle Berliner S-Bahnhöfe mit Videokameras ausgestattet sind. Eine zentrale Leitstelle der Bahn und der Bundespolizei hat dann Zugriff darauf. Derzeit werden nur alle “Wechselbahnhöfe” durchgängig überwacht mit einem Einsatz von ca. 1000 Kameras, 80 davon am Bahnhof Südkreuz.

Wer sich freiwillig als Testperson meldet und im gesamten Testzeitraum mindestens an 25 unterschiedlichen Tagen durch die gekennzeichnete Zone läuft, soll einen Amazon-Gutschein im Wert von 25 Euro erhalten. Wer an über 30 Tagen und am häufigsten von allen Testpersonen erfasst wird, soll einen der Hauptpreise erhalten, wie eine Apple Watch Series 2, eine Fitbit Surge oder eine GoPro Hero Session. Reisende, die nicht überwacht werden wollen, empfiehlt die Bundespolizei, die “Ausweichmöglichkeiten” zu nutzen.

In einer FAQ der Bundespolizei heißt es zuversichtlich: “Mit dieser Technik könnte es gelingen, Straftaten und Gefahrensituationen vorab zu erkennen. Mögliche Gefährder könnten vor einem geplanten Anschlag festgestellt und dieser verhindert werden.”

Aus Sicht der Bundesbeauftragen für Datenschutz, Andrea Voßhoff, sei das Projekt “für sich genommen noch nicht als schwerwiegender Eingriff zu sehen”. Das ändere allerdings nichts an „grundsätzlichen Bedenken” gegen diese Technologie. „Sollten derartige Systeme später einmal in den Echtbetrieb gehen, wäre dies ein erheblicher Grundrechtseingriff.” Auch Berlins Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk hatte die Technik zur Gesichtserkennung zuvor als problematisch kritisiert. Sie könne “die Freiheit, sich in der Öffentlichkeit anonym zu bewegen, gänzlich zerstören”, gibt sie zu bedenken. Ebenso tadelt der innenpolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, Benedikt Lux, das Vorhaben:“Wir sind auf dem Weg in ein absolutes Überwachungsszenario”, meint er.

Bildquelle: geralt, thx! (CC0 Public Domain)

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2 Comments

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    Ein Kommentator

    Vielleicht melden sich ja diejenigen Bundestagsabgeordneten, die eine solche Überwachung befürworten mal als Testperson. Sofern sie denn den ÖPNV nutzen. Ansonsten könnte man das System sicher auch auf den Fluren des Reichstagsgebäudes installieren.

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    Tarnleser

    ———— Zitat Aus dem Bericht: ————-
    Ferner wird, unabhängig von diesem Feldtest, ein weiterer Test durchgeführt, auch mit Videokameras, doch mit anderer Software. Dabei sollen die Systeme potenziell gefährliche Gegenstände erkennen, wie Koffer, die auf den Bahnsteig gestellt und verlassen wurden, stürzende Personen oder die Aktionen von Graffitti-Sprayern. Auch die Mustererkennung von Taschendieben, die in meistens in Gruppen auftreten, wird dazugehören.
    —————-Zitat Ende ——————–

    Hieß es nicht Anfangs und auch im Bericht selbst, dass es nur gegen Gefahrenabwehr (Terrorismus) eingesetzt werden soll? Natürlich nicht! Sollen also auch noch folgende Straftaten mit Videotechnik erkannt werden:
    . – gefährliche Gegenstände erkennen, wie Koffer,
    . – stürzende Personen
    . – Aktionen von Graffitti-Sprayern.
    . – Mustererkennung von Taschendieben

    Die frage ist, in wie fern “andere Software” gemeint ist, soll diese auf dem selben System laufen und auch die selben Videobilder auswerten – so wäre es das gleiche. Oder ob es technisch anders läuft und eventuell keine “Gesichtserkennung” dazu hinzogen wird?

    Dass Testpersonen mit Preisen angeworben werden ist scharf zu kritisieren. Da wird man dafür belohnt, die Grundvorausetzungen eines Überwachungstaates zu etablieren? ALLE Personen die dies unterstützten, sollen zur Hölle fahren. Ich wünsche der Bundespolizei keine erfolgreiche Testpersonenanwerbung.


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