Ring ohne Cloud-Zwang? Die Diskussion ist eröffnet.
Ring ohne Cloud-Zwang? Die Diskussion ist eröffnet.
Bildquelle: ChatGPT

Ring ohne Amazon-Cloud? 10.000 Dollar Belohnung für funktionierenden Hack

Ring ohne Amazon-Cloud? Fulu bietet 10.000 Dollar für einen Hack, der Ring-Kameras lokal betreibt und den Datenfluss zu Amazon stoppt.

Nach dem umstrittenen Super-Bowl-Spot zu „Search Party“ wächst der Widerstand gegen Amazons Ring-Kameras. Die Fulu Foundation setzt nun ein Kopfgeld von über 10.000 Dollar aus. Dafür wird eine Modifikation gesucht, die Ring-Kameras lokal nutzbar macht und den Datenabfluss zu Amazon stoppt, ohne Cloud-Zwang und ohne Funktionsverlust.

Ring ohne Amazon-Cloud – ein unmögliches Projekt?

Lässt sich eine Ring-Kamera ohne Amazon-Cloud betreiben? Wie Wired berichtet, lobt aktuell die US-Organisation Fulu (Freedom from Unethical Limitations on Users) dafür eine Belohnung von über 10.000 US-Dollar aus. Gesucht wird ein funktionierender Hack, der Ring-Videotürklingeln vom Amazon-Backend entkoppelt. Damit angestrebt wird eine Nutzung ohne Cloud-Anbindung, ohne Datenübertragung an Amazon-Server und ohne Abo-Zwang.

Auslöser ist die massive Kritik an Rings neuer KI-Funktion „Search Party“, die nach einem Super-Bowl-Spot landesweit für Aufsehen sorgte.

Search Party: Hundesuche als KI-Überwachungsnetz?

„Search Party“ vernetzt Ring-Kameras in einer Nachbarschaft. Wird das Foto eines vermissten Hundes hochgeladen, durchsucht eine KI die Live-Feeds nach Übereinstimmungen. Laut Amazon sei die Teilnahme freiwillig, die Kameraeigentümer behielten die Kontrolle über ihre Aufnahmen. Kritiker sehen darin jedoch den nächsten Schritt zur flächendeckenden Videoanalyse im Wohngebiet.

In der von 404 Media veröffentlichten internen E-Mail schrieb Siminoff, die Funktion sei „zunächst für Hunde“ eingeführt worden und könne langfristig dazu beitragen, Kriminalität in Nachbarschaften „zu nullen“.

Ring betont, die Funktion erkenne keine menschlichen Biometrien und tracke keine Personen. Die öffentliche Debatte ist damit jedoch entfacht. Wenn eine KI Hunde identifizieren kann, was kommt als Nächstes?

Hier geht’s definitiv nicht um Hunde“ – Kritik erreicht die Politik

Die Kritik an Rings KI-Funktion bleibt nicht auf Social Media oder in Tech-Medien beschränkt. Auch politische Stimmen melden sich zu Wort. Das IT-Fachmagazin Heise Online greift die Debatte auf und zitiert den US-Senator Ed Markey:

„Hier geht’s definitiv nicht um Hunde – hier geht’s um Massenüberwachung.“

Markey gehört seit Jahren zu den schärfsten Kritikern datengetriebener Überwachungstechnologien. Laut Heise verweist Markey darauf, dass Ring Funktionen wie „Familiar Faces“ eingeführt hat, eine optionale Erkennungsfunktion, mit der Nutzer bekannte Gesichter aus ihrem eigenen Umfeld markieren können.

Ring betont zwar, keine allgemeine biometrische Gesichtserkennung einzusetzen und die Kontrolle liege beim Nutzer. Aber in Kombination mit „Search Party“ entsteht ein Szenario, das Kritiker als infrastrukturelle Vorbereitung auf erweiterte KI-Analyse deuten.

Vor dem Hintergrund früherer Kooperationen mit Polizeibehörden lässt die Vorstellung einer flächendeckenden, vernetzten Videoanalyse Beobachter weniger einen Haustier-Service vermuten, sondern vielmehr einen Testlauf für algorithmische Nachbarschaftsüberwachung.

Die Debatte um Ring ohne Amazon-Cloud, also um eine vollständig lokale Nutzung ohne zentrale Datenauswertung, wird damit zunehmend politisch relevant. Wenn eine KI systematisch Videodaten aus Wohngebieten analysieren kann, stellt sich zwangsläufig die Frage nach Kontrolle und Zugriffsmöglichkeiten.

Zwischen Haustierhilfe und Dateninfrastruktur: Die Debatte um Ring ohne Amazon-Cloud gewinnt an Dynamik.
Zwischen Haustierhilfe und Dateninfrastruktur: Die Debatte um Ring ohne Amazon-Cloud gewinnt an Dynamik.

Das Grundproblem: Ring ist cloud-first

Wer eine Ring-Kamera kauft, erwirbt kein autonomes Sicherheitssystem, sondern ein Gerät, das tief in Amazons Infrastruktur eingebunden ist. Die Videoverarbeitung erfolgt grundsätzlich über Amazon-Server, die Cloud-Speicherung ist der Standard. Zwar bietet Ring mit der Kombination aus Ring Alarm Pro und dem Dienst „Ring Edge“ eine Form lokaler Speicherung an, diese setzt jedoch zusätzliche Hardware und ein kostenpflichtiges Abonnement voraus.

Eine Ring-Kamera ohne Cloud-Anbindung ist offiziell nicht vorgesehen. Eine vollständige Nutzung ohne Amazon-Backend, also den rein lokalen Betrieb über einen eigenen Server oder PC, unterstützt der Hersteller nicht. Die Initiative von Fulu setzt an diesem Punkt an.

Die 10.000-Dollar-Challenge: Ring lokal betreiben

Die Anforderungen der Fulu-Bounty sind präzise formuliert. Die Ring-Kamera muss nach der Modifikation mit einem lokalen PC oder Server betrieben werden können, idealerweise mit einer Integration in Home Assistant. Entscheidend ist, dass keinerlei Datenverkehr mehr zu Amazon-Servern stattfindet und keine Verbindung zu Amazon-Hardware erforderlich ist. Gleichzeitig dürfen On-Device-Funktionen wie Bewegungserkennung oder Farb-Nachtsicht nicht beeinträchtigt werden.

Ein Austausch oder eine Modifikation der Hardware ist ausdrücklich ausgeschlossen. Die Lösung muss ausschließlich auf Software- oder Firmware-Ebene erfolgen. Zudem soll sie mit günstigen, frei verfügbaren Tools umsetzbar sein und eine Anleitung enthalten, die ein technisch versierter Nutzer in weniger als einer Stunde nachvollziehen kann. Die Modifikation muss mindestens für ein Ring-Modell ab Baujahr 2021 funktionieren.

Das Preisgeld beginnt bei 10.000 Dollar und ist durch Spenden bereits angewachsen. Zusätzlich stellt Fulu Matching-Gelder in Aussicht. Die eigentliche Herausforderung bleibt jedoch dieselbe, nämlich eine Ring-Kamera ohne Amazon-Cloud zu entwickeln, die technisch sauber umgesetzt, reproduzierbar und im Alltag praktikabel ist.

Alte Kontroversen, neue Dynamik

Ring stand bereits in den vergangenen Jahren mehrfach in der Kritik. 2023 schloss das Unternehmen einen Vergleich mit der US-Verbraucherschutzbehörde FTC in Höhe von 5,6 Millionen Dollar wegen Datenschutz- und Sicherheitsmängeln. Betroffene Kunden wurden 2024 ausgezahlt. Frühere Recherchen dokumentierten zudem weitreichende Partnerschaften mit Polizeibehörden. Nach massiver öffentlicher Kritik beendete Ring erst kürzlich eine geplante Integration mit dem Kennzeichenerfassungsunternehmen Flock Safety.

Datenschutzorganisationen wie die Electronic Frontier Foundation warnen seit Jahren vor einer schleichenden Normalisierung privater Überwachungsinfrastruktur. Der aktuelle Unterschied besteht jedoch darin, dass die Kritik nicht mehr nur aus aktivistischen Kreisen kommt, sondern zunehmend auch von breiten Teilen der Nutzerschaft.

Eigentum oder Lizenzmodell?

Der Kern der Debatte geht um die grundlegende Frage, was es bedeutet, ein Gerät zu besitzen, wenn es ohne Cloud-Anbindung kaum nutzbar ist. Eine Ring-Kamera ohne Amazon-Backend würde volle Datensouveränität ermöglichen, keine erzwungene Cloud-Speicherung voraussetzen, auf ein Abomodell für grundlegende Funktionen verzichten und die Videoverarbeitung lokal durchführen.

Solche Umgehungen sind jedoch juristisch heikel. In den USA schützt Section 1201 des DMCA digitale Sperrmechanismen und untersagt deren Umgehung selbst dann, wenn es sich um das eigene Gerät handelt. Fulu zahlt die Belohnung dennoch auch dann aus, wenn der Gewinner seine Lösung aus rechtlichen Gründen nicht veröffentlicht. Die Organisation versteht ihre Aktion als politisches Signal gegen digitale Einschränkungen und gegen die wachsende Kontrolle der Hersteller über bereits verkaufte Hardware.

Ring ohne Amazon-Cloud: Technisch machbar?

Ob eine vollständige Entkopplung realistisch ist, bleibt offen. Ring-Geräte sind stark abgesichert, Firmware-Modifikationen komplex. Zudem muss die Lösung ohne Hardwaretausch funktionieren.

Aber selbst wenn niemand das Preisgeld erhält, hat die Debatte bereits Fahrt aufgenommen. Damit steht die Frage nach digitaler Selbstbestimmung im Raum. „Ring ohne Amazon-Cloud“ ist ein Gradmesser dafür, wie viel Kontrolle Nutzer über ihre eigenen Geräte tatsächlich haben. Ring argumentiert mit Sicherheit, Komfort und freiwilliger Teilnahme. Kritiker sprechen von Infrastruktur für algorithmische Nachbarschaftsüberwachung. Entscheidend bleibt, wo Tierhilfe endet und systematische Analyse beginnt.

Über

Antonia ist bereits seit Januar 2016 Autorin bei der Tarnkappe. Eingestiegen ist sie zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibt sie bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, sie greift aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Ihre Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.