Aus dem Multiplayer-Browser-Game inselkampf.com wurde Kampfinsel, was natürlich auch in Echtzeit läuft. Ein Gastbeitrag von Johann Lindele.
Ich war fünfzehn, als mein Vater eines Abends mit einem Link ankam, den er irgendwo im Internet aufgestöbert hatte: inselkampf.de. Wir haben uns zusammen reingesetzt, je eine Insel genommen, und plötzlich saßen wir da — bauten Goldminen auf Inseln, die nur als Zahlen und Tabellen existierten, schmiedeten Allianzen mit Leuten, die wir nie getroffen hatten, und planten Überfälle. Auf fremde Inseln, aber auch gelegentlich aufeinander. Das war um 2005 herum. Das Spiel war hässlich, langsam, aber trotzdem vollkommen unwiderstehlich.
Mein Vater hat damals mehr gespielt als ich. Das sage ich nicht oft über Videospiele. Dann kam irgendwann nichts mehr. Inselkampf.de verschwand so, wie Browsergames dieser Ära eben verschwinden — still, ohne Abschied, ohne Nachfolger. Ich habe die Seite vor kurzem nochmal aufgerufen, aus einer Mischung aus Neugier und Nostalgie. Der alte Game Over Screen stand dort immer noch. Sonst nichts. Ich habe ihn länger angeschaut als nötig. Es gibt kein anderes Spiel, das dieses spezifische Gefühl wieder eingefangen hätte. Bis vor ein paar Wochen.
Kampfinsel – der erste Eindruck
Ich bin über einen Reddit-Post auf kampfinsel.com gestoßen, habe die URL aufgerufen und war sofort misstrauisch. Courier New als Schriftart. Pergament-Farbtöne. HTML-Tabellen. Kein modernes UI-Framework. Kein animiertes Intro-Video, das mir erklärt, wie episch das alles ist. Mein erster Gedanke: Das ist entweder ein unfertiges Prototypen-Projekt oder jemand hat genau verstanden, was diese alten Browsergames ausgemacht hat. Es ist das Zweite.
Das Grundprinzip wird niemanden überraschen, der die alten Zeiten kennt: Du bekommst eine Insel. Du baust Infrastruktur auf mit einer Goldmine, Steinbruch, Holzfäller, Kaserne, Hafen. Du erforschst Technologien, stellst eine Flotte zusammen und kannst dann entweder mit anderen handeln, Allianzen schmieden oder ihre Inseln plündern. Während du schläfst, läuft alles weiter. Morgens schaust du rein, gibst neue Aufträge raus, abends prüfst du den Fortschritt. Das ist kein Zufall, das ist das klassische asynchrone Browsergame-Prinzip — und es funktioniert heute genauso gut wie damals.
Was fehlt (und das ist das Beste daran)
Viele haben, wie ich, nach einem Online-Shop bei Kampfinsel gesucht. Es gibt keinen „Premium“-Button, keine digitale Währung, keine Energie-Timer und auch keine Aufforderungen nach dem Kauf von 10 Speedups für 4,99 €. Es gibt schlichtweg nichts davon.
Kein Shop. Keine Lootboxen. Keine Werbebanner. Auch keine Cookie-Wall beim Einloggen. Kein „Für 2,99 € pro Monat schaltest du den Forschungsbaum frei.“ Wer nicht zahlt, spielt auf genau demselben Niveau wie alle anderen. Geplant ist zukünftig ein optionales „Chronist“-Abo — aber laut Beschreibung rein kosmetisch, ohne spielmechanischen Vorteil. Ich halte das erst mal für eine Ansage. Auch beim Thema Daten wurde offensichtlich nachgedacht: Die Server laufen auf europäischer Infrastruktur mit Impressum aber ohne Facebook-Login. Für eine Tarnkappe-Leserschaft dürfte das durchaus relevant sein.
Was mich an die alten Zeiten erinnert
Inselkampf hat eine ausgearbeitete Lore — eine fiktive vorindustrielle Seefahrerwelt, in der die Kontinente durch Goldgier buchstäblich versenkt wurden und die Menschheit jetzt auf den Bergspitzen haust, die noch aus dem Wasser ragen. Es gibt kein Fantasy, keine Magie, nur Ressourcen, Flotten und die ewige Frage: Wann greife ich meinen Nachbarn an?
Was mich wirklich zurückwirft in diese Mittelschul-Nachmittage ist die Community. Klein genug, dass man die Namen kennt. Aktiv genug, dass im Discord täglich etwas passiert. Der Entwickler — soweit ich das beurteilen kann, ein Einzelprojekt aus Norddeutschland — rollt quasi täglich kleine Verbesserungen raus, reagiert auf Feedback, erklärt seine Entscheidungen. Das ist das Gegenteil von dem, was man von Spielen gewohnt ist, bei denen zwischen Community-Post und Antwort drei Monate liegen.
Das Spiel läuft gerade auf Version 0.35. Der Entwickler Yannik Kern hat einen Forschungsbaum frisch ausgerollt. Auf der Roadmap stehen ein Allianz-Notruf-System, eine vollständige englische Lokalisierung und eine Discord-Integration. Der Login über Discord ist schon aktiv. Das Ganze ist noch eindeutig ein Work-in-Progress — aber im positiven Sinne: Man sieht zu, wie etwas wächst, und man kann dabei Einfluss nehmen.
Für wen ist das nichts
Wer ein poliertes Triple-A-Erlebnis erwartet, wird enttäuscht. Die Grafik ist funktional, nicht spektakulär. Es gibt keine Cutscenes, keine Stimmungsmusik, kein Tutorial-Maskottchen, das einem erklärt, wie man Holz hackt. Wer alle zehn Minuten eine Belohnungsanimation braucht, um motiviert zu bleiben, ist hier ebenfalls falsch. Das Spiel setzt voraus, dass man bereit ist, sich selbst etwas zu erarbeiten — im wahrsten Sinne des Wortes. Eine starke Insel in Kampfinsel hat man sich über Wochen aufgebaut. Es gibt zu Kampfinsel Alternativen wie ik-seite.de, doch die fangen nicht das alte Flair des Spieles ein.
Fazit zu kampfinsel.com
Ich bin kein Teil des Teams, ich habe nichts zu verkaufen. Ich bin einfach jemand, der seit zwanzig Jahren darauf gewartet hat, dass jemand inselkampf.de wieder auferstehen lässt — und der gerade dabei zuschaut, wie genau das passiert. Wer damals dabei war und wissen möchte, ob dieses Gefühl noch funktioniert: Es funktioniert. kampfinsel.com. Wer mehr Infos und Austausch braucht, bei Reddit gibt es dafür einen extra Bereich.
Ein Gastbeitrag von Johann Lindele.




















