Piratenbücher im Hörsaal: RettighedsAlliancen setzt auf Klagen statt nur auf Aufklärung.
Piratenbücher im Hörsaal: RettighedsAlliancen setzt auf Klagen statt nur auf Aufklärung.
Bildquelle: ChatGPT

Lehrbuch-Piraterie in Dänemark: Studenten riskieren Klagen und Geldstrafen

Lehrbuch-Piraterie in Dänemark: Ab Februar 2026 drohen Studierenden Klagen und Geldstrafen, wenn sie digitale Lehrbücher illegal teilen.

Lehrbuch-Piraterie ist in Dänemark offenbar fest in der Unikultur verankert. Die dänische Anti-Piraterie-Allianz RettighedsAlliancen will sich des Problems nun annehmen. Studierende, die digitale Lehrbücher illegal teilen, sollen künftig verklagt werden. Es könnten Geldstrafen drohen.

Piraterie von Filmen, Serien oder Games wird meist mit Entertainment verbunden. Allerdings entwickelte sich die illegale Verbreitung digitaler Lehrbücher als weiterer Bereich im Schatten. In Dänemark verschärfte sich die Situation nun so stark, dass Studierende selbst ins juristische Fadenkreuz geraten. Die Rechteorganisation RettighedsAlliancen kündigt an, ab Februar 2026 gezielt Klagen gegen Studenten einzureichen, die E-Textbooks illegal teilen.

Lehrbuch-Piraterie in Dänemark: Teilen reicht – Klage folgt

Dänemark verschärft den Kampf gegen die illegale Verbreitung digitaler Studienliteratur. Die Anti-Piraterie-Organisation RettighedsAlliancen will künftig nicht mehr nur auf Aufklärung setzen, sondern Studierende direkt vor Gericht bringen.

Ab Februar 2026 will RettighedsAlliancen erste Fälle gezielt vor Gericht bringen. Damit will man juristisch feststellen lassen, dass bereits das Teilen einzelner digitaler Lehrbücher eine Urheberrechtsverletzung ist. Im Ernstfall drohen gerichtlich verhängte Geldbußen.

Seit Jahren stabil: Illegales Teilen ist für viele „normal“

Die Rechteallianz verfolgt die Entwicklung laut eigenen Angaben bereits seit 2019. Grundlage sind jährliche Umfragen des von RettighedsAlliancen zitierten Marktforschungsinstituts Epinion, die das Nutzungsverhalten von Studierenden bei digitalen Lehrbüchern untersuchen. So halten es 70 Prozent der Studierenden gemäß einer Epinion-Studie aus dem Jahr 2023 für akzeptabel, wenn Kommilitonen digitale Lehrbücher untereinander teilen.

Die Zahlen aus dem Jahr 2025 weisen wiederholt auf das bekannte Problem hin. Demnach haben 57 Prozent der Studierenden, die digitale Lehrbücher nutzen, mindestens ein Werk illegal beschafft. Gleichzeitig wissen 69 Prozent, dass dieses Verhalten verboten ist. Dennoch halten es 74 Prozent für akzeptabel, Bücher untereinander illegal zu teilen. RettighedsAlliancen spricht deshalb von einer über Jahre verfestigten Schattenkultur an Hochschulen. Direktorin der RettighedsAlliancen Maria Fredenslund verdeutlicht:

„Seit vielen Jahren versuchen wir, Studierende durch Dialog und Information zu erreichen, doch die Ergebnisse unserer siebenjährigen Messungen zeigen keine Wirkung. Da mehr als die Hälfte immer noch illegal Lehrbücher teilt, müssen wir ein deutlicheres Signal senden. Gesetzesverstöße müssen Konsequenzen haben – genau wie in allen anderen Bereichen der Gesellschaft“.

KI als neue Piraterie-Baustelle

Da künstliche Intelligenz für viele Studierende inzwischen zum Standardwerkzeug geworden ist, verlagert sich Lehrbuch-Piraterie zunehmend auch in den KI-Bereich. Laut einer Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse der Epinion-Studie vom Januar 2025 haben bereits 25 Prozent der Studierenden ganze Lehrbücher oder Auszüge daraus in einen Chatbot hochgeladen. KI-Chatbots werden damit zur neuen Schattenbibliothek.

Lehrbuch-Sharing 2.0: KI-Tools werden zum nächsten Konfliktfeld für Verlage und Rechteinhaber.
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Gleichzeitig zeigt die Erhebung ein massives Wissensdefizit. Fast drei von vier Studierenden, nämlich 72 Prozent, wissen demnach nicht, dass das Hochladen digitaler Lehrbücher in Chatbots illegal ist. Nur 41 Prozent geben an, überhaupt über die Regeln zum Teilen digitaler Lehrbücher an ihrer Hochschule informiert worden zu sein.

Problematisch ist vor allem, dass das Einspeisen von Lehrbüchern in KI-Systeme weitreichende urheberrechtliche Folgen haben kann. Werden etwa illegale PDF-Dateien genutzt, um Inhalte in Chatbots einzuspeisen oder eigene GPT-Modelle anzupassen, könnten Lehrbücher theoretisch einer unbegrenzten Zahl von Nutzern zugänglich gemacht werden. Das untergräbt gemäß RettighedsAlliancen den Anreiz, Originalwerke zu kaufen, verzerrt den Markt und verschärft den Konflikt zwischen Studierenden, Verlagen und Rechteinhabern zusätzlich.

Null Toleranz: Klagen schon beim ersten Share

RettighedsAlliancen geht mit ihrer neuen Strategie besonders kompromisslos vor. Somit richten sich ihre künftigen Aktionen nicht mehr nur gegen große Plattformen oder gewerbliche Anbieter, sondern sie verfolgen nun gezielt auch einzelne Studierende. RettighedsAlliancen kündigt an, Verfahren nach den Regeln der privaten Strafverfolgung im Urheberrecht anzustoßen. Ziel ist es, gerichtlich klarzustellen, dass auch die Weitergabe einzelner digitaler Lehrbücher illegal ist.

Laut TorrentFreak kann bereits das Teilen einer einzigen Datei ausreichen, um eine Klage auszulösen. Im Falle einer Verurteilung drohen voraussichtlich staatliche Geldstrafen in Höhe mehrerer tausend dänischer Kronen (1000 DKK = 134 Euro), abhängig von der Anzahl der geteilten E-Textbooks. Die Organisation verfolgt damit einen strikten Kurs. Selbst kleinere Verstöße können Konsequenzen haben.

„Prävention, nicht Strafe“ – oder doch Abschreckung?

Offiziell betont RettighedsAlliancen, es gehe nicht darum, Studierende zu bestrafen. Das Ziel sei ein Wandel im Verhalten und in den sozialen Normen unter Studierenden. Man will erreichen, dass das illegale Teilen von Lehrbüchern nicht länger als normaler Bestandteil des Studienalltags gilt, sondern vielmehr als Verstoß gegen das Urheberrecht wahrgenommen wird. Die RettighedsAlliancen rechnet damit, dass bereits wenige Verfahren ausreichen werden, um das illegale Teilen digitaler Lehrbücher spürbar einzudämmen.

Entscheidend ist dabei, dass es sich laut RettighedsAlliancen nicht um ein herkömmliches Vergleichs- oder Abmahnmodell handelt. Die Organisation bestätigte gegenüber TorrentFreak, dass sie weder Schadensersatzforderungen noch außergerichtliche Einigungen anstrebt. Es gehe ausdrücklich nicht um Gewinnmaximierung, sondern darum, über gerichtliche Verfahren einen spürbaren Kulturwandel unter Studierenden anzustoßen.

Wie viele Studierende tatsächlich ins Visier geraten könnten, ließ die Rights Alliance offen. Auch zu den konkreten Plattformen oder Diensten, die zur Beweissicherung überwacht werden, wollte die Anti-Piraterie-Gruppe keine Angaben machen. Stattdessen erklärte sie lediglich, auf mehreren Plattformen und in verschiedenen Gruppen aktiv präsent zu sein.

Maria Fredenslund erklärt, man wolle verdeutlichen, dass illegales Teilen Konsequenzen habe, so wie in jedem anderen Bereich der Gesellschaft:

„Wir wollen nicht Einzelpersonen bestrafen, sondern einen Kulturwandel herbeiführen, in dem Studierende verstehen, dass illegales Teilen Konsequenzen hat. Gleichzeitig ermutigen wir die Hochschulen, inakzeptables Verhalten, wie beispielsweise die Verletzung von Rechten des geistigen Eigentums, zu ahnden.“

Digitale Lehrbuch-Piraterie: Hochschulen sollen mitziehen und selbst sanktionieren

RettighedsAlliancen nimmt nicht nur Studierende ins Visier, sondern auch die Bildungsinstitutionen selbst. Universitäten und Hochschulen wurden bereits angeschrieben und dazu aufgefordert, ihre Studierenden über die verschärfte Rechtsdurchsetzung zu informieren und Urheberrechtsverstöße zu sanktionieren, sobald sie bekannt werden. In mehreren Hochschulordnungen sei eine Copyright-Verletzung bereits als „inakzeptables Verhalten“ definiert, das Konsequenzen nach sich ziehen könne. Lehrbuch-Piraterie in Dänemark könnte damit nicht nur vor Gericht, sondern auch hochschulintern zu ernsthaften Problemen führen.

Lehrbuchmarkt unter Druck: Millionenverluste durch Piraterie

Die Organisation argumentiert zudem mit wirtschaftlichen Schäden. Eine Analyse des Beratungsunternehmens CphFacilitation beziffert die Verluste für Buchbranche und Staat im Jahr 2022 auf rund 225 Millionen Kronen. Dies entspricht etwa 31 Prozent des gesamten dänischen Lehrbuchmarktes.

Verlage warnen, dass langfristig ein nachhaltiger Markt für dänischsprachige Studienliteratur verschwinden könnte. Henrik Gejlager, Direktor von Gyldendal Uddannelse, spricht sogar von einer existenziellen Bedrohung für die Zukunft nationaler Lehrmaterialien.

Lehrbuch-Piraterie in Dänemark gilt damit nicht mehr als Bagatelldelikt. Die Rechteorganisation RettighedsAlliancen setzt mit ihrer aktuellen Aktion auf Gerichte statt nur auf Aufklärung. Sie will damit verdeutlichen, dass auch ein einziges geteiltes E-Book juristische Folgen haben kann. Ob dieser harte Kurs tatsächlich zu weniger illegalem Teilen führt, bleibt abzuwarten.

Abschließend sei noch erwähnt, dass das Problem der Lehrbuch-Piraterie nicht allein Studierende betrifft. TorrentFreak verweist auf eine Epinion-Erhebung, wonach illegale Dateien teilweise sogar über offizielle Hochschulstrukturen weitergegeben werden. So gaben 37 Prozent der Studierenden, die ein illegales Lehrbuch über ihr Studienintranet erhalten hatten, an, die Datei direkt von Dozenten, Lehrbeauftragten oder Professoren erhalten zu haben. Das weist darauf hin, wie tief die Praxis tatsächlich im akademischen Alltag verankert ist.

Über

Antonia ist bereits seit Januar 2016 Autorin bei der Tarnkappe. Eingestiegen ist sie zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibt sie bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, sie greift aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Ihre Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.