Testlauf: Für personalisierte Werbung setzt Deutsche Post Displays mit Gesichtserkennung ein

Article by · 12. April 2017 ·

Als Pilotprojekt führt die Deutsche Post bald in München Displays mit Gesichtserkennung ein, um personalisierte Werbung zu schalten. Der Kunde bleibt im Unklaren darüber, wo und wann aufgezeichnet wird. In Berlin und Köln läuft der Versuch schon, berichtet die Münchener Abendzeitung.

Was bereits Facebbook oder Google im Internet längst eingeführt haben, nämlich personalisierte Werbung, soll sich nun auch für analoge Bereiche, wie die Deutsche Post, bald etablieren. So ist es geplant, Partnershops, die nebenbei einen Postschalter betreiben, künftig mit einem Infodisplay mit Gesichtserkennung auszustatten. Die Gesichtserkennungssoftware erfasst das Alter und das Geschlecht von Personen und dementsprechend soll Kunden vor dem Display neben einem Infotainment-Programm, wie Inhalte zum Wetter, Nachrichten und Produktinformationen, die über das Portfolio der Post hinausgehen, auch gezielte, personalisierte Werbung ausgespielt werden.

In einigen Münchner Filialen startet die Deutsche Post einen Test mit Gesichtserkennung, die Technik soll vorerst in 25 Partnerfilialen mit Postschalter zum Einsatz kommen. Sobald sich der Kunde dem Schalter und damit auch dem Infotainment-Bildschirm nähert, bestimmt die Software via Bilderkennung sowohl das Alter als auch das Geschlecht der Kunden. Anhand dieser gewonnenen Metadaten wird dann entsprechende Werbung auf den Infotainment-Bildschirmen geschaltet.

Bei der eingesetzten Software handelt es sich um sogenannte „adpack„-Technik eines Berliner Marketing Start-ups, des Unternehmens Indoor Advertising (IDA). Bilder oder Bewegtbilder würden dabei jedoch nicht gespeichert, man filme also nicht „im eigentlichen Sinne“. Bei dem Projekt handele es sich um einen „Akzeptanztest“. Man möchte herausfinden, inwiefern mit einer solchen Mischung aus Information, Unterhaltung und zielgruppenspezifischen Werbeinhalten die Zufriedenheit der Kunden mit den Partnerfilialen weiter erhöht werden kann.

Derzeit laufen Tests in 40 Partnergeschäften mit Postschalter in Berlin und Köln, eine Ausweitung auf weitere 60 Shops in Hamburg und München sind derzeit noch in Planung. Über den Einsatz der Gesichtserkennungssoftware werden die Kunden nicht informiert. Die Post will auch keine Auskunft darüber geben, in welchen Filialen die Technologie eingesetzt wird.

Kritik an diesem Projekt äußert die datenschutzpolitische Sprecherin der Landtags-Grünen, Verena Osgyan: „Die Post bewegt sich hier mindestens im datenschutzrechtlichen Graubereich. Ich fände es angebracht, wenn das Unternehmen seine Kunden in den Einsatzbereichen proaktiv über diese Maßnahme informieren würde. Dass die Post dies nicht freiwillig tut, lässt Schlimmeres befürchten – denn letztlich bietet die eingesetzte Software sicher noch mehr Möglichkeiten, als nur zielgruppengenaue Werbeansprachen.“

Post-Sprecher Dieter Nawrath wendet daraufhin ein: „Kunden werden zu keinem Zeitpunkt im eigentlichen Sinne ‘gefilmt’, da die eingesetzte Technologie keine Bilder oder Bewegtbilder speichert. Die Technologie kann keine personenbezogenen Daten erheben, lediglich anonyme Metadaten werden erfasst. Deshalb besteht keine Notwendigkeit und keine rechtliche Erfordernis, die Kunden in der Testphase gesondert darüber zu informieren.“ Dennoch hat der Konzern Zugriff auf die Daten und kann nach Alter und Geschlecht auswerten, wer wann in welcher Filiale wie lange auf den Bildschirm geschaut hat.

IDA, das Berliner Partner-Unternehmen der Deutschen Post, will eigenen Angaben nach ein ganzes Werbenetzwerk mit solchen Gesichtserkennungs-Displays aufbauen. Werbetreibende sollen dabei, ähnlich wie bei Online-Werbung, ihre Schaltungen automatisiert nach Zielgruppen buchen können („programmatic buying“).

Fazit:

Der Trend setzt sich also fort in Richtung intelligenter Vermarktungssysteme. Nach Schaltung einer individuellen Werbestrategie im Internet ermöglicht die Technik nunmehr auch den Einsatz in den Einkaufsstraßen und Geschäften. Der Vorstoß der Deutschen Post wird daher nicht der letzte sein, andere Unternehmen werden schon bald folgen…

Bildquelle: geralt, thx! (CC0 Public Domain)

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2 Comments

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    Tobias Roland

    Was die Post hier unter den Deckmäntelchen von unsinnigem PR-Geschwurbel zu rechtfertigen versucht ist ein astreiner Verstoß gegen das nach Art. 8 der EU-Grundrechtscharta geschützte Recht auf informationelle Selbstbestimmung:
    Das Gesicht stellt sehr wohl und eindeutig ein unverwechselbares, individuelles und damit eindeutig zuzuordnendes Identifikationsmerkmal dar – insbesonders die Iris im Auge – und eine widerrechtliche Verarbeitung dieser Daten setzt die Speicherung zumindest im Arbeitsspeicher des Werbeterminals zwingend voraus.
    Das was die Deutsche Post AG sich hier herausnimmt liegt nicht innerhalb irgendeiner juristischen Grauzone sondern ist einfach nur kriminell!

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    Dietmar H.

    Die Erhebung biometriebasierter Daten ist eben nicht anonym, da diese eine Personenidentifikation ermöglicht. Speicherung und Analyse extrahierter Merkmale mag anonymisiert erfolgen, beruht aber auf reinem Vertrauen in die Implementation, das die Post aufgrund des sonstigen Engagements ihrer Konzernsparte Marketing bereits verspielt haben sollte.

    Wäre es nicht schön, zu jeder Adresse, die man bereits kennt, irgendwann auch ein Gesicht in seiner Datenbank zu haben?

    Der Begriff Metadaten wird in diesem Zusammenhang bewusst irreführend verwendet, um den Eingriff in die Persönlichkeitsrechte ihrer Kunden zu bagatellisieren, Herleitung von Alter und Geschlecht beruht auf der Auswertung von Inhaltsdaten, also den gemessenen geometrischen Charakteristika einer Person (Proportionen von Körper und Gesicht).

    Metadaten werden an einer ganz anderen Stelle für die Post interessant: Im Briefverkehr.

    Die autom. Erfassung von Empfangs- und Absenderadresse dient nicht nur der logistischen Abwicklung, ferner scheinen auch Auswertungen derartiger Gestalt naheliegend:

    „Gute“ Wohngegend –> hohes Geo-Scoring

    Briefverkehr mit Jobcenter oder Inkasso-Büros –> schlechtes Financial-Scoring

    Post von Polizei, Ordnungsamt, Staatsanwaltschaft –> mieses Compliance-Scoring

    Pakete von http://www.dildo*****.de –> hohes Single- oder Perversen-Scoring

    Ich bin sicher, dass derartige Auswertungen bereits gefahren werden. Nur durch sog. Datenzukäufe wäre das Versprechen, über 2/3 aller Haushalte zielgerichtet nach Einkommen, Alter, Familienstatus, etc. bewerben zu können, nicht erklärbar.


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