National Emergency Library: Vorzeitige Schließung und Klageeinstellungs-Appell

Internet Archive beendet sein Programm einer National Emergency Library, kostenlose E-Book-Kopien anzubieten, aufgrund von Verlags- Klagen.

National Emergency Library
National Emergency Library Beitragsbild von Maia Habegger thx! (Unsplash Lizenz)

Mit dem Ziel, das Lernen während der Quarantäne zu fördern, errichtete Internet Archive (IA) eine National Emergency Library (NEL). Vier Verlage reichten jedoch dagegen Klage ein, in der sie Urheberrechtsverletzung geltend machten. Unter Berufung darauf hat Internet Archive aktuell angekündigt, die temporäre nationale Notfallbibliothek zwei Wochen früher zu schließen. Zudem appelierten sie an die Verlage zwecks Klage-Einstellung, berichtet The New York Times.

Internet Archive: Initiator der National Emergency Library

internet archive wayback machineDas Internet Archive hat Brewster Kahle im Jahre 1996 gegründet. Als gemeinnütziges Projekt hat es seit 2007 den offiziellen Status einer Bibliothek. Zu Beginn war es noch ein reines Webarchiv, bei dem man mit der sogenannten Wayback Machine archivierte Websites anschauen konnte. Bereits 1999 hat man es um zahlreiche Archive erweitert. Die aktuelle digitale Bibliothek umfasst große Sammlungen von Texten, Büchern, darunter Lehrbücher, Romane, Sachbücher und mehr, Audiodateien, Videos, Bildern und Software. Ein besonderes Anliegen dieses Projekts ist die Langzeitarchivierung digitaler Daten in frei zugänglicher Form. Das Internet Archive versteht sich als Aktivist für ein offenes und freies Internet. Zudem geht es darum, gemeinfreie Werke dauerhaft zu erhalten und zu verbreiten.

National Emergency Library: Die Vorgeschichte

Am 24. März 2020 richtete das Internet Archive eine Nationale Notfallbibliothek ein. Schüler, Lehrer und Leser sollten in Zeiten der Corona-Pandemie kostenlos auf über 1,4 Millionen Bücher via Internet zugreifen können. Unterlagen vorher die digitalen Buch-Kopien noch strengen Regeln hinsichtlich dem Verleih, so lockerte man diese aus dem gegebenen Anlass. Die E-Books waren zuvor auf die gleiche Weise mittels einer Warteliste begrenzt, wie es die Anzahl der verfügbaren physischen Kopien in einer normalen Bibliothek auch gewesen wären („Controlled Digital Lending“ -Modell (CDL).

Wegen der Corona-Krise, entfernte das Internet Archive vorübergehend seine Wartelisten für Tonnen von E-Books. Damit hat man eine Nationale Notfallbibliothek ins Leben gerufen, die für alle Personen mit Internetverbindung geöffnet war. Man wollte hiermit sicherstellen, dass Schüler und Studenten Zugriff auf zugewiesene Lesungen und Bibliotheksmaterialien erhalten. Zudem sollten Menschen, die aufgrund von Quarantänemaßnahmen keinen physischen Zugang zu ihren lokalen Bibliotheken hatten, in dieser Zeit der Ausgangssperre weiterhin lesen können. Im Gegensatz zu einer typischen Leihbibliothek war es hier für mehrere Benutzer gleichzeitig möglich, auf eine einzelne digitale Kopie eines Buches zuzugreifen.

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Verlage reichten Klage ein

Gegenwärtig beschuldigen die US-Verlage Hachette Book Group, HarperCollins, John Wiley & Sons und Penguin Random House das Internet Archive der Piraterie mit dem Vorwurf, über eine Million Werke kostenlos online gestellt zu haben. Mit den kostenlosen E-Book-Kopien hätte man „die Autoren und Verleger in einem Moment der Einnahmen beraubt, in dem diese dringend benötigt wurden“. Sie reichten am 01.06.2020 beim US-Bundesbezirksgericht in Manhattan Klage ein wegen „vorsätzlicher massenhafter Verletzung des Urheberrechts“. In der Begründung heißt es: „Das unbefugte Kopieren und Verteilen der Werke der Kläger durch IA umfasst Titel, die die Verlage derzeit kommerziell verkaufen, was das Geschäft des Beklagten zu einem direkten Ersatz für etablierte Märkte macht. Free ist ein unüberwindbarer Konkurrent.“

Die Verlage verlangen sowohl die Schließung der Online-Bibliothek, als auch einen Schadenersatz sowie die in der Zeit erwirtschafteten Gewinne. Sollte sich das Gericht auf Seite der Verlage stellen, muss das Internet Archive mit einer Strafe von 150.000 US-Dollar pro bereitgestelltes Werk rechnen. Das Internet Archive könnte also leicht Schäden in Milliardenhöhe erleiden, wenn es die Klage verliert. Das ginge weit über ihre Zahlungsfähigkeit hinaus.


Internet Archive schließt National Emergency Library vorzeitig und appeliert an die Verlage

In einem am Mittwoch veröffentlichten Blog-Beitrag kündigt Brewster Kahle an, die National Emergency Library bereits kommende Woche zu schließen:

„Heute kündigen wir an, dass die National Emergency Library am 16. Juni und nicht am 30. Juni geschlossen wird, um zur traditionellen kontrollierten digitalen Kreditvergabe zurückzukehren. […] Wir haben unseren Zeitplan verschoben, weil sich am vergangenen Montag vier kommerzielle Verlage entschieden haben, das Internet Archive während einer globalen Pandemie zu verklagen. In dieser Klage geht es jedoch nicht nur um die vorübergehende Nationale Notfallbibliothek. Die Beschwerde greift das Konzept jeder Bibliothek an, die digitale Bücher besitzt und ausleiht. Sie stellt die Vorstellung in Frage, was eine Bibliothek in der digitalen Welt ist. Diese Klage steht im Gegensatz zu einigen akademischen Verlagen, die anfänglich Bedenken hinsichtlich der NEL äußerten, sich aber letztendlich entschlossen, mit uns zusammenzuarbeiten, um den Zugang Personen zu ermöglichen, die von ihren Schulen und Bibliotheken abgeschnitten sind. Wir hoffen, dass hier eine ähnliche Zusammenarbeit möglich ist und die Verlage ihren kostspieligen Angriff abbrechen werden.“

„Wir sind jetzt alle an das Internet gebunden und voller Fehlinformationen und Desinformation – um diese zu bekämpfen, brauchen wir mehr denn je Zugang zu Büchern. Um dorthin zu gelangen, müssen Bibliotheken, Autoren, Buchhändler und Verleger zusammenarbeiten.  

Bauen wir ein digitales System auf, das funktioniert.“

Internet Archive kehrt zum ursprünglichen Konzept zurück

Internet Archive kehrt danach zu dem „Controlled Digital Lending“ -Modell (CDL) zurück, dem sie vor dem März fast ein Jahrzehnt lang gefolgt war. Hierzu schreibt ArsTechnica:

„Experten haben Ars mitgeteilt, dass das CDL-Konzept eine bessere Chance hat, die Zustimmung der Gerichte zu erhalten als die Idee der „Notfallbibliothek“ mit unbegrenzten Downloads. Die Rechtmäßigkeit von CDL ist jedoch alles andere als klar. Einige Bibliotheken praktizieren es seit mehreren Jahren ohne rechtliche Probleme. Aber Verlage und Autorenrechtsgruppen haben ihre Rechtmäßigkeit nie eingeräumt, und das Problem wurde nicht vor Gericht geprüft.

Wenn die Verlage ihre Klage jetzt fallen lassen würden, würden sie stillschweigend die Legalität von CDL einräumen. Zudem würden sie möglicherweise die Einnahmen gefährden, die sie derzeit durch die Lizenzierung von E-Books an Bibliotheken für die digitale Kaufabwicklung erzielen. Es ist auch unwahrscheinlich, dass die Entscheidung von Internet Archive, sein Konzept jetzt einzustellen, vor der Haftung dafür schützt.“

Tarnkappe.info

Ich bin bereits seit Januar 2016 Tarnkappen-Autor. Eingestiegen bin ich zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibe ich bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, greife aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Meine Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.