KickassTorrents: Big Money, Big Brands und ein Puzzle

Article by · 26. Juli 2016 ·

Kickasstorrents domain seized
KickassTorrents (KAT) hat sich im Laufe der letzten Jahre zur führenden Filesharing-Webseite gemausert. Unser Gastautor beleuchtet ein paar Hintergründe über das eingesetzte Werbenetzwerk und die finanzielle Seite dieses Projekts. Monatlich wurden aufgrund der enormen Zugriffszahlen mit der Anzeige von Online-Werbung rund 3,5 Millionen Euro generiert.

KickassTorrents (KAT), der weltweit am häufigsten besuchte Torrent-Indexierer, ist seit Dienstag Abend, 19.07.2016 offline. Die Seite zählte bis zur Schließung monatlich 600 Millionen Seitenaufrufe und kratzte laut der Webanalyse-Seite Similarweb an einer weltweiten Top 50 Platzierung, die ganzen ebenfalls betriebenen Unterseiten nicht mitgezählt. Die Seite hat sogar den Platzhirschen Thepiratebay in Sachen Besucherzahlen von Thron gestoßen. Ein Gastbeitrag von Jürgen Sommer.

Kurz vor der Schließung hatte die Polizei in Polen den Betreiber der Seite festgenommen. Sie tat dieses in Zusammenarbeit mit US-Behörden. Der Betreiber, ein 30-jähriger Mann aus der Ukraine, sitzt nun in Haft, die Seiten wurden abgeschaltet und mit einem neuen Screen versehen, auf dem verschiedene Logos von US Behörden zu sehen sind u.a. Homeland Security, Justizministerium und Finanzministerium (siehe Bild oben).

KickassTorrents: Die Spur der Ermittler

Auf der Seite Endgadet lässt sich nachlesen, wie die US Ermittler dem KAT-Betreiber auf die Spur gekommen sind. Am Ende sicherlich nicht ohne Ironie, wurde dem Mann, der mit der illegalen Verbreitung von Inhalten im Internet sehr viel Geld verdient hat, ein legaler Kauf im Apple Itunes Store zum Verhängnis. Seine IP-Adresse wurde mit verschiedenen anderen abgeglichen und so festgestellt, wer der Betreiber der Seite ist. Facebook und Apple waren den Ermittlern dabei sehr behilflich, aber auch die Nachlässigkeit vor 8 Jahren eine Webseite mit einem Applemail Account registriert zu haben. Die Ermittlungsbehörden hatten also ein gewaltiges Puzzle zu lösen, am Ende aber erfolgreich.

Big Money

Im Zuge der Ermittlungen kamen ganz erstaunliche weitere Details ans Tageslicht. So konnten die Einnahmen der Seite beziffert werden. An diesem Punkt gibt es bis auf wenige Fälle immer sehr wenig Details, das ist in diesem Fall aber anders. Allein zwischen August 2015 und März 2016 nahm die Webseite über ein Konto einer lettischen Bank fast 28 Millionen Euro ein. Das sind rundgerechnet 3,5 Millionen Euro im Monat. Wie so etwas bei strengen Auflage in Sachen Geldwäsche innerhalb der EU möglich ist, bleibt ein Rätsel.

Lettland fällt nicht das erste Mal auf, so war es die lettische Tochter einer US Bank, die den auf der Flucht befindlichen Kinox.to Betreibern bei der Entgegenahme von Kreditkartenzahlungen behilflich war. Und auch der vermutlich von einem Deutschen betriebene Filehoster Share-Online setzt nach dem Rauswurf bei der Sparkasse Aachen auf eine lettische Lösung. Möglicherweise hilft der 25% Bevölkerungsanteil an Russen solche Geschäfte reibungsloser abzuwickeln.

kickasstorrents seized razzia

Sharing is Caring?!

Sharing is Caring, oft verwendeter Slogan vieler Befürworter solcher Seiten, bekommt eine etwas andere Bedeutung. Und wem bis jetzt noch nicht klar, dass die Betreiber solcher Seiten klare Geschäftsmodelle fahren, dem dürften spätestens jetzt die Augen aufgehen. Wie gesagt 3,5 Millionen Werbeumsatz im Monat. Gekümmert (Caring) wurde sich, aber in erster Linie um die eigenen Einnahmen. Im Internet wird immer bezahlt, in diesem Fall über Werbung.

Ads, Ads, Ads

Die Geschichte der Ermittlung soll an dieser Stelle nicht in Einzelheiten nacherzählt werden. Sie ist aber aus einem anderen Grund interessant. Die Einnahmen der Seite bestanden ja in erster Linie aus Werbung. Und solche Werbung haben die Ermittler direkt auf der Seite gebucht indem sie Kontakt mit den Seitenbetreibern aufnahmen. Dort beginnt die Geschichte der Ermittlung. Die Seite hat aber auch feste Werbepartner sogenannte Adnetzwerke. Und vielleicht hätten es sich die Ermittler an dieser Stelle deutlich einfacher machen können. Denn statt eines mühsamen Wegs über IP Adressen Abgleich hätte eine Befragung eines des festen Adnetzwerke schneller zum Ziel geführt. Einer dieser Werbepartner ist das Unternehmen wwwpromoter. Es hat seinen Sitz in Kanada, was man aber nur Umwege erfährt. Das Unternehmen war nachweislich im Juli 2016 für sämtliche Banner zuständig, die auf der KAT-Seite präsentiert wurden. Darunter Werbungen für Free Adult Games, Sunmaker (ein Online Casino, eigener Werbeslogan: Die Nummer 1 – Made in Germany) oder Werbung für Mittel gegen Krampfadern.

wwwpromoter dürfte mit der Schließung der Seite ein großer Kunde verloren gegangen sein. Denn von jedem Euro, den ein Werbender in seine Online-Kampagne steckt, fließen im Schnitt nur 40 Cent an die Webseite. 60 Cent werden von den Werbenetzwerken „aufgebraucht“. Sollten die monatlichen 3,5 Millionen Euro komplett über wwwpromoter generiert worden sein, dann würde dies einen monatlichen Umsatz von 5,2 Millionen Euro für den Vermarkter bedeuten. Auf jeglichen Umsatz muss wwwpromoter nun verzichten.

Good names gone bad

Noch interessanter wird es, wenn man sich das Kundenportfolio von wwwpromoter ansieht. Und da wird es dann richtig bizarr. Denn es finden sich bekannte Namen wie Spotify oder Hulu unter den Kunden. Aber auch deutsche Unternehmen sind sich nicht zu schade mit wwwpromoter Geschäfte zu machen. Die deutsche Browsergamesanbieter Aeriagames oder Gameforge sind nur zwei Beispiele.

Ganz besonders Spotify und Hulu haben also ein Adnetzerk, das der direkten und höchst illegalen Konkurrenz der Unternehmen mit monatlichen Einnahmen von 3,5 Millionen Euro unter die Arme greift. Für wwwpromoter offenbar kein Problem sowohl mit legalen als auch illegalen Kunden gleichzeitig Geschäfte zu machen. Und wer weiß, ob Hulu oder Spotify Werbung nicht auch auf KAT ausgespielt wurde?

Quelle: http://www.wwwpromoter.com/company.html – Spotify in der Kundenliste von wwwpromoter:

wwwpromoter customer spotify

Der Traffic heiligt die Mittel

Für die deutschen Unternehmen Aeriagames oder Gameforge sieht die Situation etwas anders aus. Browsergamesanbieter brauchen Performance-Marketing. Sie müssen sehr viele Kunden auf die eigene Webseite locken, damit von denen zahlende Kunden übrig bleiben. Für Browsergamesanbieter ist aber auch die Anzahl der nicht kaufenden Kunden wichtig. Sie sind der Ansporn für zahlende Kunden überhaupt Geld bei den Anbietern zu lassen. Seiten wie KAT liefern also viel Traffic für wenig Geld. Browsergames-Firmen machen ganz bewusst beide Augen zu und reden sich mit den Kaskaden im Internetwerbebereich aus der Verantwortung. Das ist aber nicht die ganze Wahrheit. Nirgendwo kann Werbung so gut nachverfolgt werden wie im Netz, bis auf einen Klick genau. Und Werbung auf „schäbigen“ Seiten kann sogar technisch verhindert werden, wenn man es denn will. Wer einfach nur möglichst billig viel Traffic haben möchte, der setzt auf rechtsverletzende Seiten und macht beide Augen zu. Im Zweifel schiebt er es auf den Vermarkter und die Kaskaden.

Alles nur ein dummer Zufall?

Leider ist KickassTorrents auch kein Einzelfall für den kanadischen Vermarkter, eine aktuelle Analyse bestimmter rechteverletzender Webseiten ergibt, dass wwwpromoter auch auf Seiten wie promptfile, nowvideo.sx oder cloudtime.to mit Werbung vertreten ist. Das Unternehmen verstößt dabei bewusst sogar gegen seine eigenen Richtlinien. Diese schließen nämlich bestimmte Webseiten aus:

  • Explicit and/or illegal content
  • Landing pages in violation of legal provisions, privacy rights, trademarks and/or third party rights or offend common decency

Vielleicht sind diese Richtlinien aber auch nur als Beruhigung für die zahlende Kundschaft gedacht. Damit diese weiterhin performanceorientiertes Marketing ohne schlechtes Gewissen machen können.

Lösung in Sicht?

Die US-Ermittler sind dem Geld gefolgt, das ist ein probates Mittel. Allerdings muss die Lösung zum Austrocknen von rechtsverletzenden Seiten weit früher einsetzen. Nämlich bei den Werbenetzwerken und deren Kunden. Erst wenn dort eine Zuweisung von Verantwortung, von Mitwirkungspflichten und auch Auskunftspflichten fest gesetzlich vorgeschrieben wird, kann der Kampf gegen solche Seiten erfolgreich sein. Wie absurd die Situation ist, zeigt KAT. Nur sehr mühsam konnte der Betreiber ermittelt werden. Er hat sich hinter allen möglichen digitalen Mauern verschanzt. Gleichzeitig aber machen Adnetzwerke mit KAT große Geschäfte bei denen viel Geld verdient wird.

Momentan ist keiner für nichts zuständig und solange das so ist, werden weiterhin Seiten mit Rechteverletzungen weiter gedeihen und die Werbewirtschaft reibt sich die Hände.

Jürgen Sommer

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4 Comments

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    Musterfrau

    Wenn ich das so lese wundere ich mich schon, wie populär Torrents außerhalb Deutschland (und Europa?) sind. Ich dachte, Torrents wären ein Relikt aus dem letzten Jahrzehnt? Sind Torrents nicht sehr gefährkich, da man quasi sofort identifiziert wird, wenn man diese nutzt? Ich wage mal zu zweifeln, dass alle Nutzer dieser Seite via VPN dort waren und dessen Dienste genutzt haben. Kommt auf diese Nutzer noch etwas strafrechtlich relevantes zu?

    Auf kurz oder lang wird das Internet immer mehr zu einem von Regierungen regulierten Raum. Mich wundert nur, dass es so lange gedauert hat.

    Was mich aber vor allen Dingen wundert ist die Tatsache, dass Apple offenbar freiwillig und sofort die Daten rausrückte, aber bei einem verdammten Terrorist stellten die sich quer? Lebe ich in einer verkehrten Welt? Sind Urheberrechtsverletzungen und ggf. Geldwäsche jetzt schon schlimmer als Terror??

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      Ewald

      In Deutschland hat sich ganz sicher herumgesprochen, dass es gefährlich sein kann.
      Trotzdem gibt es auch in Deutschland noch P2P Filesharing.
      Wer Kunde bei Vodafone ist, hat nichts zu befürchten. Die löschen die IP Daten schneller als jede Ermittlung sein kann. Und wer noch zusätzlich Geld für ein VPN Service ausgibt auch nicht.
      Der Rest hat halt gute Chancen eine Abmahung zu fangen.

      KAT war eindeutig international ausgerichtet.

      Die beiden Fälle von Apple sollte man auseinanderhalten.
      Es geht um die Herausgabe einer IP Adresse mit der etwas bei Apple gekauft wurde.
      Im anderen Fall wollten die Behörden ein generelles Tool haben um jegliche Iphones zu entsperren.
      Da hat sich Apple geweigert. Also Äpfel und Birnen.

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    Holger Deich

    Richtig gut geschrieben. Danke für die Infos.


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