EU-Kommission: Einbau von Hintertüren zur Chatüberwachung

Gemäß einem geleakten Dokument der EU-Kommission sollen Hintertüren eine Chatüberwachung zum Aufspüren von Kindesmissbrauch ermöglichen.

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EU-Kommission Bildquelle: LoboStudioHamburg, thx!

Ein geleaktes, internes Dokument offenbart die Pläne der EU-Kommission bezüglich ihrem Kampf gegen Kindesmissbrauch. Demgemäß wäre die Überwachung verschlüsselter Chats von Messengerdiensten nicht mehr länger tabu. Hintertüren sollen dafür sorgen, dass eine systematische Überwachung privater Unterhaltungen möglich wird. Darauf weist Julia Reda, ehemalige Europaabgeordnete, in ihrem Artikel bei heise online hin.

Kommt das Aus für Ende-zu Ende-Verschlüsselung durch Hintertüren?

In der im Jahre 2018 beschlossenen europäische Kommunikationsreform fielen ab Dezember 2020 auch Messenger- und Internettelefoniedienste unter die EU-Regeln zum Datenschutz im Bereich der elektronischen Kommunikation. Auf deren Grundlage wäre es nur noch in besonderen Ausnahmefällen gestattet, private Messages zur Auswertung einzusehen. Nun jedoch, noch vor Inkrafttreten dieser EU-Regeln, will die EU-Kommission sicherstellen, dass Hintertüren Kindermissbrauchsinhalte offenlegen sollen. Allerdings steht die Ende-zu Ende-Verschlüsselung der Messenger dem vorgesehenen angeordneten Mitlesen privater Unterhaltungen entgegen.

EU-Kommission: Ermöglichung von Chatüberwachung in Kindesmissbrauch-Verdachtsfällen

Bietet die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung einerseits einen großen Raum für Privatspäre, so biete sie auf der anderen Seite auch ein gewisses Missbrauspotential. Laut EU-Kommission würden Pädokriminelle unter diesem Schutz unentdeckt Bilder und Videos veröffentlichen. Nun sucht die EU-Kommission einen Mittelweg, der sicherstellt, dass die Privatspäre erhalten bliebe und dennoch eine Bekämpfung von Kindesmissbrauch zulässt. Solche Methoden werden in dem geleakten Dokument Technische Lösungen zur Erkennung von Kindesmissbrauch in Ende-zu-Ende-verschlüsselter Kommunikation analysiert. Es beinhaltet verschiedene Ansätze, Kindesmissbrauch in ansonsten vertraulichen, verschlüsselten Datenströmen auszukundschaften. Der Spiegel verweist auf zehn verschiedene Methoden, die man hierbei in Erwägung zog.

Man weicht die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung systematisch auf

Im Fazit heißt es bei Spiegel Online zu den Plänen der EU-Kommission.

„Doch je komplexer die Modelle werden, desto angreifbarer werden sie. […] Letztlich kompromittiert aber jede aufgeführte Methode den Schutz, den Ende-zu-Ende-Verschlüsselung grundsätzlich garantieren soll. […] Aber keine von ihnen erreicht das Privatsphäre-Niveau von echter Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Im besten Fall wird der Schutz der Privatsphäre als „mittel bis hoch“ eingestuft. […] Anders gesagt: Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist nicht das Gleiche wie eine Meistens-Ende-zu-Ende-Verschlüsselung.“


Die EU unterminiert die Verschlüsselung durch neue Hintertüren

Julia Reda kommentiert das Ganze.

„Die Unterminierung von Verschlüsselung durch Hintertüren wird dann als eine Art Mittelweg dargestellt, der Privatsphäre und Verbrechensbekämpfung in Einklang bringe. Komplett außen vor gelassen wird dabei, dass ein Verbot von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, worauf die Verpflichtung zum Einsatz einer der vorgeschlagenen technischen Lösungen de facto hinauslaufen würde, nicht nur die Privatsphäre verletzen, sondern auch ein riesiges Sicherheitsproblem darstellen würde, das von den Onlinediensten selbst, kriminellen Hacker:innen oder von Geheimdiensten ausgenutzt werden könnte.

Die in dem Papier als am vielversprechendsten bewerteten Vorschläge basieren auf einer Vorfilterung der Nachrichten auf den Endgeräten der Nutzer:innen unter Zuhilfenahme eines externen Servers, bevor diese Nachrichten verschlüsselt und verschickt werden. Das ist dann aber keine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung mehr, denn diese setzt voraus, dass auch der Diensteanbieter selbst die Kommunikationsinhalte zu keinem Zeitpunkt durchleuchten und auswerten kann, weder während der Übertragung, noch davor oder danach.“

EU-Kommission sollte besser ihre Versäumnisse aufarbeiten

Europaabgeordneter Patrick Breyer gab gegenüber Spiegel Online an, Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen versuche, „Sicherheit und Privatsphäre im Netz anzugreifen, statt sich auf die wahren Versäumnisse der Politik beim Schutz von Kindern zu konzentrieren“. Das wären „mangelnde Vorbeugung von Kindesmissbrauch, unzureichende Finanzierung von Therapieangeboten oder völlig überlastete Strafverfolger“.

Gemäß Linus Neumann, Sprecher des Chaos Computer Clubs, würden die angedachten Maßnahmen keine Lösung des Problems beinhalten: „Sie würden zwar für die jeweiligen Plattformen funktionieren. Aber die Täter würden einfach auf andere Plattformen ausweichen.“ Wenn man die Privatsphäre kriminalisiert, haben nur noch Kriminelle eine Privatsphäre.

Tarnkappe.info

Ich bin bereits seit Januar 2016 Tarnkappen-Autor. Eingestiegen bin ich zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibe ich bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, greife aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Meine Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.