Aufgedeckt: Millionenbetrug in Amazons Kindle-Store

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Ein versierter Software-Entwickler, der Kanadier Valeriy Shershnyov, der u.a. schon für Microsoft gearbeitet habe, wurde nun als ein erfolgreicher Amazon-Betrüger entlarvt. Sein „Geschäftsmodell“ war es, mit billigst produzierten E-Book-Schundbüchern im Amazon Kindle-Store Geld zu verdienen. In 15 Monaten hatte er Einnahmen von mehr als 2,4 Mio Dollar, berichtet ZDNet.

Amazon bietet kleinen Autoren schon länger die Möglichkeit, eigene Werke im Selbstverlag für Nutzer der Kindle-Reader zu publizieren. Was für viele Autoren eine Chance ist, ihre Werke auch ohne Verlag direkt an die Leser zu verkaufen, wurde nun zur Masche für einen besonders ausgefeilten Betrug umfunktioniert.


Shershnyov verkaufte unter verschiedenen, frei erfundenen Autorennamen Schundbücher, vor allem vermeintliche Ratgeber. Die hatte er zu jedem nur möglichen Thema im Angebot: von nonverbaler Kommunikation bis zu Kräuter-Antibiotika zum Selberkochen. Einiges hatten seine vielen eBooks aber alle gemeinsam: Sie waren extrem schnell zusammengestellt und das in sehr schlechtem Deutsch, Rechtschreibfehler wurden dabei nur noch übertroffen von Grammatikfehlern – und waren somit für die Leser reine Geldverschwendung. Damit dies nicht auffiel, verfügten die vermeintlichen Autoren über eigene Amazon-Accounts. Zudem wurde bei Schließung eines Verlags-Accounts durch Amazon die anderen noch vorhandenen nicht tangiert.

Dazu unterhielt Valeriy Shershnyov die Firma Alteroxity mit Sitz in Vancouver. Er betrieb also sein Geschäft teilweise sogar offiziell: Sein Start-up warb ganz offen damit, zu jedem erdenklichen Thema fertiggeschriebene Bücher inklusive positiver Bewertungen liefern zu können – und damit, dass es schon 2000 Bücher im Kindle-Store veröffentlicht hätte. So ganz sauber ist die Firma aber nicht: Der angebliche Mitgründer scheint nicht zu existieren, sein vermeintliches Foto stammt aus einer öffentlichen Bilderdatenbank. Zudem aktivierte und benutzte er allein fast 84.000 weitere Amazon-Fake-Accounts als Kundenkonten. Natürlich musste er dabei aber sehr vorsichtig vorgehen, damit Amazons eigenes Betrugssysteme nicht Alarm schlägt.

Nahezu 1500 Bücher warf S. in knapp 15 Monaten auf den Markt, alle unter Pseudonym. Sein Vorgehen war dabei immer gleich: Zu Anfang bot er seine Bücher als Aktion kostenlos an. Das ist ein bei Amazon offiziell erlaubtes Marketing-Feature. Mit seinen Tausenden Fake-Accounts „kaufte“ er das neue Werk dann massenhaft zum Null-Tarif, manchmal Hunderte Male innerhalb weniger Stunden. So landeten die Bücher weiter oben im Ranking, einige schafften es sogar in die Top-100-Listen, vor allem in Nischenbereichen. Das reichte für echte Verkäufe, ein paar fanden immer wieder mal tatsächlich einige Hundert Abnehmer.

Diese spülten dann das schnelle Geld in seine Kassen. Allein 2,44 Millionen US-Dollar (etwa 2,1 Millionen Euro) nahm Shershnyov seit Juni 2015 durch E-Books ein, hinzu kamen 83.000 Dollar für gedruckte Bücher (Print-on-Demand-Bücher).

Organisiert wurde das ganze Betrugsnetzwerk unter anderem über ein eigens programmiertes System. Die Verwaltung der zahlreichen Fake-Accounts erfolgte über eine Datenbank in einem Microsoft Azure-Dienst, bei dem er aber einen entscheidenden Fehler machte: Er hatte vergessen, dafür ein Passwort auf seinem Server zu setzen. Hatte man die Datenbank erst einmal gefunden, konnte man ohne Passwort auf alle Inhalte zugreifen, wodurch das Ausmaß der ganzen Sache nun öffentlich wurde.

Das entdeckten Sicherheitsforscher der Firma MacKeeper. Die IT-Experten fanden den Server von Shershnyov, von dem aus – über Anonymisierungsdienste – die Geschäfte gesteuert wurden.

Fazit:

ZDNet und MacKeeper stellten sowohl ihn selbst als auch seine Verlobte wegen des offensichtlichen Betruges zur Rede. Als Reaktion darauf verschwand seine Firmenseite aus dem Netz, er löschte ferner seine Profile in sozialen Medien, selbst tauchte er unter.

Aber auch Amazon reagierte sofort: In einem Statement gab der Konzern bekannt, alle betroffenen Bücher entfernt zu haben und nun rechtliche Schritte zu prüfen. Rein rechtlich gesehen stehen sie aber nun vor einem Problem: S. hat zwar gegen die Nutzungsrichtlinien von Amazon verstoßen, aber vermutlich nicht gegen US-Recht. Schließlich haben die Kunden ja etwas für ihr Geld erhalten – auch, wenn es nutzlos war.

So ist es eventuell nur eine Frage der Zeit, bis Shershnyov sein Netzwerk woanders neu aufgebaut hat und weiter massenhaft seine Schrottbücher unter die Leute bringt.

Bildquelle: BruceEmmerling, thx! (CC0 Public Domain)

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3 Kommentare

  1. Barbi sagt:

    Leider gibt es immer wieder Menschen, die diese Systeme für sich zum Vorteil ausnutzen. Das ist nur ein Beispiel für eine lange Liste von sogenannten Autoren, die mit Tricks Seiten schinden und Millionen verdienen.
    Aktuell bin ich auf eine Autorin aufmerksam geworden, die in den Jahren 2012/2013 des mehrfachen Plagiats überführt wurde. Seit diesem Jahr ist sie mit all ihren Büchern in den Amazon Kindleranglisten zu finden. Auch mit alten Büchern. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

  2. das Teufelchen sagt:

    Leute mit solchen Talenten könnten es in der Wirtschaft problemlos auf legalem Weg zu Reichtum bringen; warum zum Kuckuck verschwenden die ihre Fähigkeiten für derart miese Aktionen?

    • Hans W. sagt:

      Durch ehrliche Arbeit werden nur andere reich. Interessant, dass A. selbst nichts von der Aktion bemerkte. Manipuliertes Ranking, 84k Fake-Accounts, schlechte bis keine QS bei E-Books.

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