Die Behörden von Vietnam schalten große Webtoon-Portale ab. Hinter der Aktion stehen nicht nur Rechteinhaber, sondern auch großer US-Druck.
Milliardenpublikum für illegale Webtoon-Portale
Nach mehr als zwei Jahren Betrieb haben die Behörden in Vietnam ein Ehepaar festgesetzt, das hinter einem der weltweit größten Netzwerke für die unerlaubte Verbreitung koreanischer Webtoons stehen soll. Die Online-Plattformen Harimanga, Manhwaclan und Kunmanga gingen Ende Mai nahezu zeitgleich offline, nachdem die Polizei die Server beschlagnahmt hatte. Der Staat Vietnam will schon seit mehreren Jahren keine Heimat mehr von Online-Piraten sein. Über die Verhaftung berichtete der Copyright-Blog TorrentFreak.
Laut Angaben des südkoreanischen Kulturministeriums sollen die drei Portale gemeinsam mehr als 1,1 Milliarden Besuche pro Jahr verzeichnet haben. Rund 14.700 Comics und Webtoons hat man dort angeboten, etwa 70 Prozent davon stammten ursprünglich aus Südkorea. Die Betreiber finanzierten sich über Werbung und Spenden ihrer Nutzer. Sie waren auch Bestandteil unserer Warez-Liste für Anime, Manga & Webtoons.
Die Jagd auf die Betreiber lief seit Jahren
Dass die Behörden ausgerechnet jetzt zuschlugen, kommt wenig überraschend. Der Webtoon-Konzern Naver hatte die Domains bereits seit Jahren im Visier und versuchte schon 2023 über DMCA-Anfragen an Cloudflare, Informationen über die Betreiber zu erhalten.
Nach Angaben des Unternehmens wurden die drei Portale zentral von einer einzigen Organisation betrieben. Mithilfe von technischen Analysen soll das Netzwerk schließlich identifiziert worden sein. Die gesammelten Erkenntnisse gingen anschließend an die südkoreanischen Behörden, die wiederum ihre Kollegen in Vietnam einschalteten. Am 19. Mai hat man die mutmaßlichen Betreiber verhört, wenige Tage später folgte die Beschlagnahmung der Server.
Die hohe Schadenssumme wirkt vertraut
Wie bei nahezu allen Verfahren gegen Piraterie-Portale präsentieren die Rechteinhaber auch diesmal beeindruckende Schadenszahlen. Die koreanische Content-Industrie beziffert ihre Verluste auf umgerechnet rund 136 Millionen US-Dollar.
Solche Berechnungen basieren allerdings meist auf hypothetischen Annahmen. Sie unterstellen häufig, dass ein erheblicher Teil der Besucher die Inhalte andernfalls kostenpflichtig erworben hätte. Ob diese Rechnung tatsächlich aufgeht, ist seit Jahren umstritten.
Gerade bei internationalen Piraterie-Portalen stammen viele Nutzer aus Regionen, in denen legale Angebote nur eingeschränkt verfügbar oder wirtschaftlich kaum erschwinglich sind. Entgangene Umsätze und tatsächliche Schäden lassen sich daher nur schwer exakt beziffern. Sie dürften aber deutlich geringer sein.
Südkorea verschärft seinen Kampf gegen illegale Webtoons
Der Fall reiht sich in eine deutlich aggressivere Strategie der südkoreanischen Regierung ein. Erst kürzlich wurde ein mutmaßlicher Betreiber des berüchtigten Manga-Portals Newtoki aus Japan ausgeliefert.
Zudem verfügt Südkorea seit dem 11. Mai über neue Befugnisse, um Webseiten ohne vorherige Prüfung durch eine unabhängige Kommission sperren zu lassen. Bereits am ersten Tag sollen 34 Websites blockiert worden sein.
Kritiker sehen darin eine problematische Entwicklung. Während Rechteinhaber die Maßnahmen als notwendigen Schutz geistigen Eigentums begrüßen, warnen Bürgerrechtler vor einer zunehmenden Umgehung rechtsstaatlicher Kontrollmechanismen. Die Möglichkeit, Internetseiten kurzfristig und ohne umfassende Prüfung zu sperren, birgt grundsätzlich Missbrauchspotenzial.
Washington erhöht den Druck auf Vietnam
Mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Festnahme ist jedoch der geopolitische Hintergrund. Im Mai setzte die US-Handelsbehörde Vietnam auf ihre Liste der sogenannten „Priority Foreign Countries“ – die schärfste Einstufung bei Urheberrechtsverstößen seit mehr als einem Jahrzehnt.
Washington wirft Hanoi vor, Online-Piraterie bislang nicht konsequent genug zu verfolgen. Selbst in prominenten Verfahren gegen Betreiber von Fmovies oder BestBuyIPTV blieben die Strafen vergleichsweise milde. Häufig endeten die Prozesse mit Bewährungsstrafen und überschaubaren Geldbußen.
Parallel leitete die US-Regierung ein Verfahren nach Section 301 ein. Im schlimmsten Fall könnten daraus handelspolitische Sanktionen oder zusätzliche Zölle entstehen.
Vor diesem Hintergrund erscheint die aktuelle Aktion gegen Harimanga, Manhwaclan und Kunmanga nicht nur als urheberrechtliche Maßnahme, sondern auch als Signal an Washington. Vietnam demonstriert damit, dass man bereit ist, härter gegen digitale Piraterie vorzugehen.
Der Kampf gegen Symptome statt Ursachen
Die Abschaltung der drei Plattformen dürfte für viele Rechteinhaber ein Erfolg sein. Ob sie langfristig Wirkung zeigt, bleibt allerdings fraglich.
Die Geschichte digitaler Piraterie zeigt seit Jahrzehnten ein bekanntes Muster: Verschwindet ein großes Portal, entstehen oft mehrere kleinere Nachfolger. Bereits jetzt sind zahlreiche Klone und Spiegelseiten der betroffenen Webtoon-Portale im Umlauf.
Die eigentliche Herausforderung bleibt daher unverändert. Solange legale Angebote regional eingeschränkt, fragmentiert oder für viele Nutzer zu teuer sind, wird die Nachfrage nach kostenlosen Alternativen bestehen bleiben.
Die Verhaftung eines Betreiberpaares mag deshalb Schlagzeilen produzieren. Ob sie tatsächlich einen nachhaltigen Rückgang der Piraterie bewirkt, dürfte sich erst in den kommenden Monaten zeigen.
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