KI-Software
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KI-Software irrte sich: Unschuldige saß sechs Monate im Gefängnis

Angela Lipps verbrachte fast sechs Monate in Haft, nachdem KI-Software sie mit einem Bankbetrugsfall in North Dakota in Verbindung brachte.

Die fünfzigjährige Angela Lipps aus Tennessee (USA) verbrachte unschuldig fast ein halbes Jahr im Gefängnis. Im Rahmen der Ermittlungen zur Aufklärung eines Bankbetruges hatte die KI-Software sie fälschlicherweise als Täterin identifiziert. Man legte der Tatverdächtigen Identitätsdiebstahl und vier Fälle von Diebstahl zur Last.

KI-Software erkannte die falsche Person

Eine Großmutter aus Tennessee berichtet, dass sie jetzt versucht, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, nachdem sie durch eine falsche Identifizierung durch ein Gesichtserkennungssystem mit künstlicher Intelligenz (KI) mit einer Bankbetrugsermittlung in North Dakota in Verbindung gebracht worden war. Über die Verhaftung und den Fehler bei der Identifizierung der Täterin berichtete ursprünglich das News-Portal InForum. Lipps erklärte gegenüber den Journalisten, sie sei noch nie in North Dakota gewesen und habe die Verbrechen folglich nicht begangen.

Lipps, Mutter von drei Kindern und Großmutter von fünf Enkelkindern, sagte, sie habe den größten Teil ihres Lebens im nördlichen Zentrum von Tennessee verbracht. Sie habe noch nie eine Flugreise unternommen, bis die Behörden sie letztes Jahr nach North Dakota flogen, um sie dort anzuklagen. Sie habe dort auch niemanden gekannt und die Tat nicht begangen.

Gefängnis

Tatverdächtige wartete vier Monate auf Auslieferung

Im Juli des Vorjahres nahmen US-Marshals die Tatverdächtige in ihrem Haus in Tennessee fest, während sie auf vier Kinder aufpasste. Sie berichtete, man habe sie mit vorgehaltener Waffe abgeführt und als flüchtige Straftäterin aus North Dakota in ein Bezirksgefängnis eingewiesen. Mangels Kaution blieb sie vier Monate in einem Gefängnis in Tennessee inhaftiert, während sie auf ihre Auslieferung in den anderen Bundesstaat wartete.

Laut Polizeiaufzeichnungen aus Fargo haben Ermittler, die im April und Mai 2025 Fälle von Bankbetrug untersuchten, Überwachungsvideos einer Frau ausgewertet, die mit einem gefälschten Militärausweis der US-Armee Zehntausende Dollar abgehoben hatte. Die eingesetzte Gesichtserkennung der KI-Software identifizierte aus Versehen die falsche Person. Auch ihre Gesichtszüge, ihre Statur und Frisur stimmten zufällig mit der der echten Kriminellen überein. Vor ihrer Verhaftung hatte die ortsansässige Polizei keinerlei Kontakt zu ihr aufgenommen.

Die Ermittlungen erwiesen sich als mangelhaft

Nach 108 Tagen Haft überführte man sie endlich, einen Tag später erschien sie vor einem Gericht in North Dakota. Ihr Anwalt hatte dazu geraten, weitergehende Ermittlungen durchzuführen, weil nur die Gesichtserkennung der KI-Software als Indiz diente. Die Polizei hatte es unterlassen, ihre Bankunterlagen zu prüfen. Sonst hätte man zeitnah erkannt, dass sie sich zum Tatzeitpunkt nachweislich rund 1.931 Kilometer entfernt aufgehalten hat.

Tatverdächtige gestrandet: Polizei lehnte Erstattung der Fahrtkosten ab

F5 Project

Die Polizei weigerte sich, ihr letztes Jahr an Heiligabend die Fahrtkosten nach Hause zu bezahlen. Lokale Strafverteidiger halfen der Freigelassenen, die Kosten für ein Hotelzimmer und Verpflegung an Heiligabend und am ersten Weihnachtsfeiertag zu decken. Außerdem half ihr die gemeinnützige Organisation, das F5 Project, bei der Bezahlung der Fahrtkosten nach Hause.

Haus, Hund und Auto verloren

Lipps ist inzwischen wieder zu Hause. Lokalen Medien gegenüber sagte sie, dass diese Erfahrung bleibende Folgen haben würde. Während ihrer Haft, in der sie ihre Rechnungen nicht bezahlen konnte, habe sie ihr Haus, ihr Auto und ihren Hund verloren, berichtete sie. Auf eine Entschuldigung oder Erstattung der Polizei von Fargo wartet sie bis heute.

Schüler mit Chipstüte
Das KI-System schlug im Herbst 2024 wegen einer Chipstüte an und rief die Polizei.

KI-Software lag schon häufiger daneben

Dies ist bei weitem nicht der erste Fall, bei dem sich die KI-Software geirrt hat, um einen Verdächtigen zu identifizieren. Im Oktober 2024 verwechselte das KI-System einer Videokamera die Tüte Chips eines Highschool-Schülers aus Baltimore mit einer Schusswaffe. Das Sicherheits-System der Firma omnilert alarmierte die Polizei. Aufgrund der Falschmeldung glaubten die Polizisten, der Schüler sei bewaffnet und gefährlich. Taki Allen saß noch mit Freunden vor der Kenwood High School in Baltimore. Plötzlich kamen bewaffnete Polizeibeamte auf ihn zu, zwangen ihn auf die Knie, legten ihm Handschellen an und durchsuchten ihn. Doch eine Waffe hatte er gar nicht dabei.

The Guardian berichtet außerdem von einer Verhaftung eines Mannes in Großbritannien. Der Tatverdächtige soll einen Einbruch in einer Stadt begangen haben, die er nie betreten hatte. Auch in diesem Fall hatte die KI-Software ihn mit einer anderen Person verwechselt. In diesem Fall mit einer Person mit südasiatischer Herkunft. Die Behörden nutzten eine automatisierte Gesichtserkennungssoftware, die den Verhafteten mit Aufnahmen eines Verdächtigen in einem 3.000 Pfund schweren Einbruch 100 Meilen entfernt abgeglichen hat. Doch auch in diesem Fall traf es einen Unschuldigen.

Lars Sobiraj

Über

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Früher brachte Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert. In seiner Freizeit geht er am liebsten mit seinem Hund spazieren.