Beim “Pig Butchering”-Betrug geht es darum, jemanden zu Geldanlagen zu bewegen. Nach Aufbau einer engen Beziehung gehen die Opfer leer aus.
„Pig Butchering“ ist so ein Wort, bei dem einem schon beim Gedanken daran schlecht wird. Das Bild der Schweineschlachtung bleibt hängen und trifft am Ende vor allem die falschen Personen. Genau deshalb schreibt Interpol, dass die Wortwahl Opfer beschämt und stigmatisiert und Meldungen eher verhindert statt sie zu fördern.
Messenger als Akquise-Plattform
Der Begriff ist das eine. Wie man überhaupt mit dieser Betrugsform in Kontakt kommt, ist die andere Frage. Über WhatsApp, Telegram, Facebook oder sogar über Tinder. Oder es läuft über einen „Freund“ oder einen Account, der einem das Ganze als einen neuen exklusiven Geheimtipp präsentiert. Nicht als Betrug, sondern als eine Art Abkürzung zu mehr Reichtum. Ein bisschen smarter sein als der Rest, ein bisschen Rendite ohne Stress. Das und viel mehr versprechen die Kriminellen beim Pig Butchering, um ihre Opfer zu ködern. Jeder möchte smart sein oder mit wenig Aufwand viel Geld verdienen, oder!?
Und dann landest du in einer WhatsApp-Gruppe oder in einem Telegram-Channel, den dir jemand zuspielt. Dort sitzt ein „Coach“: freundlich, geduldig, nie hektisch. Dazu gibt es ein paar Profile, die reges Treiben suggerieren und Diskussionen vorspielen. Es gibt Screenshots, angebliche Gewinne und das ständige Motto „heute wieder gut abgeräumt“. Genau diese Messenger-Problematik taucht in Warnungen immer wieder auf, inklusive gefälschter Apps und angeblicher „Empfehlungen“, die wie seriöse Analysen aussehen sollen.
Der Chat dient nur als Lockmittel. Der eigentliche Köder ist die Oberfläche danach. Das ist eine speziell präparierte App oder Website, die nach Trading aussehen soll. Es gibt einen Kurs, Charts, einen Kontostand. Das Ganze wirkt wie ein professionelles Umfeld, es ist aber nur die Kulisse für den Betrug. Zunächst gibt es kleine Erfolgsmeldungen, damit die Investoren am Ball bleiben. Und dann verlangen die Täter immer mehr Geld, was man „anlegen“ soll. Es folgt eine Verifikation, Gebühren, angebliche Steuern, am Ende gern noch eine „Freischaltung“. In Wahrheit handeln die Kriminellen nicht mit den Einlagen, sie schaffen sie lediglich zur Seite.
Warum das so schwer weggeht
Das sind heute keine Zufallsnummern mehr. Hinter vielen Maschen steckt ein Baukasten, den man kaufen kann. Es sind Accounts und Nummern, über die man Leute anschreibt. Vorlagen, die in jeder Gruppe gleich klingen. Und obendrauf gibt es beim Pig Butchering eine Steuerung, mit der das Ganze organisiert wird. Welche Person wird warmgehalten, wer zahlt, wer soll „nachlegen“? Und wer wird zur „Verifikation“ weitergeschoben?
Deshalb ist die Bekämpfung so schwierig. Die Polizei nimmt eine Seite weg, die nächste steht schon da. Sie sperrt Accounts in den sozialen Netzwerken. Die neuen Accounts kommen fast schneller nach, als die aktuellen gesperrt sind. Nicht, weil das genial wäre, sondern weil der Nachschub eingeplant ist. Das ist kein Fehler im System, das ist das System.
Wie sie dich festhalten
Am Anfang geht es fast nie um große Summen. Es geht darum, dass du ihnen einmal Geld schickst. Ein „Test“, damit du dir selbst erzählst, das alles sei legitim. Beim
gibt es einen Kontostand, der so aussieht, als würde es gut laufen. Manchmal gibt es sogar eine kleine Auszahlung. Nicht aus Nettigkeit, sondern damit du glaubst, du hättest die Kontrolle. Und nicht, dass die Bank – wie auch im Casino – immer das Geschäft macht.
Und dann wird aus dem Test das nächste Nachzahlen. Nicht aus Gier der Opfer, sondern weil man den Gesprächspartnern erzählt, sie sollen mehr investieren. Den Einsatz erhöhen, damit es sich „lohnt“. Nachschieben, damit man eines schönen Tages viel Geld „auszahlen kann“. Und weil die Opfer schon viel Geld investiert haben, klingt das irgendwann in ihren Ohren wie der nächste logische Schritt, um ihren Erfolg zu maximieren. Doch dazu kommt es natürlich nicht.
Spätestens dann kommt das KYC-Prinzip. Es bleibt nicht bei der Aussage, dass man das halt machen müsste. KYC ist der Moment, in dem aus dem Chatprofil echte Daten werden. Die Investoren müssen den Scan von ihrem Ausweis hochladen, „nur zur Verifikation“. Ab da ist man nicht mehr irgendein Account im Chat, sondern eine Person mit Namen und Papieren. Von den Tätern erhalten die Opfer natürlich keine echten Daten.
Das hat nichts mit dem Kontostand zu tun. Die Kriminellen brauchen beim Pig Butchering keinen Einblick in den Kontostand oder das Online-Banking der Opfer. Es reicht, dass sie als echte Person greifbar sind. Für noch mehr Druck, für den Folgebetrug. Schlichtweg für alles, was man mit der Identität anfangen kann, wenn man keine Skrupel besitzt.
Deutschland ist Zielmarkt, nicht Zuschauer
Um auf die Masche hereinzufallen, muss man keine abgeschotteten Anlagen suchen. Für Deutschland reicht es, dass die Möglichkeit besteht und es leider zu gut funktioniert. Pig Butchering läuft über den ganz normalen Messenger-Alltag, den jeder von uns kennt. Es gibt Gruppen, sogenannte „Coaches“, gefälschte Apps und jede Menge Rendite-Gerede. Genau solche Fälle tauchen bei Finanzdienstleistungsaufsicht immer wieder auf.
Solche Praktiken lassen sich nur über die Technik dahinter eindämmen. Anfang Oktober 2025 haben die Behörden 1.406 Domains gesperrt, die Kriminelle für Fake-Trading-Plattformen genutzt haben. Seit dem 3. Oktober leiten sie nicht mehr auf die Betrugsseiten weiter, sondern auf eine Seite mit Informationen zu den Gründen der Beschlagnahmen. Ohne eine funktionierende Trading-Plattform ist es nicht möglich, Menschen mit dieser Masche um ihr Erspartes zu bringen.
Da dies jedoch nicht nur über Websites läuft, hat die Polizei später auch die Kontaktwege ins Visier genommen. Im Rahmen der „Operation Herakles” wurden bis Anfang Dezember 2025 insgesamt 3.562 überwiegend deutsche Rufnummern identifiziert und von den Anbietern abgeschaltet.
Das Problem ist damit trotzdem nicht gelöst, aber den Betreibern hat man damit immerhin einen Schlag versetzt. Wer die Infrastruktur ersetzen kann, ersetzt sie natürlich und führt das Geschäft anschließend einfach fort. Genau deshalb müssen solche Schläge wiederholt werden. Leider ist die schlechte Nachricht: „Betrug ist käuflich“
Warum Kambodscha wieder in die Geschichte gehört
Wenn man Pig Butchering nur als einen Online-Betrug darstellt, fehlt die zweite Hälfte der Geschichte. Im Januar 2026 gab es in Kambodscha Berichte über Tausende Menschen, die aus Betrugsanlagen fliehen konnten oder freikamen – teils nach internationalem Druck. Viele von ihnen hatte man über Jobangebote gelockt, um sie anschließend wie Sklaven festzuhalten. Ohne diese Menschen würde das Ganze gar nicht funktionieren.
Parallel dazu gab es Meldungen über die Festnahme und Auslieferung eines mutmaßlichen Drahtziehers, den die Ermittler mit solchen Strukturen in Verbindung bringen. Das ist jedoch kein Schlusspunkt. Dafür hängt viel zu viel Geld dran.
Ende Januar 2026 ging es dann um Festnahmen nach einer Rückführung aus Kambodscha. Das zeigt vor allem eines. Das Thema ist nach wie vor von internationaler Bedeutung, auch wenn einzelne Gruppen betroffen sind.
Videocalls waren lange ein K.o.-Kriterium, doch heute ist ein Video als Beweis käuflich. Wenn das Gegenüber „echt“ sein soll, merkt man im Bild oft, dass etwas nicht stimmt. Doch genau dieses Problem existiert für die Betrüger nicht mehr.
Ein Bericht von Ende 2025 beschreibt eine Face-Swap-Plattform, die Gesichter in Videocalls live austauschen kann und über Telegram vermarktet wurde. Wenn das Gesicht im Call zur Kulisse wird, verliert der Videobeweis seinen Wert.
Und das ist keine Theorie mehr. In einem Rückführungsfall aus Kambodscha wurde Ende Januar 2026 explizit von Deepfakes im Romance-Umfeld gesprochen. Das ist genau die Richtung, in die sich diese Methoden inzwischen leider bewegen: mehr Oberfläche, weniger echte Person dahinter.
Um Pig Butchering einzudämmen, musst du die Technik bekämpfen.
Wer die Struktur dahinter bekämpfen will, kann nicht jeden einzelnen Chat analysieren. Der Chat ist austauschbar. Der Schlüsselpunkt ist die Infrastruktur dahinter.
Anfang Dezember 2025 wurde in den USA eine Domain beschlagnahmt, die für Krypto-Investmentbetrug genutzt wurde. Die Seite gab sich als Trading-Plattform aus und wurde laut Ermittlern einem Scam-Standort in Myanmar zugerechnet: dem Tai-Chang-Komplex. Nach der Beschlagnahme läuft die Adresse auf eine entsprechende Seite. Die Plattform ist weg und das Vertrauen gleich mit.
Selbst der Internetzugang kann ein Angriffspunkt sein. Im November 2025 wurde berichtet, dass Starlink-Hardware und -Accounts an Scam-Standorten in Myanmar ins Visier geraten sind. Wenn die Verbindung steht, funktioniert auch der Rattenschwanz, der daran hängt. Genau deshalb ist Starlink für solche Standorte so interessant. Wenn die Täter eine Leitung haben, läuft der Laden, auch wenn lokal jemand versucht, ihnen das Internet zu sperren.
Fazit und Tipps zur Vermeidung von Pig Butchering
Das Ganze lebt davon, dass Leute die Grundlagen überspringen, weil die Kulisse im Bereich „Trading“ spielt. In Deutschland gibt es dafür eigentlich eine einfache Regel. Bevor du den ersten echten Trade machen darfst, musst du dich bei einem seriösen Anbieter verifizieren. Wenn dir irgendwo „Trading” angeboten wird und du vorher Geld einzahlen, „gewinnen” und „handeln” kannst, ohne dass eine saubere Identitätsprüfung erfolgt, ist das keine Nettigkeit oder Abkürzung, damit du schneller handeln kannst. Es ist ein klares Warnsignal.
Prüfe, ob der Anbieter hier überhaupt in Deutschland auftreten darf. Wenn er keine Erlaubnis hat oder nicht im Register aufgeführt ist, ist die Diskussion beendet. Dann ist es kein Broker, dann ist es schlichtweg ein Fake. Ein Fake, der sein Gegenüber um sein Geld bringen will. Umso höher die Einlage ist, umso besser für den Kriminellen.




















