Bing gibt Zensurwünschen Chinas nachBildquelle: Anna Rye, Lizenz

Bing gibt Zensurwünschen Chinas nach

Bing zensiert in allen Ausgaben Begriffe, die in China kritisch beäugt werden. Microsoft spricht von einem Fehler.

Die Microsoft-Suchmaschine Bing zensiert international Begriffe, die in China als sensibel gelten, in ihrer Autosuggestionsfunktion. Dies geht aus einer Studie von Citizen Lab hervor.

Die Forschungseinrichtung der Universität Toronto analysierte das Autosuggestionssystem der Suchmaschine Bing auf die Zensur von fast 100.000 Namen. Dies testete Citizen Lab in den Vereinigten Staaten, Kanada und China sowohl in englischen Buchstaben als auch in chinesischen Schriftzeichen. Für die Tests wurden die Einstellungen für die Region, die Sprache und die Geolokalisierung der IP-Adresse geändert.

Microsoft Bing: Verhalten sei „technischer Fehler“

Microsoft reagierte einige Stunden später auf eine Benachrichtigung von Citizen Lab. Sie bezeichnen das Fehlen von Autofill-Begriffen in Bing als „technischen Fehler“ und erklärten, das Problem sei behoben.

Die Gruppe Citizen Lab behauptet, sie habe Anhaltspunkte auf politisch motivierten Ursprungs der Zensurliste. Zumeist fanden sich demnach politisch sensible Namen auf der Liste der fehlenden Begriffe in Bing. Hierfür ist die Eingabe mit chinesischen Zeichen erforderlich. Auch auf englisch eingetippte Namen, die wohl am treffendsten „erotikbezogen“ sind, finden sich auf der Liste.

Im Englischen wurden die Namen von Burlesque-Tänzerinnen, Pornographen, Glamour-Models, deren gestohlenen Nacktfotos und anderen Leaks, sowie die Namen von Drag Queens in der Liste gefunden. Kurioserweise wurden in Bing auch Namen wie Dick Cheney zensiert, weil mit „Dick“ vielerlei Unflätiges entstehen könne. Einige Begriffe, die relevant für die chinesische Politik sind, unterlagen ebenfalls der Zensur. Dies betrifft, wenn sie Englisch eingegeben wurden, beispielsweise „Xi Jinping“, „Liu Xiaobo“ oder „Tank Man“.

Staatsoberhäupter und ehemalige Beamte auf der Zensur-Liste von Bing

Zu den Namen, die in Bing bei der automatischen Suche nicht angezeigt werden, gehören Staatsoberhäupter wie Xi Jinping oder Beamte im Ruhestand wie Wen Jiabao. Auch historische Persönlichkeiten wie der Mitbegründer der Kommunistischen Partei Chinas, Li Dazhao, finden sich auf der Liste. Ebenso politisch sensible Suchbegriffe wie die Namen von Personen, die in Skandale oder Machtkämpfe verwickelt sind.

Citizen Lab vermutet, dass die Zensur der Namen chinesischer Staatsoberhäupter in der nationalen und internationalen Version von Bing in China auf die Einhaltung chinesischer Gesetze und Vorschriften durch Microsoft zurückzuführen sein könnte.

Schließlich verlangte China im September 2021, dass Unternehmen Governance-Systeme für Algorithmen schaffen. Ende März 2022, vermutlich nach den Recherchen von Citizen Lab, schaltete Bing auf Wunsch Pekings die automatischen Suchvorschläge in China ganz ab. Die Funktion wurde außerdem zwischen Dezember 2021 und Januar 2022 für 30 Tage abgeschaltet.

Das alles erklärt jedoch nicht, warum Bing die Begriffe in Nordamerika aus der automatischen Eingabe entfernt hat. Laut Citizen Lab ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Zensur zufällig ist. Vielmehr sei sie eher das „Ergebnis eines Prozesses, der unverhältnismäßig auf Begriffe abzielt, die in China politisch sensibel sind“.

„Zensur zielt auf Begriffe, die in China politisch sensibel sind“

„Suchmaschinen spielen eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Inhalten und prägen die öffentliche Wahrnehmung bestimmter Themen“, erklärte Citizen Lab. Die Autosuggestionssysteme sagen nicht nur die beabsichtigten Suchanfragen voraus, sondern basieren auch auf früheren Suchanfragen. Wenn die Leute also nicht mehr nach den Begriffen suchen, werden sie nicht mehr vorgeschlagen und beeinflussen so das Suchverhalten.

Und nicht nur Bing ist betroffen: Bing liefert Autosuggestions- und Suchergebnisdaten an andere Suchmaschinen wie DuckDuckGo und Yahoo. Zudem ist sie die Standardsuchmaschine in Microsoft Edge. Bing ist auch in das Windows-Startmenü integriert.

Microsoft teilte etwas später mit: „Wir haben einen technischen Fehler behoben, bei dem bei einer kleinen Anzahl von Nutzern eine Fehlkonfiguration auftrat, die verhinderte, dass einige gültige Autosuggest-Begriffe angezeigt wurden, und wir danken Citizen Labs, dass sie uns darauf aufmerksam gemacht haben. Wir waren nicht in der Lage, andere Beispiele, die sie in ihrem Bericht anführen, zu reproduzieren, nachdem wir mehrere Szenarien ausprobiert hatten. Im Allgemeinen basieren die Autosuggestions, die jemand sieht, größtenteils auf der Abfrage selbst und sind größtenteils durch das Nutzerverhalten gesteuert, wie zum Beispiel die Abfragen, nach denen andere lokale Nutzer suchen. Wenn eine Autosuggestion nicht angezeigt wird, bedeutet das nicht, dass sie zensiert wurde.“

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