Unter dem Radar: Der satirische Monatsrückblick (März/2017)

glosse Monatsrückblick
Was assoziiert ihr mit dem März? Die ersten warmen Tage? Die Hoffnung auf Frühling? Oder eher noch die letzte Runde der Erkältungs- und Grippewelle? Das mag alles stimmen. Ihr müsst eurer Liste jedoch auf jeden Fall dringend einen weiteren Punkt hinzufügen: Sinnloses, Abgedrehtes und dumme Ideen. Dafür sorgen schon unsere Mächtigen. Lest selbst im Monatsrückblick…

(The next) Return of the Walking Dead (Laws)

Zombie-Geschichten, ob in Form von Filmen, Serien oder Computerspielen, sind noch immer sehr gefragt und scheinen ein Comeback nach dem anderen zu feiern. Einer der möglichen Gründe dafür: Wir als Konsumenten können uns in die Gefühle der Hauptpersonen gut hineinversetzen. Okay, die wenigsten von uns dürften schon mit der Kettensäge in der Hand einem Wesen gegenüber gestanden haben, das mal die pingelige Nachbarin war.

Aber in etwas weniger spektakulärer Form kennen wir das Zombie-Phänomen doch alle. Wer wüsste nicht auf Anhieb eine Menge Dinge zu nennen, die einfach nicht verschwinden, sondern immer wieder auftauchen und dabei alles irgendwie schlimmer machen? Fast jeder beispielsweise kennt Filmreihen, die am Anfang womöglich noch ganz amüsant waren, sich aber mit dem gefühlt tausendsten Sequel der Beliebtheit von Fußpilz rapide annähern. Ähnliches gilt für bestimmte Werbespots (Marcel D’Avis, anyone?), Songs von Marc Forster (gut, die waren beim ersten Mal schon schlecht, aber die Wiederholung macht sie nicht gerade anspruchsvoller), vollkommen übertriebene Fußball-Berichterstattung schon gefühlt Jahrzehnte vor dem Spiel und das achthundertste World-of-Warcraf-Addon. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Allen diesen Varianten des Zombie-Phänomens ist eines gemeinsam: Die Verantwortlichen wissen einfach nicht, wann es gut ist und niemand mehr ihre Kreationen interessant oder erheiternd findet. Das wiederum haben sie mit einigen europäischen Politikern gemeinsam. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Netzsperren. Am Anfang waren diesbezügliche Vorschläge vielleicht noch ganz erheiternd (in der Art, wie es auch irgendwie niedlich ist, wenn unsere Verwandten uns zerknirscht beichten, auf ihrem Netbook „das Internet gelöscht“ zu haben).

Gefühlte zweitausend Erklärungen später allerdings ist das Ganze gar nicht mehr so herzig. Stattdessen ist schon eindeutig von vorsätzlicher Ignoranz auszugehen – und die ist leider niemals erfreulich oder niedlich. Und wer hat’s erfunden (Stichwort nervige Werbespots)? Wissen wir nicht genau, aber in diesem Fall sind es jedenfalls die Schweizer, die die untote Netzsperren-Sau wieder einmal durch’s Dorf treiben (bitte bildlich vorstellen, womöglich hat das Serien-Potential beim ZDF). Das Ziel diesmal: illegale Glücksspiel-Angebote. Immerhin was anderes als Terrorismus oder „Denk doch mal einer an die Kinder!!!11!!1“ – aber leider können wir trotzdem nur zwei von zehn Originalitätspunkten geben. Bitte denkt euch nächstes Mal etwas weniger abgelutschtes aus. Wie wäre es mit Zombies? Oder Vampiren?

Die ganze Härte der Fake News

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht. So regelten unsere Altvorderen das Problem postfaktischer Fake-News ganz pragmatisch. Für das Jahr 2017 allerdings ist das anscheinend nicht mehr innovativ genug. Stattdessen müssen Gesetze her. Die helfen bekanntlich, je nachdem, wen man fragt, gegen alles. Das dachte sich auch Ulrich Wilhelm, der Intendant des BR, und forderte in einem Interview kurzerhand härtere Anti-Fake-News-Gesetze. Das erzählen der Unwahrheit müsse den Verantwortlichen künftig so richtig weh tun, fordert der Medienschaffende. Ein interessantes Gesetz – statt zu einigen Jahren Haft in Guantanamo können wir Terroristen und Gefährder demnächst einfach zu einem dreiwöchigen Praktikum bei der Bild und anschließendem Entrichten der planmäßigen Fake-News-Strafe verdonnern, tut mindestens genauso weh.

Allerdings fordere ich, dass das Ganze noch ein Wenig verfeinert und ausgeweitet wird. Auch jeder Politiker, der künftig Netzsperren als angemessenes Instrument zur Verbrechensbekämpfung vorschlägt (siehe oben), behauptet, die Vorratsdatenspeicherung helfe gegen Terrorismus, oder andeutet, das Internet sei für die Mehrheit der Unter-60-Jährigen irgend etwas als ein normales und willkommenes Arbeitsgerät, muss demnach die ganze Härte der Anti-Schwachsinnige-Lügen-Gesetzgebung spüren. Dann wäre ich sogar für dieses Gesetz.

Überhaupt beschäftigte uns das Thema Fake-News diesen Monat wieder ganz erheblich. Anscheinend haben sich alle schon einmal warm gelaufen für den ersten April. Oder aber es ist bei Donald Trump doch etwas Ansteckendes.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Was machen Politiker, wenn sie sich so richtig nostalgisch fühlen? Richtig, sie tun so, als sei es gleichzeitig 1984 und 2008, und erlassen übertriebene Überwachungsgesetze. Das dachte sich auch der Bundestag und beschloss kurzerhand eine massive Ausweitung der Videoüberwachung. Irgendwann wird den Terroristen und anderen Schwerkriminellen schon einmal jemand mitteilen, dass der Verlust unserer Privatsphäre gegen ihre Taten hilft, und sie werden aufhören, Anschläge und andere Verbrechen zu begehen. Bis dahin können wir uns wenigstens damit trösten, dass unsere tolle neue Frisur und Frühlingsmode angemessen zur Geltung kommt.

Frühlingsgefühle

Wenn sich so abgedreht schon der März gestaltete, wie wird dann erst der April? Kommt es Ostern zur Wiederauferstehung auch des Restverstandes einiger Politiker? Oder doch wieder nur zu einer neuen Zombiewelle? Kann man Überwachungskameras wegen Fake News verklagen? Und wie steht es um das fotogene Potential extremistischer Cybers?

Fragen über Fragen, denen wir zu gegebenem Anlass selbstverständlich ganz investigativ nachgehen werden. Bis dahin bleibt uns treu, viel Spaß beim Lesen und bis nächsten Monat!

Eure Annika Kremer!

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2 Kommentare

  1. Shaun of the Dead sagt:

    Praktikum bei Bild? Wie menschenunwürdig. Dann doch lieber Urlaub auf Kuba.

    Ich helfe gern mal bei der Klärung einer Frage.

    Der aufkeimende Aktionismus in Bezug auf sicherheitspolitische Gesetzesverschärfungen ist m. M. nach weniger einem nostalgischen Gefühl als vielmehr dem durchtriebenen Kalkül geschuldet, datenschutzrechliche Barrieren aufzuweichen, um die Wirtschaft mit neuen „Wertschöpfungschancen“ zu beglücken.

    Biometriebasierte Analyse von Bewegungs- und Konsumverhalten anhand von vorwärts- und rückwärtsgerichteten Videostreams – für die Wirtschaft schon bald keine Utopie mehr.

    Wem gehören eigentlich die Daten, die wir auf Webseiten, an der Supermarktkasse, in Bus und Bahn unvermeidlich hinterlassen?

    Kommt darauf an, wen man fragt und (noch) wo man wohnt.

    Google sagt natürlich: die Daten gehören uns!
    Ok. Google-Boykott – wenn überhaupt realistisch.

    Aber wie wehren wir uns effektiv im öffentlichen Raum?

    Beispiel Straßenverkehr:
    Schon jetzt sammelt ein modernes Fahrzeug mehrere Gigabytes (GB) pro Stunde an Informationen über seinen Fahrer, dessen Fahrverhalten und die Umgebung. Irgendetwas wird auch übertragen, spätestens im Falle eines Unfalls – Polizei ist schon autom. informiert. Vielleicht von Vorteil, aber wohl bleibt die Kontrolle? Es geht weiter:
    Ein autonomes Fahrzeug wird nun in Zukunft eine unvorstellbare Datenflut von bis zu einem GB pro Sekunde erzeugen!
    Nicht zuletzt auch aus diesem Grund hat sich jetzt Verkehrsminister Dobrindt, vermutlich auf Druck der Industrie, in die Datendiskussion eingemischt – die Ernte müsse schließlich eingefahren werden dürfen.

    Will sagen: Hier geht es lange nicht mehr um Terrorbekämpfung, sondern um den Abbau einer neuen Ressource, die ja quasi überall kostenlos herumzuliegen scheint.

    • Ch4rma sagt:

      Nämlich Daten, DER Rohstoff schlechthin im 21. Jhr … #ch4rma

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