Schweden: Zentralbank warnt vor Bargeld-Abschaffung

Obwohl sich die schwedische Bevölkerung in der Mehrheit an eine Bezahlung mit Karte selbst bei Kleinstbeträgen längst gewöhnt hat, kommt nun gerade aus Schweden eine Befürwortung des Bargeldes. Die schwedische Zentralbank, „Riksbank“ (Reichsbank), stuft das drohende Ende des Bargelds als nationale Sicherheitsbedrohung ein. Aber auch die Mehrheit der Bevölkerung ist gegen eine Abschaffung des Bargeldes. In einer aktuellen Umfrage haben sich 7 von 10 Befragten für die Beibehaltung von Bargeld ausgesprochen. Lediglich 25 Prozent stimmten für eine komplett digitale Zahlungsstruktur, berichtet The Guardian.

Während in Deutschland die Verbraucher dem Bargeld weiter die Treue halten, denn hier ist es Tradition, dass Geschäfte oder Restaurants ausschließlich Münzen und Scheine akzeptieren, gilt Schweden als europäischer Vorreiter bei einer Anwendung von alternativen Zahlungsweisen. Neben EC- und Kreditkarten werden vor allem Apps genutzt. Bereits im Jahr 2012 gründeten die sieben schwedischen Banken die App Swish, im Januar 2017 nutzten schon fünf Millionen Schweden die Bezahl-App. Per App ist es möglich, innerhalb nur weniger Sekunden jeden gewünschten Betrag sowohl an Privatpersonen, als auch an Läden, Bars oder Restaurants für gekaufte Waren zu überweisen. Dafür ist nur noch die Handynummer des Empfängers notwendig. Zudem ist das Scannen des QR-Code mit dem Smartphone als Zahlungsweise angesagt. Eine wachsende Anzahl von Geschäften verweigert die Annahme von Scheinen und Münzen; die Zahl der Läden mit dem Hinweis „kontantfri butik“, bargeldloses Geschäft, wächst. Die überwiegende Mehrheit der Bankfilialen funktioniert mittlerweile „kontantfria“. Weniger als 15 Prozent aller Transaktionen werden überhaupt noch mit Bargeld abgewickelt.


Niklas Arvidsson, Dozent an der Königlich Technischen Hochschule KTH in Stockholm und Autor der Studie „The Cashless Society“ schätzte in einem Interview mit brandeins ein, dass es nach 2030 mit dem Bargeld in Schweden vorbei sein könnte: „Es wird einen ,tipping point’ geben, an dem Bargeldverkehr zu aufwendig wird“. Als Reaktion darauf prüft die Reichsbank in Schweden, ob eine digitalen Währung, eine e-Krone, sinnvoll wäre. Ein endgültiger Vorschlag wird nicht vor Ende des nächsten Jahres erwartet. Die e-Krone soll dann als Ergänzung zum Bargeld funktionieren. Dazu gehört auch die Frage, ob man die Blockchain-Technik anwenden will. Gibt die Politik grünes Licht, könnte schon 2019 ein solches Pilotprojekt starten. Allerdings müsse sichergestellt werden, dass ein rein digitales Zahlungssystem – wenn es denn kommt – in staatlicher Hand wäre, da der Staat derzeit immer größere Teile seines einstigen Monopols über den Zahlungsverkehr verliert. „Einem Staat, der kein Geld mehr druckt oder prägt, kann die Kontrolle über das Zahlungssystem entgleiten.“, befürchtet Niklas Arvidsson. Der Geldfluss werde nun in wachsenden Maß von kommerziellen Akteuren kontrolliert. Mit elektronischem Notenbankgeld will sich die Reichsbank die Kontrolle über einen für alle BürgerInnen kostenfreien und gleichberechtigt zugänglichen Geldtransfer zurückerobern.

Nun fordert der Chef der Reichsbank, Stefan Ingves, neue Gesetze, um die öffentliche Kontrolle über das Zahlungssystem zu sichern, mit dem Argument, dass die Fähigkeit, Zahlungen zu leisten und zu erhalten, ein „kollektives Gut“ sei wie Verteidigung, die Justiz oder öffentliche Statistiken. „Die meisten Bürger würden sich unbehaglich fühlen, diese sozialen Funktionen privaten Unternehmen zu überlassen. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die den Job für die Allgemeinheit machen.“, ist er überzeugt. Ingves wandte sich mit der Aufforderung, gesetzliche Vorgaben zu beschließen, was im Fall einer echten Krise zu tun ist, an die Regierung. Seiner Einschätzung nach steuere Schweden darauf zu, dass sämtliche Finanzgeschäfte einschließlich der Währung ausschließlich in der Hand von Privatkonzernen sei. Das führe zu Problemen, wenn es zu einer Krise komme, sowohl bei wirtschaftlichen Problemen, aber auch bei politischen Unruhen oder auch verursacht durch einen Terrorangriff: „Es liegt auf der Hand, dass die Position Schwedens im Falle einer Krise oder eines Kriegs geschwächt ist, wenn wir nicht vorab entscheiden, wie Haushalte und Unternehmen für Strom, Benzin, Lebensmittel und andere Notwendigkeiten bezahlen können“, meinte Ingves in der Tageszeitung Dagens Nyheter. Mit den Aussagen des Reichsbank-Chefs erhalten auch andere Kritiker im Land, die am Bargeld festhalten wollen, wichtige Unterstützung.

Zu den erklärten Gegnern eines ausschließlich bargeldlosen Zahlungsverkehrs gehört die Initiative „Kontantupproret“ des ehemaligen Polizisten Björn Eriksson. Er wird im Guardian zitiert mit der Aussage: „Wenn Sie ein komplett digitales System haben, dann haben sie keine Waffe mehr in der Hand, wenn jemand dieses System ausschaltet. Wenn Putin Gotland erobern will, muss er einfach nur unser Zahlungssystem ausschalten. Kein anderes Land würde überhaupt darüber nachdenken, so ein Risiko einzugehen. Sie würden natürlich ein analoges System fordern“.

Für eine Beibehaltung des Bargeldes spricht sich zudem die Piratenpartei aus: „Wenn Sie die Kontrolle über die Server von Visa oder Mastercard erlangt haben, dann haben Sie die Kontrolle über Schweden. In der Zwischenzeit sind wir gezwungen, unser Geld den Banken zu geben. Wir können nur hoffen, dass sie nicht bankrottgehen oder verrückt werden“, sagte ein Abgeordneter der Partei.

Bildquelle: pasja1000, thx! (CC0 Public Domain)

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7 Kommentare

  1. Rudi Mentär sagt:

    cool, dann wird jede Transaktion nachvollziehbar und ich kann weder mit Drogenhandel noch Schwarzarbeit mehr was dazu verdienen ohne das der Staat es merkt und eine Steuer drauf erlässt! (Achtung, Sakrasmus!)

  2. Saus sagt:

    Mit App zu bezahlen kommt für mich nicht infrage: Ich habe kein Handy und will auch keines haben.

  3. Anonymous sagt:

    Ich spreche jetzt nur für mich.
    Also ich bin mit Barzahlung erheblich schneller als wenn ich erst die Karte zücke und dann Geheimzahl eingebe. Bei der Kreditkarte kommt ja noch die Unterschrift dazu.
    Manche Datenverbindungen sind auch archlahm und des bezahlen mit Karte dauert ewig.

  4. Anonymous sagt:

    In unserer Generation dürfte die Bevölkerung noch soweit sensibilisiert sein für Datenschutz und Privatheit, daß sie auf Bargeld bestehen wird. Im übrigen bin ich nicht sicher, ob die Abschaffung des Bargeldes – und damit ein Minimum an Selbstbestimmung ohne staatliche Überwachung – mit dem Grundgesetz und der darin garantierten Menschenwürde überhaupt zu vereinbaren wäre.

    Gibt es hier vielleicht einen Juristen, der Klarheit schaffen könnte?

  5. Anon sagt:

    Da mögen sie Recht haben mit ihrer Prognose. Die Verantwortung sollte aber nicht in den Händen eines Bankenkartells liegen.

  6. null sagt:

    „Bargeldlos“ ist die Zukunft. Früher hatte man Steine, Diamanten, Gold, Scheine, Münzen, etc, …

    Die Zukunft ist Digital. (€ – $ – ¥)

  7. Anonymous sagt:

    Als ich letztes Jahr im Urlaub in Schweden war hatte ich kein Problem mit Cash zu bezahlen. War ein bisschen wie in Griechenland (ohne Quittung) nur teurer.

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