Zentralbank von Schweden warnt vor Bargeld-Abschaffung

In Schweden wächst der Widerstand gegen die Abschaffung von Bargeld. So warnt auch Chef der Zentralbank, Stefan Ingves davor.

Geldschein dollar, Zentralbank

Obwohl sich die schwedische Bevölkerung in der Mehrheit an eine Bezahlung mit Karte selbst bei Kleinstbeträgen längst gewöhnt hat, kommt nun gerade aus Schweden eine Befürwortung des Bargeldes. Die schwedische Zentralbank, „Riksbank“ (Reichsbank), stuft das drohende Ende des Bargelds als nationale Sicherheitsbedrohung ein. Aber auch die Mehrheit der Bevölkerung ist gegen eine Abschaffung des Bargeldes. In einer aktuellen Umfrage haben sich 7 von 10 Befragten für die Beibehaltung von Bargeld ausgesprochen. Lediglich 25 Prozent stimmten für eine komplett digitale Zahlungsstruktur, berichtet The Guardian.

Zentralbank in Stockholm will Bargeld erhalten

Während in Deutschland die Verbraucher dem Bargeld weiter die Treue halten, gilt Schweden als europäischer Vorreiter bei einer Anwendung von alternativen Zahlungsweisen.  In Deutschland ist es Tradition, dass Geschäfte oder Restaurants ausschließlich Münzen und Scheine akzeptieren, Neben EC- und Kreditkarten nutzt man in Schweden vor allem Apps. Bereits im Jahr 2012 gründeten die sieben schwedischen Banken die App Swish, im Januar 2017 nutzten schon fünf Millionen Schweden die Bezahl-App. Per App ist es möglich, innerhalb weniger Sekunden jeden gewünschten Betrag sowohl an Privatpersonen, als auch an Läden, Bars oder Restaurants für gekaufte Waren zu überweisen. Dafür ist nur noch die Handynummer des Empfängers notwendig.

Zudem ist das Scannen des QR-Code mit dem Smartphone als Zahlungsweise angesagt. Eine wachsende Anzahl von Geschäften verweigert die Annahme von Scheinen und Münzen. Die Zahl der Läden mit dem Hinweis „kontantfri butik“, bargeldloses Geschäft, wächst. Die überwiegende Mehrheit der Bankfilialen funktioniert mittlerweile „kontantfria“. Weniger als 15 Prozent aller Transaktionen werden überhaupt noch mit Bargeld abgewickelt.

e-Krone statt Bargeld?

Niklas Arvidsson, Dozent an der Königlich Technischen Hochschule KTH in Stockholm und Autor der Studie „The Cashless Society“ schätzte in einem Interview mit brandeins ein, dass es nach 2030 mit dem Bargeld in Schweden vorbei sein könnte. „Es wird einen ,tipping point’ geben, an dem Bargeldverkehr zu aufwendig wird“. Als Reaktion darauf prüft die Reichsbank (Zentralbank) in Schweden, ob eine digitalen Währung, eine e-Krone, sinnvoll wäre. Ein endgültiger Vorschlag wird nicht vor Ende des nächsten Jahres erwartet. Die e-Krone soll dann als Ergänzung zum Bargeld funktionieren. Dazu gehört auch die Frage, ob man die Blockchain-Technik anwenden will. Gibt die Politik grünes Licht, könnte schon 2019 ein solches Pilotprojekt starten.

Allerdings müsse sichergestellt werden, dass ein rein digitales Zahlungssystem – wenn es denn kommt – in staatlicher Hand wäre. Der Staat würde ansonsten immer größere Teile seines einstigen Monopols über den Zahlungsverkehr verlieren. „Einem Staat, der kein Geld mehr druckt oder prägt, kann die Kontrolle über das Zahlungssystem entgleiten.“ Dies befürchtet Niklas Arvidsson. Der Geldfluss werde nun in wachsenden Maß von kommerziellen Akteuren kontrolliert. Mit elektronischem Notenbankgeld will sich die Riksbanken (Zentralbank) die Kontrolle über einen für alle BürgerInnen kostenfreien und gleichberechtigt zugänglichen Geldtransfer zurückerobern.

Reichsbankchef für Erhaltung der Kontrolle

Nun fordert der Chef der Reichsbank, Stefan Ingves, neue Gesetze, um die öffentliche Kontrolle über das Zahlungssystem zu sichern. Dies mit dem Argument, dass die Fähigkeit, Zahlungen zu leisten und zu erhalten, ein „kollektives Gut“ sei wie Verteidigung, die Justiz oder öffentliche Statistiken. „Die meisten Bürger würden sich unbehaglich fühlen, diese sozialen Funktionen privaten Unternehmen zu überlassen. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die den Job für die Allgemeinheit machen.“, ist er überzeugt. Ingves wandte sich mit der Aufforderung, gesetzliche Vorgaben zu beschließen an die Regierung.

Zentralbank: Dies ist eine echte Krise!

Dies sei eine echte Krise. Seiner Einschätzung nach steuere Schweden darauf zu, dass sämtliche Finanzgeschäfte einschließlich der Währung ausschließlich in der Hand von Privatkonzernen sei. Das führe zu Problemen, wenn es zu einer Krise komme, sowohl bei wirtschaftlichen Problemen, aber auch bei politischen Unruhen oder auch verursacht durch einen Terrorangriff. „Es liegt auf der Hand, dass die Position Schwedens im Falle einer Krise oder eines Kriegs geschwächt ist. Dies für den Fall, wenn wir nicht vorab entscheiden, wie Haushalte und Unternehmen für Strom, Benzin, Lebensmittel und andere Notwendigkeiten bezahlen können“, meinte Ingves in der Tageszeitung Dagens Nyheter. Mit den Aussagen des Zentralbank-Chefs erhalten auch andere Kritiker im Land, die am Bargeld festhalten wollen, wichtige Unterstützung.


Kritik von einer eigens deswegen gegründeten Initiative und der Piratenpartei Schwedens

Zu den erklärten Gegnern eines ausschließlich bargeldlosen Zahlungsverkehrs gehört die Initiative „Kontantupproret“ des ehemaligen Polizisten Björn Eriksson. Er wird im Guardian zitiert mit der Aussage. „Wenn Sie ein komplett digitales System haben, dann haben sie keine Waffe mehr in der Hand, wenn jemand dieses System ausschaltet. Wenn Putin Gotland erobern will, muss er einfach nur unser Zahlungssystem ausschalten. Kein anderes Land würde überhaupt darüber nachdenken, so ein Risiko einzugehen. Sie würden natürlich ein analoges System fordern“.

Für eine Beibehaltung des Bargeldes spricht sich zudem die Piratenpartei aus. „Wenn Sie die Kontrolle über die Server von Visa oder Mastercard erlangt haben, dann haben Sie die Kontrolle über Schweden. In der Zwischenzeit sind wir gezwungen, unser Geld den Banken zu geben. Wir können nur hoffen, dass sie nicht bankrottgehen oder verrückt werden“, sagte ein Abgeordneter der Partei.

Bildquelle: pasja1000, thx! (CC0 1.0 Public Domain)

Tarnkappe.info

Ich bin bereits seit Januar 2016 Tarnkappen-Autor. Eingestiegen bin ich zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibe ich bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, greife aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Meine Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.