Moskau: Polizei verkauft Zugang zu CCTV- und Gesichtserkennungsdaten der Stadt

Jeder, der ein bisschen Geld hat, kann sich Zugang zum Moskauer CCTV-Überwachungssystem mit Zehntausenden von Kameras verschaffen.

Mit Geld kann man in Russland anscheinend alles kaufen. Jeder, der ein bisschen Geld hat, kann sich Zugang zum Moskauer CCTV-Überwachungssystem mit Zehntausenden von Kameras verschaffen. Aber auch Daten zur biometrischen Gesichtserkennung in Moskau werden an jeden verkauft, der dafür bezahlt.

Moskau: eine Stadt mit mehr als tausend Augen


Moskau ist, wie wir alle wissen, eine sehr große (und schöne) Stadt. Um die Sicherheit seiner Bewohner zu verbessern, gibt es in der Stadt über 175.000 Videoüberwachungskameras. Über 3.000 von diesen Videokameras liefern jetzt schon biometrische Gesichtsdaten. Sie sind überall da, wo viele Menschen zusammen kommen. Also auf großen Plätzen, in Hauseingängen, Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen. Nach und nach sollen aber alle Kameras eine biometrische Gesichtserkennung ermöglichen. Auf der Website der Stadt  heißt es, dass auf das Videoüberwachungssystem nur Mitarbeiter der Bundesbehörden, des Moskauer Bürgermeisters und die Strafverfolgungs- und Exekutivbehörden zugreifen können. Der russische Journalist Andrey Kaganskikh, der für MBKh Media arbeitet, konnte kürzlich belegen, dass Zugangsdaten für eben diese Moskauer Überwachungssysteme in diversen russischen Untergrund-Foren und Chat-Gruppen gehandelt werden.

Für umgerechnet 400 EUR Zugang zur ganzen Stadt

30.000 Rubel sind umgerechnet nur etwas über 400 Euro. Nicht viel Geld also, wenn man bedenkt, dass man sich damit Zugang zu den Videoüberwachungs-Systemen einer so großen Stadt wie Moskau erkaufen kann. Andrey Kaganskikh, der Journalist, der kürzlich die Untersuchung durchgeführt hat, sagt, dass die Verkäufer dieser Zugangsdaten, sowohl Einzelpersonen aus dem Bereich Strafverfolgung, als auch Regierungsmitarbeiter sind. Diese können sich jederzeit in das integrierte Zentrum für Datenverarbeitung und Speicherung (YTKD) der Stadt Moskau einloggen.

„Wir haben es geschafft, die Kameras aus der uns zugänglichen Datenbank mit den angegebenen Adressen zu vergleichen – ihre Winkel stimmten mit den Bildern überein. Die Kameraindizes und die Kameraindizes aus der Registrierung stimmten ebenfalls überein“ – Andrey Kaganskikh

 

Moskaus CCTV Überwachung

Moskaus CCTV Überwachung

Regierungs- oder Polizeibeamte, die ihr Gehalt etwas aufbessern wollen, verkaufen also wirklich den Zugang zu authentischen Kamerabildern. Zugang zu diesen Daten erhält man dann für fünf  Tage. In Moskau speichert man laut offizieller Aussagen sämtliches Bildmaterial nur für fünf Tage. Daten von Überwachungskameras in Bildungseinrichtungen bewahrt man aber für 30 Tage auf. So ist es nicht verwunderlich, dass diese Daten in diversen Untergrund-Foren und Chat-Gruppen Moskaus sehr beliebt sind.

Biometrische Gesichtserkennung in Moskau

Gesichtserkennung in MoskauAuch auf die biometrische Gesichtserkennung Moskaus, konnte Andrey Kaganskikh bei seinen Nachforschungen ohne große Probleme zugreifen. Das Magazin BleepingComputer berichtet sehr ausführlich, wie der russische Journalist das System testet. Er wollte ganz genau wissen und belegen, wie gut die biometrische Gesichtserkennung in Moskau tatsächlich funktioniert. Er testete das System daher mit einem Bild von sich selbst. Die Suche im Überwachungssystem führte dann auch recht schnell zu einigen interessanten Ergebnissen. Insgesamt konnten immerhin 238 Bilder von Personen (männlich und weiblich) mit einem ähnlichen Aussehen, wie das des Journalisten gefunden werden. Insgesamt 140 Kameras in Moskau lieferten ihm recht schnell mehr oder weniger genaue Ergebnisse zu seiner Suche. Jeder „Treffer“ enthielt außerdem sehr genaue Angaben. Darunter etwa eine Liste mit Adressen und Zeiten, an denen sich die gesuchte Person am jeweiligen Ort vor der Kamera aufgehalten hat.

Unter den für jedes Foto verfügbaren Metadaten befand sich immer auch die Information, ob die gesuchte Person regelmäßig von genau dieser Kamera gesehen wurde. Aber auch, ob die gesuchte Person zum ersten Mal von ihr entdeckt wurde.

Den echten jungen russischen Journalisten konnte das System aber nicht entdecken. Er war nicht unter den 238 Bildern dabei. Die Gesichtszüge auf den im System gefundenen Bilder ähnelten zwar oft denen von Andrey Kaganskikh. Eine Übereinstimmung gab es aber, wie er selber feststellte, nie. Mehr als eine Ähnlichkeit von 67 % konnte das Moskauer Videoüberwachungssystem bei keinem der Treffer ermitteln.

Moskaus Videoüberwachung: beliebt bei Privatdetektiven und Ganoven

YTKD

Zentrum für Datenverarbeitung und                                    Speicherung in Moskau

Die einschlägigen russischen Foren, die die Zugangsdaten zu Moskaus riesigem Videoüberwachungssystem hauptsächlich zum Kauf anbieten, kann man ohne großen Aufwand finden. Die Foren werden erfolgreich von Suchmaschinen indiziert. Ihr Inhalt ist somit leicht für jedermann im Netz mit einer einfachen Suche zugänglich. Die Chat-Gruppen hingegen verbreiten sich erfolgreich durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Andrey Kaganskikh hat bei seinen Ermittlungen zudem herausfinden können, dass der Zugang zu dem von der Moskauer Polizei kontrollierten Überwachungssystem sehr einfach und für fast jeden zugänglich ist. Sein Kontakt bestätigte ihm, dass für die Durchführung einer Suche im Moskauer Überwachungssystem, oft nicht einmal eine Begründung erforderlich ist. Es braucht in den meisten Fällen keinen Haftbefehl und auch keinerlei Nachweise über irgendwelche gesetzlichen Verstöße oder richterliche Anordnungen. Das erklärt auch, warum die verschiedensten mehr oder weniger dunklen Gestalten Moskaus die Daten des Überwachungssystems gerne regelmäßig nutzen.

Tarnkappe.info

 

Beitragsbild Hasselqvist, thx! (Pixabay Lizenz)