[Diskussion] Die Flatrate von Amazon und die Buchpiraten

E-Books: Thema durch? Ist die Nuss schon geknackt? Perseus hat kürzlich eine Diskussion über die Amazon-Flatrate in den USA angeregt, die auch uns schon bald erreichen wird. -> Link. Diese Anregung nehme ich gerne auf.

Die meisten Nutzer kennen das Thema Flatrate aus der Torboox-Zeit. Ich will jetzt nicht die ganze Diskussion aufwärmen, aber uns war früh klar, dass Amazon mit einer Flatrate kommen würde. Torboox war ein durchaus ernst gemeintes Angebot an die Verlage gegenzuhalten. Nachzulesen -> Link. Wir haben oft genug gesagt, dass die Leser ein E-Book lesen wollen, welches die Gesamtheit aller E-Books beinhaltet.

Im Kern ist das E-Book nämlich ein Flatbook. (Wollte Amazon eine Flatrate mit Papierbüchern aufziehen, würden alle LKWs der USA nicht ausreichen, sie auch nur in einer Kleinstadt verfügbar zu machen.) Papierbücher führen uns in die Tiefe, E-Books in die Fläche. Das Lesen von E-Books ist etwas völlig anderes als das Lesen von Papierbüchern. So weit zum Grundsätzlichen.

Wer aufmerksam verfolgt, welche Titel wir bei Ebookspender.me anschaffen, wird feststellen, dass wir fast nur Verlagstitel anschaffen. Wir umgehen die Amazontitel nicht bewusst, aber sie sind so billig, dass eine Befreiung nicht lohnend erscheint. Amazon schafft es also de facto bereits jetzt, uns über den Preis von den eigenen Titeln fernzuhalten. Wir sehen im Kleinen, was im Großen passieren wird.

Am Ende wird es keine Buchpiraten geben … aber auch keine Verlage (und keinen Börsenverein). Die entscheidende Frage ist für mich nicht, was am Ende steht, sondern was in der Zwischenzeit, im Übergang passiert.

Stellen wir uns praktisch vor, ein Monat freies Lesen von Amazon-Titeln würde € 9,99 kosten. Wer würde dann noch einzelne Titel kaufen? Sicherlich, die Bestseller der Spiegelliste wären weiterhin gefragt, aber sie wären (im Vergleich) unendlich teuer geworden. Sie würden also – voraussehbar – heftig an Umsatz einbüßen. Dies würde auch für Papierbücher gelten (Haptik hin, Haptik her). Auch sie würden uns Lesern mit einem Mal völlig überteuert erscheinen.

Führen wir uns vor Augen: 600.000 E-Books kosten als Lese-Flat soviel wie ein lieblos gedrucktes Taschenbuch in Einzelbesitz!

Leicht vorhersehbar, was passieren wird: Die bisherige Preiserhöhungskette vom Verlag, zum Großhändler, zum Buchhändler, zum Autoren ist nicht mehr aufrecht zu erhalten. Die Autoren (und ihre Dienstleister) werden den direkten Weg wählen. Der Buchhandel in den Städten wird mit den Verlagen verschwinden – aber auch der Onlinehandel mit Papierbüchern. (Amazon würde also – das sei hier festgehalten – die eigenen Umsätze teilweise kannibalisieren.)

In der Übergangszeit gibt es drei Angebote: die Kindle Flat (= 600.000 Titel), die Verlagstitel (die uns völlig überteuert vorkommen) und besagte Verlagstitel 4free (aus den Händen der Buchpiraten). Da das Lesen auf der Kindle Plattform fast kostenlos geworden ist, wird das Verlangen bei den Lesern umso größer, auch den anderen Teil – die Verlagstitel – umsonst lesen zu können. Die Nachfrage nach enteigneten Titel wird voraussehbar hysterisch sein (wenn sie es nicht schon bereits ist).

Ob wir es wollen oder nicht, tragen wir Buchpiraten mit unserem Angebot dazu bei, den Weg zu einer vollständigen Amazon-Flat zu verkürzen. Indem die Wertschöpfungskette des Buches von zwei Seiten – sowohl legal (= Amazon) als auch illegal (= Buchpiraten) – angegriffen wird, schaffen wir nicht nur die Verlage, sondern auch uns selbst ab, das sei immerhin anstelle einer Entschuldigung gesagt …

So weit die reinen vorhersehbaren Fakten! Die Leser werden am Ende fast umsonst alles lesen können, was geschrieben wurde und wird. Ob sie es mit gleichbleibendem Vergnügen lesen werden, ist eine andere Frage, ist Spekulation und und Anschauungssache.

bookstore berlin

Foto: Lars Sobiraj

‘Hört sich das schlecht an?’ frage ich mich. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich immer, dass alle alles 4free lesen können. Das war mein Ziel. Es wäre heuchlerisch, eine Flat abzulehnen, nur weil sie von Amazon kommt und weil sie am Ende die Buchpiraterie abschafft.

Für mich wird ein Traum wahr – ein wenig zauselig, aber noch erkennbar als mein Traum.

Ich blicke der Entwicklung – ehrlich gesagt – mit einer gewissen skrupellosen Begeisterung entgegen ;)

Bildquelle: Shutterstock

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9 Kommentare

  1. er sagt:

    “Das Lesen von E-Books ist etwas völlig anderes als das Lesen von Papierbüchern. So weit zum Grundsätzlichen.”
    Einspruch: Das Lesen ist das Gleiche, nur das Besitzen und Auswählen was anderes.

    Ansonsten glaube ich nicht an eine Flat, jedenfalls nicht für Neuerscheinungen. Flat vielleicht für die Backlogs und Neuerscheinen werden qua Kickstarter-Varianten finanziert, die Autoren machen ihr Geld über Präsenz, wie andere Künstler auch.

    Durchschnittsautoren werden weniger verdienen, Bestsellerautoren auch, die besseren Autoren werden gleichgestellt sein und die Kunden/Leser werden in der Summe Milliardenbeträge sparen, die für andere Dinge eingesetzt werden können. Insgesamt ein riesiger Wohlstandsgewinn – und Amazon wird sein Geld mit Kleidung, Schuhen und Elektronik machen.

  2. Lanzi sagt:

    Also eine Flat bei Amazon würde wohl in erster Linie Indibücher bedeuten, die gibt es durch eigenartige Werbemethoden die den armen Autoren verkauft werden, schon heute für absolut kostenlos! Und soll mir dies Bücher von Verlagen mit Lektorat und Korrektor verleiden? Natürlich nicht! Ich nehme auch keine Verlagsbücher als eBooks und für Lau, wenn schon in der Beschreibung Grammatikfehler sind. Sorry, Schreibfehler kann ich selber machen. Kurz und gut, nein Verlage wird es immer geben, weil es immer solche Snobs wie mich geben wird, die nicht jeden quatsch der als Buch daher kommt lesen möchten.

    • er sagt:

      Nicht unbedingt:

      Kickstarter:
      Goal 50.000 $ – ich schreibe mein Buch
      5$ Du erhölst das Buch
      15$ ich erwähne dich im Nachwort
      50$ Ich schicke dir eine vorabfassung und ein gedrucktes exemplar
      500$ ich besuche dich und lese für dich und deine freunde aus dem buch
      1000$ dir wird das buch gewidmet

      stretchgoal I 70.000 $
      ein professioneller lektor korrigiert das buch

      stretchgoal II 75.000 $
      professionelles setzen + coverdesign

      usw. usw.
      anders als heute zugegeben – aber die qualität braucht nicht zu leiden und die interaktion autor leser erfährt eine enorme verbesserung.

      der ganze verlagsoverhead verschwindet.

    • martha sagt:

      Ich hab soviel Mist auf Amazon gesehen, dass ich Indibücher grundsätzlich nicht mehr kaufe. Dafür ist mir meine Zeit zu schade. Vielleicht wenn aus dem Indi ein Autor geworden ist, aber so wie es jetzt bei Amazon läuft ist es bitter.

  3. PeterLustig sagt:

    Natürlich wird eine Flat kommen. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass Amzon Deals mit den Verlagen hinbekommen wird. Diese werden eher dazu übergehen eigene Angebote auf die Beine zu stellen.

    Bastei hatte es ja auch schon mal angekündigt: https://www.lesen.net/ebook-news/bastei-luebbe-ebooks-viel-lukrativer-als-print-11162/

    Allerdings ist da bislang nichts dabei rausgekommen. Wird aber mit Amazons Plänen sicher eine Beschleunigung erfahren …

    Ich denke wir werden die Verlage – jedenfalls die großen – nicht so schnell verlieren. Die kleinen werden unglaublich leiden und wir werden erleben, welche Nischen existenzfähig bleiben …

  4. Nucknuck sagt:

    Nach einer Phase der gegenseitigen Zerfleischung und der teilweisen Zerstörung des Alten wird es Flat (Leseclubs gab es schon zu tiefsten Analogzeiten und diese wurden damals auch massiv angegangen), Kauf (E- und Analog-Book) sowie unerlaubte Vervielfältigung (*) nebeneinander her geben (also nichts neues im Westen).
    Es werden allerdings nicht wenige auf der Strecke bleiben. Ob Amazon letztendlich unter denen ist, die übrig bleiben ist abzuwarten.
    Ich habe aktuell einige neue Lehrmittel von Langenscheidt zwischen die Finger bekommen und muß sagen, die sind ziemlich pfiffig. Solche durchaus inovativen Angebote (in Kombination analog/digital) kann man nicht einfach mit billig billig oder gar durch Indies realisieren.
    Also, auch die ach so angestaubten Verlage, machen sich Gedanken und bekommen was hin.
    Eine Flat wäre aber aus Sicht der anvisierten Zielgruppe wünschenswert und sinnvoll, nur Amazon wird das sicher nicht leisten können und wollen und die Verlage scheinen das Potenzial da noch nicht zu erkennen.
    Auf der anderen Seite ist es eigentlich praktisch egal, ob ich eine Flat über 10000 oder 1000000 Ebooks im Belletristikbereich habe. Ist das Buch was ich gerade lesen will nicht dabei, ist sie für die Katz. Anzunehmen ist das die Amazon Ebookflat aufgebläht ist mit Heftereihen und Indietiteln die eh keiner lesen will und hier die Magie der großen Zahlen auf den Konsumenten wirken soll.
    Was will ich mit dem obigen Absätzen ausdrücken? Ob eine Flat nützlich oder schädlich ist, den Untergang des Abendlandes nach sich zieht oder die Rettung der (lesefähigen) Menscheit zur Folge hat, hängt vom angebotenen Produkt(en) ab. Auch ist diese einseitige Fixierung auf Ebooks nicht zielführend. Analoge Medien haben auf jeden Fall ihre Berechtigung.
    Die klassischen Anbieter müssen es halt bald mal auf die Reihe kriegen, mit den neuen Gegebenheiten zurechtzukommen und nicht immer nur jammern (vor allem sollten sie den Börsenverein beerdigen).

    (*)
    SB`s Forum wird unter einer Amazon Flat sicher nicht leiden, da es was er macht zwar verboten ist (es damit Spaß macht) und der illegale Buchclub dem er vorsteht, gerade dafür sorgt, das man die nur rein theoretische Möglichkeit hat (praktisch müßte man zehntausende Jahre alt werden und ab jetzt keine neuen Geschichten mehr geschrieben werden dürfen) immer und überall, ohne Kontrolle und Restriktionen auf seinen Lesestoff zugreifen zu können.
    Die künstliche Kastrierung welche denn digitalen Medien angetan wird, wird sozusagen geheilt.

  5. Eduard sagt:

    Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig beurteile, aber “früher”, wo Bücher und Musik noch analog waren, hatten auch Menschen mit wenig Erfolg die Chance mit ihrer Kunst zu überleben. Heute geht das eigentlich nur noch über den Eigenvertrieb ohne Flatrate, aber wer kennt einen dann, wenn man nicht im Katalog der grossen zu finden ist? Am Beispiel von Spotify und meinem eigenen Verhalten sehe ich, das ich weder Musik kaufe oder illegal runterlade. Es gibt alles umsonst. Mit Musik oder Literatur Geld zu verdienen war schon immer schwer, aber die Wahrheit ist doch: Wer richtig gute Qualität produzieren will, benötigt dafür Zeit und Energie und das setzt voraus, das man sich zumindest Wohnung, Brot und Butter kaufen kann.

    Ich bin grundsätzlich gegen Flatrates, weil sie dem Konsumenten suggerieren, das einzelne “Kunstwerk” ist im Grunde nichts mehr wert, obwohl dort oft viel Zeit, Liebe und Hingabe investiert wurde.

  6. matt sagt:

    Wenn ich das mit amazon richtig verstanden habe, heißt Flatrate lesen, das lesen in der Cloud.
    -also kein runterladen und speichern des Ebooks. Ich glaube das viele das Ebook das sie gekauft.
    Haben auch besitzen wollen und nicht nur das Recht des lesens immer wieder bezahlen wollen

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