Keet ist ein dezentraler P2P-Messenger, der sicher vor Überwachung und Zensur sein soll. Er ist verfügbar für alle großen Betriebssysteme.
Wir stellen in diesem Beitrag den eher unbekannten Messenger Keet vor. Wir erklären, warum ihn in der Szene trotz der Finanzierung durch das Krypto-Unternehmen Tether so manche Nutzer regelrecht feiern. Für Ermittler ist die Software ein waschechter Albtraum. Doch bisher nutzen ihn nur wenige, weil er noch recht unbekannt ist.
Sichere Messenger brauchen keine zentralen Server
Die großen Messenger behaupten seit langer Zeit, dass sie sich in digitale Hochsicherheitszonen verwandelt hätten. Ende-zu-Ende-Verschlüsselung hier, Datenschutz dort. Dazu gesellen sich die üblichen Marketing-Slogans von milliardenschweren Konzernen aus Silicon Valley. Doch ein Problem bleibt fast immer bestehen: Irgendwo steht trotzdem ein Server. Irgendwo laufen Metadaten zusammen. Irgendwo kontrolliert jemand die ganze Infrastruktur, die dahinter steht.
Genau an dem Punkt setzt Keet an. Der Messenger der Entwickler von Holepunch, eine Tochterfirma von Tether, will nicht einfach nur ein weiterer Chat-Dienst sein. Das Ziel ist deutlich ambitionierter. Sie bieten Kommunikation komplett ohne ein Datencenter und ohne zentrale Server.
Open-Source Quellcodes von Pears bilden die Basis
Der Messenger ist verfügbar für Desktop-PCs mit Linux, macOS und Windows, als auch für Android und iOS. Damit deckt man alle wichtigen Betriebssysteme ab. Trotzdem kennt den Messenger kaum jemand. Die Kommunikation läuft auf Basis des P2P-Codes von pears. Damit hat man auch einen quelloffenen Passwort-Manager (PearPass), eine lokale KI, einen Open-Source Datenspeicher für medizinische Daten (Qvac), eine Wallet namens rewindbitcoin und andere Tools gebaut. Da der Open Source Quellcode von Dritten benutzt werden darf und dieser einen guten Ruf hat, setzen die P2P-Technologie auch andere Tools wie der Filetransfer-Manager Mirall etc. ein.
Finanzielle Zusagen bis zu 100 Millionen USD
Hinter Keet steckt das Unternehmen Holepunch, das unter anderem von Bitfinex und Tether finanziert wird. Eine zentrale Figur hinter dem Projekt ist Paolo Ardoino, der lange CTO von Tether und Bitfinex war und später CEO von Tether wurde. Bei Holepunch übernahm Ardoino die Rolle des Chief Strategy Officer. Bitfinex und Tether haben anfangs bereits rund 10 Millionen US-Dollar investiert. Sie stellten für die Entwicklung und den Betrieb zusätzliche Investitionen von bis zu 100 Millionen Dollar in Aussicht.
Kommunikation ohne Zentrale
Wie gesagt, statt der üblichen Server setzt die Plattform auf ein Peer-to-Peer-Netzwerk. Die Nachrichten laufen also direkt Ende-zu-Ende-verschlüsselt zwischen den Geräten der Nutzer. Eine weitere Stelle bekommt die Nachrichten folglich nicht unverschlüsselt zu Gesicht. Das Prinzip erinnert technisch eher an BitTorrent als an WhatsApp, Signal oder Telegram.
Die Entwickler verfolgen damit eine klare Mission. Sie wollen verhindern, das wenige große Firmen weiterhin die Kommunikation und die vielen Informationen von Millionen Menschen kontrollieren können. Kein zentraler Betreiber soll die Meta-Daten oder Nachrichten speichern, Accounts sperren oder irgendwelche Daten auswerten können.
Die Grundidee dahinter
Das Konzept dahinter ist im Prinzip ganz einfach. Wo es keinen Server gibt, gibt es auch keinen zentralen Angriffspunkt. Eine Behörde müsste schon den PC oder das Smartphone einer der beiden Kommunikationspartner per Staatstrojaner übernehmen, um die Nachrichten mitlesen zu können. Für Datenschützer klingt das wie Musik in den Ohren. Für Behörden natürlich nicht.
Warum die Szene Keet interessant findet
In Untergrundforen, auf Privacy-Boards und in einschlägigen Telegram-Gruppen taucht Keet immer häufiger auf. Das liegt nicht nur am Open-Source-Ansatz. Die Plattform adressiert gleich mehrere Probleme, die viele Nutzer klassischer Messenger inzwischen kritisch sehen:
- zentrale Datenspeicherung
- der übliche Telefonnummern-Zwang
- Zugriff der Firmen auf unsere Adressbücher
- Cloud-Abhängigkeit
- mögliche Zensur
- Auswertung von Metadaten
- Account-Sperren durch Plattformbetreiber.
Während Telegram seit Durovs Festnahme wegen Datenweitergabe und Moderationsmaßnahmen kritisiert wird, gilt der US-Anbieter Discord ohnehin längst als Zensur-Messenger und Datensammelmaschine. Keet positioniert sich bewusst als Gegenmodell. Vor allem die Kombination aus Peer-to-Peer-Technik und fehlender zentraler Infrastruktur sorgt dafür, dass mittlerweile immer mehr Nutzer aus der Szene genauer hinschauen. Kontakte importiert man mit einem QR-Code. Und da beginnt für mich als Nutzer schon das Problem, weil ich niemanden kenne, der außer mir diesen Messenger benutzt.
Erste Schritte mit Keet
Wir haben uns die Windows-Version des Programms angesehen, die es bis jetzt nur als Beta-Version gibt. Die Installation geht schnell von der Hand. Wir haben uns dann für die schnelle Einrichtung entschieden. Der Betreiber benötigt für die Nutzung gar keine Daten. Danach kann man beispielsweise den eigenen QR-Code verteilen, einen Gruppen-Chat eröffnen oder an einem bestehenden teilnehmen. Bisher treffen sich für einen Austausch dort vor allem Krypto-Communities.
Keine Telefonnummer notwendig
Ein weiterer Punkt, der vielen Nutzern gefällt: Für Keet ist keine Telefonnummer erforderlich. Das allein hebt den Messenger bereits von WhatsApp, Signal oder Telegram ab. Die Identität basiert stattdessen auf kryptografischen Schlüsseln. Nutzer erzeugen ihre IDs lokal auf dem eigenen Gerät. Dadurch entsteht deutlich weniger personenbezogene Angriffsfläche. Gerade im Umfeld von Whistleblowern, Aktivisten, Journalisten oder Szene-Nutzern gilt das als großer Vorteil.
Keet bietet Video-Calls ohne Server
Interessant ist auch die technische Umsetzung von Sprach- und Videoanrufen. Denn auch diese sollen direkt Peer-to-Peer laufen. Normalerweise benötigen Messenger für stabile Videoverbindungen leistungsfähige Relay- oder Signalisierungsserver. Keet versucht, diesen zentralen Bestandteil weitgehend zu eliminieren. Audio- und Videoanrufe, Gruppenchats, Dateiübertragungen und Bildschirmfreigaben – alles läuft laut den Entwicklern direkt zwischen den Teilnehmern. Gerade bei Dateiübertragungen zeigt sich die Nähe zur Torrent-Technologie besonders deutlich.
Holepunch mit großen Plänen
Die Entwickler betrachten Keet nicht als isolierte App. Vielmehr soll die Plattform Teil eines größeren Ökosystems werden. Geplant sind Sprachübersetzung und eine Audio-Transkription mittels KI. Die Software soll auch die Zusammenfassung von Gesprächen und Chatbot-Funktionen bieten. Schon wegen dem Betreiber sind auch Krypto-Transfers geplant. Der Betreiber Holepunch arbeitet an einer Infrastruktur, mit der sich verschiedenste dezentrale Anwendungen entwickeln lassen. Fraglich ist allerdings, ob man bei einem Messenger wirklich derartige Krypto-Features braucht. Aber da werden die Bedürfnisse auseinander gehen.
Diskussionen aufgrund der Finanzierung
Die Finanzierung über Tether sorgt durchaus für Diskussionen. Schließlich gilt der Stablecoin-Betreiber nicht unbedingt als klassischer Datenschutz-Aktivist. Einige Beobachter sehen darin einen Widerspruch. Wie kann man für maximale Dezentralisierung eintreten und gleichzeitig Geld von einer Krypto-Firma annehmen. Doch ohne entsprechende Finanzierung ist ein solches Projekt überhaupt umsetzbar.
Noch lange kein Mainstream-Messenger
Trotz der spannenden Ansätze bleibt Keet bis dato ein Nischenprojekt. Womöglich kommt der Durchbruch noch irgendwann. Doch die kleine Nutzerbasis, die fehlende Bekanntheit, die etablierte Konkurrenz und vieles mehr machen es Keet schwer. Es ist echt anstrengend, seine Familienmitglieder zu einer Abkehr von WhatsApp zu bewegen. Warum sollten sie dann etwas anderes nutzen, als Threema, Signal oder Telegram, was sie womöglich schon kennen? Tja. Das ist erneut das klassische Henne-Ei-Problem vieler alternativer Messenger.
Keet: unser Fazit
Das ist nicht einfach nur der nächste Messenger mit ein paar neuen Datenschutz-Versprechen. Das Online-Projekt greift das Grundprinzip zentralisierter Kommunikation frontal an. Es gibt dort keine Server und keine Telefonnummer, die man irgendwo angeben müsste. Und natürlich auch keine zentrale Kontrolle. Technisch gesehen gehört Keet zu den spannendsten Messenger-Projekten der letzten Jahre. Manche Nutzer beobachten deswegen sehr genau, wohin die Reise hingehen wird.






















