WikiLeaks-Informantin Chelsea Manning spricht über ihr Leben

WikiLeaks-Whistleblowerin Chelsea Manning gibt der Zeitschrift „Cosmopolitan“ neue Einblicke in ihr Leben und in ihr Schicksal als transsexuelle Frau im Militärgefängnis.

Free Chelsea Manning

Free Chelsea Manning

Manning sitzt derzeit eine 35-jährige Haftstrafe im Militärgefängnis ab, da sie aufgrund ihrer Veröffentlichungen bei WikiLeaks der Spionage, mehrerer IT-Delikte und des Verstoßes gegen Armeevorschriften für schuldig befunden wurde. Für viele konservative Amerikaner ist sie eine Verräterin, für Aktivisten dagegen eine Heldin. Über ihre Veröffentlichungen oder die dahinter stehenden Motive sagt Manning im jüngsten Interview nicht viel neues. Dafür spricht sie ausführlich über persönlichere Themen.

Von klein auf an Mädchensachen interessiert

Wie viele transsexuelle Menschen fühlte sich Manning nach eigener Aussage bereits als Kind zu Dingen hingezogen, die nicht im Einklang mit ihrem biologischen Geschlecht standen. Bereits im Alter von fünf oder sechs Jahren habe sie heimlich Mädchensachen angezogen. „Ich liebte es, im Zimmer meiner Schwester zu sein. Ich habe sie wirklich bewundert und habe ihre Kleidung getragen, um damit zu spielen, habe mit ihrem Make-Up gespielt. Sie hatte einen Spiegel mit Einstellungen, durch die man sehen konnte, wie man bei verschiedenen Lichtverhältnissen aussehen würde. Ich fand das großartig,“ erzählt die Whistleblowerin, die im ländlichen Crescent im US-Bundesstaat Oklahoma aufwuchs. Auch heute noch haben die beiden Schwestern ein gutes Verhältnis; Chelseas ältere Schwester Casey besucht die Whistleblowerin regelmäßig im Gefängnis und organisierte Unterstützung.

Wenig Akzeptanz

„Ich hatte immer gewusst, dass ich ‚anders‘ war,“ erzählt Manning, „Ich verstand das alles nicht wirklich, bis ich älter wurde. Aber da war immer dieses bedrohliche Gefühl, dass etwas ’nicht stimmte‘. Ich wusste nie, wie ich darüber reden sollte. Ich erinnere mich nur daran, dass ich wirklich große Angst davor hatte, was passieren würde, wenn es jemand herausfand. Ich fühlte mich sehr einsam.“ Sie berichtet, sie habe „viel Zeit damit verbracht, mir selbst gegenüber die Tatsache zu verleugnen, dass ich schwul oder transsexuell sein könnte.“ Im Alter von 14 bis 16 sei sie „größtenteils davon überzeugt“ gewesen, dass es sich nur um Phasen handle. Vor dieser schwierigen Situation sei sie ins Internet mit seinen anonymen Kommunikationsmöglichkeiten geflüchtet. „Ich weiß nicht, wie [dieser Kampf] mein Leben und die Person, die ich bin, geformt hat, aber er ist auf jeden Fall ein Faktor bei den Entscheidungen, die ich getroffen habe, bevor und auch als ich der Armee beigetreten bin,“ ist Manning überzeugt.

In der Schule wurde Manning aufgrund ihrer geringen Körpergröße und ihres „unmännlichen“ Auftretens gehänselt. Ihr Vater, ein Ex-Militärangehöriger, riet ihr, sich wie ein Mann zu verhalten und jeden, der ihr Probleme verursachte, „ins Gesicht zu schlagen“. Das habe zu einer Vielzahl von Prügeleien in der Schule geführt.

Auch die familiäre Situation war alles andere als harmonisch. Manning beschreibt, ihre Eltern seien häufig distanziert gewesen und hätten ihr wenig Anerkennung zukommen lassen. Ihre Mutter habe zudem einmal versucht, sich umzubringen. „Das war sicherlich eine beängstigende Situation. Aber es erschien mir damals ganz normal,“ berichtet Manning.

Später zog Manning, nachdem die Ehe ihrer Eltern gescheitert war, mit ihrer Mutter nach Wales. Dort habe sie nach Freunden gesucht, denen sie vertrauen konnte, erzählt sie. „Es gab viele Momente, wo ich anfing, offen über meine Sexualität zu sein, starkem Widerstand und Spott von Leuten ausgesetzt war, von denen ich dachte, dass sie meine Freunde seien, und es mir dann anders überlegte,“ sagt Manning, „Ich hatte Angst. Ich glaube nicht, dass ich jemals gesagt habe ‚ich bin schwul‘ oder ‚ich bin trans‘. Es war eher so etwas wie ‚ist es normal für Jungs, oft Frauensachen anzuziehen?‘.“

Nach dem Schulabschluss kehrte Manning 2005 nach Oklahoma zurück. Sie lebte bei ihrem Vater und machte ein Praktikum als Programmiererin und Software-Designerin, zerstritt sich aber mit ihrem Vater und verlor den Job. Anschließend war sie eine Weile obdachlos und lebte in ihrem Auto, bevor sie zu einer Tante in die Nähe von Washington zog und sich im Montgomery College einschrieb. Sie arbeitete 60 bis 70 Stunden die Woche als Verkäuferin, um das Studium zu finanzieren, konnte dieser Belastung aber langfristig nicht standhalten.

Manning spielte mit dem Gedanken, als Frau zu leben. Sie habe aber wenig Zeit und Geld gehabt. Und als sie tatsächlich zu einer Psychologin ging mit dem Ziel, ihre Trans-Identität zu erforschen, habe sie „Panik bekommen und das Thema ihr gegenüber nie angesprochen.“ „Es erschöpfte mich alles so sehr, dass ich mich in Softdrinks, Zigaretten und das Internet flüchtete,“ so Manning.

Mannings Armee-Karriere

Ermutigt von ihrem Vater, begann Manning, eine Karriere beim Militär zu erwägen. Sie verfolgte Berichte über den Irak-Krieg und wollte helfen. Zudem hoffte sie, dass das betont männliche Umfeld beim Militär die Gedanken an ein Leben als Frau vertreiben würde.

2007 durchlief Manning in Missouri die Grundausbildung. Sie beschreibt diese als äußerst anstrengend. Zudem sei sie mehrfach gedemütigt worden. Beispielsweise habe ihr Vorgesetzter sie wegen ihres rosafarbenen Mobiltelefons gehänselt. Nachdem sie einen Fehler bei einer Übung machte, hätten Kameraden versucht, sie im Schrank einzusperren. Ihr Vorgesetzter sei hereingekommen, als sie versuchte, sich zu wehren, was ihr eine Therapie wegen angeblichen Wutanfällen eingebracht habe. Ihre Kameraden hätten aber begonnen, sie zu respektieren, weil sie Stillschweigen über den wahren Hergang bewahrte.

Manning schloss das Training trotz dieser Schwierigkeiten erfolgreich ab und wurde Geheimdienst-Analystin in New York. Sie verliebte sich in einen dort lebenden Studenten. „Ich verliebte mich in ihn. Er war nicht meine erste Beziehung, aber ganz sicher die ernsthafteste,“ sagt sie und erinnert sich, dass er die erste Person war, der sie von ihrem Wunsch, als Frau zu leben, erzählte.

In der US-Armee war es damals verboten, offen über seine homo- oder transsexuelle Identität zu sprechen, weswegen Manning ihre Beziehung vor ihren Vorgesetzten geheim hielt. Ihre Vorgesetzten übten jedoch Druck aus und schnüffelten in ihrem Privatleben herum. Mannings offensichtliches Unbehagen wurde als Warnzeichen angesehen und sie wiederum zum Psychologen geschickt.

Trotz alledem wurde Manning kurze Zeit später in den Irak versetzt. Ihre Beziehung überstand die Distanz nicht. Aber ihr Aufenthalt im Kriegsgebiet sorgte dafür, dass sie sich auf einmal ihrer Sache sicher fühlte. Sie sagt, mit Berichten über die vielen Todesopfer konfrontiert zu werden habe ihr klargemacht, „wie kurz und kostbar unsere Leben wirklich sind. Ich hätte auch in jedem Moment getötet werden können. Das könnten wir im Grunde alle. Also welcher Tag ist besser, um damit anzufangen, wir selbst zu sein, als der heutige? Ja, es klingt kitschig, aber es ist absolut wahr.“ Während eines Fronturlaubs im Januar 2010 habe sie sich erstmals getraut, sich ganz offen als Frau zu kleiden.

Schwierige Situation im Militärgefängnis

Nach Aussage der Bürgerrechtsorganisation „American Civil Liberties Union“ (ACLU) haben Psychologen mittlerweile ganz offiziell festgestellt, dass Manning eine transsexuelle Frau ist. Die in diesem Fall angebrachten Behandlungen, insbesondere Hormontherapie, zu bekommen, gestaltet sich für die Gefangene jedoch ebenso schwierig wie ihrem Wunsch nach einem weiblicheren Erscheinungsbild und entsprechender Körperpflege nachzukommen. Ein Jahr lang erhielt sie keinerlei derartige Zugeständnisse, woraufhin sie mit Hilfe der ACLU die US-Armee verklagte. Mittlerweile erlaubt die Armee Manning Hormonpräparate, Schminke und weibliche Unterwäsche, verweigert ihr aber nach wie vor, sich das Haar lang wachsen zu lassen, was sie sich nach eigener Aussage sehnlichst wünschen würde. Das Verbot, ihre Haare wachsen zu lassen, sei „schmerzhaft und peinlich“. Die ACLU bemüht sich, auch in diesem Fall eine Verbesserung von Mannings Situation zu erwirken. Die Armee verwies Nachfragen der Presse zu diesem Fall ans Justizministerium, das mit Verweis auf den laufenden Prozess einen Kommentar verweigerte.

Manning beschreibt ihren Kampf um adäquate Behandlung als äußerst belastend, da sie sich gegenüber den Militär-Offiziellen „wie ein Witz“ fühle. „Ich bin zerrissen,“ sagt sie, „Ich komme ganz gut durch jeden Tag, aber nachts, wenn ich alleine in meinem Zimmer bin, brenne ich schließlich aus und stürze ab.“

Von ihren Problemen wegen ihrer Geschlechtsidentität abgesehen beschreibt Manning die Gefangenschaft als erträglich. Sie verbringt viel Zeit in der Bibliothek, da sie an einem Diplom in Politikwissenschaften arbeitet, und im Gefängnis-eigenen Fitnessstudio. Sie arbeitet in einer Holzwerkstatt und sagt, die Arbeit mache ihr sogar großen Spaß. Ihre Mitgefangenen verhalten sich ihr gegenüber nicht feindselig und sie hat sogar Vertraute gefunden. Sie erhält regelmäßig Besuch von Freunden und Verwandten und ist sich der Solidarität ihrer vielen Unterstützer bewusst. Neben Transparenz- und Bürgerrechts-Aktivisten sehen auch viele Transsexuelle Manning als Inspiration.

Im besten Fall könnte Manning in ungefähr sieben Jahren auf Bewährung frei kommen – wenn sie nicht zuvor vom Präsidenten begnadigt wird. Das allerdings erscheint derzeit äußerst unwahrscheinlich.

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