TRSI – 30-jähriges Jubiläum einer echten Szene-Größe

Vor 30 Jahren wurde aus Tristar und Red Sector TRSI. Diese Gruppe hat lange Zeit auf dem Amiga und C64 den Markt für Schwarzkopien dominiert.

Party hard von Elko / TRSI

Am 29. Juni 1990 schlossen sich die beiden Gruppen Tristar und Red Sector zu TRSI zusammen. Über viele Jahre hinweg dominierte man auf dem C64, Amiga und dem PC die Releaser-Szene. Später erfand sich die Gruppe neu, was ihr ein dauerhaftes Überleben zu sichern scheint.


Kommenden Montag ist es so weit. Die plattformübergreifende Szene-Gruppe Tristar Red Sector (TRSI) feiert dann ganz offiziell ihr 30-jähriges Bestehen. Sieben Jahre vorher, also im Jahr 1983, fing der Düsseldorfer Szener Dirk aka Irata auf dem C64 an. Wir haben kürzlich ausführlich mit diesem Szene-Urgestein telefoniert, um ein paar Hintergründe in Erfahrung zu bringen.

Vom Großhändler auf den Schulhof

hello our fame is 30 years oldVor 30 Jahren gab’s in Deutschland für Privatpersonen noch kein Internet. Die normalen User tauschten die Disketten auf dem Schulhof aus oder lernten sich im PC-Geschäft ihrer Wahl kennen, wo die Jugendlichen bei den damals modernen Computern herumlungerten.

Der damalige Weg eines Cracks

Die Elite hat die Disketten von Mailswappern per Post verschicken lassen. Wer das tat, besaß eine PLK, eine Postlagerkarte. Die Einrichtung verlief anonym und hatte den Vorteil, dass man innerhalb der Szene seine tatsächliche Anschrift nicht preisgeben musste. Riskant war dann irgendwann das eigentliche Abholen der ganzen Briefe beim Postamt, weil man dafür seine Postlagerkarte vorlegen musste und somit zugab, Besitzer dieser PLK zu sein. Doch riskant war das sowieso nur für ganz wenige hyperaktive Mailswapper.

Die Polizei hatte das Thema Urheberrechtsverletzungen bis 1992 eher selten auf dem Schirm. Es gab auch Geschichten von Polizeibeamten, die die 5,25″-Disketten in die Ermittlungsakten getackert haben ohne zu wissen, dass sie damit kaputt waren. Andere Mitarbeiter haben angeblich ganze Stapel von Disketten gelöscht, weil man die Disketten in der Asservatenkammer direkt neben einem starken Magneten deponiert hat.

In den Niederlanden wurden aber schon mal komplette Copy-Partys von der Polizei hochgenommen. Praktisch jeder aus der alten Garde hatte irgendwann mal Berührungspunkte mit dem Gesetz.

TRSI by Tees

Teilweise ging das ganze Gehalt für Originalspiele drauf

Logo von PeachyNatürlich hat sich in den letzten 30 Jahren viel verändert. Doch Irata brennt noch immer für die Szene. Er hat damals Originale von einem Software-Distributor abgeholt, bis zu acht Stück täglich. Glaubhaft erzählt er: „In einigen Monaten habe ich für Originale meinen kompletten Lohn ausgegeben.“

Wer Originalspiele für den C64, Amiga oder MS-DOS abholen wollte, brauchte dafür einen Gewerbeschein. Bei den Großhändlern dürfen nur Einzelhändler einkaufen, dafür kommt man zeitnah an die ganz neuen Spiele heran. Beim täglichen Anruf bei Leisuresoft, Rushware & Co. prüfte man, ob an diesem Tag Neuerscheingen ankommen würden, die noch niemand gecrackt hatte. Nach dem Abholen begann das eigentliche Rennen. Der Inhalt der Disketten musste irgendwie so schnell wie möglich zum Cracker transferiert werden.

Happy birthday TRSI !

Zu Modem-Zeiten kamen auf dem Amiga mitunter Tools wie der Rob Northen-Reader zum Einsatz, der den Inhalt der kopiergeschützten Disketten ausgelesen hat. Hatte der Cracker endlich alle Daten daheim, (Das Archiv vom Reader war wegen der Analyse ein Vielfaches größer als der tatsächliche Inhalt der Diskette), fing er an, den eingesetzten Kopierschutz zu erkennen und zu entfernen. Last, but not least baute er ein Cracktro ein und lud den Crack dann bei einem Bulletin Board System (BBS) der eigenen Gruppe hoch. Eine BBS oder Board genannt, war nicht etwa ein Forum, sondern eine Mailbox mit einer Software, die nur Szener bedienen konnten.

Modems & das Internet machten alles hektischer und kälter

Irata & Spotter - TRSI Records

TRSI Recordz – Irata (links), Spotter (rechts).

Der Organisator der Gruppe musste in regelmäßigen Abständen auf den schnellsten Boards (zumeist in den USA) nachschauen, ob eine andere Gruppe vielleicht schon schneller war. Wenn nicht, konnte die eigentliche Distribution der Schwarzkopie vonstattengehen. Mithilfe von Bluebox-Frequenzen oder Calling Cards haben die Modemtrader die Releases innerhalb von etwa einer Stunde verteilt.

In den ersten Jahren ging es da viel gemütlicher zu. Bis Cracks die PLK der Kontakte in ganz Europa erreicht hatten, vergingen gleich mehrere Tage. Heutzutage geht das mithilfe der FTP-Sites von der Eintragung in der Datenbank bis zur vollständigen Verteilung auf dem ganzen Globus innerhalb weniger Minuten. Da zählt quasi jede Sekunde. Außer natürlich bei Windows-Spielen, die mit Denuvo extrem gut geschützt werden.

In den 90er Jahren war TRSI unter anderem in Deutschland sehr aktiv. Die Amiga Section wurde damals sehr erfolgreich von einem Wuppertaler Mitarbeiter der Telekom (damals Deutsche Bundespost) organisiert. Dieser fuhr bei Bedarf mit seinem Mercedes von Elberfeld nach Bönen, um Originale bei Leisuresoft abzuholen. Doch die Gruppe hatte damals mehrere Original-Supplier als auch Cracker an der Hand.

Parallel existierte die Demosection von TRSI, die ebenfalls sehr erfolgreich war. Unvergessen bleibt beispielsweise Wicked Sensation, womit man im November 1992 einen Demo-Wettbewerb gewann, den der Hersteller des Amiga, Commodore, selbst für eine Messe organisiert hatte. Damit war es den Machern sogar gelungen, den Branchenprimus Sanity zu schlagen.

TRSI heute eine reine Demogruppe

2003 besuchte Irata gemeinsam mit dem Grafiker H20 die Demoparty Breakpoint. TRSI suchte nach einem neuen Tätigkeitsfeld, weil man den Anschluss an die illegale Szene irgendwann verloren hatte. Dazu kommt die Grundeinstellung, die in der Releaser-Szene vorherrscht.

„In der heutigen Szene geht es nur noch um Business. Wenn Du einen Account auf einem ftp-Server brauchst, musst Du gleich entsprechende Gegenleistungen vorweisen. Man wird direkt gefragt: Kannst Du Originale besorgen? Kannst Du jeden Monat genügend hochladen?“ Dieser Egoismus, das habe nichts mehr mit dem Verhalten von damals gemeinsam. Heute geht’s nur noch ums liebe Geld. „Können die heutzutage überhaupt noch cracken? Die meisten Leute benutzen dafür doch nur noch Tools“, glaubt Dirk zu wissen. In der illegalen Szene kämpft jeder nur für sich. Das alte Feeling ist im illegalen Bereich irgendwann komplett verloren gegangen. Früher dominierte das Gemeinschaftsgefühl der wenigen Aktiven, die etwas konnten.

Große Geburtstagsfeier ausgefallen

tees TRSIAuf jeden Fall wechselte man das Tätigkeitsfeld und suchte sich neue Ziele. TRSI macht heutzutage auf allen möglichen Geräten Demos. Der Unterschied: Innerhalb einer Demogruppe muss man kooperieren und produziert etwas Kreatives. An Tristar oder Red Sector kann sich von den heutigen Mitgliedern der Releaser-Szene sowieso niemand mehr erinnern.

Red Sector Incorporated (RSI) hat man 1985 gegründet. Da waren die meisten Leute noch gar nicht geboren, die heutzutage Cracks erstellen oder auf den ftp-Servern unterwegs sind. Wer von denen erinnert sich schon an das Red Sector Megademo (Video) !?? Dieses Amiga Demo war 1989 der Schritt weg vom reinen Crackintro mit nur einem Effekt zu einer Produktion, wo mithilfe vieler verschiedener Effekte so etwas wie eine Geschichte erzählt wurde.

Irata hat noch bis zum Jahr 2010 die Gruppe geleitet, um dann die Organisation an Spotter abzugeben. Spotter, der in Berlin in einem Tonstudio arbeitet, erzählt uns, er hatte für Ostern ein großes Event für alle jetzigen und ehemaligen Member organisiert. Es sollte ein Treffen auf der Revision in Saarbrücken geben, doch wegen der Virus-Pandemie fand die Party nur auf dem Sofa statt. Das verpasste Wiedersehen stimmte ihn sehr traurig.

TRSI: Wir sind wie eine große Familie!

„Das ist wie eine große Familie. Man besorgt sich u.a. Jobs und hilft sich gegenseitig, wo man kann“, erzählt Irata. Im Zuge der Corona-Krise habe ein Mitglied seine Anstellung verloren. Ein anderes Mitglied hat das gehört und sich dafür stark gemacht, dass er in seinem Unternehmen angestellt wird. Beide arbeiten nun für eine Bank im Bereich IT-Security. Der neue Kollege müsse jetzt nur noch umziehen. So muss das laufen, man hält halt zusammen.

In TRSI sei man außerdem offen für alles und jeden. „Das haben uns die Kanadier von Red Sector vorgelebt“, erinnert sich Dirk. Rassismus oder Rechtsradikalität war nie ein Thema bei uns. Ein Cracker aus alten Tagen lässt sich gerade operieren. Er möchte auch körperlich zu einer Frau werden. „Das hat hier niemand negativ aufgenommen. Es ist doch die Hauptsache, dass sie sich damit gut fühlt“, resümiert Irata.

Telnet-Boards kommen wieder

Derzeit kommen mehrere Telnet-Boards wieder hoch, die deren Betreiber schon vor Jahren geschlossen hatten. Per Telnet kann man sich dort einloggen und über das Internet simulieren, wie der Login damals mit einem regulären Modem ablief. Wer die Kommandos von Amiexpress (bzw. PC-Board, PC-Express) nicht kennt, hatte damals und hat auch heute keine Chance. Doch es geht dabei nur noch um den Spaß an der Sache. Mit der Geschwindigkeit und Aktualität von ftp-Sites werden die Telnet-Boards nie mithalten können. Das ist ja auch nicht das Ziel. Aber man trifft dort halt virtuell den einen oder anderen Vertreter aus der Vergangenheit, mit dem man schon lange keinen Kontakt hatte. Es geht mehr darum, dass alte Gefühle und Erinnerungen reaktiviert werden.


Statements mehrerer TRSI Mitglieder

Man könnte noch so viel mehr über TRSI erzählen, das würde den Rahmen aber bei weitem sprengen. Wir haben als Resümee ein paar frühere bzw. heute Aktive um einen O-Ton gebeten.

Der ehemalige Sysop Hamster skizziert für uns die Historie der Gruppe in wenigen Schritten:

1988. Red Sector. Alles über Modem.
1990. Tristar und Red Sector. Geile Truppe.
1992. World of Commodore (Video). Auf einmal wollen sie alle in TRSI sein.
1995. Endlich macht TRSI mal eine Produktion, die Hand und Fuß hat. Rebecca. 🙂

Ein anderer Ex-Sysop, also Betreiber einer illegalen BBS aus NRW, möchte lieber anonym bleiben. Vielleicht liegt es daran, weil er seinerzeit gleich mehrfach Besuch von der Polizei bekam. Doch das ist alles schon sehr lange her und strafrechtlich gesehen längst verjährt.

TRSI war die Gruppe, mit der man als erstes auf dem C64 und auf dem Amiga durch Intros, Demos und auch Cracks in Kontakt kam. Ich habe dann eine zeitlang ein Amiexpress BBS als GHQ für TRSI betrieben. Damals war ich stolz, diese große Gruppe auf der BBS zu haben. Ich bin dann aber irgendwann aus der Scene ausgestiegen, verfolge aber ab und an, dass es TRSI noch gibt. Habe aber jetzt andere Prioritäten.

Warhead von der legalen Section aus Österreich ergänzt:

TRSi und deren Vorläufer waren bereits eine Institution als ich (noch minderjährig) ein Jahr nach Gründung dazukam, beitragen und später von der alten Garde übernehmend mitgestalten durfte. 30 Jahre waren nur möglich durch Willen Leidenschaft, Style, Treue, Experimentierfreude und vor allem Freundschaften, die mich bis heute dankbar machen für Erfolge, Niederlagen und die Menschen hinter dem Namen.

TRSI: „Große Jungs mit Spaß am Chaos, aber eben am Kreativen!“

Lincoln, der als Original Supplier in NRW eine Legende war, schrieb uns:

Ohne TRSI wäre ich eventuell nie in der Szene gelandet und bestimmt auch nicht so lange so gerne dabei geblieben. TRSI hatte damals für mich die Anziehungskraft der Szene stark geprägt durch viele coole Cracks mit catching Crackintros und dazu die super Demos. Dass viele bedeutende TRSI Member zufällig aus meiner Region kamen und die menschlich auch super korrekt sind, hat meinen Einstieg sehr erleichtert. Auch wenn ich nur recht kurz als aktives Mitglied damals dabei war, ist TRSI immer meine Familie geblieben mit real life friends seit nun auch fast 30 Jahren.

Der aktuelle Organisator Spotter schließt die Statements ab. Laut seiner Aussage sitzen die Mitglieder von heute und früher überall auf der Welt im Management des Who-is-Who der IT-Branche. Aber im Herzen seien sie natürlich immer noch die „großen Jungs mit Spaß am Chaos, aber eben am Kreativen!“

Für mich als Orga ist es eine sehr große Ehre, Teil von TRSI zu sein, denn wir haben es über mehrere Generationen der Technik-Entwicklung geschafft, im Geiste der Hacker immer wieder neu kreativ zu sein. Wenn wir es dadurch schaffen, junge Technik-Nutzer zu motivieren, gestalterisch kritisch mit Technologie in der Gesellschaft umzugehen, dann war das jede wache Nacht und jedes graue Haar wert! spotter^TRSI“

Wer zum Jubiläum gratulieren oder sich weitergehend informieren möchte, kann dies hier in dieser Facebook-Gruppe tun. Daneben ist TRSI auch bei Twitter und Instagram vertreten. Wem das noch immer nicht reichen sollte: Eine endlos lange Liste an Produktionen ist hier bei Pouet verfügbar.

Tarnkappe.info

Dazu passende Hintergrundartikel:

Dokumentation „The 8 Bit Philosophy – The Joy of Retro Gaming“ in Arbeit

Einblicke in die Welt der ASCII-Szene: Interview mit Skin.

Über den Autor

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.