Telegram ist nicht perfekt, aber wer ist das schon? (Kommentar)

Diverse News-Portale hacken derzeit auf Telegram herum. Vielleicht haben sie das Prinzip eines Cloud-Messengers einfach nicht verstanden?!?

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Bildquelle: Piqsels.com

Momentan hacken diverse Technik-Portale mit ihren aktuellen Beiträgen geradezu auf Telegram herum. Dabei macht es den Anschein, dass sie das Grundprinzip eines Cloud Messengers schlichtweg nicht verstanden haben. Anlass war ursprünglich die Ankündigung von WhatsApp, die Daten künftig mit Facebook und Instagram auszutauschen. Indizien für die Auswertung bzw. den Austausch gab es in der Vergangenheit schon mehrfach. Nicht zu vergessen die Masse an verloren gegangenen Nutzern, die jetzt schon abgewandert sind. Nicht wenige suchen derzeit nach einer Alternative für ihre private Kommunikation. WhatsApp hat die Auswertung der Nutzerdaten zwar auf Mai verschoben, damit sich die Gemüter beruhigen, bzw. wir alle diesen Plan bis dahin vergessen haben. Doch das Vorgehen soll umgesetzt werden, nur halt etwas später. Unser Autor Marcel erklärt in seinem Kommentar, wofür Telegram steht und wofür es noch immer besonders gut ist.

Vorwort zum Thema Telegram

Private (nicht geschäftliche) Kommunikation und die damit anfallenden Verbindungdaten sollten nicht durch Facebook oder Google ausgewertet und für Werbung oder Tracking missbraucht werden. Und auch wenn es jetzt erstmal aufgrund des Protestes verschoben wurde: das kommt! Nur was wäre eine mögliche Alternative? Snapchat, WeeChat, TikTok, Instagram, etc. machen es ja genauso. Sie alle monetarisieren unsere Verbindungsdaten oder gar Kommunikationsinhalte.

Wichtig: Mir geht es nicht vorrangig um eine 100% „nachrichtendienstsichere“ Verschlüsselung. Das hat bei WhatsApp bisher auch keinen Anwender interessiert und interessiert auch weiterhin nur die wenigsten im privaten Umfeld. Hier geht es vielmehr um den Spagat zwischen Komfort, Nutzbarkeit und Privatsphäre. Je mehr Sicherheit eine Kommunikation besitzt, desto schwieriger ist es auch damit umzugehen. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch technisch unbedarfte Mitmenschen damit zurechtkommen müssen. Das war und ist immerhin DER Vorteil und der Grund für den Erfolg von WhatsApp.

Ein erfolgreicher Messenger muss einfach in der Bedienung sein

Diesen Spagat hat Telegram gut hinbekommen. Es grenzt mich nicht auf (m)ein Handy ein und hat mittlerweile mit 500 Mio. Teilnehmern. Dies ist eine akzeptable Nutzerbasis. Fun Fact: als WhatsApp von Facebook übernommen wurde, hatte es 450 Millionen Nutzer. Threema und Signal sind ebenfalls valide Alternativen, haben bei Komfort und Mehrgeräte-Fähigkeit aber noch starke Defizite. Ohne Cloud erfüllen hingegen Signal oder Threema alle strengen kryptografische Anforderungen. Aber bei genauerer Betrachtung muss man sich ja erstmal fragen, was wir damit überhaupt machen wollen. Der Datenschutz ist bei Telegram gar nicht so kritisch, wie es derzeit von vielen Medien suggeriert wird.

Also: Der Grundsatz „Komfort ist Standard, Sicherheit bei Bedarf“ ist ein sinnvoller Kompromiss und für die private Alltagskommunikation, insbesondere mit mehreren Geräten, sehr gut geeignet. Wer weiterlesen möchte, erfährt auch warum.

Deutsche Bahn, HBF Berlin Ost

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Nur damit wir uns nochmal richtig verstehen, die Gedankengrundlage für diese Betrachtung lautet: Wir heißen nicht Edward Snowden oder Elon Musk. Wir sind nicht kriminell und arbeiten auch für keinen Geheimdienst. Diese Anwender sind bei Signal oder Threema tatsächlich deutlich sicherer aufgehoben. Wir wollen hingegen einfach nur in Ruhe (ohne Tracking), einfach, bequem und sicher Nachrichten austauschen!

Telegram ist ein Cloud Messenger mit allen Vor- und Nachteilen des Cloud Daseins. Das war schon immer so, ist gewollt und keine plötzliche Empörung wert. Aber es sollte nochmals in aller Deutlichkeit erwähnt werden. Auch eigentlich meine Lieblingsseite heise.de beschwerte sich darüber: “Alles, was die Nutzer schreiben, wird bei Telegram zentral gespeichert und bei Bedarf ausgeliefert.” Der Autor hat aber anscheinend vergessen, dass wir uns über einen Cloud Messaging Dienst unterhalten. Als sich in Honkong oder Belarus die Demonstranten über Telegram vernetzt hatten, lobte und bejubelte Heise oder andere Medien hingegen die Sicherheit von Telegram. Die Aussagen auf exakt den gleichen Portalen können innerhalb kürzester Zeit abhängig vom Autor komplett widersprüchlich sein. Mal lobt man Telegram, mal straft man es ab.

Aber zu den einzelnen positiven Punkten von Telegram:

500 Mio. Telegram Nutzer weltweit

1. Cloud: Der größte Vorteil, Alleinstellungsmerkmal und damit auch zeitgleich Telegrams größter Kritikpunkt. Man kann von mehreren Geräten auf seine Nachrichten zugreifen, ist nicht nur auf ein Endgerät fixiert und verliert nicht alle Nachrichten, wenn das Mobiltelefon verloren geht. In Zeiten von Home-Office ist ein Cloud Messenger daher sehr praktisch. Telegram auf dem Tablet parallel zu Telegram ohne Tricks: kein Problem!
a. Damit läuft zwar die normale Kommunikation über die Telegram Server und wird auf diesen gespeichert, aber
b. für besonders schützenswerte Inhalte stellt Telegram einen privaten extra gesicherten Chat zur Verfügung, der dann auch NUR auf den Endgeräten der Chatpartner verfügbar ist. (Ende-zu-Ende-verschlüsselt). Auch bei Bedarf mit Selbstzerstörung der Nachricht, wie bei Snapchat. Das heißt aber auch, dass diese Chats NICHT auf den anderen Geräten oder im Webclient auftauchen!
c. Eine paar sehr gute Hintergrundinformationen erklärt Telegram hier.

Der Weg über die Telegram Server ist also kein wirklicher Mangel, wie aktuell oft berichtet wird, sondern mit Absicht und Teil des praktischen Mehrgeräte Konzeptes. Bei Signal und Threema sind die Nachrichten immer auch Ende-zu-Ende-verschlüsselt und nur auf dem einen Smartphone gespeichert. Ein Backup ist also zwingend notwendig. Wer schon mal mit WhatsApp von Android auf iOS umgezogen ist, kennt meinen Schmerz.

Für mich ist die Hauptsache, dass der Anbieter meine Gewohnheiten und Daten niemandem verkauft, weitergibt oder selbst analysiert. Ich kann aber gut verstehen und nachvollziehen, wenn das Prinzip der Cloud-Speicherung für den ein oder anderen Leser nichts ist.

Jeder Messenger vollzieht einen Spagat zwischen Komfort, Nutzbarkeit und Privatsphäre.

2. Telefonie: Sprach- und Videotelefonie ist möglich und immer Ende-zu-Ende-verschlüsselt, das geht auch mit ganzen Gruppen.

3. Verschlüsselung: Die Nachrichten liegen auf verschlüsselten Servern weltweit verstreut und sind nach aktueller Lage für Nachrichtendienste und Behörden unerreichbar. Auch wenn das für uns nicht relevant ist. Einzelne Server und die Daten darauf sind sogar nahezu wertlos, da keiner der Server die gesamte Kommunikation besitzt. Also auch bei einem lokalen Zugriff durch Administratoren. Diese Tatsache hat Telegram im Gegensatz zu WhatsApp schon häufiger reichlich Ärger eingebracht und führte in diversen Ländern zu gezielten Sperrungen. Und das nicht nur in Russland, dem Land des Erfinders von Telegram.

Nur damit es einmal erwähnt wird: Die Kommunikation aller Messenger von der App oder dem Browser zu den eigenen Servern ist sowieso immer per HTTPS verschlüsselt (Transportweg).

4. Registrierung: Für die Registrierung ist eine Mobilfunknummer nötig, aber die Kommunikation untereinander passiert ohne diese. Auch muss man seine Kontakten im Gegensatz zu anderen Messengern in der täglichen Nutzung nicht offenbaren. Leider kann kein Account ohne Angabe der Mobilfunknummer erstellt werden. Bei Signal ist ebenfalls die Mobilfunknummer nötig. Ganz ohne Nummer funktioniert in der Tat nur Threema.

Öffentliche Telegram-Gruppe5. Öffentliche Gruppen bzw. Kanäle: Es gibt private und öffentliche Gruppen (mit bis zu 200.000 Teilnehmern und Benutzerinteraktion). Diese öffentlichen Gruppen können von jedem, wenn gewünscht anonym, betreten und gelesen werden. Ähnlich der Facebook-Gruppen. Eine der größten deutschsprachigen Gruppen ist von Tarnkappe.info.
Dazu gibt es Kanäle (ohne Benutzerinteraktion), die keine Grenzen kennen. Einer der größten News-Feeds (Telegram-Kanäle) stammt vom Firmengründer Pavel Durov oder vom BMG.

Gruppenchats sind nicht verschlüsselt

6. Private Gruppenchats: Diese bleiben natürlich eine geschlossene Gesellschaft, profitieren von der verschlüsselten Übertragung, aber da steht aktuell noch keine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zur Auswahl. Das ist tatsächlich sehr schade.

7. Linkvorschau: In einen Chat gestellte Links bekommen automatisch eine Vorschau. Für die Erstellung der Vorschau muss das Ziel ja besucht werden. Klar. Der entscheidende Punkt ist aber, dass dieser Zugriff von den Telegram-Servern direkt kommt. Das ist kein Makel, sondern verschleiert ganz bewusst das eigene Endgerät. Die eigene IP-Adresse bleibt bei der Vorschau damit verborgen. Man entzieht sich somit zudem dem Werbetracking der Zielwebseite.

8. Dateiaustausch: Dateien jeder Art können über Telegram getauscht werden. Sie dürfen bis zu 2 Gigabyte groß sein und werden sehr schnell übertragen!

9. Bots: Es gibt tausende Telegram-Bots, die verschiedenste Dienste anbieten. Von den einfachen Erinnerungen über Spotify direkt im Messenger, bis hin zu komplizierten Automatisierungen oder Shops ist alles dabei. Wer einen nützlichen fertigen Bot nicht findet, kann sich relativ einfach einen eigenen bauen. Damit bietet der Messenger unendlich viele Möglichkeiten. Zum Beispiel berichtet mir Telegram über einem eigenen Bot meiner Hausautomatisierung (Home Assistent), ob Batterien leer sind, der Wasserbehälter des Entfeuchters voll ist oder ob es an der Türe geklingelt hat.

Telegram – Wo Licht ist, da ist auch Schatten!

Telegram

1. Ja, es gibt große zweifelhafte Gruppen auf Telegram. Die schmecken mir auch nicht. Alle Dienste ohne Zensur und mit einem bestimmten Sicherheitslevel ziehen halt auch dubiose Gestalten an. Auf der anderen Seite gibt es große und sinnvolle Gruppen, Bots oder Nachrichtenkanäle, wie vom Spiegel, WDR, zahllose Blogs oder im einfachsten Fall von der Tagesschau. Sogar das Bundesministerium für Gesundheit betreibt einen Kanal mit über 474.000 Abonennten, die sich dort über Covid-19 informieren möchten.

Aber hier darf man sich nichts vormachen: Das ist auf allen sicheren Plattformen so, nur hier gerade im Presse-Klickraten-Fokus. Telegram bietet schon ein paar sehr praktische Funktionen, die auch sowas (leider) begünstigen. Auch wenn ich die Ansichten der dubiosen Teilnehmer nicht teile, ist dadurch nicht automatisch auch die gesamte Plattform per se schlecht. So einfach möchte ich mir da nicht die Stimmung vermiesen lassen. Aber auch hier ändern sich etwas die Zeiten, insbesondere damit Google oder Apple die App nicht aus den eigenen Stores entfernen, reagiert Telegram durchaus auf z.B. Terrorismus oder Gewaltaufrufe. Der Betreiber hat auch extreme Gruppen oder Kanäle in der Vergangenheit bereits entfernt.

Adressbuch teilen? Telegram überlässt einem die Wahl

2. Die Übertragung des Adressbuches, um seine Kontakte automatisch finden zu können, ist zwar am Anfang immer aktiviert und ist für viele auch eine gewollte Komfortfunktion. Dies kann aber deaktiviert werden. Wird es deaktiviert, werden die übertragenen Nummern von den Telegram Servern entfernt. Eine Nutzung ist auch ohne sinnvoll möglich. Wehrmutstropfen: Die Löschung der Nummern lässt sich leider nicht 100% nachprüfen.

3. Firmensitz, Seriosität: Der Firmensitz von Telegram ist bekanntlich Dubai, aber das ist tatsächlich etwas nebulös, das stimmt. Hier denke ich, ist das ebenfalls Teil des Konzeptes, um Repressalien von Staaten aus dem Wege zu gehen. Da punktet Threema mit dem neutralen Standort der Schweiz, aber Signal als amerikanische LLC unterliegt z.B. der Gerichtsbarkeit der USA und ist damit auch nicht wirklich besser.

4. Wer garantiert uns eigentlich, dass Telegram nicht doch in Zukunft an irgendjemand verkauft oder die Daten doch genutzt werden? Keiner. Das ist in der Tat ein aktuell geringes Risiko. Diese Frage stellt sich bei allen Alternativen und mindestens kostenlosen Diensten, wenn diese eine gewisse Größe erreicht haben. Telegram hat vor kurzem angekündigt in Zukunft gewisse Premiumdienste und Werbung in den großen öffentlichen Gruppen anzubieten, damit der Dienst querfinanziert werden kann.

Fazit

cloud messenger

Telegram ist praktisch. Ist es eine mögliche Zukunft? Vielleicht. Da ihr es gleichzeitig auf all euren Tablets und PCs sowie mit Euren Handy nutzen könnt, ist es flexibler als WhatsApp, Threema oder Signal. Telegram ist dazu kostenlos, hat eine große Verbreitung und macht von der Bedienung her aktuell am meisten Spaß. Rein aus Anwendersicht liegt hier Telegram damit deutlich vorne mit einem akzeptablen Kompromiss zwischen Komfort, Beherrschbarkeit und Privatsphäre.

Die beiden Alternativen Signal und Threema sind beide ebenfalls sehr gute Messenger, wenn wirklich sensible Inhalte bzw. Kommunikationen stattfinden. Sie reichen aber aktuell von den Funktionen und Bedienungskomfort derzeit noch nicht an Telegram oder gar WhatsApp heran. Auch ist die Verbreitung derzeit noch sehr schlecht, auch wenn es aktuell dazu einen kleinen Hype gibt, der allen WhatsApp-Alternativen zugutekommt. Threema kostet sogar (zwar wenig) Geld, was einer massenhaften Verbreitung meiner Meinung nach aber entgegensteht. Threema hat aber in vielen Punkten sehr viel richtig gemacht. Bonuspunkt: Es wird sogar behördlich und in Firmenumfeldern eingesetzt. Mein Rat an Threema: Macht doch mal eine Willkommensaktion für 1 € !!!

Eine Lösung so ganz ohne Makel gibt es nicht!

Aber dennoch: Gibt es den DEN perfekten Messenger, den alle benutzen und der gleichzeitig hochsicher und völlig unabhängig ist? Nein, beileibe nicht.

Bei der Erstellung des Artikels stellte auch ich mir (und die Personen, die mir fleißig Kontra gegeben haben) immer wieder die Frage, ob Telegram sich wirklich lohnt als Alternative weiterhin ernst genommen zu werden. Jeden Makel habe ich mir auf die Waage gelegt und abgewogen, ob das oder jenes nun wirklich ein Aufreger Wert ist. Und dies immer im Hinblick auf meine Prämisse zu Beginn! Schließlich möchte der Messenger nicht jedes Jahr auf’s Neue gewechselt werden.

Telegram

Eine gute Übersicht über ganz detaillierte Funktionen im Vergleich sind hier zu finden:

Vergleich zwischen sicheren Messaging Apps in der englischen Sprache
• Vergleich sicherer Messenger Apps von Mike Kuketz in deutscher Sprache.

Danke für’s Lesen. Ich gebe zu, das war viel :)

Tarnkappe.info