Rezension: Ypsilon Minus von Herbert W. Franke

Heute stellen wir ein Buch aus der Feder des bekannten Schriftstellers Herbert W. Franke vor. In den 60er Jahren erschienen seine Romane als Goldmanns Weltraum-Taschenbücher, ab den 70er Jahren in der Phantastischen Bibliothek als Suhrkamp-Taschenbücher. Seit dem 21. Juli 2015 sind sie nun auch digital zu haben, herausgegeben vom Heyne Verlag.

Herbert W. Franke wurde am 14. Mai 1927 in Wien geboren. Er studierte in seiner Geburtsstadt Physik, Mathematik, Chemie, Psychologie und Philosophie. 1950 erlangte er einen Doktor in theoretischer Physik mit einer Dissertation über ein Thema der Elektronenoptik. Danach war er bis 1956 für die Presseabteilung der Firma Siemens in Erlangen tätig, bevor er sich dem Schreiben und seiner universitären Karriere widmete. Neben Sachbuchpublikationen ist Franke vor allem für seine Science-Fiction-Romane bekannt, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Er gilt als einer der bedeutendsten lebenden deutschsprachigen Science-Fiction-Autoren und schrieb auch unter den Pseudonymen Sergius Both und Peter Parsival. Er ist außerdem aktiv im Bereich der Zukunftsforschung, der Höhlenforschung sowie der Computergrafik und Computerkunst. Der Autor lebt und arbeitet bei München.

 

»Das, was mich selbst an der Science Fiction fasziniert, ist der so genannte Sense of Wonder – das Unerwartete, das Erstaunliche, das Wunderbare, das in diesen Geschichten beschrieben wird. Dazu braucht man nicht in irreale Bereiche auszuweichen: Die Räume des Handelns und Erlebens, die mit moderner Technik auf der Basis der Naturwissenschaft erschlossen werden, sind weitaus phantastischer als alle Hexen, Monster und Zauberer aus der Märchen- und Sagenwelt. Dieses unerschlossene Neuland der Realutopie liegt in der Zukunft, und der Weg dahin mag mit vielen Rückschlägen, Irrtümern und Gefahren verbunden sein. Die sich daraus ergebenden Konflikte liefern mir den Stoff für die dramatischen Handlungen, die ich in Geschichten und Romanen schildere. Dabei geht es um die Zukunft unserer realen Welt und darunter oft auch um Entwicklungen, die heute bereits angelaufen sind und die wir somit noch in unserem Sinn beeinflussen können.«
– Herbert W. Franke
Die Romanwelt von Ypsilon Minus ist düster. Umweltverschmutzung lässt graue Smogschwaden und Abgase bis hinauf in die Wolken reichen. Einige Areale der Stadt sind nur mit stets mitzuführenden Atemmasken begehbar. Erst in sehr hoher Lage wird die Luft deutlich besser und man kann von da auch erkennen, dass sich die Erde langsam erholt von den ihr zugefügten Schäden. Die Handlung spielt in einem Milieu, wie man es sich vorstellen kann nach einer ökologischen Katastrophe, wobei im Roman offen bleibt, woraus diese resultierte.

Alle täglich anfallenden Arbeiten und Prozesse in wirklich jedem Lebensbereich sind durch Computer reguliert und genauestens überwacht. Angefangen mit einer strengen Geburtenkontrolle, die ausgerichtet ist auf einen optimal gezüchteten, genetisch korrekten Menschen über ein Schulsystem, dass seine Schüler entsprechend ihrer individuellen Fähigkeiten fördert bis genau zu ihrem 22. Lebensjahr. Danach wird die Erinnerung an die Ausbildung vollständig gelöscht, eine Weiterbildung unmöglich gemacht. Die Leute werden nach der Schule in einen Arbeitsprozess intergriert, um auch da reglementiert, überwacht und in einen streng kontrollierten Tagesablauf eingebunden zu werden. Eigene, freie, kreative Gedanken sind völlig unerwünscht. Die Individuen werden in Kategorien eingeteilt von A-Z, die darüber Auskunft geben, welchen Platz sie einnehmen in dieser Gesellschaft.

Ben Erman, eigentlich ein Durchschnittstyp der Klasse R, arbeitet als Rechercheur in einer Kontrollfunktion, eingeteilt zur computertechnischen Überwachung seiner Mitmenschen. In festgelegten Intervallen werden bei bestimmten, ausgewählten Personen die gesammelten Datensätze erneut geprüft und entsprechend auch die Kategorie aktuell angepasst. So erhält Erman einst den Auftrag, sich selbst zu überprüfen. Was bei ihm zunächst nur Verwirrung hervorruft, erweist sich schon bald als erschreckend real. Bei seiner Recherche entdeckt er einen Zeitraum in der eigenen Vergangenheit, der aus dem Protokoll gelöscht ist. Weder kann er sich an diese Zeit noch an die 3 aufgeführten Personen erinnern, zu denen er genau da Kontakt hatte. Er geht also dem Rätsel auf den Grund und bringt so in Erfahrung, dass er mit den anderen gemeinsam einen Widerstand gegen das System organisiert hatte. Inzwischen herabgestuft auf die Kategorie Ypsilon Minus, der Indexnummer der Ausgestoßenen, die vom zentralen Meldeamt allen jenen ausgesprochen wird, die von der vorgeschriebenen Linie abweichen, erinnert er sich an brisante Aufzeichnungen, die das gesammelte Expertenwissen von Computerfachleuten zum Inhalt haben. Wird es ihm gelingen dieses Material wieder in seinen Besitz zu bringen und es zu weitgreifenden, radikalen Veränderungen zum Wohle aller einzusetzen?

Fazit:

Franke schreibt das Buch in einer Art Rahmenhandlung. Hauptsächlich folgt man Ben Erman bei seinen spannenden Ermittlungen. Es werden aber auch immer wieder zum besseren Verständnis Erklärungen in Form von Grundsätzen, die das System so festgelegt hat und die die Gesellschaft betreffen, dazwischen vorgestellt. Besonders deutlich wird daraus, dass in dieser Fiktion der Computerallmacht nichts mehr den destabilisierenden Eigenschaften des Zufall überlassen wird. Noch ist das System dabei auf den Menschen angewiesen, befindet sich aber weiterhin in der Entwicklung in Richtung Autonomie. Ben Erman durchläuft dabei ebenso einen Reifungsprozess. Er löst sich von der Bevormundung, nutzt seine Programmiererfahrung, um der Gesellschaft eine neue Perspektive zu geben. So gelingt dem Schriftsteller ein schönes Ende voller Hoffnungen.

Bildquelle: NASA, thx! Das Bild ist gemeinfrei.

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