Rezension: Oxygenien von Klára Fehér

Article by · 9. Juni 2016 ·

 

In einer fernen Zukunft, in schätzungsweise 1.000 Jahren …

… liegt der Schauplatz dieses Romans. Auf einem erdähnlichen, violettleuchtenden Planeten hat sich eine hochindustrielle Kultur entwickelt. Gemeinsam mit dem technischen Fortschritt gingen drastische Umweltzerstörung, wie Luftverschmutzung, Sauerstoffmangel, aber auch Krankheiten Hand in Hand. Es hat sich eine lebensfeindliche Umwelt entwickelt. Das Überleben ist für die Menschen nur noch mit Atemmasken möglich.

Die Autorin Klára Fehér wurde am 21. Mai 1919 in Újpest geboren und ist am 11. September 1996 in Budapest gestorben. Von 1945 bis 1948 studierte sie an der Universität für Verwaltung in Budapest. Während des Studiums war sie Mitarbeiterin der Tageszeitung Szabad Nép (dt.: Das freie Volk). Ab 1957 war Fehér Feuilletonistin bei der Tageszeitung Magyar Nemzet (dt. Die ungarische Nation), ab 1979 arbeitete sie dann als freiberufliche Schriftstellerin. Ihre schriftstellerische Laufbahn begann mit Reportagen, Theaterstücken und Jugendromanen. Fehér war auch in der Unterhaltungsliteratur (Humoreske, Lustspiele, Romane) erfolgreich. Ihr Humor und ihre tiefe Menschenkenntnis waren es, die sie populär machten. Zusammen mit ihrem Mann schrieb sie zudem mehrere Reiseführer. Als inhaltlich wichtigstes Werk kann der dystopische Roman Oxygénia (dt. Oxygenien) aus dem Jahre 1974 gelten, der erstmals 1977 in deutscher Übersetzung nur in der ehemaligen DDR im Corvina Verlag als Hardcover und 1985 in der Romanzeitung erschien.

Auf der Erde ist die Raumfahrt im Jahre 3069 auch für Privatpersonen etwas ganz Alltägliches. So sieht man es in dieser Zeit als einen traditionellen Brauch an, dass Hochzeitspaare mit Lichtgeschwindigkeit erreichenden Raketen in das All fliegen. Es sollte eine Prüfung für sie sein und man konnte so die Verlässlichkeit in Bewährungssituationen testen, genau dann, wenn man aufeinander dringend angewiesen war. Das galt auch für July und Peter: „Vorerst aber schoß das Raumschiff auf seiner wunderbaren himmlischen Bahn mit July und Peter dahin, zwei glücklichen Menschen, die einander liebten.“ Sie nähern sich gerade einem interessant aussehenden Planeten, als ein Warnruf dringend darauf hinweist, dieser Welt fernzubleiben. Bevor sie abdrehen können, kommt es zu einer Panne und Peter findet sich nun in einer der Bedienerstädte wieder. Glücklicherweise trägt er eine Weltraumausrüstung mit Sauerstoffvorrat, zu der auch eine Art Replikator gehört. Das Vorhandensein dieser Ausrüstung sichert zunächst sein unmittelbares Überleben, denn die vorgefundenen Umweltbedingungen erweisen sich als lebensbedrohlich ohne den Gebrauch einer Atemmaske.

Peter lernt nun in Folge drei Gesellschaftsschichten des Planeten kennen. Die unterste Schicht, hier bezeichnet als Bedienerstädte, ist besonders erschreckend dargestellt. Die Luft besteht ausschließlich aus Rauchgasen aller Art ohne Sauerstoff. Durch die enorme Verschmutzung dringt kein natürliches Licht mehr zur Oberfläche, ein Tag-Nacht-Rhythmus wird nur durch unterschiedlich starke Beleuchtung simuliert. Die Bewohner sind sauerstoffatmende Lebewesen und somit zeitlebens auf das Tragen von Atemgeräten angewiesen. Sauerstoff wird in Form sublimierender Tabletten verabreicht, für deren Erhalt ist jedoch Arbeit zu verrichten, stumpfsinnige, monotone Tätigkeiten an Maschinen. Sämtliche Speisen sind mit synthetischen Drogen versetzt, die sowohl den Denkprozess des Gehirns als auch den Geschlechtstrieb unterdrücken. Die allgemeine Nachtruhe findet in unpersönlichen Schlafsälen – untermalt mit einer monotonen Fernseh-Dauerberieselung – statt. Interaktion oder gar soziales Zusammenleben zwischen den „Menschen“ gibt es nicht, allerdings ist auch keine Überwachung erforderlich – wer nicht arbeitet, bekommt keinen Sauerstoff und stirbt, ein Verlassen der Städte ist somit unmöglich. Ferner gibt es keinerlei Verkehrssysteme. Einmal im Jahr findet als einziges Highlight das sogenannte „Große Frühlingsfest“ statt, eine Art Paarungsritual, in dessen Verlauf nun im Überfluss unbeschränkter Sauerstoff sowie berauschende Speisen und Getränke zur Verfügung stehen. Nach den Geburten werden die Bewohner zum frühestmöglichen Zeitpunkt von den Kindern getrennt, ihr Gedächtnis gelöscht und sie kommen in die Bedienerstädte zurück. Die Kinder werden nun durch automatische Tests selektiert. Intelligente, begabte „Menschen“ erhalten eine mehrjährige Ausbildung in vollautomatischen Schulen und Universitäten und gehören damit automatisch der zweiten Gesellschaftsschicht an.

In dieser mittleren Schicht, einer Schicht der „notwendigen“ Intelligenz, herrschen bessere Lebensbedingungen. Verschiedenfarbige Gebäude unterschiedlichen Aussehens verleihen der Umgebung ein besonderes Flair, künstliche grüne Sträucher, Bäume und Rasen sorgen für eine behagliche Umgebung. Das innerstädtisches Verkehrssystem in Form von Laufbändern gehört genauso zum gehobenen Standard wie Schleusen an den Hauseingängen, so dass innerhalb der Gebäude keine Atemmasken mehr zu tragen sind, sowie ein bereits deutlich erkennbarer natürlicher Tag-Nacht-Rhythmus. Bewohnt werden diese Städte von den „Sich-Erinnernden“. Das sind „Menschen“ mit besonderen Talenten, die für Forschung und Entwicklung dringend gebraucht werden. Jedoch sind auch ihre Gehirne manipuliert. Im Lauf der Ausbildung werden sie mehrfach operiert und bestrahlt, so dass die für wertvoll befundenen Bereiche angeregt, andere Bereiche jedoch unterdrückt werden. Gesellschaftliches Denken ist absolut verboten, die bestehende Ordnung darf nicht in Frage gestellt werden.

Kontrolliert wird alles von der obersten Gesellschaftsschicht, den oberen 10.000. Diese sprichwörtliche Herrscherklasse ist im Roman sogar wörtlich zu nehmen, besteht sie doch aus 100 Familien mit jeweils genau 100 Mitgliedern. Ihr Wohnort ist Oxygenville weit über allem, in den Bergen. Mittels technischer Systeme werden die beiden verschmutzten unteren Luftschichten voneinander und gegen die obere Luftschicht, in der Oxygenville liegt, getrennt, so dass in dieser Höhe eine geradezu paradiesische Umweltsituation herrscht. Ein Teil der oberen 10.000 widmet sich wirtschaftspolitischen Aufgaben wie Produktionsplanung und Güterverteilung, die meisten Bewohner Oxygenvilles sind allerdings nur zu ihrem Vergnügen auf der Welt. Oxygenville ist durchsetzt mit Technik, hier jedoch als Assistenz für die „Menschen“ und um ihnen das Leben möglichst angenehm zu gestalten.

Am Ende des Romans gelingt es Peter zusammen mit seiner Frau Julie zu fliehen, nachdem er willentlich eine Kette von Geschehnissen in Gang gesetzt hat, durch die die Herrschaft Oxygenvilles über den Planeten beendet und eine neue Ära eingeleitet wird. So gibt es einen begründeten Anlass zur Hoffnung auf ein besseres Leben statt des bisher trostlosen Daseins der unteren Schichten.

Fazit:

In diesem Buch setzt sich die Autorin mit Themen wie Umweltzerstörung, Klassengesellschaft, Kontrolle und Ausbeutung auf einem fremden Planeten auseinander. Die Inhalte erinnern jedoch sehr an unsere irdische Realität. Eine mögliche zukünftige Entwicklung der Menschheit wird metaphorisch auf den Planeten Oxygenien verlegt, die Erde selbst wird dabei nur kurz erwähnt:

Ich habe deshalb von dem furchteinflößenden, violettleuchtenden Planeten geschrieben, weil ich um die Reinheit der Meere fürchte, um das den Sauerstoff spendende Plankton, weil ich besorgt bin um die im Rauch um Atem ringenden Bewohner der Städte, um die vom Smog des Benzins und des Kohlendioxyds verpesteten Straßen. Ich bange um die Bäume, das frische Gras und die Blumen. Wenn ich ein Architekt wäre, würde ich mir den Kopf darüber zerbrechen, wie man smogfreie Städte bauen könnte. Wenn ich Geologe wäre, würde ich den Kampf aufnehmen gegen das Kahlschlagen der Berghänge, gegen das Verwüsten ganzer Landstriche. Ich bin Schriftstellerin, kann nur mahnen. Menschen, Schwestern und Brüder! Die Erde ist so schön, der Sonnenschein so herrlich, das Leben so wunderbar, schützen wir das, solange es noch geht, solange es noch nicht zu spät ist …“ – Klára Fehér

Somit ist der dystopische Roman als Appell gedacht an uns alle, doch mit unseren vorhandenen Ressourcen viel achtsamer umzugehen und der „Überflussgesellschaft“ langsam Einhalt zu gebieten.

 

Bildquelle: JuergenPM, thx! (CC0 Public Domain)

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2 Comments

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    Anonymous


    ich habe es gerade gelesen und war begeistert. gut erzählt und so aktuell

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    Von diesem Buch habe ich vorher noch nie gehört, ob wohl ich ja durchaus an Science Fiction (und auch Dystopien) interessiert bin. Werde ich mir mal vormerken.

    Danke für die Rezension!


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