Predictive Policing: Vorhersagesoftware sorgt für enormen Datenhunger

Article by · 10. Januar 2017 ·

Foto: Kai Stachowiak – PublicDomainPictures.net, thx! (CC0 1.0)

Das neue Zauberwort der Polizei lautet „Predictive Policing“. Algorithmen berechnen anhand von Statistiken, wo als nächstes mit einem Verbrechen zu rechnen ist. Kritiker wie MdB Andrej Hunko warnen davor, dass die Software mit immer mehr Daten von uns Bürgern gefüttert werden soll. So wäre es möglich, die Daten von Kennzeichenscannern oder vielen anderen Quellen zu nutzen. Die Software wird derzeit in acht Bundesländern getestet.

Anstatt von Personen mit seherischen Fähigkeiten wie in Philip K. Dicks Kurzgeschichte, die später als „Minority Report“ (in Deutsch: Minderheiten-Bericht) verfilmt wurde, sollen Algorithmen vorhersagen, was in naher Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit passieren wird.

Das Ganze ist aber schon lange keine Science-Fiction mehr, selbst wenn es so klingen mag. Schon vor rund zwei Jahren hat sich Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) länderübergreifend für das so genannte „Predictive Policing“ stark gemacht. Daraufhin verständigten sich Ende Oktober 2016 die Innenminister von Belgien, der Niederlande, Deutschlands sowie von Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen auf die „Aachener Erklärung“.

Predictive Policing: auch hierzulande keine Science-Fiction mehr

Aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage von Andrej Hunko (Die Linke) geht hervor, dass inzwischen acht Bundesländer die Fähigkeiten von digitalen Kriminalitätsvorhersagen ausprobieren. Zudem sollen auf Landesebene Vorbereitungen getroffen werden, die Software bei der Polizei flächendeckend einzusetzen, sobald sie ausgereift ist. Die Landeskriminalämter in Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Hessen, Niedersachsen nutzen beziehungsweise erproben Anwendungen zur Vorhersage von Einbrüchen in Wohnungen. Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Brandenburg führen Studien zu Grundlagen und Ausbau der Predictive Policing-Methodik durch. Zusammen mit dem Bundeskriminalamt und der Bundespolizei beraten die Behörden über weitere Möglichkeiten „softwarebasierter Prognose-Methoden“.

Die Bundesländer erproben die Software dabei komplett unterschiedlich. So sollen beispielsweise Brennpunkte ausgemacht werden, wo einzelne Delikte besonders häufig der Fall waren. Dabei verfolgt man die Annahme, dass Orte und/oder Personen mehrfach in kürzester Zeit von den Tätern aufgesucht werden. Richtig interessant wird es laut André Schulz vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) erst, sollte die Polizei entgegen des geltenden Datenschutzes alle Big-Data-Möglichkeiten ausschöpfen und die Informationen mit den personenbezogenen Daten der Täter verknüpfen. Der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko prophezeit, dass die Ermittler auf Dauer den Ausbau polizeilicher Datenbanken verlangen werden. „Einen solchen Datenhunger beobachten wir derzeit in allen Bereichen der digitalen Polizeiarbeit. Mich besorgt, dass die Funktionen der Anwendungen stetig ausgebaut werden. Für den Versuch einer Vorhersage von Diebstählen wäre es beispielsweise möglich, Kennzeichenscanner einzubinden. Viele Bundesländer schaffen derzeit solche Geräte an.“ BDK-Vorsitzender Schulz kritisiert, dass die dezentrale Entwicklung sehr viel Geld koste und vergleichsweise wenig bringe. In seinen Augen wäre es sinnvoller, die Software zentral vom BKA in Zusammenarbeit mit einigen wenigen Experten entwickeln zu lassen. Stattdessen „tüfteln derzeit acht Bundesländer an einer eigenen Softwarelösung“ herum, kritisiert Schulz gegenüber dem Handelsblatt.

 

Auch Unschuldige können in den Fokus der Ermittler gelangen

Andrej Hunko kommentiert das Ergebnis seiner Kleinen Anfrage wie folgt: „Länder wie die USA, Großbritannien und Australien sind beim Predictive Policing bereits einige Jahre voraus und wollen die Straffälligkeit von Verdächtigen oder die Rückfälligkeit von Verurteilten berechnen. Deutsche Kriminalämter laden die Hersteller der Software zur jährlichen Polizeimesse in Berlin ein, um entsprechende Möglichkeiten zu diskutieren.“ Daran zeige sich, dass die Vorhersagesoftware nach ihrer Anschaffung in Bezug auf den Einsatz kaum eingegrenzt werden kann.

Bei computergestützten Prognosen geraten außerdem Personen ins Visier der Computer, die privaten oder geschäftlichen Kontakt zu Verdächtigen oder Beschuldigten haben. Dabei ist unklar, wie die vermeintlichen Risikoanalysen eigentlich berechnet werden, denn die Firmen legen den Quellcode der Software nicht offen. Schon aus diesem Grund verbietet sich der Einsatz durch Polizei und Geheimdienste“, schließt Hunko seine Argumentation ab.

Dabei sollen „Predictive-Policing-Systeme bisher nicht mehr als das leisten können, wozu gute Kriminalisten in der Lage sind. Zum jetzigen Zeitpunkt sei dies wahrlich kein Allheilmittel gegen Kriminelle. Experten gehen davon aus, dass man gut ausgebildete und erfahrene Kriminalpolizisten wahrscheinlich niemals ersetzen kann. Polizeigewerkschafter Schulz bezeichnete die Vorhersage-Programme sogar als „dumme Algorithmen“. Doch wie man die Software auch bezeichnen mag, die Entwicklung geht stetig weiter.

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3 Comments

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    Gelegenheitstarner

    Predictive policing hat schon im Film „minority report“ nicht funktioniert und tut es bei unserem gegenwaertigen Wissensstand ueber die Funktionsweise des menschlichen Gehirns auch nicht. Vielleicht in 50 oder 100 Jahren.

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    unwissend

    Auch wenn sie zur Zeit nicht funktioniert und nur Geld kostet,was ist in 10jahren?
    Irgendwie würde ich das ja gut finden wenn es weniger methjunky’s gibt aber wie immer trifft es immer die falschen..
    Der Überwachung’s Staat wird weiter ausgebaut.
    Ist klar das Deutschland auch auf den Zug springen will,wenn es schon seit Jahren andere Länder es benutzen und weiter entwickeln für sich…
    Da will man ja das auch und nicht der dumme sein
    Das Thema wird je klein gehalten..

    Danke für die info


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