Google Glass ist die neue Rolex (Meinung)

Article by · 1. Juli 2014 ·

Wer heute ein dickes Auto fährt, ist schnell als zugewanderter Prolet angesehen. In einem BMW mit getönten Scheiben sitzen Bildungsverlierer im gewöhnlichen Fall. Gleiches gilt für die Kunstblondine – Jugendliebe unter Schulabbrechern eben. Und eine Rolex trägt sich ungeächtet nur in Kreisen, die selbst geächtet sind.

Die Gesellschaft unterscheidet sich selbst nicht mehr in Reich und Arm, sondern in schlau und dumm. Die neuen Statussymbole zeigen auf den Kopf, nicht auf den Beutel. Sie lassen sich nicht kaufen. Sie verstecken sich, schließen aus – ohne Protz und Proll. Ehe Dumm die neue Ordnung verstanden hat, ist er an ihrem Ende angelangt.

Ich bin lieber mein eigener Chef als hoch bezahlter Diener. Ich brauche kein Haus, wenn ich in der Welt zu Hause bin. Status – grellfarbig und markig – ist aus der Mode gekommen. Oder sagen wir: Status ist in Fluss geraten. Gleicht einer Karawane mehr als einer Eigenheimsiedlung. Abbild ist das Netz, nicht das Grundbuchamt.

Der Mediziner von gestern ist der MINT-Student von heute. All die neuen Studienzweige, die schon ihren Studenten den Headhunter in die WG schicken, sind sehr nah am Netz gebaut. Und das Netz – von seiner Natur her – verachtet das Real Life, den hochtourigen BMW, die parzellierte Konsumidylle.

Und doch zeigen sich Risse, bedenkliche Schräglasten. ‚Schlau‘ steht nun ‚Arm‘ gegenüber. ‚Schlau‘ ist (ungezeigt) reich geworden und bevölkert nach dem erfolgreichen Studium die guten Stadtlagen. Niemand der schlauen Jungs (ein paar Mädels nicht zu vergessen!) will Böses. Auch der Mietpreisindex kennt keine Vorurteile. Eine Vertreibung mit Stil und in aller Stille hat begonnen. Die Makler achten auf ihre Wortwahl.

Eine neue Elite wächst heran. Irgendwie kommt sie sympathisch daher. Sie tritt kultivierter auf. Aus dem Bafög-Studenten wird (unmerklich) der Berufsanfänger € 40.000 plus. Und mit ihnen entstehen neue Statussymbole. ‚Schlau‘ trägt Zalando und hält den Starbucks-Becher. Der Pickel auf dem Kinn wird zum Schönheitssymbol.

Was einmal der Porsche war, ist jetzt das Fahrrad in Handfertigung. Was einmal die verhasste Rolex war, ist bald Google Glass – ebenso begehrt wie verhasst.

Bildquelle: Shutterstock, thx!

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6 Comments

  • […] Bernd Fleisig (Spiegelbest) über Statussymbole in der heutigen Gesellschaft tarnkappe.info […]

  • […] Bernd Fleisig (Spiegelbest) über Statussymbole in der heutigen Gesellschaft tarnkappe.info […]

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    mint-Student

    Ich bin selbst MINT-Student und deswegen vielleicht nicht 100% objektiv, aber was ist denn so schlimm an MINT? Dass man gut verdient weil man im Gegensatz zu LiteraturWissenschaftlern und Gender-Quatsch-Student_*#Innen auch gefragt ist?

    Ich finde es gut, dass viele studieren und ein umso größeres Problem darin, dass so viele mit Uni-Karriere als einziger Perspektive ins Studium starten.

    Und mal ehrlich: Es könnte schlimmer kommen, als dass ein selbst gebasteltes Fahrrad und Intelligenz dicke Karren mit getönten Scheiben als Status -Symbole ersetzen.

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      mint-Student

      Und besser MINT als BWL oder womöglich Jura…

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    Wenn ich mir die Mietpreise in Berlin anschaue, muss ich Dir recht geben. Schauerlich, was manche Vermieter für ihre Bruchbuden haben wollen.

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      Die MINT-Initiative der Bundesregierung ist von 2008. Vor 2-3 Jahren ist sie richtig in den Schulen angekommen. Ein Schüler, der einen Mathe-Leistungskurs an einer guten Schule belegt hatte, überlegt sich zweimal, ob er Medizin, Jura oder Germanistik studieren soll. Seit 2 Jahren werden die Spitzenunis gestürmt.

      Das heißt, die Welle kommt erst noch. In 3-4 Jahren sind diese Studenten fertig. Geh davon aus, dass Wohnungen in begehrter Lage dann unerschwinglich sein werden.


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