Inside Tarnkappe: Wie Werbepartner versuchen, uns zu veräppeln

In unserer neuen Reihe Inside Tarnkappe heben wir den Vorhang ein Stück weit, um unsere werten Leserinnen und Leser ein wenig an unserem Alltag teilhaben zu lassen. Im Opener geht es um waschechte Dirty Tricks der Werbepartner.

Inside Tarnkappe und der alltägliche Wahnsinn

Wer schon mal eine Webseite betrieben hat, kennt das. Ständig bekommt man Anfragen von möglichen Werbepartnern. Im ersten Schritt muss man versuchen herauszufinden, wofür die werten Damen und Herren denn eigentlich werben wollen. Warum? Ganz einfach, weil die meisten für illegale Angebote wie Online-Casinos werben möchten. Das ist in NRW nicht legal und das wissen sie auch. Aber die müssen ja keine strafrechtlichen Konsequenzen fürchten, sondern wir. Teilweise war man so dreist und behauptete, das wäre in Deutschland erlaubt. Manchmal dauert es drei bis vier E-Mails, bis man mit der Wahrheit herausrückt. Es geht es um Vergleichs- oder Sport-Seiten und Live-Events. Alles Quark. Gemeint war Werbung für Sport-Wetten und Online-Poker.

Die nächsten Spezis kommen mit dem Argument, man sei an einer langfristigen Kooperation interessiert. Hört sich ja erstmal gut an. Oder? Im Gegenzug soll ich mich damit einverstanden erklären, nur 40 EUR für einen bezahlen Artikel zu akzeptieren. Hallo, ist da wer? Wer ist denn so dämlich und akzeptiert solche Preise? Bei einem neuen Blog, gerne. Aber doch nicht nach über sechs Jahren!?? Den Blog muss ich doch tagtäglich erstmal mit Inhalten füllen oder gegen Bezahlung füllen lassen. Doch wenn’s nicht genügend Blöde gäbe, die es dafür machen, würden sie nicht anfragen. Okay, gebongt. Manche Kollegen sind hingegen noch einfallsreicher. Nämlich so einer, um den es heute geht. Das ist wirklich passiert und ich brauche einfach mal eine Möglichkeit, mir meinen Frust von der Seele zu schreiben.

Probieren kann man es ja mal…

hot summer saleLetzten Dezember war irgendwie die Hölle los. Bei uns trudelten echt viele Anfragen ein. Offenbar sollte man bis Jahresende noch ein bestimmtes Budget erfüllen. Somit häuften sich die E-Mails möglicher Werbepartner. Ich bekam ein Angebot eines ausländischen Anbieters für Keys rein. Jerry, so nennen wir ihn mal, wollte ein Drittel weniger als alle anderen zahlen und verlangte dafür noch die kostenlose Platzierung von Bannern oben drein. Versuchen kann man es ja mal. Ich habe Jerry vorgeschlagen, er möge doch bitte mal in der Geschäftsleitung nachfragen, ob die nicht über ein Affiliate-Programm nachdenken wollen. Das heißt: Ich baue eine bestimmte URL ein und sobald dort jemand etwas kauft, worüber er vorher bei uns gelesen hat, werde ich mit ein bisschen Provision am Umsatz beteiligt. Klingt sinnvoll, weil die Bezahlung rein leistungsorientiert abläuft. Wer nichts an Umsätzen einbringt, für den muss der Online-Store folglich auch kein Geld bezahlen. So weit, so gut. Jerry schlug das System in der Chefetage vor. Doch es war auch klar, dass man so etwas nicht mal eben umsetzen kann.

Ich bin dann letztes Jahr aus dem Deal ausgestiegen und habe der Firma das Fixum für Beitrag und Banner zurückgezahlt. Das habe ich noch nie gemacht, ich hatte aber irgendwie kein gutes Gefühl. Bei Keys weiß man nie, woher sie kommen. Bitte, wir erinnern uns an PC Fritz. Und so günstig waren die Keys auf der anderen Seite auch nicht, dass unsere Leserschaft direkt vor Begeisterung gejubelt hätte. Mein Ansprechpartner beim Shop Key XY, so nennen wir sie mal, war not amused. Ein solches Geschäftsgebaren kannte er von einem Deutschen nicht. Er verabschiedete sich Mitte Dezember mit einer schnippischen Aussage und das war’s erstmal.

Hot! Summer Sale 2020

Abmahnung Geld DollarVorletzte Woche kam dann seine Anfrage, das Affiliate-Programm habe Key XY jetzt nachträglich eingeführt. Wenn ich immer noch möchte, könnte man jetzt loslegen. Obwohl ich im Urlaub war, habe ich mich dann im Backend für die Affiliate-Partner angemeldet. Wenn’s um Geld geht, sollte man auch schon mal Kompromisse machen. Wäre ich – wie eigentlich geplant – in Dänemark am Strand gewesen, wäre dieses ganze Dilemma wahrscheinlich gar nicht erst passiert. Nun ja, was soll’s. Die blöde Corona-Krise betrifft viele Menschen. Ich will auch nicht unnötig viel jammern. Wir haben in den 14 Tagen einfach das Beste daraus gemacht. Jerry hatte ich angekündigt, sobald die freie Zeit rum sei, würde ich mit dem Advertorial loslegen. Ja, eben. Der deutschsprachige Beitrag muss ja auch noch geschrieben werden. Ich kann unmöglich von Amerikanern verlangen, einen Artikel in meiner Landessprache zu verfassen.

Ich habe also den heutigen Vormittag damit verbracht, die Preise zwischen diesem Shop und weiteren zu vergleichen, damit ich unseren Lesern wenigstens ein paar Keys vorstellen konnte, die dort nicht teurer als bei der Konkurrenz waren. Stolz wie Oskar war ich dann mit dem Entwurf fertig, den ich gen China bzw. USA schickte. Btw.: Hauptsitz ist angeblich China, die Verwaltung sitzt wie üblich ganz woanders. Auf meine Anfrage, ob er mir denn die Banner schicken könne, kam dann, das wäre kein Problem. Aber nein, bis auf die zu erwartende Provision würden sie für den Artikel genau gar nichts bezahlen.

WAS?

tarnkappe.infoJa, genau. Nichts. Und am Ende der per E-Mail geführten Diskussion stellte Jerry zudem heraus, ich trage an allem die alleinige Schuld. Angeblich habe er es klar und deutlich ausgedrückt, dass es keine Kohle geben würde. Außer halt, ich wäre dazu in der Lage, ein paar Kröten für die Vermittlung seiner überteuerten Keys zu ergattern. Ich habe dann meine bessere Hälfte gefragt, ob ich mit meiner Einschätzung völlig schief liegen würde. Jemand Drittes zu fragen, ist immer gut, weil man manchmal den Wald vor Bäumen nicht sieht. Doch da mein Geschäftspartner mit keinem Wort angekündigt hatte, dass es KEINEN Fixbetrag für den Beitrag gibt, konnte ich es nicht riechen, dass ich mich folglich mit der reinen Provision zufriedengeben müsste. Das waren ihre Worte. Zumindest so ungefähr.

Ich bin dann den kompletten Dialog mit Jerry durchgegangen, ob ich etwas übersehen habe. Ich kann aber nichts finden. Ergo: Jerry hat mich verarscht. Das war IMHO keine ungeschickte Kommunikation. Das war der Versuch, mich hinters Licht zu führen. Vielleicht glaubte er, ich sei derart scharf auf das Geld, so miese Konditionen einfach zu schlucken. Das mache ich aber schon aus Prinzip nicht. Wenn etwas ausgemacht ist, ist es ausgemacht. Und wenn man die Bedingungen eines Deals ändert, muss man das klar und deutlich ankündigen. So wird ein Schuh daraus.


Im Internet gibt’s keine Gnade!

Da war meine Motivation mal eben auf dem Nullpunkt angelangt. So schlecht bin ich im Internet schon lange nicht mehr behandelt worden. Die Hintergründe werde ich wohl nie erfahren. Wohl aber weiß ich, warum das Geschäftsgebaren im Online-Bereich so rücksichtslos und knallhart ist. Klar gibt es Leute, die haben einfach kein Gewissen und denen ist es egal, was man von ihnen denkt. Doch die meisten würden es zumindest unangenehm finden, jemandem zu begegnen, den man vorher abgezogen hat. Und ihr wisst ja: Man trifft sich im Leben immer mindestens zwei Mal. Doch online??? Tja, was soll’s, wird sich Jerry gedacht haben. Der sitzt irgendwo in den Vereinigten Staaten und ich im Rocking Outback hinter Köln. Die Chancen sich persönlich zu treffen, sind also gleich null. Folglich muss man auf solche Begebenheiten auch keine Rücksicht nehmen. Für ihn ist das natürlich praktisch. Wer’s ehrlich meint, gerät hingegen sofort ins Hintertreffen.

Mein Fehler war es, nicht nochmals exakt nachzuhaken, ob die alten Konditionen noch immer gültig sind. Auch wenn ich mich ungerne länger als nötig mit E-Mails herumschlage, werde ich bei nächster Gelegenheit X Mal vorher jede Kleinigkeit absprechen bzw. mir bestätigen lassen, damit sich sowas nicht wiederholen kann. Traurig, dass das überhaupt nötig ist. Aber es ist wohl einfach so.

Manager wider Willen

Und wenn ihr jetzt fragt, warum ich mich überhaupt als Online-Journalist als Geschäftsmann betätige, kann ich nur sagen, weil es nicht anders ging. Egal ob Print oder Online: niemand will einem Redakteur ordentliches Geld bezahlen! Wer seine Arbeit richtig gut machen will und viele Stunden dafür aufbringt, sorgt höchst selbst dafür, dass man bei einem Stundenlohn von fünf Euro ankommt. Ach ja, von den 5 EUR muss ich dann noch Steuern zahlen und Geld (welches?) für meine Rente zurücklegen. Auch wenn mich der betriebswirtschaftliche Krempel von dem ablenkt, was ich gerne tue (schreiben!), so ist es dennoch die einzige Möglichkeit das zu tun, was mir immer vorgeschwebt hat. Ich kann mich über die Themen auslassen, die mich interessieren. Ich kann hoffen, dass es genug Leute gibt, die das spannend finden. Als Freiberufler eines News-Portals oder einer Zeitschrift gebe ich die Themen nicht vor, die kriege ich angeboten.

Und wenn ich mit den üblen Konditionen oder langweiligen Themen nicht einverstanden bin, dann gibt’s an jedem Finger fünf Freiwillige, die das gerne tun. Mindestens 5! So einfach ist das im Verlagswesen. Hire and fire. Mir wurde mal ernsthaft gesagt, ich müsse bis zu sechs Wochen auf meine Überweisung des Honorars warten. Ohne Zinsen, versteht sich. Ich hätte am liebsten gefragt, ob ich der Kassiererin beim Discounter auch sagen soll, sie möge sich doch bitte genauso lange gedulden, bis sie ihr Geld bekommt. Oder dem Vermieter, der würde mir was husten. Der will sein Geld sofort. Aber ich sollte darauf sechs Wochen warten. Nun ja, sich zu beschweren bringt eh nichts. Im Gegenteil. Wer bei den Konditionen zu viel nachhakt, macht sich bei den Auftraggebern schnell unbeliebt. Dann gibt es halt gar keine Aufträge mehr, simple as that.

Fazit

tarnkappe.info shopWenn ihr euch mal wieder fragt, wieso vom Sobiraj keine neuen Artikel kommen, dann könnt ihr jetzt ahnen, was hier im Homeoffice so alles im Hintergrund passiert. Davon kriegt man als Außenstehender natürlich nichts mit.

Wer etwas Gutes tun will, schaut euch bitte mal bei uns im Shop um. Nein, da gibt’s keine Keys für Win10 oder Office365 aus China. ;-)  Dazu kommt: Es müssen als Unterstützung wirklich keine Spenden sein.

Aber da gibt es Kaffeebecher, Anti-Corona-Masken (siehe oben rechts), T-Shirts und allerhand andere Devotionalien. Eigentlich müsste für jeden etwas dabei sein. Das Thema für die nächste Folge von Inside Tarnkappe steht schon. Dabei wird es um zickige Interviewpartner gehen. Doch jetzt hinterlasst bitte einen Kommentar, was ihr von meinem „besonderen“ Erlebnis haltet.

Alles normal im Biz, oder eigentlich doch ganz schön daneben?

Euer Lars Sobiraj aka Ghandy von

Tarnkappe.info

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.


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