Dokumentation „The 8 Bit Philosophy – The Joy of Retro Gaming“ in Arbeit

The 8 Bit Philosopy

Der Filmemacher Konstantin Stuerz arbeitet seit Monaten am dritten Teil seiner Doku-Serie „The 8 Bit Philosophy“. Dieses Mal dreht sich alles um die Entstehung von Retro-Games. Befragt werden Mitarbeiter früherer Softwarestudios, die ihre Spieletitel z.B. auf dem Amiga oder C64 veröffentlicht haben. Doch Hand auf’s Herz: die Geschichte der Retro-Games fing lange vor dem Erscheinen des Brotkastens von Commodore an.

Konstantin Stuerz veröffentlicht seine Dokumentationen nicht zufällig unter dem Label Shining Movie Vision. Er war früher selbst ein aktives Mitglied der Gruppe Shining 8 (S8). Laut der Szene-Datenbank Demozoo, ähnlich wie Pouet.net, wurde S8 schon im Jahr 1987 gegründet.


The 8 Bit Philosophy – Videos eines Insiders, der sich an Ex-Szener und Retro-Fans richtet

Im Jahr 2013 erschien die erste Doku namens „The 8 Bit Philosophy – A Commodore 64 Symphony“, die bei YouTube kostenlos verfügbar ist (siehe Video unten). Stuerz schrieb uns kürzlich, er sei gerade dabei, den ersten Teil komplett zu überarbeiten. Anschließend soll die neue Fassung exklusiv bei Amazon käuflich erhältlich sein. 2013 beleuchtete der Film den Werdegang zahlreicher Musiker, die sich in unzähligen populären Games verewigt haben. Musiker wie Allister Brimble (Alien Breed), Chris Huelsbeck (Turrican), Reyn Ouwehand (The Last Ninja) etc. Bei jedem Leser älteren Semesters jenseits der 40 müsste es jetzt spätestens klingeln. Stuerz befragte auch Szenegrößen wie Romeo Knight (TRSI) aka Eike Steffen. Zu Wort kommen aber auch Retro-Bands wie Press Play on Tape (PPOT), die u.a. auf Demoszene-Partys live zu sehen waren.

Der One-Man-Produzent Stuerz nahm Kontakt auf, weil er mich für seinen zweiten Teil „The Good and the bad guys“ befragen wollte. Ich versuchte abzuwinken, weil ich über die C64 Szene herzlich wenig sagen kann. Ich habe zwar Ende der 80er Jahre selbst einen Commodore 128 benutzt und kenne somit auch viele C64 Spiele. Doch aktiv in der Cracker- (= Releaser-) bzw. Demoszene wurde ich erst Ende 1992, und das ausschließlich auf dem Amiga. Ich versuchte Stuerz eigentlich davor zu bewahren, den weiten Weg bis nach Bergisch Gladbach auf sich zu nehmen, doch er ließ sich nicht umstimmen.

Die Nutzung des richtigen Modems unterteilte alle Caller in Lamer und die Elite

Seit damals sind viele Jahre vergangen, einige Personen waren für ihn schlichtweg nicht mehr greifbar. Außerdem gab es damals wie heute Menschen, die vor der Kamera gerne viel erzählen wollen, aber in Wahrheit kaum etwas wissen. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass ich in seiner Dokumentation eine Art Erklär-Bär spielen würde. Soll heißen: Ich habe erklärt, welche Rollen es in der Szene damals gab und wie ich persönlich dazu gekommen bin.

Tja, angefangen hat alles mit dem Kauf eines überaus teuren Modems namens USRobotics Dual Standard. Viele der Bulletin Board Systems (illegale Mailboxen) damals verfügten nur über eine Line mit einem HST-Modem von USR. Wer mit einem Zyxel-Modem oder einem anderen Billig-Gerät anrief, bekam nur CONNECT 2.400 zu Gesicht und wurde automatisch rausgeworfen. Wer sich Anfang der 90er Jahre irgendwo einloggen wollte, musste ein HST- oder Dual Standard-Gerät haben. Für einige Sysops (Betreiber einer BBS) war dies ein effektiver Schutz vor den Lamern (Anfängern), die nicht so viel Geld für ihre Hardware ausgeben wollten. Später setzten sich auch in der illegalen Szene die preiswerten Zyxel-Modems durch.

the 8 Bit Philosophy

German Amiga Cracking Scene 1992: wie alles anfing

Ein Typ namens Brainy, den ich eher zufällig in der legalen Public Domain Mailbox-Szene kennengelernt habe, war auch in der dunklen Seite unterwegs. Er referierte für mich, der Rest war einfach. Innerhalb weniger Tage konnte ich mich in ca. 20 BBSs eintragen, die mein Modem alle preiswert anrufen konnte. Nochmals zur Erinnerung: Die Datenverbindung lief über die Telefonleitung. Wer ohne geklaute Calling Card oder BlueBoxing in Europa oder sogar in den USA auf den Boards unterwegs war, musste sich im Folgemonat auf eine gigantische Telefonrechnung einstellen. Manch einen Szener haben wir nach der ersten Telefonrechnung, die die Eltern erhalten haben, nie wieder gesehen. ;-)

Wie Kim das BlueBoxing gekilled hat!

s8 crackintro shining 8Wie dem auch sei. Der beste Lamer-Schutz waren die exotischen Kommandos der Mailbox-Software Amiexpress (/X) von Joseph Hodge. Die ganzen Caller der Public Domain-Mailboxen kannten sich damit nicht aus. Das Internet? Ja, das gab es zwar, aber eben noch nicht daheim. Wir haben fleißig die Lines von MCI mittels BlueBoxing gebreaked, bis Kimble (Kim Schmitz aka Kim Dotcom) dieses Verfahren vor laufender Kamera bei Monitor im deutschen Fernsehen vorgeführt hat.

Etwa zwei Tage später funktionierten die alten Frequenzen nicht mehr, die Telekom hatte Filter und Blocker installiert, um dem illegalen Treiben ein Ende zu setzen. Kim, der sich damals noch Bitbug von Romkids und später Loons, nannte, hat sich wahrscheinlich sogar noch deswegen ins Fäustchen gelacht. Mr. Megaupload stand im Rampenlicht und konnte so sein Ego befriedigen.

Wenn die Stimulation eines Egos wichtiger ist, als der Rest der Szene

Und nicht nur, dass wir schon damit bestraft waren, weil keine Sau mehr problemlos umsonst callen oder telefonieren konnte. Nein, bis auf ein paar ausgefuchste Phreaker konnte man nur noch mittels geklauter Calling Cards telefonieren. Und drei mal dürft ihr raten, wer wohl Monate später deutschlandweit die meisten Calling Cards (CCs) von AT&T verkauft hat!? Richtig, das war die gleiche Person, die auch versuchte, sich in Berlin beim Chaos Computer Club einzuschleimen, und der seit der Razzia 2012 seine Wahlheimat Neuseeland nicht mehr verlassen darf.


Video-Trailer für The 8-Bit Philosophy – the good and the bad guys.

Schauspieler, Musiker und andere Szener

Der junge Mann mit dem Cappy im Trailer (siehe oben) ist übrigens Evrimsson aka William Evrim Sen, der früher u.a. bei Scoopex als Modemtrader und Musiker aktiv war. Er brachte später, zusammen mit Merlin M., die Bücher Hackerland und Hackertales heraus. Merlin M. heißt in Wirklichkeit Denis Moschitto. Der gebürtige Kölner kann mittlerweile eine erfolgreiche Karriere als Schauspieler vorweisen. Unvergessen war damals auch Sens Hörspiel beim Radiosender 1Live. Bei „Digital Underground“ wurden nicht mehr die Wurzeln der Szene, sondern die späteren Jahre beleuchtet (Podcast siehe unten).

Evrim war es übrigens, der mir 2006 davon berichtete, dass man bei gulli.com damals Freiberufler für die Redaktion gesucht hat. So klein ist die Welt. Da schließt sich der Kreis, denn über meine Zeit von 2006 bis 2013 bei gulli.com müssten hier einige Leser noch Bescheid wissen. Wer noch nie etwas vom gulli:board (g:b) gehört hat, kann gerne ein paar Ausschnitte aus meinem Werdegang hier nachlesen.

Shining Movie Vision: ohne teures Marketing kein Absatz

Es ist allerdings schade, dass sich der zweite Teil über die Bad Boys der Szene bislang so schlecht verkauft. Zwar gibt es glücklicherweise keinen Mitschnitt, der irgendwo im Usenet oder bei P2P-Indexern aufgetaucht wäre. Dennoch ist die Bereitschaft inklusive Mehrwertsteuer knapp 4 Euro zu bezahlen, sehr niedrig. Sicher mangelte es vor allem am Budget für das Marketing. Viele potentielle Interessenten, die das Video bei Amazon für 0.99 EUR leihen oder für 3.99 EUR in HD erwerben könnten, wissen noch gar nichts von dieser Dokumentation.

Aber gut, ein großes Budget für die Bekanntmachung seines eigenen Projekts hat man als Self-Publisher einfach nicht. Stuerz ist für seine beiden ersten Teile sowieso schon auf eigene Kosten quer durch Europa gereist. Wer kann oder will dann noch mehrere Tausend Euro nachlegen, um Dritte mit der Werbung in eigener Sache zu beauftragen??!?? Wie dem auch sei. Wir rühren hiermit gerne erneut die Werbetrommel, damit sich Konstantin schon bald voller Motivation auf die Produktion von „The 8 Bit Philosophy – The Joy of Retro Gaming“ stürzen kann.

P.S.: Wer Updates zum Verlauf der Produktion benötigt, sollte sich die Website von Shining Movie Vision bookmarken.

Tarnkappe.info

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.


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