Altersüberprüfung
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Bildquelle: Zulfugar Karimov, Lizenz

Yoti soll GrapheneOS-Nutzer an Behörden melden – Datenschutz-Albtraum oder ein Märchen?

Angeblich meldet Yoti GrapheneOS-Nutzer automatisch an Behörden. Der Altersprüfer dementiert – die Kritik bleibt. Ist am Gerücht etwas dran?

Wer oder was ist Yoti?

Yoti ist ein britisches Technologieunternehmen mit Sitz in London, das sich auf digitale Identitäten, Altersverifikation und biometrische Authentifizierung spezialisiert hat. In den vergangenen Jahren hat sich Yoti zu einem der bekanntesten Anbieter für Online-Alterskontrollen entwickelt. Man arbeitet inzwischen mit zahlreichen großen Plattformen und Unternehmen zusammen, darunter Sony, Meta, TikTok, Spotify, Epic Games, mehrere britische Behörden und viele andere.

Yoti ist vor allem deshalb interessant, weil das Unternehmen beispielhaft für einen grundlegenden Wandel im Netz steht. Immer häufiger lagert man Aufgaben, die früher staatliche Stellen ausgeführt haben, gegen Bezahlung an private Dienstleister aus.

Yoti

Generalverdacht für Nutzer von GrapheneOS?

Wer auf Datenschutz achtet und deshalb GrapheneOS nutzt, könnte bei einigen Online-Diensten offenbar schnell unter Generalverdacht geraten. Zumindest legen dies Screenshots eines inzwischen gelöschten Reddit-Beitrags nahe. Darin behauptet ein Mitarbeiter des Altersverifizierungsdienstes Yoti, sämtliche Geräte mit GrapheneOS würde man automatisch als verdächtig einstufen und an die Behörden melden. Der Aufschrei im Netz ließ natürlich nicht lange auf sich warten. Viele fragten sich: Gilt man heutzutage schon als verdächtig, wenn man seine Privatsphäre schützen will?

Yoti, money

Altersprüfung mit fragwürdigen Methoden?

Auslöser der Debatte war ein Nutzer, dessen Altersverifizierung über Yoti gescheitert sein soll. Laut den veröffentlichten Screenshots erklärte der Kundendienst des Unternehmens, man melde „mehrfache Verifizierungsversuche sowie sämtliche Geräte mit GrapheneOS“ automatisch an die Sicherheitsabteilung und an Behörden.

Eine schwerwiegende Behauptung, denn GrapheneOS ist nicht verboten. Es ist auch nicht per se ein Werkzeug für Cyberkriminelle, ganz im Gegenteil. Der Besitz und die Installation dieser Firmware ist absolut legal. Das auf dem Android Open Source Project basierende Betriebssystem gilt vielmehr als eine der datenschutzfreundlichsten Android-Varianten überhaupt. Viele Nutzer entscheiden sich bewusst gegen Googles umfangreiche Datensammlung und setzen stattdessen auf die gehärtete Open-Source-Alternative. Leider funktioniert das nur mit ein paar wenigen Smartphones. Demnächst wird Motorola als Hersteller dazukommen.

Reddit
Die angebliche E-Mail vom YOTI Support, wonach man GrapheneOS-Nutzer
aufgrund von Sicherheitsbedenken automatisch an die Behörden melden würde.

GrapheneOS: Vorwürfe frei erfunden: – „Angstmacherei eines Support-Mitarbeiters

Die Entwickler von GrapheneOS reagierten schnell auf die Vorwürfe. In ihrem Forum bezeichneten Moderatoren die Aussagen des Yoti-Supports als reine „Fearmongering“-Taktik. Im Deutschen würde man von Panikmache sprechen. Es sei äußerst unwahrscheinlich, dass Yoti überhaupt zuverlässig erkennen könne, ob ein Nutzer GrapheneOS einsetzt. Feststellbar sei allenfalls, dass bei diesem Gerät keine regulären Google Mobile Services vorhanden sind.

Noch deutlicher wurde das Administratorenteam:

„Dieser Support-Mitarbeiter ist auf einen Machttrip gegangen, um jemanden einzuschüchtern und das Ticket abzuschließen.“

Aus Sicht der Entwickler spricht alles dafür, dass ein einzelner Kundendienstmitarbeiter frei erfundene Drohungen ausgesprochen haben könnte, um eine lästige Diskussion mit seinem Kunden zu beenden.

Yoti weist alle Vorwürfe zurück

Yoti selbst bestreitet die Echtheit der kursierenden Aussagen. Gegenüber den Medien erklärte das Unternehmen, man würde niemals Nutzer aufgrund ihres Betriebssystems oder Geräts an Behörden melden.

Besonders brisant: Nach Angaben des Unternehmens existiert in den eigenen Support-Aufzeichnungen kein entsprechender Schriftwechsel. Die bei Reddit verbreiteten Screenshots ließen sich von Firmenmitarbeitern nicht nachvollziehen. Stattdessen habe man inzwischen Kontakt zu GrapheneOS aufgenommen, um mögliche technische Probleme bei der Altersverifizierung zu untersuchen.

Sony, TikTok, Meta & Co. setzen auf Yoti

Die Kontroverse trifft keineswegs einen kleinen Nischenanbieter. Yoti zählt zu den größten Unternehmen im Bereich digitaler Identitäts- und Altersprüfungen. Zu den Kunden gehören unter anderem Epic Games, diverse Glücksspielanbieter, Sony (Playstation), TikTok, Meta, Spotify und zahlreiche weitere Plattformen.

Insbesondere die Firma Sony steht derzeit im Fokus der Diskussion. Viele Nutzer vermuten, dass der betroffene Kunde versucht hatte, sich für einen PlayStation-Dienst zu verifizieren. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es bislang jedoch nicht.

Auf Reddit reagierten viele Nutzer mit Boykottaufrufen gegen Sony und andere Unternehmen, die auf Yoti setzen. Andere verwiesen auf mögliche Konflikte mit der DSGVO, falls man tatsächlich bei der Altersverifikation Betriebssysteme pauschal als verdächtig einstufen sollte.

GrapheneOS

Milliardenmarkt Alterskontrolle

Der Vorfall zeigt erneut die wachsenden Probleme rund um digitale Altersverifikation. Immer mehr Staaten verpflichten Plattformen zu Alterskontrollen für soziale Netzwerke, Gaming-Dienste oder Erwachsenenangebote.

Während Politiker die Maßnahmen als Schutz von Minderjährigen verkaufen, entstehen gleichzeitig riesige Datensammlungen über die Identität von Internetnutzern. Datenschützer warnen seit Jahren davor, dass solche Systeme zwangsläufig Missbrauchspotenzial schaffen. Statt die eigenen Behörden mit der Überprüfung zu beauftragen, bezahlt man kommerzielle Unternehmen, die im Namen des Staates handeln sollen.

Hinzu kommt: Die technische Wirksamkeit ist und bleibt fragwürdig. Forscher konnten bereits mehrere staatlich geförderte Altersprüfungsmodelle innerhalb weniger Minuten umgehen. Parallel entstehen weltweit Dienstleister, die gegen Bezahlung Altersnachweise für Dritte beschaffen. Es ist also auf beiden Seiten eine Industrie entstanden, die unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen sollen.

Datenschutzfreundliche Nutzer geraten zunehmend unter Verdacht

Ob die angeblichen Aussagen des Yoti-Supports echt sind oder nicht, spielt letztlich nur eine untergeordnete Rolle. Der Vorfall offenbart ein grundsätzliches Problem: Datenschutzfreundliche Technologien wie GrapheneOS etc. stuft man immer häufiger als verdächtig ein.

Wer Werbeblocker nutzt, Tracking verhindert oder ein alternatives Betriebssystem einsetzt, muss sich zunehmend rechtfertigen. Dabei sollte eigentlich genau das Gegenteil gelten: Der Schutz der eigenen Privatsphäre ist kein Warnsignal, sondern ein Grundrecht! Dabei ist Yoti schon mindestens einmal wegen der Weitergabe sensibler Nutzerdaten negativ aufgefallen.

Wenn Anbieter von Altersverifikationen beginnen, datenschutzbewusste Nutzer unter Generalverdacht zu stellen, wäre das ein gefährlicher Präzedenzfall. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob GrapheneOS-Nutzer gemeldet werden. Man sollte sich vielmehr fragen, warum Menschen, die ihre Privatsphäre schützen möchten, überhaupt als potenzielles Risiko gelten.

Fazit

Wie gesagt, Yoti hat die Vorwürfe nach Medienberichten scharf zurückgewiesen. Doch unabhängig davon, ob sich das Gerücht als wahr oder falsch erweist, verdeutlicht der Fall die erheblichen Spannungen zwischen der Wahrung unser aller Privatsphäre, Alterskontrollen und digitaler Identitätsprüfung. Und der Fall zeit einmal wieder, dass sich vieles im Leben ums liebe Geld dreht. Die Altersverifikation führen die Unternehmen natürlich nicht umsonst durch.

Lars Sobiraj

Über

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Früher brachte Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert. In seiner Freizeit geht er am liebsten mit seinem Hund spazieren.